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Full text of "G. E. Lessing als Reformator der deutschen Literatur"

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i. 1 f effing 



ar$ "^efoimatoi ber beutfcQen Jiteiditr 



bargeftellt 



Don 



^nno ^ifd)er. 



(Erjler (Et^etl. 

Sefftn^S tefotmatotifd^e SBebeuiung. 
tDltnna ton S3atnl^elm. gfauft. @milia (S^alottt. 




§fuffgart. 

SSerlag ber 3- ®* ßotta'fd^en Sud^l^anblung. 

1881. 




I^tud ton eebrübet StxMtt in @ittit0att. 



Vorwort 



3n Toenigcn 3Wonatcn, bcn 15. g^cbruar 1881, 
tüirb baö erftc ^al^rl^unbctt feit bcm Xohe Seffingö 
t)offcnbct fein. ®ö bebarf feiner befonberen geier, 
um bad ©ebäd^tnig biefed SOtanned }u erl^öl)en, 
bem unfere Siteratur il^re @meuerung unb ben 
SQBeg ju il^rer ©röfee t)erban!t. Stuf baö 3^^^= 
l^unbert ber SlufKärung ift baö fritifd^e ^txtaltex 
gefolgt , bem Seffing ' ate g^ülirer unb 3Jlufter bis 
ju biefer ©tunbe oorleud^tet. 

Sei einem foI(^en 3Kann voiU bie Slnerfennung 
ber 9BeIt nid^t bloä eine auögemad^te, fonbem aud^ 
in rid^tiger SBürbigung gegrünbete S^l^atfad^e fein. 
S)iefe ©infid&t fud^en unb förbem ift nod^ lange 
feine überflüffige Aufgabe, ^ebe falfd^e Slnfid^t, 
gleid^oiel ob, il^r unoerftänbige Sewunberung ober 
unt)erftänbiger SJabel jur ©eite fie{)t, trübt fein ®e^ 
bäd^tni^. Unb nod^ gibt es fold^er ^rrtl^ümer genug. 



IV 



3u il^rer Serid^ligung beitragen unb ba§ 3lnben!en 
Seffingö burd^ bie xoaf)ie ®rlenntm§ feiner Sßer- 
bienfte befeftigen, erfd^eint mir alö bie würbigfte 
Slrt, ben ©äculartag feines ^Tobeö ju feiern. 

3n weld^em ©inn nnb innerlialb roeld^er 
©renjen id^ baju meinen Seitrag in ben folgenben. 
blättern ju geben t)erfud^t l^abe, erl^eUt aus il^rem 
Snl^alt. 3d^ Iiabe gefliffentlid^ eine gröjsere 3lu§= 
bel^nung oermieben. S)aö 2Berf befielet aM jufammen= 
geliörigen SBorträgen unb 2lbl^anblungen, bie jum 
S^l^eil in ber 3Wonat§fd^rift „9lorb unb (güb" (in 
ben Salären 1877 unb 1880) juerft erfd^ienen finb. 
SBaä id^ meiner Slrbeit über 5Ratfian üorauäjufd^itfen 
l^abe, Witt id^ am ©ingange beö ^weiten 2:^l^eite§ 
bemerfen. 

§eibelberg, 9looember 1880. 



c^» e?f» 



Sn^aXt 



giftet 3lBfd^nttt. 
Jeffln05 xtfoxmaioxxf^t "^thtntma. 

€eite 

S)ie tRefutm bcr Sitcratur B 

Scffing unb Äant. 8 

S)ic beutfd^c 9lcfotmation unb Slenaiffancc . . . . 13 

©id^tcrfd^ulen. ^odit nvh Spoeftc 17 

^ageborn unb hit ^naheontüer. Stlop^iod unb äBtelanb 25 

SefftngS Anfänge unb SnttotcüungSgang 35 

ScffingS tcfotmatotifd^ct ^^axatitt 41 

1. 3)cr ßitctotor 41 

2. 2)ie gtcttungen ............ 44 

3. 3)cx StxitiUx . 46 

4. ®cr ^p^ilofort 51 

5. 5E)ct 2)id§tcr 54 

6. 5E)et Ätitifcr unb Mä^itx 57 

7. 2)cr ©d^tiftftcHer .63 

Stocitct Slbfd^nttt. 
^inna von '^aruQeCm. 

S)ic SRefotm beg 2)i;aniaS 73 

S>tc etjod^c gfticbxid§S. 3)ct fiebcniäl^riQC Ätieg . . 80 

ßntftc^ung bcr ^ülinna t)on SSatn^elm 88 

S)ic gfabel bc3 ©türfg 94 



VI 

6eitc 

<S{))oftttqn-. ^l^atalteriftit ^lelH^eimS. ^uft unb bet 

aOßad^tmciftcr 103 

©l^atafterifti! 3Jltnna8 .* 116 

2)ie Söfung. Umtoanblung SeU^eimS 127 

3)tittcT «bfd^nitt. 

«mittl&eUunöcn SefftngS 143 

1. Slu8 bcm gfauft 143 

2. UeBcr bcn gfauft 147 

SBrieflid^e Scuötiiffc 150 

S)a3 tetloten gegangene SOi^et! 157 

SBIanfcnButgS unb (SnöcU SBctid^tc 167 

3bee bed Sefftng'fd^en gauft. Sefftng unb ©oetl^e . 172 

Sicttct abfd^nitt. 

3)ic ^Reform bcr 2;taQöbtc 177 

igntftcl^unö bcr (5milia (Salottt 180 

@milia (SalDtti unb bte ^amButger 3)tamatutgie . 194 

1. 2)tc troöifd^c aBitfung 196 

2. 2)er hagifd^c ©toff 200 

3. S)ic tragifd^c ^anblung 203 

Sitöinio unb emtita ©olotti 207 

3)ic gfoBcl beS ©tüdä 210 

(lx*)oittion unb eVtoftcriftif bc8 ©tütfS .... 225 

ei^ataftcrifttl bc8 ^Prinacn 237 

a:^aTaItevifti{ @miUa8. 2)te Söfung be8 ^ßroBIeml . 247 






|f f|in00 xtfiftmiAnifiiiit §thmtvm$. 



Äuno gfljd^er, ®. (5. Sefflng. I. 



I. 

pie %ei0xn hex c^ifeiratitir. 

6ö würbe bent beutfd^en ^patriotiämuö unfercr 
XaQt nid^t tool^I [teilen, icenn voxx in- bcm natio= 
nalen unb politifi^en ©elbftgefülit, n)eld^c§ ba§ 
neue beutfd^e SReid^ mit fi(j^ gebrad^t l|at, bie 3Rän- 
ner üergejfen ober geringer anfd^Iagen wollten, bie 
VLXiQ baä geiftige 3SaterIanb gefd^affen l^aben, afe 
ba§ politifd^e barnieberlag; benn eö ift ber S3e[i| 
be§ erften gewefen, ber in unferem 3Sot! bie ©el^n= 
fud^t nad^ ber ©meuerung unb Einigung beä jweiten 
erl^alten liat. ßine nationale Siteratur, bie auf 
ber öö^e ber SBelt fielet unb bie neiblofe 33en)un= 
berung ber anberen SBöKer mit SRed^t errungen l^at, 
ift eine 3)iad^t, unoergänglid^er felbft afe bie poIi= 



tifd^e, bem neibifc^en ©d^idfal unb bem SEBed^fel 
ber S^ittn ausgefegte ©röfee. ©o l^aben bie SBerfe 
be§ l^eUenifd^en ©eifteö unb be§ flaffifd^en 'SiÜex^ 
tl^umö überl^aupt bie 3Ka(|tfütte feiner Sieid^e weit 
überlebt. 

SWationale 2^l^aten epod^emad^enber 3lrt reifen 
langfam unb werben in allmäfilid^em g^ortgange 
t)orbereifet, bis fid^ ber 3^itp^i^ft erfüllt, ber ben 
S)urd^brud^ be§ SReuen fidler unb fiegreid^ ent= 
f d^eibet : fo unt)er!ennbar, ba§ er bie empf änglid^en 
©entütl^er beö S^W^tt^^^ ergreift, fo mäd^tig, ba§ 
il^n nid^tö metir ungiltig unb rüdfgängig mad^en 
fann. ®in fold^er S)urd^6rud^ ift eine refornta= 
torifd^e X^at, burd^ mete angeftrebt, burd^ ben 
©ntwidflungägang ber gefantmten Station bebingt, 
burd^ einen einzigen entfd^ieben. ^enn fle er^ 
forbert allemal bie eminente perfönüd^e Äraft. ®in 
Sal^rl^unbert lang l^atte bie d^riftlid^e SBelt bed 
Slbenblanbeö nad^ einer Erneuerung unb Umbilbung 
ilireä religiöfen unb ftrd^lid^en 2^hm^ getrad^tet, 
bis im anfange bed fed^jelinten . 3<i^tl)unbertä 
bie beutfd^e ^Reformation burd^brad^ unb fid^ in 
bem gemaltigen fiutlier perfonificirte. aSon ben 
3lnfängen beö brei^igjälirigen bid ju benen 



J 



be§ ftebcnjätirigen Äriegeö l^at unferc beutfd^c &itt^ 
ratur unb ©id^tung,. i^rcr glorreid^en 58ergangen= 
l^ett faft t)er8cffen, wiebcr nad^ einer nationalen 
^öl^e geftrebt, bis enbUd^ bie jwifc^en unferem 
Seben unb unferer 5ßoefie aufgetl^ümtten ©d^ranlen 
fielen unb bie Steformation auf biefem ©ebiete fid^ 
Suft ntad^te. 35er 3Jlann, burd^ beffen eminente 
perfönlid^e £raft biefe 5C{)at t)ottbrad^t rourbe, ift 
@ott{)olb ©pl^raim Seffing, ber ©egenftanb 
biefer ©arftettungen, bie ein fo geroaltigeö unb vieU 
feitigeö 2^f)ema innerl^alb ber gemeffenen ©renjen 
unmöglid^ erfd^öpfen fönnen unb fic^ bal^er bie 2luf= 
gäbe gefteHt l^aben, von einem bem nationalen S3e= 
wujstfein unb ber allgemeinen 33ilbung näd^ft ge^ 
legenen ©efid^töpunfte au§ bie SBebeutung beä 
SRanneS ju fd^ilbern. 

2Bir feigen in il^m ben ^Reformator unferer Site= 
ratur, inöbefonbere ben unferer bramatifd^en ^poefie 
unb Sebenöanfd^auung. fiätte Seffing nid^t bie 
Äraft gehabt, auf ben Brettern, meldte bie SQBelt 
bebeuten, baö 33ilb beö £eben§ umjumanbeln unb 
von l^ier au§ bem Äörper ber 3^tt ^^^ ©piegel 
Dorjul^alten, fo mürbe er aud^ nid^t auf ben ©e^ 
bieten ber miffenfd^aftUd^en unb geleierten fiiteratur. 



6 



bem äftl^ctifd^en, pl^ilofopl^lfd^cn, tl^cologifc^cn u. f. f., 
jene ©tärfe bcfejfen l^aben, ble jcbe feiner ©puren, 
TOO er nur auftrat, unuertilgbar gemacä^t l^at. S)enn 
e§ fommt in ber Sieformation geiftiger Dbjecte nid^t 
b(oö auf baö an, waö man fagt unb leiert, fon= 
bem toie man eö fagt, auf ben perfönliiä^en ß^a- 
rafter ooller Älarl^eit unb ©nergie, ber jebeö SBort 
burd^bringt imb bemfelben bie unwiberftel^lid&e Äraft 
mittl^eitt; aud^ ift eö nod^ nid^t genug, ba^ man 
auf bie befte 2lrt erKärt unb Dorfd^reibt, wie bie 
®inge gefd^efien foHen unb umjugeftalten finb : man 
muj3 felbft ^anb an baö SBerl legen unb tl^un, 
toaö man fagt. S)aö tl^attofe SBort bewegt bie 
®inge nid^t oon ber ©teile. S)ie ^Reformation be§ 
©ramaö xoxd nid^t bloö in ber Sleftl^etif unb in ber 
Seiire oon ber 2)id^tfunft, fonbern auf ber Sül^ne 
felbft gefd^el^en; mer l^ier umgeftaltenb xoixUn foff, 
mu§ neue 2)ramen l^eroorbringen, neue ßebenö= 
anfd^auungen in biefem mäd^tigften unb populärften 
aller Äunfttoerfe t)erförpern. S)ieö t)ermod^te unb 
tl^at Seffing. ®ö ift leidet ju fagen, meldte feiner 
bramatifd^en SDii^tungen biefe reformatorifd^e 33e= 
beutxmg l^aben: bie nationalen unb populären, bie 
jebermann fennt, bie unt)ergeffenen unb unoerge^^ 



lid^cn, btc im (Seifte unfereö 58oIfeö ein fefteö, nn- 
entbe]^rli(ä^eö Sefifetl^um geworben flnb unb in il^m 
fortleben unb fortroirfen toerben, fo lange eö atl^met. 
@ö flnb bie ©tüde, in benen unfere neuen unb 
nationalen S^U unb ßebenöanfd^auungen in ber 
gorm beö fiuftfpielö, beö 2^rauerfpiete, beö „brama- 
tifd^en ®ebi(i^tö" fid^ ausgeprägt l^aben: aWinna 
oon Sarnl^elm, ©milia ©alotti unb SRatl^an 
ber aSeife. 

Site id^ mir nun bie Stuf gäbe fteHte, fieffingö 
SBebeutung von einem, bem nationalen ©efül^l unb 
ber allgemeinen Silbung näd^ft gelegenen ®efi($t§= 
punfte aus ju fd^ilbern, fonnte eö mir nid^t jtoeifet 
l^aft fein, meldte 5Cl^emata id^ ergreifen müjste, um 
nid^t bloö ein abgeriffeneö ©tüdfwerf ju geben. 
Seffing l)at feine nationalen SBirfungen l^auptfäi^s 
lid^ bur(^ feine bramatifd^en S)id^tungen errungen: 
burc^ bie brei, bie id^ genannt l^abe, unb beren 
jebe in il^rer ärt einen reformatorifd^en ©l^arafter 
trägt, ©arum mufe id^ oor allem Seffingö refor^ 
matorifd&e SBebeutung in unferer Literatur über= 
l^aupt ins 9luge f äff en : bie @pod^e, bie il^n gemedtt 
l^at, bie Äräfte, meldte jum 3)urd^6rud^ erforberlid^ 
unb in il^m Dereinigt maren. 



8 



IL 

3ebc§ refonnatorif(i^e SBerl ift bie ßöfung einer 
Seitaufgabe, einer fold^en, bie ben ©ang ber Singe 
unterbrid^t, bie Seiten fd^eibet, bie l^erfömmlid^en 
unb ausgelaufenen SRii^tungen abfd^Iie^t, neue er^^ 
öffnet unb bie üorl^anbenen Silbungöformen ber^ 
geftalt umtDanbelt, ba^, um eö furj unb treffenb ju 
fagen, bie $Ratur ber ©acä^e wie neugeboren 
aus ber 5Ratur beö 5Ulenfd^en ]^ert)ortritt. 

2luf bie religiöfe 3iatur unb ben Urfprung beö 
6l^riftentl^um§, auf feine gefd^riebenen Urfuhben in 
ber SBibel unb bie ungefd^riebenen im menfd^lid^en 
^erjen ftüftte fid^ unfere Rrd^lid^e ^Reformation. 
2lte ein Sal^rl^unbert fpäter bie S^t jur Segrün^ 
bung einer neuen 5ßl^ilofopl^ie gekommen toar, for^ 
berte man bie unbefangene oorurtl^eilöfreie @r!ennt= 
ni^ ber ®inge burd^ bie menfd^lid^e Sßetnunft unb 
bie freie ©elbfttl^ätigfeit il^rer Äräfte: bie rid^tige 
©inneöraal^rnel^mung unb baö Kare ^enUn: ©ort 
foHte ber religiöfe ©laube, l^ier bie natürlid^e ©r^ 
lenntnife auö i^ren urfprünglid^en unb einfad^en 



9 



SBcbtngungen erneuert unb gleid^fam toiebergeboren 
tüerben. 3n biefer 2lrt normaler ^erftettung lag 
bie reformatorifd^e ^l^at. SRacä^bem fie gefcä^el^en 
nnb in il^ren folgen auögefül^rt war, mufete eine 
neue Sluf gäbe eintreten : bie 5priif ung jener ®runb= 
lagen , auf bie fid^ in -bem einen gatl bie 9lef or^ 
mation ber Äird^e, in. bem anberen bie ber ^ßj^ilo« 
fopl^ie gegrünbet l^atte; bort follten bie Duellen 
beö ©laubenö, l^ier bie ber ^ß^ilofopl^ie unterfud^t 
werben, ©o gefd^al^ eö. 3)ie leftte ®pod^e ber 
5ßl^ilofopl^ie — bie größte, bie fie feit @ofrated 
erlebt l^at, — befte^t in biefer Unterfud^ung unb 
©ntberfung. Unfere natürlid^en Sßernunftoermögen 
finb bie einjigen Duellen menfd^lid^er ©rfenntnijs: 
fie foHen nid^t ©röjsereö leiften wollen alö fie leiften 
fönnen, fonft wirb bie SBal^rl^eit oerfel^lt unb 
uned^te SSorftellungen ju 5Cage geförbert. ©al^er 
mußten unfere aSernunftfräfte, jebe in il^rer ©igen? 
art, ßeiftungöfäl^igfeit unb 2^ragn)eite, forgfältig 
geprüft unb auögemeffen werben, bamit man wiffe, 
worin baö aSermögen ber menfd^lid^en 3latur beftel^t : 
il^r @rfenntni§- unb Sffial^rl^eitöDermögen. 3)iefe 
^rafung nannte man bie Äritif ber aSernunft; 
ber Genfer, bem bie ^l^ilofopl^ie biefe große @r= 



10 



leud^timg vtxiantt, bie il^re Sffiegc biö l^eute gclenft 
l^at, roax Smmanuel Äant. 

3u ben aScrmögcn ber menfd^H(|en 9latur gcl^ört 
anä) bie (Sinbilbungöfraft, bie ©d^öpferin ber 
(B^öxiS)dt unb Äunft. aSie fid^ bie äöal^r^eit unb 
il^re t)erfd^iebenen, airten» — bie tnatl^ematif(|e, 
pl^pfllalifd^e, l^iftorifd^e, fittlicj^e — mit einem SBorte 
bie befonberen 3Biffenf(^aften ju unferem ®rfennts 
niisoermögen üetl^alten , f o t)erl)alten fid^ bie vex^ 
fd^iebenen 3lrten ber ©d^önl^eit unb ftunft ju ben 
SUlitteln unb Organen unferer ®inbilbung§fraft. 
SBaö nad^einanber gefd^iel^t, bie S^itf^Iß^ ber 
©mpftnbungen unb Seibenfd^aften, ber Segebenl^eiten 
unb ^anblungen, läjgt fid^ t)on Seiten ber ßunft 
poetifd^ burd^ ba§ ßieb, @poä unb S)rama t)ergegen5 
toärtigen, aber nid^t ebenfo plaftifd^ ober malerifd^ in 
ber J^otalanfd^auung einer ober mel^rerer ©eftalten 
rorfteffen, bie unferer ©inbilbung jugleii^ ein= 
leud^ten. ®benfo wenig läjBt fid^ ein fold^eö 33ilb 
in eine 33ef($reibung burd^ SSBorte oerwanbeln, ol^ne 
bie ooffe unb eigentl^ümlid^e Äraft feiner äftl^etifd^en 
SÖBirfung einjubüjsen. (So ift ju fürd^ten, ba§ bie 
Md^tbead^tung ber natürlid^en (Srenjen unferer 
3lnf(^auungö5 unb ©inbilbungöoermögen in bem 



11 



©cbietc bcr ©(i^önl^cit unb Äunfi äl^nltd^c SScrtoit' 
rungen unb uncd^te SßotftcHungcn jur golge ^abm 
tüirb, alö bie SRid^tbead^tung ber ©renjcn unb 
SSebingungcn unfcrcr ®rfenntni§t)crmögen in bcm 
©ebtete ber SBal^rl^ctt unb SBiffenfö^aft. S)ieÄunft 
fann ebcnfo fritifloö l^oaxbeln, aU bie 5ßl^ilofopl^ie. 
SJal^er muffen beibe naä) ber SRid^tfd^nur ber ntenfd^- 
lid^en SRatur il^re Äräfte prüfen unb braud^en, mn 
ed^te SBal^rl^eit unb ed^te ©d^önl^eit l^ert)orjubringen. 
fiierauö erleud^tet fid^ bie ^parallele jmfi^en einer 
fold^en SSernunftfritif unb einer fold^en Äunft- 
fritif: jraif d^en ftant, ber bie 6rfenntnifet)ermögen 
fd^ieb, inbem er bie Orenjen beß finnlid^en unb 
inteHectuetten feftfteffte, unb Seffing, ber in feinem 
ßaofoon „bie Orenjen ber aWalerei unb ^ßoefie" 
auö bem SBefen beiber Äunftarten, aM ben ®Ie= 
menten ber plaftifd^en unb poetifd^en ©inbilbungöi: 
fraft bartegte. 3)iefe Slel^nlid^Jett jroifd^en ftant 
unb Seffing ift fo fpred^enb, ber Saoloon unter ben 
SBBerfen beö (enteren fo bebeutungöDoII unb l^eroor^ 
ragenb, bafe wir fogleid^ erfennen, wie in bem 
^Reformator unferer Siteratur ber fritifd^e ©d^arfs 
finn eine ebenfo unentbel^rlid^e unb berufene Äraft 
fein mu^te, als baö poetifd^e 5Bermögen. fieffingö 



12 



rcformatorif(^en ßl^arafter rid^tig toürbigen, l^eijst 
einfallen, me biefc beiben ^actoren in il^m vereinigt 
waren: ber fritifd^e Äopf unb ber ©id^ter, 

@ö gicbt eine Äunft, weti^e bie Sitten bie fönig^s 
lid^e genannt l^aben: bie beö ieerrfd^ens. S(u(j^ fie 
fann ol^ne ©infid^t, ol^ne Äritif geübt werben nad^ 
bem »bon plaisir« be§ gefrönten 3nbit)ibuum§, ba§ 
in feiner 3Jiad^t nur bie SJlittet feines ®enuffe§ 
unb in feiner 5ßerfon ben ©taat fielet. 3n ber 
fürftUd^en Stellung ben großen menfd^Iid^en Seruf, 
in ber fürftüd^en SiRad^t bie Slufgabe be§ l^öd^ften 
©taatäbienfteö erfennen: ba§ ift bie !ritif($e ©ins 
fi(|t auf bem Stl^ron, bie ben ed^ten §errf(^er vom 
uned^ten f(5eibet. 6in fold^er aJleifter ber fönig^^ 
lid^en Äunft war griebri(^ ber ©ro^e. Unter 
ben Söhnen feines S^talterö finb auf bem ©ebiete 
beö beutfd^en ©eifteä jene beiben fritif(^en Äöpfe, 
weld^e bie Äunft beö SJid^tenö unb 35enfen§ burd^^ 
fd^aut unb geteuft l^aben, bie mäd^tigften gewefen: 
Äant unb Seffing. Dl^ne g^riebrid^ wäre 5ßreufeen, 
ol^ne ßeffing bie beutfd^e ^poefie unb Siteratur, ol^ne 
Äant bie beutfd^e SBiffenfd^aft nid^t geworben, was 
fie finb: ©rofemäd^te. ©ö war ein finnt)otIer &e^ 
banfe be§ Silbl^auerö SRaud^, bajs er am e?riebri(^ß5 



13 



monumentc in S3erlin mit bcn ficgreid^en %dbi)enen 
aud^ bie fiegrcid^cn S)cnfcr beö B^ttalterö feiern 
wollte unb in biefer äbfid^t Seffing unb Äant ju= 
famntenfteffte, afe ob fie einanber begegneten. 

m. 

^e hmtf^e Reformation nnb %maxffmct. 

S5ie 2lufgabe, bie ßeffing im gelbe ber beutfd^en 
Literatur t)orfanb, tourjelt im 3^italter ber beutfd^en 
9?eformation. Unfere alte Siteratur war abgelebt unb 
eine neue, nationale, bem 3uftanbe ber SBeltcultur 
entfpred^enbe fonnte, abgefel^en oon ber folgereid^en 
2Il^at ber beutfd^en 83ibelüberfefeung unb bem eoan= 
gelifd^en Äird^enliebe, aus ber ßpod^e Sutl^erö nid^t 
|)ert)orgel^en. Um eine neue national gefinnte 3Belt= 
bid^tung ju erzeugen, war bie ^Reformation burd^ 
jTOci Sebingungen gel^inbert : einmal blieb fie burd^ 
il^re näd^ften 2lufgaben ju fel^r auf baö ©ebiet ber 
religiöfen, firi^lid^en, tl^eologifd^en S^tereffen eins 
gefc^ränft unb mufete fid^ balier in il^rem Fortgänge 
tnel)r unb melir ben bewegenben SBeltmäd^ten ent^: 
fremben ; bann l^atte fie burc^ il^re unoermeiblid^en 
golgen bie beutfd^e Station in jroei einanber feinb^ 



\ 



14 



Ud^e Scfcnntniffe unb ßird^cn gefpaltcn, ja auö 
i^rem eigenen ©($o§e felbft neue ©laubenöjtoiftigs 
feiten et^eugt, roeld^e bie innere B^rttüftung unfereä 
aSoMeö Dergröjsert unb bie Söiberftanböfraft ber 
^Reformation gefd^roäd^t l^aben. S)arum l^at bie 
lefetere in il^rem eigenen S^xtalUx nxä)t t)ermod^t, 
bie beutfd^e Siteratur von ©runb an^ ju erneuen, 
fie mußte eö ber S^^^^^ft überlaffen, blefe bmä) 
ii)xt ®po(J^e geforberte aufgäbe ju löfen. 

S)od^ erlebte aud^ bie ßiteratur in SJeutfd^tanb 
eine gleiij^jeitige unb notl^roenbige Umbilbung, bie 
nid^t oon ber religiöfen SRef ormation , fonbern 
oon bem ueränberten ©tanbe ber SEBeltcultur auö^ 
ging : t)on jener SBiebergeburt beö 2lltertl^umö unb 
ber ^Belebung ber 2tttertl^umdftubien, bie SRenaif^: 
fance genannt wirb unb an bie ©teile ber fird^^ 
lid^en ©rjiel^ung unb Silbung bie l^umaniftifd^e 
treten ließ, mit ber mm Oegenftänbe ber ^orfd^ung, 
neue aSorbilber beö ©efd^madfeö unb ber 5ßl^antafie, 
neue Slufgaben unb formen ber S)id^tung empor^ 
famen. ©ie ißumaniften würben bie 5ßoeten beö 
3eitalter§; bie beutfc^en ißumaniften würben nen^ 
lateinifd^e 5ßoeten, benen eö in ber 3^tt ber ®rs 
l^ebung, im Stuffd^roung ber gewaltigen ®pod^e nid^t 



15 



an großen unb nationalen ©egenfiänben, ntd^t an 
Segeifterung unb ©cnie gefcl^It l^at, btc aber in 
ber 3^t ^^ Ermattung , bie bad finfenbe ^af)x- 
l^unbcrt mit fid^ brad^te, ni(ä^tä übrig bel^ielten ate 
bie aSirtuofität ber Srtad^al^mung. ©tatt ber natio- 
nalen 35i(^tung, bie auö ben innern 5lRäd^ten beö 
aSolfetebenä entfpringt, jeigte fid^ eine geleierte 
Äunftbid^tung , bie julefet nur nod^ in geleierten 
Äunftftüden beftanb unb il^re größten" Sßerbienfte 
im Umfange il^rer aSelef enl^eit , in bem Sleid^tl^um 
ber SReminiScenj unb ber gefd^idften S^ed^nif ber 
aSerfe erblidfte. 3e länger je weiter mujste fi(^ eine 
fold^e 3)idetung oon ber Slrt beö Sßolles entfernen. 
S)aö aSolf fprad^ beutfd^, feine ©id^ter rebeten 
lateinifc^ unb oon SJingen, bie baö aSolf nie em= 
pfunben unb erlebt l^atte, bie ©id^ter felbft nur 
bur<^ fünftlid^e ©d^uljud^t. ®ine neue Äluft l^atte 
fid^ aufgetl^an jwifd^en ber gelehrten ©id^tung unb 
bem ungelel^rten aSolf. SDie Sieformation war 
beutfd^, aber ol^ne baö Sßermögen, ben ©eifi ber 
SJid^tung ju beleben; bie Slenaiffance betrieb bie 
Kultur ber 5ßoefie, aber fie war ni($t beutfd^ ; bod^ 
Toaren beibe (Spod^en jur ©rneuerung unferer ßite^ 
ratur burd^auö notl^roenbig unb unentbel^rtide : bie. 



16 



Siefortnation burd^ bie ©eifteöfreil^ett, bie i^r 
ju (Srunbe lag, bie SRenaiffance burd^ bie ®eifteö= 
btlbung, bie fie befa^ unb mittl^eilte. Slber e§ 
bauerte lange, biö beibe ©aaten auf beut gelbe 
ber beutfd^en Sitetatur gereift waren. S)ie ©nt^ 
wicKung, bie unö jum 3^^ fül^rte, ging ni($t bie 
gerabe ßinie, fonbern nal^m ben weiteften Umweg. 
3n)if(^en bem gried^ifd^en 2lltertl|unt unb uns ftanb 
baö römifd^e, pifd^en biefem unb uns ftanben bie 
tomanif(^en Stationen: bie Staliener, ©panier, 
granjofen ; bie Sftenaiffance war t)on ©eburt italie= 
nif (^, JU uns f am fie aus ber grembe ; bie näd^ften 
@rben bes römifd^en Slttertl^ums waren bie 3SöIfer 
ber romanifd^en ©prad^en, beren Sitbung unb 
ßebenöanfd^auung in ben überlieferten g^ormen ber 
alten Äunft il^ren leidsten unb naturgemäßen 2lu§= 
brudf fanben. 3wif<^^^ ^^« -romanifd^en Stationen 
unb uns ftanb bas uns näd^ftt)ertt)anbte englifd^e 
3SoH, bas mit feiner germanifd^en ©igenart bie 
romanif(^en SBilbungsformen burd^brungen, bie 9ie= 
formation unb bie SRenaiffance in fi(^ aufgenommen 
xmb auf feine 2lrt national gemai^t l^atte. ®ies 
ift ber weite Umweg, ben ber ®ang bes beutfd^en 
©eiftes nel^men mujste, um von ber ^Reformation 



17 



bcr Äir($e }ur ^Reformation ber 5ßoefie ju gelangen, 
mt ftnb burcä^ bie ©d^ule be§ Qmdi)i\^en unb 
römifd^en aitertl^umö , burd^ bie ber romanifd^en 
Literaturen, burd^ bie ber englifd^en ju uns felbft 
gefomnten. 2)ie neulateinifd^e SWenaiffance xoax baä 
erfte ©tabium, bie SBorbilber ber italienifd^en, fpa- 
nifd^en unb fcefonberä ber franjöfifd^en ©id^tling 
ba§ jroeite, ber ©influg ber engtifd^en Siteratur 
baö britte ; bann folgte bie entfd^eibenbe 2^l^at : ber 
35urd^brud^ jur eigenen Originalität. Sluf biefem 
fünfte fte^t Äeffing. 

®ö ift ber 2Beg ber S^rabition, ber Sßorbilber, 
ber ©d^ule, auf bem wir aHmäl^lid^ fortgefd^ritten 
finb von Sutl^er }u Seffing ; eä l^at über pei Sal^r- 
l^unberte geroäl^rt, biä biefer Sffieg t)olIenbet war. 
3nt Uebergange t)om fed^jel^nten jum fiebjel^nten 
3al^rl^unbert gab eö ein 3Kenf(^enalter , wäl^renb 
beffen bie beutfd^e ©prad^e in ber ©id^tung fo gut 
wie t)erftunimt war. 2)er 3^ttpunft, n)o fie wieber 
ju reben begann unb ftatt lateinifd^er SBerfe beutfd^e 

Stnno gfifd^et, 0. @. Sefjing. I. 2 



18 



ju machen tjerfud^te, gilt at$ ber Slnfong unferer 
mn^n Siteratur: eö war ni^t ^ßoefie, fonbern 
„^oeterei", eine neue, ber antifen 5Wetrif abgelernte 
aSeröfunfl, womit in bem erflen ©tabirnn beö brei^ig^ 
jäl^rigen Ärieg^ SUlartin Dpife biefe bürftige ©pod^e 
entf^ieben l^at. 

2)ie fogenannten fd^leftfd^en ©iiä^terfd^iilen be- 
jei(|nen im Oroften unb (Sanjen bie ©ntroidflung 
unb ben ©l^arafter ber beutfiä^en ßiteratur njdl^renb 
beß ftebjel^nten Sal^rl^nnbertß; fie ift nie elenber, 
fd^ülerl^after, fümmerlid^er geraefen ate in biefer 
jammertJoIIen 3^it, worin baö beutf(|e 58oH bem 
f(^recflid^ften affer Äriege erlag unb in feiner 2Biber= 
ftanbsfraft gebrod^en barauö l^ert)orging. Unter 
ben europäifd^en ©ulturoölfern l^atte unfere Site^ 
ratur bamalö ben niebrigften ©tanb, fie glaubte in 
ber aSerdfunft aud6 bie SDid^tfunfl ju befifeen, unb 
„ber nürnberger S^rid^ter" leierte, wie pe in weni- 
gen ©tunben einjugiefeen fei. Dl^ne eigenen be^ 
wegenben Snl^alt, ol^ne 2^iefe unb SRcid^tl^um ber 
©eele, wie ed bie fd^ülerl^afte SIrt nnt fi(^ bringt, 
mußten biefe 2)id^ter an ftd^ unb il^ren SQBerfen 
äffe bie Untugenben, äffe bie SIrmfeligfeiten bar^^ 
fteffen, bie man jeberjeit an ©#ütem beobad^ten 



19 



fann, blc, innerlid^ nod^ uncntroidelt unb uner^? 
füllt, (Scbtd^te mad^en tooffen unb im ctfiinftetten 
2luöbru(fe, in ber blül^cnben 3)iction, im gebunfenen 
©til, in ber crfd^nappten ^pi^rafi^ glauben bie ©ad^c 
}u l^aben. ®cr ©(^roulft • ber jroeiten fd^lefif(^en 
©id^terfd^ule ift fprid^roörtlid^ geworben. Sluö fol(ä^en 
3eugungöfräften fonnte nur eine fold^e SKifegeburt 
Iienjorgei^en. ©rfd^ien e§ bo($ wie eine raol^ltl^ätige 
®egenn)irlung, afe gegen bie SBafferfud^t jener 
©id^ter bie fogenannten SEßaffetpoeten auftraten, bie 
TOenigftens nur bie ganj gemeine ^JSrofa reimten. 
SBir toiffen mol^l, bal5 aud^ in biefer Qeit be§ Gtenbä 
bie poetifd^e Äraft in unferem SSoIf nid^t üöHig er- 
ftidft mar, ba§ fie in ber religiöfen unb fird^Iid^en, 
in ber fatirifi^en unb epigrammatifd^en S)id^tung, 
t)or allem in bem Sloman beö ©impliciffiömuö, 
ber in feiner ©c^ilberung felbfterlebter S^iU unb 
©ittenjuftänbe einer Dafe in ber SBüfte glid^, fid^ 
nod^ regte; aber biefe Dereinjelten ©rfd^einungen 
reid^ten nid^t l^in, ben @ang ber Siteratur ju änbern. 
äfe baö ad^tjel^nte Sal^rl^unbert begann, l^atte 
bie beutfd^e ßiteratur nod^ ni^t bie SReife unb 
3Wünbigfeit erreid^t, mit ber bie ©d^uljeit enbet, 
fie blieb nod^ auf ber SBanf, aber fie fam au§ einer 



20 



fd^ted^ten ©(^ulc in eine beffere unb maä)te für 
il^rcn bamaligcn Stlbungöjuftanb einen wirftid^en 
gortfd^ritt, afe ber Seipjiger 5ßrofeffor ©ottfd^eb 
fie in bie Seigre nal^m. 2)iefer SKann war ber 
^räceptor, beffen fie beburfte unb ber mit faft un= 
beftrittenem anfeilen baö ga^rjel^nt t)on 1730—1740 
bel^errfd^t l^at. ©o einleud^tenb feine SSerbienfte 
finb, wenn man von ißofmann unb fiol^enftein I)er= 
fommt, fo einleu($tenb ift feine SRid^tigfeit, wenn 
man Don ber §öl^e Seffingd ober (Soetl^eö auf il^n 
l^erabfie^t. £ie§e fid^ eine nationale Siteratur fabri^ 
ciren ober wie ein orbentlid^er ißauöftanb regeln 
unb einrid^ten, inbem auf ber einen ©eite oer^ 
braud^ter unb unnüfter ißauöratl^ abgefi^afft, auf 
ber anberen nötl^iger unb nüftlid^er aSorratl^ ge- 
fammelt unb angefd^afft wirb, fo würbe fid^ ©Otts 
fd^eb biefeö aSerbienft in 35eutf(|Ianb, inöbefonbere 

• 

um ba§ beutfd^e S^Ijeater erworben l^aben, benn in 
biefem ©inne l^at er gel^anbelt. 6r nal^m bie 
beutfd^e S^ttpl^^Iofopl^ie ju feiner Siid^tfd^nur, bie 
„SBolfifd^e", worin bie Seigre unfereö großen 
Seibnij nid^t mel^r lateinifi^ unb franjöfifd^, fonbem 
beutfd^ fprad^, unb jwar ein reinlid^eö correcteä 
©eutfd^, worin jeber ©ebanfe, aud^ ber felbfloer* 



21 



ftänbtiddfte, mit unbarml^erjiger SJeutUd^feit bcn)iefen 
unb vorgetragen tourbe. §ier war bie 5ß^iIofopl^ie 
tüirflicj^ fo, wie fie 3WepI|iftopl^eleö f(j^i(bert: ,,®a 
Iel)ret man eud^ mand^en 2^ag, bajs, toaö i^r fonft 
auf einen ©d^Iag getrieben, wie ®ffen unb 3:^rin!en, 
frei, ®inö! 3wei! ®rei! baju nötl^ig fei." 3n 
biefer ©ebanlenfabrif ging atteö regelred^t ju; anä) 
in ber ^ßoefie fottte atteö nad^ Siegeln ge^en, nad^ 
lelir- unb lernbaren, bie au§jubilben ©ottfd^eb ju 
feinem ©efd^äft unb SBerf mad^te. S)arin beftanb 
feine „fritifd^e ©id^tfunft". SRid^tig benfen Reifet 
nad^ ber Siegel beulen. SRid^tig bid^ten Iieifet nad^ 
ber Siegel bid^ten. Slimm einen moralifd^en Selir- 
fafe, erfinne baju eine attgemeine ^abel, fu(^e ju 
biefer in ber /^iftorie berü|)mte Seute, benen aiel^n- 
lid^eö begegnet ift, bringe baö ©anje in eine ^anb:: 
lung, t^eile fie in fünf ©tüdfe, bie ungefähr gleid^ 
grofe finb : ba liaft bu baö Slecept ju einer rid^tigen 
SEragöbie! 2)aö regelmäj^igfte SDrama ift baö mufter= 
giltigfte. SWad^ ben alten l^aben biefe Äunft bie 
granjofen, t)or aßen ber grojge ßorneitte, am beften 
X)erftanben, fie finb unfere näd^ften unb lel^rreid^ften 
SSorbilber, nad^ bereu Siid^tfd^nur baö beutfd^e 
2;^eater umjugeftalten ift: bal^er bie äbfd^affung 



22 



ber ©ingfplclc unb ^arlcKnaben, bic ©amtnlung 
»orratl^iger beutfd^er ©türfe, bie änfd^affung reget 
mäßiger SJratnen burd^ Ueberfefeungen unb eigene 
gabrifatiott. Site nad^jual^menbeö SBorbilb für bie 
SCragöbie empfal^I ber 58erfaffer ber fritifd^en ©id^t^ 
fünft ©opl^ofleö unb fi($. Unter ber fierrfd^aft ber 
Siegel unb frember, befonberö franjöfifd^er SSor^ 
bilber begrünbete ©ottfd^eb bie SReform ber beutfd^en 
Literatur unb SBüi^ne; in biefer SÄbfid^t entfaltete 
er eine grofee Setriebfantfeit, bei ber atteö rul^ig 
unb gefd^äftlid^ juging, roie in einer rool^Ieingerid^^ 
teten SBirtl^fd^aft, ol^ne alle ©rfd^ütterungen ber 
5ßl^antafie unb beö ^erjenö. ©ie^ßoetif will bie 
5ßoefie regieren unb mad^en. 3)ad voat fein 
©tanbpunft unb Srrtl^um. ©ein aSerbienft bleibt, 
bafe er bie Slufgabe ber 9teform auf bie S^ageß^ 
orbnung ber beutfd^en Literatur gebracht l^atte. 

SKad^ Siegeln unb SBorfd^riften läfet fid^ fabris= 
ciren unb rairtl^fd^aften, aber nid^t bid^ten, fo wenig 
wir nad^ Siegeln empfinben unb leibenfd^aftlid^ er^ 
regt werben, lieben unb l^affen, freubig unb traurig 
fein fönnen. Unfere (Semütl^öbewegungen l^aben 
il^re Siegeln unb ©efe^e, bie man ernennt, wenn 
man il^ren Urfprung burd^fd^aut, aber fie entfte^en 



23 



niä)t auö Siegeln, ©affette gilt t)on ber ®id^= 
tung. ©ötutn war ber SSerfui^, ben ®ottfci^eb jur 
3leform ber beiitfd^en Literatur unternommen l^atte, 
von ®runb au» t^erfel^lt. 9Wan erjäl^lt vtm einem 
^rin jenerjiel^r , ber feinem BögHng t)erfd^iebene 
aSorfd^riften gab unb unter anberem jur 5ßf[id^t 
mad^te: ,,^rinj, ©ie muffen fid^ aud^ mand^mal 
amüfjren!" ©ineö 2iageö, als ber 5prinj mit fev: 
ncn Äameraben fpielte unb luftig nmr, frug- er ben 
Seigrer: ,,3lmüfire id^ mid^ iefet?" — ©in fold^er 
5ßrinjenerjiel^er war ©ottfd^eb, ein fold^er $rinj 
bie beutfd^e Siteratur^ bie ü^m gel^ord^te. SBare ed 
nad^ bem Seipjiger 5ßräceptor gegangen, fo Ratten 
bie ©id^ter bei il^m unb feiner 5ßoetif anfragen 
muffen, nid^t bloß ob fie biefe ober jene ©mpfin* 
bung i^oben bürfen, fonbern ob fie biefelbe roirßid^ 
l^aben ? 

S)ie Süt mufete fommen, wo ©ottfd^ebö Srr^ 
tl^um ber SBelt einleud^tete unb bie beutfd^e 5poefie 
aufl^ören wottte, in bie ©d^ule }u gelten; biefer 
3eitputrft mu^te fel^r balb fommen, benn burd^ 
@i*tfd^ebd ©ictatur mar fein grrtl^um bergeftalt 
ju 5Cage geförbert, bafe er in bie Stugen f prang. 
Slud^ barin befielet ein »erbienft biefed SRanneß, 



24 



freilid^ ein ungemoHteö, benn bie 3)inge in ber 
SBclt tnilffen offenbar werben, um gerid^tet ju wer^ 
ben. e§ muj5te fid^ jeigen, ba§ am bem ©tanb^ 
punft imb mit "ten 9JlitteIn ber fiel^re @ottfd^eb§ 
bie 5ßoefie weber erjeugt nod^ t)erftanben werben 
fonnte. 

®en 2lnfang ber befferen ©infid^t ntad^ten bie 
©d^roeijer. 3n bem Saläre, wo griebrid^ ben 
preußifd^en ^^ron beftieg, entjünbete fid^ ber be= 
lannte ©treit jwifi^en bem Seipjiger Slfabemifer unb 
ben 3üri(^er ^profefforen a3obmer unb 33reitinger. 
S)ie ^p^antafie gel^t nid^t nad^ SRegeln, bie man ifir 
oorfd^reibt, fonbern na^ ben SBebürfniffen, bie fle 
empfinbet, nad^ ben SBirfungen, bie fie erlebt unb 
bie fie erquiden: fie will ergriffen, gefeffelt, erfüllt 
werben. 35al^er begel^rt fie gewaltige, ungewöl^n= 
lid^e, wunberbare SSorftettungen unb erl^abene Silber; 
bie ^poefie foH nid^t regelred^t, fonbern pl^antafie:^ 
gemäfe wirfen, bie SJid^ter f ollen einen ä^nlid^en 
Sauber auf unfere ®inbilbungö!raft ausüben at§ 
bie SJlaler burd^ i^re farbenreid^en ©eftalten: bieö 
war bie neue Seigre, bie SBobmer in feiner ©d^rift 
t)om aSunberbaren, Sreitinger in feiner fritifd^en 
©id^tfunft berfünbeten, unb bie ben ©treit mit ®ott= 



25 



f(|eb l^ert)orrief, beffen abfd^äfeigcö Urtl^cil über 
aWilton fd^on qeitxQi l^atte, roit tocntg er im ©tanbe 
war, bie eigentpmlid^e ©rofei^eit biefeö engttfd^en 
unb religiöfen S)id^terö ju würbigen. 

V. 

ttnb pie(aiib. 

3lu<^ bie ©d^roeiger toaren leine 3)id^ter. 35er 
©treit jTDifd^en il^nen unb ©ottfd^eb bewegte fid^ 
nod^ innerl^alb ber^^oetiJ, bie i^re SRed^nung 
ol^ne ben SBirtl^ ntad^te; e§ l^anbelte fid^ um bie 
^errfd^aft ober SRid^t^errfd^aft ber Siegel in ber 
5ßoefie, um biefe tl^eoretifd^e ^^rage, in ber bie 
©d^weijer gleid^fam bie ©runbred^te ber ^l^antafie 
en bloc üert^eibigten. 3n biefem ?pun!te lag bie 
©tärfe unb ber ©ieg il^rer ©ad^e, wenn bie Äraft 
erfd^ien, bie burd^ eine gewaltige bid^terifd^e Xl^at 
biefen ©ieg auömad^te unb bem bloßen ©erebe 
über ^poefie ein ©nbe fefete. 'S)enn bie ^poetif oline 
5ßoefle ifl fo gut ©d^olaftil als bie 2:^eologie ol^ne 
SReligion. 

3)ie ©ad^e war fo weit gekommen, bafe ben 



26 



näd^ftcn ©d^ritt nur ein geborener 5ßx)et tl^un 
fonnte, an bem ®ottf(^eb ju ©d^anben würbe, unb 
in XDÜ^em bie @d^n)ei}er erfäQt fallen, toa^ fie 
pcrfünbet l^atten, ein $ßoet, ber il^ncn jurufen 
fonnte: ,,id^ l^abe getl^an, was il^rnur maltet!" 
S5aö SSorfpiel auf bem 2:i^eater unferer neuen Site^ 
ratur njar ju ®nbe unb ber SWoment ba, n)o ber 
©eniuö ber beutfd^en ?pbefie empfanb, waö im SBor- 
fpiel jum e?ciuft Ooetl^e julefet ben ©irector fagen 
läfet : „©er 3Borte finb genug geroed^felt, lagt mi(^ 
aud^ enblid^ S^^aten feigen!" 

S)er 5ßoet, bem man entgegenl^arrte, erf<i^ien in 
bem jugenblii^en gr. ©ottl. ÄIopftodE; bie 2^l^aten, 
woburd^ er bie ^erjen bejwang, waren bie erften 
©efänge feines SKeffioö unb feine Dben. ©in er^^ 
greif enber, geroeil^ter 9Woment, in bem er auftrat! 
©eit fo langer 3^^ w^r eö ium erften SWal, baj5 
bie grojsen, nie altemben ©mpfinbungen wieber mit 
beutfd^er Urgewalt aus ber ^ütte beö QexieM i)tv^ 
tmrbrad^en unb mit ber ftraft unferer §elbenfprad^e 
rebeten. Um ^Religion, 3latur, SSaterlanb, g^reunb* 
fd^aft unb Siebe fo ju empflnben, biefe Oefül^le fo 
auöjufpred^en, wie Älopftodf üermod^t l^at, baju ge^ 
l^örte mitten in einer nod^ gebrühten unb beengten 



27 



3eit eine betounberungötDürbige ©tärfc unb €r^ 
l^abenl^eit ber ©eele. S)iefe tnäd^tigen unb entpfim 
bungsreid^en ^l^emata l^at Älopftod entfcffclt, in 
feinen ©efängen auöftrömen laffen, t)on il^rer oer^ 
fümmerten ®jiftenj in etenben SRomanen unb Stei- 
mereien erlöft. Sol^enfteinö „gtofemüti^iger ^^^Ibl^err 
Slrminiuö ober ^ermann mit feiner burd^Iaud^tigften 
Xl^uönelbe" unb Älopftorfs Dbe: 

$a! bort lommi et mit ©d^toet^, mit ^bmtxhlui, 

^it htm @tauBe bet ©c^lad^t Bebetft! fo fd^ön toax 

f)ctmann niemoläl ©o l^at*8 i%m 

9lie t)on bem ^uge geflammt. 

^omm! xäi bebe t)or Suft! Teid§ mit ben ^btet 

Unb ba^ ttiefetibe ©d^toett ! S^omrtC, ai^m* unb tu^ l^iet 

5lu8 in meinet Umatmung 

Sl^on bet 5U fd^teiflid^en ©d^Iad^t. 

®ie erl^abenen Oefül^Ie, bie unfere ©eele be= 
Pügeln unb emportragen, finb einanber oenoanbt, 
fie jtnb in feinem ©id^ter fo gefd^aart unb burd^ 
il^re n)e(§felfeitige Slnjiel^ungölraft gegenwärtig als 
in Ätopftodf; eines ruft gleid^fam bas anbere. 3)ie 
greube an einer l^errttd^en Sanbfd^aft n)edft in il^m 
eine SReil^e freubiger, erl^ebenber, aufjaud^jenber 
©mpfinbungen , bie fid^ wie im ©türm feineö ©e^ 



28 



mütl^ö bemäd^tigcn ; im Slnblidf c bcd ^üxiä^ex ©ccö 
fül^It er fid^ criücitert, fortlebcnb in bcr ©pmpatliie 
bcr SRad^melt, unb mitten in bem ^ubelgefang feiner 
^reube an ber erl^abenen 5Watur feiert er bie Un- 
fterblid^leit menfd^Iid^er ©röjse: 

9tet3t)oII Hingt beS 9lul^m§ lodmhtx ©tiberton 

3n baS fd^loQcnbc ^txi, unb bic tlnftctbltdftleit 

3ft ein großer (Sebanle, 

3ft ht^ ©d^toeißeS bei ßblen toettV« 

2)iefe Unfterblid^feit ift il^m geioorben. SBie er 
in feiner Dbe eß erfelint, f)at er „burd^ ber Sieber 
©eroalt" fortgeioirft unb ifi „mit ber ®ntjü(fung 
Xon oft beim SRamen genannt roorben". (Srinnern 
vAx unö jener fd^önen ©teile im Sriefe 2Bert{|erö, 
poxin er fein erfteö S^f^w^wenfein mit ber ©e- 
liebten fd^ilbert, ben länblid^en 2^anj unb bie 
©ommernad^t nad^ bem ©eroitter. „SBir traten 
anö genfter. ®ö bonnerte abfeitmärtö, ber l^errlid^e 
Siegen fäufelte auf baö Sanb unb erquidfenber 
Söol^Igerud^ ftieg in aller güHe einer roarmen Suft 
ju uns auf. ©ie ftanb auf ifiren ©Henbogen ge? 
ftüfet, il^r SHdf burd^brang bie ©egenb, fie fal^ gen 
Fimmel unb auf mid^, id^ fal^ if|r Sluge tl^ränen« 
poH, fie legte i^re ißanb auf bie meinige unb f agte : 



29 



ÄlopftoÄ! 3d^ erinnerte mtd^ fogleid^ ber J^err^ 
lid^en Dbe, bie il^r in ©ebanfen lag, unb Derfanf 
in ben ©trom ber ©ntpfinbungen, ben fie in biefer 
Sofung über mid^ ergofe." 

®ö giebt jroei ©ebid^te ©(|itter§, bie mir nn^ 
roittlürlid^ baö 93ilb Älopftotfö l^ert)orrufen. S)er 
beutfd^e ^Pegafuö lag im 3o(]6, er entfaltete fein 
©d^wingenpaar, ate biefer Süngling il^n berührte, 
unb ftieg empor ju ben Uamn ^Sf)en. Ätopftorf 
xoax ber ©id^ter ber ert)abenen ßmpfinbung, bed 
I^rifd^en Sluf f d^roungö , burd^ feinen ©eniuö nid^t 
jur epifd^en, nod^ toeniger jur bramatifd^en ^ßoejte 
berufen. Site er baö ©ebid^t vom aRefüia« unter« 
nal^m, liatte er fid^ jmeimal geirrt: in ber SBal^, 
beö @toffe§ unb in feinem S^alent; eö röar bie golg« 
biefeö boppelten 3^el^lgriff§, bafe ein SBiertelial^r- 
l^unbert t)erging, biö er fein ®poö mül^felig ju 
@nbe gebrad^t l^atte. 2)aö Silb ber 2Belt unb beß 
Dotten aJlenfd^enlebenö fann uns nur ber epifd^e 
unb am n)irfungöt)ottften ber bramatifd^e S)id^ter 
geben. Älopftodf mar lein SBeltbid^ter; ber S^S 
feiner SRatur ging nad& ben blauen ^öl^en. 3d^ 
müfete feinen unferer neueren ?ßoeten, ber fo mie 
er bie gragc l^erauöforbert : „3&o warft ©u benn. 



30 



afö man bie SB dt gctl^eitct?" — feinen, ber fo 
n)ie er antworten bürfte: 

3d^ \oax, fprod^ ber 5poct, Bei btr! 
Tttin Slugc l^ing an beinern Slngeftd&te, 
Sin beineS ^imntelS Harmonie mein Of^x, 
fQtx^ü^ htm (Steifte, ber, toon beinern Sitzte 
Seranfdjt, baS ^rbifd^e berlor. 

SBenn er einer aSet^ei^ung bebarf, fo ift e^ 
biefe, unb niemanb l^at über Älopftotfg ©röise 
unb aRängel rid^tiger geurtl^eilt, afe ©dritter felbft 
in feiner unüergleid^Iid^en ßl^arafterifiif, bed „fenti- 
mentalifd^en ®i(^terö". @ä ift nötl^ig, unferer 3^t 
bie rid^tige SBürbigung Älopftodfö lieber einzuprägen, 
ba mir niel^r als einmal bei b«a($tung§n)ürbigen 
SKännern t)ef feierten Urtl^eüen begegnet finb, bie 
ftlopftod ju ben Uterarifd^en Guriofttäten recä^nen 
unb Döffig oergeffen l^aben, rod^e ©eelen^ unb 
^pi^antafieftärJe baju geprt, um ben ©taub ber 
©mpfinbungen abjufd^ütteln unb bie erl^benen aSor^ 
ftettungen rein unb gewaltig l^ert)orjubringen. 

greilid^ lonnte t)on einem fold^en ©id^ter eine 
buri^greifenbe SReform unferer Siteratur nid^t aM^ 
gelten: baju fel^Ite il^m ber Umfang ber p^oetifc^en 
ftraft unb baö aSerftänbnijs bgr aufgäbe felbft. 



31 



SBie fel^ ü^m bic lefetere ßinjtd^t gcbta^, l^abcn 
bie 9icuerungcn beroiefen, bie er in feiner fpöteren 
3eit einfül^ren wollte unb bie eben fo mele SSer^ 
itrungen waren. 3lud^ unter ben S)id^tern, bie 
fid^ von ©ottfd^eb unabpngig gemaiä^t Iiatten'unb 
unbelünmtert um x^n unb feine fritifd^e 2)id^tfunft 
il^re :poettfd^en Ärafte oerfud^ten, war feiner, ber 
an 3Bad^t beö S^alents fld^ mit Älopfiod oergleid^en 
fonnte ober bie ©oben befaß, bie il^m fel^lten. 3)er 
einjige, ben bie SRatur berufen l^atte, glei($fam fein 
poetif(§er ©egenfüßter ju werben, ßl^r. 9W. SBielanb, 
l^atte fid^ üorl^er ju ben ©d^weijem oerirrt unb 
fud^te bem 3)id^ter bes 3ßeffia§ bie gujsftapfen nad^= 
jutreten. S)ie bramatifd^e Äraft war aud^ x^m t)er= 
fagt. Die ©tftr!e unb ber Sauber feines S^alentö 
lagen genau in ber SBagfd^ale, bie ftlopftodfs er? 
l^abener S^rif gegenüber bie beiben ©egengewid^te 
beö Äontifd^en unb ©pifd^en entl^ielt : SBielanb oer- 
einigte biefe beiben g^^ctoren in ber fomifd^en 
®rjäl|Iung, bie uns ergöfelid^ fd^ilbert, wie bie 
©d^wörmerei ju ^all fommt unb bie finnlid^e SRatur 
pd^ an il^r räd^t. SBäl^renb ÄlopftodE „ber fünbigen 
aWenfd^l^eit ®rlöfung" befang, na^m SBielanb in ber 
©tiffe bie entgegengefefete SRid^tung unb lieg fid^ oon 



32 



her 9Wufe beleihten, bafe ber (Seift mHig, dbtt baö 
glcifd^ fd^toad^ fei. Unb eö ift, fefete bie 3Jiufe l^iuju, 
nie liebenätüürbiger, alö loenn e§ f d^toac^ ift ! S)ie 
Siebenßtüürbigfeiten biefer ®d^n)ä(]^e toufete SEBielanb 
mit T)oetifd^er SBirtuofität ju erjäl^len. ,,^er l^ol^e 
©d^tüung beugt meine ©eele nid^t, mein ©tement 
ift l^eitre fanfte greube." 2lfe er biefeö fein Clement 
gefunben l^atte unb in ber 3Kufarion t)erfänbete, 
war bie ^Reformation unferer Literatur in t)ottem 

« 

3)er ©egenfafe jwifi^en Älopftodf unb SBielanb 
ift feine jufällige ©rfd^einung, fonbem ber poetif(ä^e 
Sluöbrud jener beiben einonber wiberftreitenben 
aJiäd^te ber ibealen unb flnnlid^en aWenfd^ennatur, 
bie im gwiefpalt il^re ©rgänjung forbern ; ein äJ^n* 
lid^er ©egenfaft jeigt fii^ unter ben großen 3)id^tern 
beö aKitteIatter§, jn)if(3^en SBolfram uon ©fd^enbad^ 
unb ©ottfrieb von ©traj^burg ; ein äl^nlii^er befielet 
in ber neueren S^it, noä) beDor ÄlopftodE unb SBielanb 
ben ilirigen ausgeprägt l^atten, jioifd^en iQaHer unb 
Öageborn. Unb ioaUer fal^ in ^ageborn beibeö: 
fein ©egentl^eil unb feine ©rgänjung. 3n ber 
^^äntl^ologie" beö jugenblid^en ©dritter flnbet fid^ 
ein ©prud^ (ber nid^t von bem ißerauögeber felbft 



33 



l^errül^rt), worin Älopfiod unb aBiclanb ate bie 
©id^tcr bcö Scnfeitö unb ©ieöfeitö erfd^eincn. 3!)er 
SBerfaffer beö ©pigrammö fol^ bie ©d&attcnriffe bcibcr 
x)or fid^, ben S)i(ä^ter bcö SWcffiaö rcd^td, ben be§ 
Dberon linfö, unb fein ©prud^ lautete: „(Seroife! 
bin id^ nur iiber'm ©trome brüben, geroife will id^ 
ben 9Kann jur Siedeten Heben, bann erft fd^rieb 
biefer 3Kann für mid^. eJür 3Renfd^en l^at ber 
linf e aWann gefd^rieben, il^n barf aud^ unfer einer 
lieben, fomm, linfer 3Kann! 3d^ lüffe Dic^r 

Unter ben freien ©id^tern, bie ÄlopftodE un- 
mittelbar t)oran8inßen, mad^ten fid^ geroiffe Se^ 
ftrebungen geltenb, bie im Äleinen auf baö große 
3iH unferer poetifd^en ^Reformation l^inroiefen: bie 
aßiebergeburt ber beutfd^en ©id^tung, bie Befreiung 
oon ber fremblänbifd^en Sienaiffance. 3Jian l^atte 
fd^on bie ®ntbedung gemad^t, baj5 bie S)id^ter beö 
Slltertl^umö nid&t bloß unfere ©d^ulmeifter unb ge- 
widrigen aSorbilber, fonbern 3Jienfd^en mie mir 
itnb, bie fid^ ber SBelt unb beö ©afeinö erfreut, 
bie greuben ber Siebe unb beö 3Bein§ erlebt unb 
befungen l^aben, ba§ bie ©ebid^te beä $oraj unb 
3lnafreon nid^t bloö oorl^anben finb, um überfefet 
unb ejercirt, fonbern genoffen, fpmpatl^ifd^ empfun^ 



34 



ben, mit gleid^geftimmter Suft nad^gcal^mt ju n)er= 
ben. 9Wan fül^lt tüie fie unb bid^tct barum na^ 
i^rer Slrt. Site ber erftc in bicfer 9tci|e unb ber 
gül^rcr in biefer SRid^tung crfd^icn gr. öageborn, 
ber fid^ mit bem ^otaj befrcunbet l^atte, mie 
einige jüngere ©id^ter, bie ^attifd^en ©tubenten 
©leim, ©öfe unb Uj, mit bem Slnafreon. ®aj3 
SBielanb, als er nod^ ben ©(^raeiiern biente, bie 
neuen SlnafreontiJer Derfe^ert l^at, war ein ironifd^eö 
©piel feines ©d^idEfafe. 3)iefe 5ßoeten jeigen uns 
bie erften Keinen Slnfänge einer beutfd^ empfunbenen, 
il^rer ©(^ülerfd^aft entroad^fenben Slenaiffance. ®as 
2^l^ema, baö fie erfüllte, Jonnte nid^t einfad^er unb 
Iei(^ter fein: SBein unb Siebe! ®ö brang nöd& 
nid^t bis ins Seben, fonbern blieb nur in ber ^ßj^am 
tliafie ; im 2then f elbft ^ielt man fid^ nüchtern unb 
von ben ©rfd^ütterungen bes @roS unberül^rt. ®d 
maren nid^t bie ßeiben, fonbern nur bie ©d^erje 
ber Siebe, bie in 5Berfen fd^äferte unb mit iem 
g^euer fpielte. ©o lange bie ©eliebte no(^ ßl^loe, 
^P^pttiS ober 3)apl^ne l^iefe, waren bie Seiben SBers 
tl^ers nid^t ju fürd^ten. ^enn id^ mir ben Slmor 
i)orfleIIen rniH, mit bem bie ©leim, ©öfe unb Uj 
fo vertraut tfiun, benfe id^ mir eine ^orjettan- 



35 



gigur nad^ bem SRococogefd^made bcö geitalterö. 
Slber ba§ man mit einigen ©id^tent beö 2llter:^ 
tl^umö leben wottte wie mit feinen greunben, 
änberte fd^on in etwas ben unfreien, fd^ülerl^aften 
©l^arafter unferer SRenaiffance unb trieb in eine 
SRid^tung, beren 3^^^ ^i^^ '^^^ ßrojsen SWuftern beö 
Slltertl^umß congeniale Umbilbung unferer 5ßoefie 
unb Siteratur fein mu^te. 

VI. 

2)iefe ©mpfinbungöart war es, bie Seffingö 
erfte poetifd^e Siegungen geroedft l^at. ®r war nod^ 
gürftenfd^üler in SWeifeen, als ©teims „fd^erjl^afte 
Sieber" erfd^ienen (1744). ©eine erften poetifd^en 
SBerfud^e aus ber ©d^ulieit ftimmten fid^ auf bie 
anafreontifd^e S^onart; fein Sßorbilb war ißögeborn, 
ben er in einem Srief an feinen Sßater nod^ im 
Sa^re 1749 „ben gröjsten ©id^ter ber Seit" Vtennt. 
6s ift ein fel^r bemerJenSwertl^er unb von S)anjel, 
feinem grünblid^ften Siograpl^en, mit SRed^t l^ertjor:: 
gehobener 3ug, ba§ ßeffing gteid^ im »eginn feiner 
aufftrebenben ©ntwidKung bie ^oeten bes ailter:: 



36 



tl^utnö nid^t fd^ülerl^aft erlernen, fonbern rein menfd^^ 
lid^ empfinben unb genießen will: 

3^ Rttflc niä^t für flcinc StndUn, 
^ie t)oütx @tol3 jut @d^ule gel^n 
Unb bm €t)ih in «^änben ^abtn, 
S)en tl^te Seiltet ntd^i tjevftel^n! 

©d^on (luf ber Älofterfd^ule nal^m er in bem 
©tubium ber alten 2)id^ter feinen eigenen SBeg; 
ju feinem 5prit)att)ergnügen laß er bie römifd^en 
Suftfpielbid^ter ^piautuö unb ^erenj, nid^t um feine 
©elelirfantfeit ju bereid^em, fonbern um 3BeIt unb 
9Kenfd^en in il^nen fennen ju lernen, unb nid^ts 
reijte feinen poetifd^en 5Rad^al^mungötrieb fo lebl^aft, 
als SBerfe biefer Slrt, tüeld^e bie S^l^orl^eiten ber 
aJJenfd^en bramatifd^ erleud^ten. ?piautus unb S^erenj 
TDaren bamafe feine greube unb feine SBelt , felbft 
Äomöbien ju fd^reiben fein erfteö SBagnijs; er be^ 
fennt feinem 5Bater, ba§ er na(^ bem SRul^m bürfte, 
ber beutfd^e 9Rolifere ju werben. SBie er feine 
STufgate fa^t, unb weld^e Stid^tung er fofort aus 
eigenftem 2lntriebe ertöäl^lt, bafür ift bas S^l^ema 
feines erften Suftfpielö, baö er als Sd^üler ent? 
TOorfen l^atte unb ofe ©tubent auöfül^rte, ein fel^r 
d^orafteriftifd^eö B^wö^^fe- ^^ ^^ß ^^^ 2^1^orl^eit bar« 



37 



[teilen, bie er erlebt, aud^ in fid^ felbft erlebt 
l^atte, bie einjige, bie il^nt bamafe au§ ber eigenen 
Grfal^rung entgegenlam. 3luö ben „Keinen Änaben", 
bie t)oIIer ©tolj jur ©d^ule gelten, werben gro^e 
Änaben, bie ©d^ulfüd^fe bleiben unb ben 2^ertianer= 
ftolj in ©elel^rtenbünfel t^erroanbeln. S)aö Suftfpiet 
l^iefe „S)er junge ©elel^rte". ©o erHdrt Sefftng 
felbft bie ®ntfiel^ung biefeö feines erften bramatifd^en 
SBerfud^ö, ber auf bie Sül^ne fam. „^d^ glaube, 
bie aSal^l beö ©egenftanbeß l^at mel baju beige- 
tragen, bajg id^ ni(^t ganj bamit Derunglüdft bin. 
©in junger ©elel^rter war bie einjige Slrt t)on 
5Rarren, bie mir aud^ bamalö fd^on unmöglid^ un- 
befannt fein tonnte. Unter biefem Ungejiefer auf^ 
geroad^fen, war es ein SBunber, bafe id^ meine 
erften fatirifd^en Sffiaffen wiber baffelbe wanbte?" 
Ueberfd^auen rair, ol)ne jebe biograp|iifd^e Sluö- 
f ül^rlid^f eit , bie nid^t in unfer J^l^ema gel^ört, in 
gebrängtefter Ättrje ben ©ntroidftungögang SeffingS. 
©ein %^tx\, umfaßt nur jroeiunbfünfjig Saläre. 3^ 
feinem ©eburtöjal^r (1729) erfd^eint ©ottfd^ebö 
„ftritifd^e 2)id^tfunft", in feinem 2:obedia^r (1781) 
Äants „Äritif ber reinen SSernunft" unb ©d^iHerö 
erfteö S^rauerfpiel. 



38 



3m 3a^rc 1759 ftc^t Seffing, ein breifelgjä^riöcr 
3Kann, auf bcr beginncnben ^öl^e feiner reformas 
torifd^en SBirff amf eit , bie in il^rer SBoHfraft mit 
einer SReil^e epod^emad^enber SBerfe jwei Sal^rjel^nte 
erfüttt (1760—1780). 3n biefer 3eit mirb bie 
beutfd^e Siteratur i^jttgeioanbelt. SBie mäd^tig unb 
gewaltig bie Ärifi§ mar, bie Seffing entfd^ieben 
l^at, jeigt auf einen einjigen Slic! ber ©l^arafter 
ber il^r t)or]^ergel^enben unb ber il^r nad^folgenben 
Literatur. aSor jener Ärifiö: ©ottfd^eb, ^ageborn, 
Älopftoc! ; nad^ berf etten : Berber, ©oetl^e, ©dritter ! 
"Sftan rergleid^e ©ottfd^eb unb Berber, Sage- 
born unb ©oetl^e, Älopftod unb ©dritter ! 

ßeffingö literarifd^e 3lnfänge, bie nod^ feinen 
reformatorifd^en (Sl^arafter l^aben, fallen in bie 
Saläre 1746—1752; er lebt jmei ^al^re afe ©tu- 
bent in Seipjig, bann ate beginnenber Sowmalift 
in S3erlin unb befd^Iie^t feine afabemifd^en ©tubien 
in SBittenberg. Sn Seipjig intereffirt il^n am meiften 
baö SC^eater, in SBittenberg bie »ibliot^ef. Unter 
feinen literarifd^en anfangen t)erftel^en mir feine 
erften ©ebid^te, Suftfpiele unb Heineren fritifd^en 
fjelbäüge, barunter einen, ber fd^on l^inreid^te, il^n 
ju einem gefürd^teten 3Ranne ju mad^en, eö mar 



39 



bie Sßcrnid^tung etncö erMrmlid^en ^orajüberfefccrö, 
ber ju bcn l^affifd^cn S)id^tcm gcl^örtc : „aSabcmccum 
für ^crrn ©amuel ®ottI|oIb Sänge, 5paftor in Zanb- 
lingcn." SBftre Seffing bamafe gcftorbcn, biefe 
©(ä^rift von einer beifpiellofen Slnmutl^ unb %m^U 
barfeit ber ^olemif würbe il^n überlebt l^aben nn^ 
mügte im 2(nbenf en ber 9la(^nf?tt unoergeglid^ ge- 
blieben fein, aber au(| nur biefe nebft einigen 
feiner ^rinflieber unb (Epigramme. 

e§ folgen bie Saläre ber beginnenben SRefor- 
mation (1752 — 1760), bie Seffing in SSerlin, ßeipjig 
unb n)ieber in S3efUn jubringt. 35ie l^ierl^erge^ 
l^örigen, bem S)ur(^bru(ä^ juftrebenben SBerfe flnb: 
9Jii§ ©ara ©amp f on, baö erfte bürgerlid^e ^^rauer^ 
fpiel in beutfd^er ©prai^e, bie neue 3^abelbi(i^tung, 
bie 2lbl^dnblungen über bie gabel, ber5ßl^iIo= 
taö, ber SSerfud^ einer neuen gauftbid^tung unb 
feine „Siteraturbriefe" auö ben Salären 1759 unb 
1760. aSir finb in ber 3Kitte be§ fiebenjäl^rigen 
Ärieges, beffen ©(ä^uplafe Seffing betritt, ate er 
gegen ffinbe beö Sa^reä 1760 Serlin vexlix^t unb 
ate ©eaetär beö ©enerate -^auenfeien nad^ Sreölau 
überfiebelt. 

®ie beiben näd^ften S^i^^J^^^nte jeigen il^n auf 



40 



feiner ©öl&c: er »erlebt baö erfte (1760—1770) 
in SBreöIau, 33erlin unb Hamburg, bas jtoeite als 
Sibliotl^efar in 3BoIf enbüttel ; ed war bie etnjige 
atntlid^e ©tellung, bie er gel^abt l^at. 

3m Saläre be§ ^ubertöburöer griebenö (1763) 
bid^tet er SWinna t>on Sarnl^elnt, bie er in 93erlin 
DoHenbet unb 1767 reröff entlid^t , bann folgen 
Saofoon (1766), bie Hamburger SJrantaturgie 
(1768), bie antiquarif d^en »riefe (1768—1769) : 
bieö finb bie imfterblid^en SBerfe feines porlefeten 
Sal^rjel^ntö. ©leid^jeitig erf(ä^eint Sffiielanb in feinem 
©lement, Berber in feinen anfangen. 

3n ber SBolfenbüttler ^ßeriobe tjollenbet Seffing 
emilia®alotti (1772) unb 5Rat^anben2Beifen 
(1779), bem ber „3lnti^®oeje" »orl^erge^t (1778) 
tmb „bie ®riiel^ung beö SWenfd^engefd^led^tö" 
ate üottfiänbigeö SBerf nad^folgt (1780). @ö ifi baä 
Sal^t^el^nt, morin ©oetl^eö (Seftim Hö ju feiner 
claffif d^en ^öl^e emporfteigt ; in biefer 3rit entfianb 
®öfc, 2Bertl^er, JJauft, ©lamgo, ©tella, (ggmont, 
Spl^igenie unb bie anfange beö J^affo. SBäl^renb 
Seffing ben Slatl^an in feiner legten ©eftalt voh 
enbet, bid^tet ©oetl^e bie ^P^tg^nie in il^rer erfien ; 
im folgenben Saläre beginnt er ben 2^affo. 



41 



VII. 

3la^hem wir bcn Swftönb ber bcutfd^en Sitcratur 
unb bic barin cntl^altenc rcformatorifd^e Slufgabe, 
bic Seffing t)orfanb, bargelcgt, bcn 5ßunft, too er 
einfe^t^ beftimmt itnb ben @ntn)i({(ungsgang ^ ben 
er burd^Iäuft, in feinen Umriffen bejeid^net l^aben, 
entfielet uns bie grage : welches waren bie Äräfte, 
bie er befifcen unb in'ö ^^^^ fül^ren mu^te, 
um jene SKuf gäbe ju löf en ? 5ffiir wollen Seffingö 
reformatorifd^en ©l^arafter bergeftatt ju entroideln 
fud^en, baß unfere Sluseinanberfefeung mit jebem 
©d^ritt tiefer in bie geiftige ?perfönlid^feit beö 
SKanneö einbringen unb biefelbe in bem ganjen 
Umfange il^rer SBermögen burd^meffen fott. 

3ebe reformatorifd^e 2^l^at forbert in bem ©ebiet, 
n)o fte erfi^eint, eine Semeifterung ber t)orl^anbenen 
unb l^errfd^enben SBilbungöjuftänbe, bie man ererbt, 
erlebt l^aben unb in fid^ tragen mu§, um fie über^ 
minben unb Deränbern ju lönnen. $ier gilt baö 



42 



f auftifd^c 3Bort : „SQSaö bu ererbt von beinen 5ßätern 
l^aft, ertoirb e§, um eö ju befifeen!" aWan muß 
unter ber 3Kad^t ber überlieferten Silbung [teilen, 
um über biefelbe l^inauöjubringen', man mu§ fid^ 
felbft im Snnerften erneuen, um bie aSelt rerjüngen 
unb baö Sllte als etwaö Sluögelebteö t)ern)erfen ju 
fönnen. 3)ann erft fommt baö anbere fauftifd^e 
S33ort iu feiner ©eltung: „2)u alt Oerätl^e, bu 
wirft nid^t gebrandet, bu ftel^ft nur l^ier, weil bid^ 
mein aSater brandete!" — Sutl^er toürbe nie ber 
^Reformator geworben fein, ber er mar, märe er 
nid^t ein frommer, oom fird^lid^en ©lauben burd^s 
brungener 3Könd^ geroefen. ^^ mill gleid^ bie Sin« 
menbung auf Seffing mad^en. ©eine 2lufgabe mar 
bie SBiebergeburt ber beutfd^en Siteratur, bie Se* 
freiung oon ber überlieferten fremblönbifd^en SRe* 
naiffance, von ber erlernten, nad^geal^mten, gete|irten 
SBilbung, oon ber öüd^ergelel^rfamfeit unb ber 5ßoefie, 
bie im Sud^e fielet. ®r mu§te biefe ©elel^rfamfeit 
befifeen unb jmar in einem ®rabe, ba| er fie be? 
meiftem, il^re f oftbaren ©üter t)om SaHaft, il^ren 
frud^tbaren SReid^tl^um oon ber geleierten Settet* 
l^aftigfeit mol^I unterf(^eiben fonnte; er muftte fo 
xtiä) fein, um megmerfen ju bürfen. ©8 ift fel^r 



43 



leidet unb barutn t)öffig toirtungöloä, bie @tk^v^ 
jamfeit ju t)erad^ten, wenn man fie nid^t l^at. 
2)aö Süd^etfiubium, bie geleierten unb pl^Uologifd^en 
Äenntniffe, auögebilbet biö ju bem mrtuofen aSer= 
mögen, fi(§ in ber "Sdü^ttmelt fd^nell unb fidler ju 
Orientiren, mit einem SBort, alle bie ©igenfd^aften, 
bie nid^t ben gemöl^nlideen , fonbern ben großen 
Siterat or mad^en, gel^örten ju bem Siüftjeug, 
womit ber ^Reformator, ber Seffing werben follte, 
geroaffnet fein, ju ben Äräften, bie er in*ö gelb 
fül^ren mujste. 6r ift ein ©elel^rter im eminenten 
©inne gemefen, in einem erftaunlic^en Umfang unb 
mit ber nod^ größeren e^äl^igfeit, ben erworbenen 
SReid^tl^um in jebem 3lugenblidf, mo eö nötl^ig fd^ien, 
JU oeroielfältigen. Unfere genialen 2)ideter, bie 
nad^ il^m famen, [teilen in biefer SRüdffid^t weit 
l^inter Seffing jurücf, fie beburften aud^ eineö fold^en 
5Rüftjeug§ nid^t mel^r. ©elbfi ©oetl^e anerkennt in 
einem feiner Urtl^eile über Seffing „bie ungei^eure 
Gultur" biefe§ ©id^terö, „gegen bie mir jefet fd^on 
mieber SBarbaren finb". 3lo^ afe ©tubent l^atte 
fid& Seffing eine fold^e Drientirung im g^elbe ber 
©elel^rtengefd^ii^te oerfd^afft, bafe er im ©tanbe mar, 
bie SRecenfion eines ©elel^rtenlepfonö ju fd^reiben 



44 



unb bemfclben eine SRenge g^el^Ier unb Unricä^tig* 
feiten nad^jumeifen. 

®§ wäre biefer gro^e Siterator nid^t gewefen, 
roenn er nid^tö als ein geleierter aSielroiffer ptte 
fein wollen. @r Ia§, um ju ernennen, eingerourjelte 
^rrtl^ümer aufjuftnben unb ju berid^tigen, Älarl^eit 
JU fd^affen, n)o Unflarl^eit unb SBerroirrung l^errfd^te, 
rid^tige SßorfteHungen an bie ©teile ber falfd^en ju 
fefeen. ®iefen3ug tl^eitte er mit 5pierre SBaplc, 
beffen J^iftorifd^-fritifd^eä SBörterbud^ eine ber erften 
unb reic^ften gunbgruben feiner ©tubien würbe. 
iRid^tö fd^ien il^m ju gering, um gewußt, fein falfd^eä 
Urtl^eil JU unbebeutenb, um aufgeflärt ju werben, 
©al^er fam feine Sufl, „^Rettungen", wie er es 
nannte, ju fd^reiben, felbft in glätten, wo feine 
©pmpatl^ien aufeer ©piel waren. ®r fonnte bie 
©d^mal^fderift eines ©imon Semniuö gegen Sutlier 
fo weit entfd^utbigen, afe er gefunben, baß Sutl^erö 
ungered^te unb gel^äffige aSerfoIgung ben 3ötn be§ 
SRanneö gereijt l^atte ; er t^ertl^eibigt^ ben ©pd^läuö 
gegen ben fatfd^en SSorwurf, bafe ein unbegrünbeter 
unb nad^mafe oft wieberl^olter 9lngriff wiber Sutl^erö 



45 



Slbla^ftreit von ll^m ausgegangen fei ; er tooHte ein 
aJligDerftänbnig nid^t befiel^en laffen, weld^eö bem 
ißieron^muö ßarbanuö üorroarf, in einer feiner 
©d^riften bie d^riftlid^e SReligion l^erabgeraürbigt ju 
f)aim. ^anbelte eö fid^ aber um einen gried^ifd^en 
ober römifd^en ©id^ter, ben er liebte, um ben 
€l^arafter bJö ^oraj wiber falfd^e SBefd^ulbigungen, 
ober nm bie ©ebid^te beö ^oraj unb ^^l^eofrit gegen= 
über ben etenben Ueberfefeungen ber Sänge unb 
Siebertül^n, fo fam, toie namentlid^ in ben beiben 
legten gäHen, ju ber Suft ber SRettung ber B^ni, 
ber fid^ x)erni(^tenb auslief. „3n Slnfel^ung ber 
alten ©d^riftfteller/' fd^rieb er gelegentlid^ einem 
greunbe, „bin id^ ein realerer irrenber SRitter, bie 
©alle läuft mir gleid^ über, wenn id^ fel^e, bafe 
man fie fo iämmerlid^ mi^anbelt." — 3Ran l^at 
es neuerbingd unferem Seffing in ^Rettungen l^ie 
unb ba nad[)tl^un motten unb fid^ babei nid^t feiten 
in ben Dbjecten unb in ber SUJetl^obe »ergriffen. 
®en aJlol^ren rettet man nid^t, menn man ilin meife 
mäfd^t, unb ben 2^iberiuö unb SRero nid^t, menn 
tnan fie tugenbl^aft mad^t. ®iefe 2lrt ju retten 
erinnert an unmirffameö gledEmajf er ; eä fielet f o aus, 
äIö ob bie gledEen oerfd^munben mären unb nad^ 



46 



fünf aRinuten finb fie töieber ba! Sei Seffittgä 
^Rettungen Iianbclt cö fid^ nie um bcn ®ffcct cine^ 
Äunftftüd es ober eine tl^eatralif d^e Slenbung, f onbem 
bloö um bie ©acä^e bet SBal^rl^eit. 

®iefe SQ3al^rl^eit§Iuft , biefer offene unb l^elle 
aSerftanb, ber bie Singe in ifirem eigenen Sid&t, in 
il^rer natürlid^en 33efd^affenl^eit ju feigen begel^rt 
unb fielet, biefer „©eierbßd", wie SBofe eö nannte, 
mad^t au§ bem Siterator ben pl^ilofopl^ijd^en Äopf, 
ben grojsen für alle S^ten porbilbUd^en Äritifer. 
Um un§ üon ber fremblanbifd^en, romanifd^en, inä- 
befonbere franjöfifd^en SRenaiffance ju befreien, oon 
ber Seffing in feinen Anfängen felbft abhängig war, 
mußten wir roieber unb in einer neuen, oon ber 
bisherigen ganj oerfd^iebenen Slrt auf bie Duellen 
jener gefammten SBilbung, baö älltertl^um fetbft unb 
feine DriginatoerJe in Äunfi unb ^poefie l^ingen)iefen 
nierben, nid^t in SßJeife ber ©d^uljud^t unb Änaben- 
biöcipHn, um als „junge ©elel^rte" ju glänjen, 
f onbem um jene SQBerle poetifd^ ju erfennen, in 
unferer eigenen ®mpfinbung unb ^l^antafie ju er- 
leben unb mit bem Oeniud beö SKtertl^umö auf 



47 



gletd^cn 3=u^ jii fommcn. 3Bie einft bcr fird^Itd^en 
2^rabition unb bem romanifirtcn e^riftentl^um t)ort 
©eiten ber beutfd^en Slcformation 3lcligion unb 
Sibel cntgcgcngefefct würben, fo wirb jefet jur 
aßiebcrgcburt bcr beutfd^en Sitcratur baö gricd^ifd^e 
unb römifd^c 3Ktertl^um fetbft bcr nculateinifd^en 
unb romanifd^cn SRcnatffancc ate 3florm unb 3iiä)U 
fd^nur gcgcnübergeftcllt. Unb ba fid^ bic römifd^e 
fficificöbUbung auf bic gried^ifd^c grünbct, fo fott 
bcr bcutfd^c (Seift bie J^ellenifd^cn Driginalroerfe 
in Äunfl unb ^poefic auf congcnialc Slrt burd^- 
bringen, nm mit äl^nlid^en b. 1^. eigenften Gräften 
fd^affen ju f&nnen. ©tatt ber S^rabition foll bic 
DueHe, ftatt bcr Gopie baß Urbitb, ftatt ber 5Rad^s 
al^mung bas Original, ftatt ber ©d^ule bcr SKciftcr 
gelten. Dem 3Keifter fommt man nur gteid^ burd^ 
eigene 3Keifterfd^aft, bem Originale nur bann, wenn 
man felbft original wirb ober ift. 35ie ganje SBelt^ 
cultur ber SRcnaiffance ifl auf biefeö S^d angelegt 
unb würbe nid^t ben $Ramcn ber l^umaniftifd^eu 
©rjicl^ung unb SBilbung t)erbienen, wenn il^re 
g^rüd&te nur im S^reibl^aufe bcr ©d^ulc gejüd^tet 
unb nid^t, wie bie SQScrfc bcr (Sried^en fetbft, am 
Saume beö ZeheM wad^fen unb reifen folltcn. 



/ 

/ 



48 



216er mit bcn 3Kitteln einer ererbten unb übers 
lieferten Silbung allein läfet [xä) biefeö Qid nid^t 
erreid^en; eö finb unabtiängige, nid^t burd^ 3Ser- 
erbung gebunbene, fonbern freie unb eigenartige 
Jiaturfräfte beö ©eifteö baju nötl^ig : ein S80H, baö 
fraft feiner ©prad^e unb ©ntroidflung bem römifd^en 
SHtertl^unt gegenüber freier unb felbftdnbiger bleibt, 
afe bie romanifd^en ^Rationen, bie ®rben ber la^ 
teinifd^en ©prad^e unb Silbung. 2)arum waren 
bie germanifd^en 3SöIfer unb vor aUm baß beutfd^e, 
weil eö baö mäd^tigfte ift, berufen, jene SQSeltaufs 
gäbe ber SRenaiffance ju löfen : mit bem l^ettenifd^en 
©eift eine eigenartige beutfd^e, t)on ber lateinifd^en 
3:^rabition unabl^ängige SBerbinbung einjugel^en unb 
burd^ eine neue 3lrt ber 5Wa(^a]^mung, bie aufl^ört 
SRad^al^mung ju fein, bie eigene Originalität ju 
befräftigen. 2)ie§ ift bie SRad^al^mung, bie SBindfet 
mann unb Seffing üerfünbeten, ber SBeg, ben fie 
brad^en unb vorangingen, bie unt)ergänglid^e ©eifteö^ 
t|)at, bie il^ren europäifd^en 9iul^m auömad^t. 2Baä 
©injelne mit $oraj unb Slnafreon fpielenb unb 
tänbelnb t)erfud^t liaben, mit biefen S)id^tern mie 
mit g^reunben ju Üben: baö fottte im ^inblidf auf 
baö gefammte gried&ifd^e 3lltertl^um, auf bie Original 



49 



werfe ber Hellenen in Äunft unb 5ßoefie burd^ eine 
tiefe, wal^rl^aft lebenbige unb nad^fd^affenbe ®r- 
fenntnig berfelben erfüllt werben. ©leid^ im ©in:: 
gange feiner erften ©d^rift erflärte SBind elmann : 
„2)er einjige 3Beg für nm, gro§, ja, wenn eö 
ntögüd^ ift, unnad^al^mlid^ ju werben, ift bie 
SRad^al^mung ber Sllten, unb was jemanb ryon fionter 
gefagt, bafe berjenige il^n bewunbere, ber il^n wol^l 
x)erfte]^en gelernt, gilt aud^ von ben Äunftwerfen 
ber Sllten, befonberö ber ©ried^en. aWan mu§ 
mit il^nen, wie mit feinem greunbe befannt 
geworben fein, um benSaofoon eben fo unnad^^ 
al^mlid^ als ben Corner ju finben. ^n fold^er ge^ 
nauen SBefanntfc^aft wirb man wie SRifomad^oö von 
ber Helena bes S^wyiä urtl^eilen: „SJimm meine 
Slugen", fagte er ju einem Unwiffenben, ber bas SBilb 
tabeln wollte, „fo wirb fie bir eine ©öttin erf (feinen." 
2)aä 3trf, baö wir erreid^en follten, lä^t fid^ 
mit wenigen SBorten auf bad Älarfte erleud^ten. 
©oetl^e ift oft unb mit SRed^t eine l^eHenifd^e 5Ratur 
genannt worben, er war eö ol^ne alle ©d^ute 
gried^ifd^er ©elel^rfamfeit. ©l^afefpeare war feine 
l^ellenifd^e 3latur unb fein gried^ifd^ ©elel^rter, aber 
burd^ ba§ ©enie unb bie 9Kad^t feiner ©d^öpfungen 

ftuno ^i]äitx, &. 6. Sefflng. L 4 



50 



ein bctt SKIten ebenbürtiger S)id^ter. 2)enn bie 
35ern)anbtfd^aft fd^öpferifd^er SRatnren ift aUemal 
größer unb echter, ate aUt burd^ bie ©d^ule ge= 
mad^te unb erfünftelte 3lel^nlid^feit. S)iefe in ber 
Originalität unb im ®enie begrünbete SSerroanbt^ 
fd^aft erfannte fieffing unb wies barum jugleic^ auf 
bie Sitten unb ©l^afefpeare. „^enn ein ®enie fann 
nur an einem ®enie entjünbet werben unb am 
leid&teften an fo einem, ba§ alles bloö ber Jlatur 
ju banfen ju l^aben fd^eint unb burd^ bie mül^fame 
aSollfommenl^eit ber Äunft nid^t abf d^redft." .„3iad^ 
bem Debipuö beö ©opfioMeö mu§ in ber Sffielt fein 
Btüä mel^r ©ewalt über unfere Seibenfd^aften l^aben, 
afe Dtl^ello, alö Äönig Sear, ate Hamlet u. f. w." 
— SBir werben ben ©ried^en unb Sl^afefpeare 
gleid^fommen, nid^t wenn wir fie nad^äffen, fonbern 
wenn wir finb, wie jene waren, b. ^. wenn wir in 
unferer eigenften Slrt bleiben unb barfteHen, wa§ 
wir finb unb erleben. S)as ift bie SBebeutung ber 
nationalen S)id^tung, bie Seffing geforbert unb ge^ 
leiftet l^at, ber Sffieg, ben er bem beutfd^en ©eniuö 
jeigte; biefer ift il^m gefolgt „unb auf ber ©pur 
ber ©ried^en unb beö 33riten ift er bem befferen 
SRulime nad^gefd^ritten". 



51 



4. §tx ^^ihfnplj. 

3!)ic Unterf(^eibung j«)if(^en Driginatoerf unb 
3la(^al^mun8 , jmfd^en entern unb uned^tem Äunffc 
werf, xoQi)xem unb falfd^em 3Serftänbmfe ber Äunft= 
gefe^e ift bie ©ad^e einer fol($en fritifd^en ©in- 
fid^t, bie nid^t bei bem ©tubium einjetner SBerfe 
jlel^en bleiben fann, fonbern notl^menbig weiter fül^rt. 
Slid^t weit bie Äunftwerfe gried^ifd^er ^erfunft finb, 
follen fie unfer Seitfiern fein — bieö wäre 2luto- 
ritätös unb ©d^utglaube — , fonbern toeil fie im 
l^öd^ften ©inne wafir, b. f), einfa(^ unb naturgemäß 
finb. 35iefe ©infid^t, bie ben Sffieg ju ben legten 
natürK(^en Duetten fu(^t unb nid^t rulit, biö fie 
etttbedCt finb, erleud^tete unferen Seffing unb gab 
feinem fritifd^en ®eift bie Sftid^tung: fie bewog il^n 
t)on ber franjöfifd^en unb römifd^en ^abet jur gried^i= 
fd^en, t)on Lafontaine unb 5pi^äbru§ ju „9lefop", 
t)on ber franjöfifd^en unb römifd^en 2^ragöbie jur 
griec^ifd^en, von ßorneiffe unb ©eneca ju ©opl^o^ 
Ileö, von ber franjöfifd^en Äunftlel^re jur griei^i^ 
fd^en, t)on ber falf(^ t)erftanbenen ^oetif be^ 
3lriftoteleö ju beffen urfunbli(^er £e|ire jurüdfju:^ 
gelten unb biefe in 9lüdffi(^t ber S^ragöbie auö bem 



52 



3Befen ber (Sa^e unb ber Siatur bcr menfd^Hd^cn 
Effecte felbft ju begrünbcn. @r fal^ fid^ üor bie 
^^rage gcftcUt: toorin befielet bic 3?atum)al^rl^eit ber 
Äunft? ®r tttufetc bcr Sad^e auf bcn ©runb 
fomtnen unb ba§ Äunfttücrf aus feinen einfad^ften 
unb urfprünglid^en Sebingungen, aud ber ntenfd^s 
lid^en SRatur felbft erflären unb entftel^en laffen. 
®arin lag bie ^ßrobe ber SRed^nung. 3Bie entfielet bie 
%abd, ba§ ©pigramm, baä ®rama, bie 2^ragöbie? 
SBie unterfd^eibet fid^ bie ^anblung, weld^e bie 
grabet erjäl^It, t)on ber epifd^en unb bramatif d^en ? 
2Bie unterfd^eiben fid^ fraft il^rer natürlid^en SBe* 
bingungen bie bilbenbe unb bid^tenbe Äunft, 3Raterei 
unb 5ßoefie? ®ied finb bie g^ragen, bie fieffing, 
immer meiter unb tiefer einbringenb, in feinen 
Slbl^anblungen über gabel unb ©inngebid^t, in feinem 
Saofoon unb ber Dramaturgie ju löfen untemal^m, 
nid^t etwa burd^ üorgefd^riebene Siegeln, fonbem fo, 
ba§ auö ber ©ntftel^ung beö Sffierfe, b. 1^. aus feiner 
naturgemäßen ^robuction, bie Siegel l^eroorging unb 
fid^ ergab, wie auö ber ßonftruction beä Äreifeö 
bie Definition biefer ®röße. 

Unb nid^t bloö baö ©ebiet ber Äunft unb Äunft* 
lelire l^at uns Seffing auf biefem SBege unb nad^ 



53 



bicfer SRtd^tfi^nur fritif(^ erleud^tet, t^n bewegten 
aud^ bie religiöf en unb tl^eologifd^en Probleme, 
bie ber ^ßrebigeröfol^n auö Äamenj als t)äterlid^es 
©rbtl^eit in fid^ trug unb bie il^m ftetö roid^tig 
geblieben waren. Slud^ l^ier trieb i^n fein gorf d^ungs= 
geift nad^ ber Duette unb bem Urfprunge be§ reli= 
giöfen Sebenö, bie er julefet in ben 2^iefen ber 
tttenfd^Ud^en SRatur felbft ergrünben mufete. ©r 
(latte (in ber SBreSlauer 3^tt) bie ®ntftel^ung ber 
Äird^enlel^re in i^ren Duetten, ben Äird^enoätern, 
ftubirt, er brang weiter bi§ ju ben erften ®(auben§= 
urfunben ber d^rifttii^en SRettgion unb fud^te burd^ 
eine einfädle unb frud^tbare ^9potIie[e, bie ein 
2)enlmal ber ^^orfd^ung geblieben ift, bie gefd^id^t? 
lid^e ©ntfteliung ber ©üangelien ju erflören. 3lber 
ber (Slaube ift frül^er ate bie ©laubenöurfunbe, bie 
Sieligion frül^er ate bie SBibel, bie aus il^r J^erüor^ 
gel^t, ber religiöfe ©laube frül^er als ber ©d^rift^ 
glaube, auf bem bie lutl^erifd^e Ortl^obofie, als 
il^rem lefeten g^unbament, ftanb unb (teilen bleiben 
wottte. iQier entjünbete fid^ ber ©treit jwifd^en 
Seffing unb bem Hamburger ^paflor ©oeje. ®a§ 
alte 2;eftament ift frül^er.ate baö neue, bie jübifd^e 
Sfteligion frül^er ate bie d^riftli(^e, unb ba§ religiöfe 



54 



35ebürfni§ ber 3Kcnfd^cnnatur, bic ungcfc^ricbcne 
Slcligion bcö Qexitn^ frül^ct afe bie fd^riftlid^en 
Dff enbatungöurfunben , als bic Qt\^id^tix^m unb 
:pofitit)en formen bct in ber 3BcIt l^errfd^cnben 
Sleligionen. 35ie lefetc unb tieffte g^rage tl^at fid^ 
auf: iDorin befielet baö Söefcn ber SReügion unb 
il^rer ©efi^id^te? 2öie oerljält fid^ bie SReligion 
ju ben ^Religionen? 35iefefönnen nid^tö anbereä 
fein ate bie fortfd^reitenbe Sluöbilbung unb @nt 
TDidlung ber roal^ren ^Religion, afö bie aHmäl^ttd^ 
fortfd^reitenbe ©rjiel^ung ber 9Kenfd^l^eit nad^ einem 
göttüd^en SBeltplan. ®en ©ebanfen auöjufül^ren, 
fd^rieb Seffing eine feiner tieffinnigften ©d^riften, 
bie lefete, bie er l^erauägab: „3!)ie ©rjie^ung 
be§ 3Jlenfd^engefd^led^t§". Um aber ber 2Belt 
in ber ergreifenbften unb populärften gorm ju 
fagen, waö er unter Sieligion unb religiöfer ©r^ 
jiel^ung x)erftel^e, betrat er jum tefeten 3Jial feine 
alteÄanjel, baß Stiieater, unb x)oIlenbete „SR at^ an 
ben SBeifen". 

®er grofee Siterator unb Äritifer wäre nie ber 
3ieformator unferer ^oefie geworben, wäre er nid^t 



55 



fclbfi ein ^oet gcroefcn, bcr bic cinbringenbe unb 
erfd^ütternbe Äraft beä bramatifiä^cn SBcrmögcnö 
befafe: ein bramatifd^er ©Id^tcr unb ein ^^J^eater^ 
bid^ter. ©efecn toir glcid^ liinju, er toäre aud^ nie 
ber grofee Ärititer gewefen, ol^ne ein fol(^er 35id^ter 
ju fein, ißier liegt in Äeffingö refomtatorifd^er 
Sebeutung baä entfd^eibenbe ®eu)id^t. SBor il^m 
eine 5ßoetif ol^ne ^oefie, ballet eine ol^nmäd^tige, 
benn bie 2)id^tung entfielet nid^t aus Siegeln unb 
fommt nid^t au§ Sudlern; t)or il^m eine ^poefie, 
aber tl^eife eine geringfügige unb nur in ber Keinen 
SBelt einl^eintifd^e, bie fid^ in Siebem, g^abeln, ©r^ 
jöl^lungen befriebigen fonnte, tl^eite eine fd^wung^ 
t)otte unb erl^abene, wie Älopftodfö aKufe, ber aber 
bie bramatifd^e Äraft unb ber ©inn für bie refor= 
matorifd^e Stuf gäbe unferer Literatur, bie wal^re 
®rfenntniJ5 beffen fel^Ite, waö eine nationale S)id^- 
tung leiften fottte! 3^^^ ^^ft^" 3Jial in fieffing 
ergreifen fid^ beibe ^actoren: 3)id^tung unb Äritif, 
5poefie unb 5ßoeti!; il^r 5ßrobuct ift bie reforma« 
torifd^e 2^at. 3l^r bisl^erigeö aSerl^ältni^ wirb von 
®runb aus geänbert: bie ^oefie mad^t bie ^ßoetif, 
baö Oenie ntad^t bie Siegel, nid^t umgelel^rt. S^er- 
felbe 3Jlann ift 2)id^ter unb Äritifer jugleid^; er 



56 



begreift, roas er t^ut, unb erfüllt, Tt)a§ er forbert. 
5Rie ift bie aBed^felmirfung jmfd^en ©id^tung unb 
®infid^t, jtoifd^en SßoIIbringen unb Sffiiffen im ©e^ 
biete ber ^oefie intimer unb fruchtbarer geroefen, 
als in bief em einzigen fieffing ; i^ wenigftenö roü^U 
feinen, ber bei einer fotd^en ®emüt]^ö= unb ©eifteö* 
tiefe fid^ fo biß auf ben ®runb burd^f(^aut l^at, 
als er. fieffing ber Äritifer ift ber fid^ felbft flare, 
einleud^tenbe , fein eigenes ©d^affen DöHig burd^^ 
f(^auenbe Siid^ter. 

©el^en wir nur, wie feine SBerfe, bie poetif(^en 
unb Iritifd^en, roed^felfeitig in einanber greifen, 
©rft bie gabelbid^tung , bann feine Slbl^anblungen 
über bie gäbet; erft feine ©inngebid^te , bann bie 
aibl^anblung über ba§ ©pigramm; erft bie ©ara, 
bann feine 83riefe an SRicoIai unb SKenbetefol^n, 
worin er bie \tntm S^rauerfpiel gemäjse Sffiirfung, 
bad 5(WitIeib, als bie roal^rl^aft tragifd^e ju begrünben 
fud^t; erft bie aWinna t)on Sarnl^elm unb bie in 
i^rer älteften gorm fd^on auögefül^rte @milia ©atotti, 
bann bie Dramaturgie; felbft ber ©ntmurf jum 
3lat]^an ift mit '^a^xe frül^er alö bie tl^eologifd^en 
kämpfe unb bie fritif(^en Unterfud^ungen über 
SReligion unb Gl^rifientl^um. 3)od^ übte aud^ bie 



57 



Ärttif einen wefentlid^en erjeugenben Einfluß auf 
feine ©iiä^tung, benn bie poetifd^e SlufgaBe war il^m 
ganj Hat unb würbe von il^m fejlgeftettt, beoor 
er fie löfie. @o l^atte er bie ^ftotl^wenbigfeit be^ 
bürgerlichen ^rauerfpiefö begrünbet, el^e er in feiner 
©ara bas erfte beutfd^e 3Ber! biefer Slrt auöfül^rte; 
er l^atte in feinen Siteraturbriefen baö nationale- 
3)rama geforbert, bevor er in ber 3Kinna t)on Sam^ 
i^elm felbfl bie ©ad^e im SBerf fefete; bie jioeite 
^Bearbeitung ber @miüa ©alotti folgt ber 3)rama= 
turgie, bie SBoHenbung beö 5Ratl^an folgt bem 
Sintis® oeje. 

6* §tv gtrtttJtn: «nli f trirter. 

2)a§ Sefftngö bid^terifd^e 2^Wtigfeit üöHig im 
6rleud^tung§freife feines SBeroufetfeinö oor fid^ ging 
unb in biefem Sid^te gebiel^, bag er x)oIlfommen 
n)ul5te, waö er tl^at: barin beftelit fein ß^arafter 
ate 5poet unb jugleid^ eine ber wefentlid^ften SBe- 
bingungen jur ©rfüHung feines reformatorifd^en 
Serufs. 2Bas ©infid^t unb l^öd^fte ®eifteö!lar]^eit 
einem poetifd^en SSBerfe oerleil^en fönnen, fam feiner 
©id^tung ju @nte ; was in ber ©eburt eines Äunft 
n)er!s, in ber f(^affenben ^l^antafie eines 35id^ters 



58 



bic ©onncnl^elle ber ©rfenntmjs unb SRcflejion nid^t 
verträgt, mufetc il^r f eitlen, ^tnn ber poetifd^c 
©d^öpfungäbrang fo tnäd^tig ift, bajs er alle übrigen 
©eifteöoermögen bel^errfd^t unb ba§ eigene Senjulst^ 
fein foweit überwältigt, baJ3 biefem baö freie nnb 
unbefangene 3«f^^^« x)erge]^t; wenn ber S^P^nb 
beö ©id^terö jene SBegeifterung fein foll, bie man 
ben göttlid^en SBal^nfinn genannt l^at: fo l^atte 
Seffingö ©id^terfeaft eine fold^e Oeroalt nid^t. ®e= 
l^ört e§ }um 6liarafter beö ©enieö, bajs feine 
3iatur ntäd^tiger ift, alö feine SRefleEion, unb feine 
©d^öpfungen tiefer entfpringen, al§ atteä Sewußt^ 
fein: fo war Seffing ein fold^eä 35id^tergenie nid^t 
unb burfte e§ nid^t fein ber Slufgabe gegenüber, 
bie er löfen follte. 3la^ einem befannten, auö ber 
eigenften ©rfal^rung gefd^öpften 2luöfpru(^e Ooetl^eö 
l^at iebe§ geniale ©ebid^t etwaö 2)unfles; eö ent- 
l^ält, „toaö t)on SUfenfd^en nid^t gewußt ober nid^t 
bebad^t, bur(^ ba§ Äab^rintl^ ber SBruft toanbelt in 
ber SRad^t". ®iefe§ magifd^e S)unfel fel^It in £ef= 
flngö Siatur unb feinen SBerfen. SRiemanb tou^te 
bas beffer, ate er felbft, er fannte bie SRad^t beä 
©enieö, wufete, ba§ Sßorbilb unb SRegel aus il^m 
l^eroorgel^en ; bafe feine Siegel baö Oenie mad^t. 



59 



feine baffelbe erfefet, tool^I aber, toenn es bie ed^te 
Siegel unb baö rid^tlge ftunftoetftänbnife ift, bie SBege 
beä ©enieö ju erleud^ten unb feine 2Ber!e bat)or 
ju fd^üften Dermag, [i^ an ber SEBal^rl^eit ber 
SR a tut JU t)erfänbigen : ba§ in biefent ©inn felbft 
ber weniger geniale 2)i(ä^ter ber beffere fein !ann. 
S)arum ifi eö eien fo tl^örid^t, bem®i(ä^ter bie 
Siegel t)Ot^uf d^reiben , al§ im SUamen beö ©enieö 
aller Siegel ben Ärieg ju erflären. Seffing l^atte 
©ottfd^eb unb beffen ©d^ule vor fid^, als er begann; 
er prte fd^on ba§ ©efd^rei ber Stürmer unb 
©ränger, als er jwanjig "^aüfve fpäter feine ©rama* 
turgie fd^rieb. „2Bir l^aben, bem Fimmel fei S)anl, 
jefet ein ©efd^led^t t)on Äritifem, beren befte Äritif 
barin beftelit, atte 5lritif t)erbäd^tig ju mad^en. 
®enie ! Oenie ! f d^reien fie, baö ®enie f efet fid^ über 
atte Siegeln l^inweg! SBa§ baö ®enie mad^t, ift 
Siegel! S)ie Siegeln unterbrüdfen ba§ ®enie! Site 
ob fid^ baö ®enie burd^ etraad in ber 2Belt untere: 
brüdfen liefee! Unb nod^ baju burd^ etwas, baö, 
wie fie felbft geftel^en, aus il^m l^ergeleitet ift. 
Slii^t Jeber Äunftrid^ter ift®enie, aber jebeö 
®enie ift ein geborener Äunftrid^ter. 6s l^at 
bie 5probe atter Siegeln in ftd^. @s begreift unb 



60 



bel^ält unb befolgt nur bie, bic i^m feine ©mpfins 
bung in SBorten auöbrüden." 

Unb n)ie Seffing ate S)i(i^ter unb Äritifer fid^ 
felbft beurtl^eilte unb von ber SBelt beurtl^eilt 
roiffen wollte, l^at er am ©d^Iuffe ber Dramaturgie 
in einem 33efenntnife au§gefpro($en, baö in feiner 
erliabenen 93efd^eibenl^eit bie fogenannten ®enie§ 
nieberfd^Iagen unb bef($ämen müfete, wenn fie il^re 
SBerfe mit ben feinigen x)ergleid^en. „3<^ bin weber 
©d^aufpieler no($ 2)i($ter. 9Kan erroeifi mir jroar 
mand^mal bie ®l^re, mid^ für ben lefeteren ju er= 
fennen, aber nur, weil man mid^ t)er!ennt. " 9lu§ 
einigen bramatif(^en Sßerfud^en, bie id^ gema(^t 
l^abe, foHte man nid^t fo freigebig folgern. 9lid^t 
Jeber, ber ben 5pinfel in bie ^anb nimmt unb 
3^arben üerquiftet, ift ein SUialer. 2)ie älteften oon 
jenen aSerfu(^en finb in ben gal^ren gefd^rieben, in 
weld^en man Suft unb fieid^tlebigfeit fo gern für 
©enie l^ält. SBaö in ben neueren 6rträglid^e§ ifl, 
baoon bin id^ mir felir ben)uj3t, ba§ id^ eö einjig 
unb allein ber Äritif ju t)erbanfen tiabe. 3d^ fül^le ' 
bie lebenbige Duelle nid^t in mir, bie burd^ eigene 
Äraft fid^ emporarbeitet, bie burd^ eigene Äraft in 
fo reid^en, fo frifd^en, fo reinen ©tral^len auffd^iefet: 



61 



i^ tnufe Sllleö burd^ 5Dni(fn)er! unb SRö^rcn aus 
mir l^eraufpreffen. ^^ würbe fo arm, fo fatt, fo 
furjfid^tig fein, wenn id^ ntd^t einigermaßen gelernt 
l^ättf, frembe ©(ä^äfee befd^eiben ju borgen, an 
frembem geuer mid^ ju wärmen unb bur(^ bie 
©täfer ber Äunft mein 2luge ju ftärfen. 3d^ bin ba^ 
l^er immer befd^ämt unb uerbrie^Ud^ geworben, n^cnn 
id^ jum SRad^tl^eil ber Äritif etmaä laö ober l^örte. 
©ie foH ba§ ©enie erftidfen unb id^ fd^meid^elte 
mir, etwas t)on il^r ju erl^alten, baö bem ®enie 
fel^r nal^e fommt. 3d^ bin ein Sal^mer, ben 
eine ©d^mäl^fd^rift auf bie ÄrüdEe unmögtid^ erbauen 
fann." 

gaffen wiräHeö jufammen, um furj ju fagen, 
auf wetd^e 3lrt in bem Sleformator unferer Siteratur 
ber fritifd^e Äopf unb ber 2)id^ter Dereinigt finb. 
@s ift ber ©tanbpunft ber poetifd^en, probuc^ 
tioen genialen ^ritif, ben Seffing begrünbet 
unb in feiner ^perfon gleid^fam tjorbilblid^ t)erförpert 
l^at: ber Äritif, bie bas ©enie ni(^t erjeugt, aber 
erfennt unb erjiel^t, nid^t mad^t, aber beffer mad^t 
unb t)om falfd^en SEBege auf ben rid^tigen, t)on ber 
Unnatur jur SHatur fül^rt. 

- „Äeine Station l^at bie ^Regeln beö alten S!)ramas * 



62 

} mel^r t)crlannt, ate bic granjofen." „3^ toage c§, 
l^ter eine Slcu^crung ju tl^un, mag man fie boä) 
ncl^mctt, wofür man mitt! SRan nenne mir 
ba§ ©tüd beö großen Gorneille, baö i^ 
nid^t beffer mad^en wollte. SBaö gilt bie 
SBette? 3)od^ nein, i^ wollte nid^t gern, bajg man 
bief0 3leufeerung für ^ral^lerei nel^men fönne. ^Ran 
mer!e alfo mol^l, maß iä) l^injwfefee: i^ werbe eö 
juoerldffig beffer mad^en unb bod^ lange fein 6or» 
neitte fein unb bod^ lange nod^ fein 3Weijlerftüdf 
gemad^t |iaben. 3d^ werbe eö juoerläffig beffer 
mad^en unb mir bod^ nur wenig barauf einbilben 

J bürfen. 3d^ ^^i^^ ^td^tö getlian liaben, alö was 

. jeber tliun fann, ber fo feft an ben Slriftoteleö 

[ glaubt, wie id^." 

6ö ift fein Slutoritätöglaube, auf ben er pod^t ; 
fonft wäre eä wolilfeil, ein Seffing ju fein. Um 
an ben Slriftoteleö ju glauben, wie er, mu§ man 
ben 2lriftoteleö fo oerftanben unb feine ßelire von 
ber 2^ragöbie fo aus ber Slatur beglaubigt liaben, 
wie Seffing wollte, unb baju gel^ört nid^t weniger 
ate ein fold^er Äritifer unb ein fold^er S)id^ter. 
2ln Slriftoteleö im ©inne Seffingö glauben l^eijst 
übcrjeugt fein, ba^ niemanb bie Sßaturgefefee ber 



63 



XxaQöbk rid^tigcr erfannt l^ot, afe ber gricd^ifd^e 
^l^ilofop^, unb burd^ eine falfd^e äuffaffung be§ 
leiteten niemanb fie tnel^r oerfannt l^at, als bie 
granjofen. 3n ber ©rfenntmfe jener ©efefee liegt 
baö @mx^t ber ©ad^e, bie wir im g^ortgange 
unferer SSetrad^tungen an einer fpäteren ©teile 
nöl^er erföutern werben. 

Site Seffing in feiner S)ramaturgie biefe merf- 
ttJürbigen ©elbftbefenntniffe gab, worin er feine 
fritif($e ©infid^t fo f)oS), fein poetifd^eö @enie fo 
gering anfd^tägt, l^atte er Wxina von Sarnl^etni 
gebid^tet, unb baä ©tüdf l^atte foeben auf. bem 
2:i^eater feine ®po(^e gemad^t. SBenn er von bie^ 
f er Siid^tung fagen fonnte: „id^ t)erbanfe fie einjig 
unb allein ber Äritif", fo mufete freilid^ feiner 6in= 
fid^t eine Äraft inrool^nen, „bie bem ®enie fel^r 
nal^e fam". SEBir werben biefe Äraft aus il^rem 
SBerfe fennen lernen, ©o oiel ift' gemi§, bajs bie 
Älarl^eit feineö ®eiftes nod^ gewaltiger war ate bie 
9Rad^t ber S)id^tung, bie nad^ bem ©d^iller'f(^en 
SBort „aus nie entbedften Duellen" l^eroorbrid^t. 
©0 mu§te ber Äopf bef(^affen fein, bem bie beutf(^e 



64 



Sitcratur bic grofee aWiffion anvertraut l^atte, fie ju 
erneuen, umjuwanbetn unb il^re SSege weit l^inauö 
ju erleud^ten. 3n biefer feiner föniglid^en Äraft 
einer probuctioen Äritif, einer frud^tbaren erjeugen- 
ben ©infid^t, eineö Sid^teö, baö überall, too eö ^in 
fd^eint, &eien erfennt, wedft unb entfaltet, ift Sef^ 
fing ein unerreid^teö SBorbilb. 3d& füge ju ber 
©d^ilberung feined reformatorifd^en ©l^arafterö ben 
lefeten 3ug, ber baö 33ilb uoQenbet, unb in roeld^em 
alle Gräfte, bie wir erfannt l^aben, jufammennjirfen. 
SQSaö ©oetl^e im ^inblidf auf bie Q^ranjofen von 
aSoltaire gefagt l^at, er fei ber benfbar l^öd^fte 
©d^riftfteHer feiner Station, gilt für unfer eigenes 
aSolf t)on Seffing: er ift ber größte beutfd^e 
©d^riftfteller. 

3n ber Äraft feiner ©d^reibart, bie .üoHfommen 
3?atur ifi unb gar nid^tö ©rfünftelteö l^at, t)ereinigen 
fid^ alle Äräfte, über bie er verfügt. 3lux wer 
biefe 3Wittel fämmtlid^ befafe, fonnte im ©tanbe 
fein, fo }u fd^reiben, wie er. ^at il^m baö magifd^e 
2)unfel gefel^lt, fo waren il^m bafür alle 3^1^^^^ 
ber Älarl^eit üerliefien, wie feinem jweiten. S^ber, 
ber für bie SBirfungen einer fold^en Älarl^eit em^ 
pfänglid^ ift — wer foHte es nid^t fein? — mu§. 



65 



wenn et Seffing rcbcn l^ört, bcn ©inbrurf l^abcn: 
e§ ift bie Ätaft felbfi! Um ein fold^er (Bä)n^U 
fteHer fein ju !önnen, mußte ßeffing ein folci^er 
fiiterator, ein fold^er Äritifer, ein fold^er ^l^ilofopl^, 
ein fol(ä^er ^^Joet fein. 5Rut anö bem fpielenben 
3ufammenn)ir!en affer biefer J?räfte entfielet fein 
unnad^al^mlid^er ©til. ®ö ifi nid^t genug, ba§ er 
eine fo umfaffenbe 33elefenl^eit, einen fotd^en SReicä^- 
tl^um geleierter Äenntniffe, eine foI($e fjüffe bebeu^ 
tenber unb fidlerer aSorfteffungen erworben i)at unb 
befifet; fie ftel^en Döffig in feinem S)ienft unb ge- 
l^ord^en feinem SBinf, wie bie 2^ruppen bem g^elb^ 
l^errn; unter ber ^errfd^aft feiner g^eber orbnen 
fid^ bie 5Borfteffung§maffen, bie er brandet, leidet 
unb jroangloö, jebe Sbee erfd^eint ftetö an bem 
Drt, tt)o fie il^re t)offe SBirfung tl^ut. ©eine ^av- 
fteffung nimmt nid^t ben gewöl^nttdeen Sel^rgang, 
ber etwas fertig ©ebad^tes überliefert, fid^ langfam 
f ortfd^Ieppt unb ben Sef er mitermübet : er fül^rt unö 
ben 2Beg ber eigenen ©el6ftt)erftänbigimg unb läjst 
unö mitfud^en unb mitfinben, bafe mir bei jebem 
©d^ritt nm erfrifd^t fül^Ien, mie bei einer l^errlid^en 
aBanberung burd^ immer neue 3Iu§fi(^ten ober in 
bem belebteften ©efpräd^ burd^ ben frud^tbaren 

Äuno 3rifd^et, ®. 6. Sefflng. I. 5 



66 



aSei^fcl her Sbeen. ©ein Renten ift ein bcftänbiöcö 
^Prüfen, er ftettt \i^ bie grage, fud^t unb ftnbet bte 
3lnttt)ort, ntad&t fid^ bie ©intoürfe, bie neue fjragen 
I)ert)orrufen. 2)ie Unterfud^ungen, bie er fül^rt, 
finb n)ie baö lebenbigfte ©elbftgefpräd^ ; er brau(ä&t 
nur bie Slollen ju Dertl^eiten, unb.eö entfielt ber 
natürliij^fte ©ialog. 2)arum xoav ber S)ialog 
feine ©tärf e, aud^ im ®rama ; nie ift bie Äunft beä 
3n)iegefpräd^§ fo Iei(^t unb natürlid^ geübt n)orben, 
n)ie von ifim, ber fid^ mit einer berounberungö- 
mürbigen geinl^eit aller ber ®änge unb unroillfür:: 
lid^en SBenbungen bewußt mar, bie ber natürlid^e 
glufe eineö ©efpräd^ö brandet unb finbet. 

S5ie ®eutHd^!eit ber Sbeen ©erlangt bie ©d^ärfe 
ber ©egenfäfee, bie in ber epigrammatifd^en gorm 
fid^ il^ren mirffamften 2luöbrudf giebt, unb baö ®pi= 
g r a m m mar red^t eigentüd^ £ef fingä poetif d^e Sßir= 
tuofität, eö bilbet ben ©runbd^arafter feiner ©ebid^te, 
aud^ berjenigen, bie nid^t fo l^eifeen. ©elbft ,,bie 
Äüffe", bie er fid^ münf(^t, mie bie ^^reunbe, für 
bie feine Sieber beftimmt finb, merben burd^ 3lnti= 
tl)efen befungen. Unb ift baö S^d^iu\> ,,@eftem 
Srüber, fönnt il^r^ö glauben — " nid^t jugleid^ ein 
bei^enbeö ®pigramm auf ben 2:ob unb bie profi= 



67 



tablcn Slcrjte? S)cr Xoi Iiajst bie Sebenöluft, aber 
gönnt fic bcm roerbenben 3Kebiciner! 3(^ erinnere 
an bie befannten unb treffenben ©pigramme auf 
ajoltaire unb ben Suben Stbral^am ^irfd^el, auf 
Oottfd^eb unb ©d^önaid^, auf Älopftod unb Seffing^ 
jene 3lntitl^efe, womit bie ©inngebid^te beö festeren 
i^re Sefer begrüjsen: „SBer wirb nid^t einen Ätop= 
ftod loben, bod^ wirb il)n jeber tefen? SRein! Sffiir 
woHen weniger erlioben unb fleißiger gelefen fein!" 
3)ie Älarl^eit beö 2)en!enö, um in il^rer votiert 
©tarfe ju wirfen, bebarf ber bitbtid^en 9lnfd^auung, 
bie unfere 5p^antafie mit einer öl^nlid^en ltcber= 
jeugungslraft ergreift, ate bie tf)atfäd^(id^e ®egen= 
wart beö Objecto unfere Sinne. 2^iefe, Kare unb 
beutÜd^e 33orfieIIungen ju erzeugen, ift bie ©adE)e 
be§ ^pi^ilofopl^en unb fritifd^en S)enlerö; 9lnfd^au= 
ungen unb Silber ju erfinben, roeld^e bie Sbeen 
üerförpern unb uns in ber fajsüd^ften ®rfd^einung 
t)or Sluge'n ftellen, ift ein SBerf beö 5ßoeten. Sef:: 
fing vereinigt beibeö. @r ift in biefer 5ßereinigung 
üoHfommen einjig unb unübertroffen. SEBaö er tief= 
finnig gebadet unb auf baö Ätarfte beroiefen l^at, 
eben baffelbe t)erfiel|t er in ber anfd^autid^ften g^orm 
bilblid^ barjuftetten, in ber einfad^ften unb ans 



68 



ntutl^igften fabuUfttfd^ ju crjäl^len unb feine Qx^ 
jäi^Iung fo bramatifd^ ju beleben, bafe wir bie 
Singe vor unö gefd^el^en feigen. SBaö ©dritter in 
feinen Äünftlern von ber SBal^rl^eit gefagt l^at: 
,,2)er änmutl) ©ürtel umgewunben, wirb fie jum 
Äinb, ba§ Äinber fie üerftel^n!" biefeö SBort l^at 
niemanb in l^öl^erem SUla^e unb fiegreid^er erfüllt 
ate Seffing. 2ln ber bewiefenften SBal^rl^eit lann 
man nod^ irre werben, aber wer jweifelt an einer 
fjabel? 3d^ erwäl^ne nur ein Seifpiel, baö größte 
unb bewunberungöTOürbigfte biefer Slrt. ®ie um« 
faffenfcen unb fc^wierigen Unterführungen über baö 
SSeri^ältnife jwifd^en SReligion unb SSibet, ©d^rift- 
glaube unb Äritü, DrtlioboEie unb Slufllärung, baö 
^Problem unb bie Söfung, um bie eö pd^ liier l^an^ 
irelt, erjäl^It ßeffing fpielenb unb in jebem 3"9^ 
treffenb, fo furj unb fo lebenbig als möglid^ in 
jener unoergleid^lid^en „5p ar ab el", womit er ben 
©treit wiber ©oeje eröffnet: ber alte Äönigöpataft, 
an bem Söi^rl^unberte gebaut l^aben, mit feiner felts 
f amen unb regellofen, aber bequemen unb bauer^ 
l^aften Slrd^iteftur; einige ©emäd^er barin, bie por- 
nel^mften, von oben erleud^tet, bie alten ©runbriffe, 
bie t)ermeintlidren Slrd^itefturfenner, bie jebe Seiendes 



69 



tung ber ©runbriffe für ÜWorbbrcnncrci ausgeben; 
ba entfielet plöfett(^ um SKittemad^t fjeuerlärm, jene 
x)ermeintHd^en Äenner beuten nid^t an bie SRettung 
be§ 5ßalafleö, nur an bie ber ©runbriffe, taufen 
bamtt auf bie ©trafee unb fud^en ftreitenb auf bem 
^Papier bie ©teile, tt)o ber ^palafl brennt, ber ju 
®runbe gegangen roäre, wenn er gebrannt l^ätte, 
aber fie l^atten ein 5rtorbIid^t für eine g^eueröbrunfl 
gel^alten ! 

3(i^ rooHte nur anbeuten, wie fid^ in Seffingö 
©d^reibart bie SBermögen beö ®pigrammatiften , beö 
gabelbid^terö, beö bramatifd^en ^ßoeten, be§ geleierten 
fritifd^en unb pj^ilofopl^ifdeen ©enfers üereinigen 
mußten, um jenen unt)ergleideUdeen ©titiften ju 
erjeugen, ber eben fo muftergiltig bleibt ate un- 
erreid^bar. ©old^e Äräfte, bereu jebe burd^ il^re 
aSereinigung mit ben anberen gefteigert wirb, finb 
berufen ju fämpfen unb polemifd^ ju wlrfen: 
ba fie fiegreid^ unb ftetö überlegen finb, muffen fie 
ftreitluftig fein; fie pnb fidlere unb unroiberftel^ttdee 
SBaffen burd^ bie ©ad^e, ber fie bienen, nid^t 
S^eaterfünfte, bie blenben, mie ®oeje feinem ©egner 
t)orn)arf. 3n Seffingö Slntwort i^ören wir ben 
©d^riftfteffer, ben mir gefd&Ubert l^aben: „SBie läd^er^ 



70 



Itd^, bie ^tefc einer SBunbe nid^t bem f(i^arfen, 
fonbern bem blanfen ©d^toerte jufd^reiben ! 2Bie 
läd^erlid^ alfo aud^, bie Uebertegenl^eit, weld^e bie 
SBa^rl^eit einem ©egner über unä giebt, einem 
blenbenben Stile beffelben jufd^reiben! 3d^ fenne 
feinen blenbenben ©tit, ber feinen ©lanj nid^t .Don 
ber Sffia^rl^eit mel^r ober weniger entlel^nt. SBal^rs 
l^eit allein giebt ed^ten ®lanj. 3llfo t)on ber, von 
ber Sffial^rlieit laffen ©ie uns reben unb nid^t 
t)om ©til." 

©0 finb wir hnxä) Seffing felbft auf baö ^^ema 
jurüdgeroiefen, von bem biefe ©arftellung feiner 
reformatorifd^en Sebeutung in ber beutfd^en Sites 
ratur ju l^anbetn l^atte. ^mn bie ^erfteHung ber 
Sßal^rl^eit in unferem 2)enfen unb 5Did^ten war bie 
Slufgabe unb ba§ SBerf feines Sebenö. ®ie beiben 
größeren S)id^ter, bie il^m gefolgt finb, l^aben, ein« 
geben! feiner Äämpfe unb ©iege, Seffing afe ben 
Sld^iUeö ber beutfd^en Siteratur gepriefen: 

S3otmalg im Seben el^tten toir bid^ toie einen bet ®biUx, 
«Run bu tobt Bift; fo l^ettfd^t über hit (Seiftet bcin ®etft! 



PintiÄ vm §üm\itim. 



I. 

©cit ben Siagcn bcr SRenaiffance galt in bet 
Seigre unb aiuäübung ber bramatifd^en 3)id^tfunft 
ein Äanon ber ©intl^eilung, roonaö) bie arten be« 
S)ramaß fid^ wie bie ©tänbe unb Sftangftufen ber 
menfd^Ud^en ©efellfd^aft Derl^alten fottten: dürften 
unb gelben gel^ören nur in bie S^ragöbie, bie bürgere 
lid^e ftlaffe in bie Äontöbie, bie Sauern in baö 
©d^äferfpiel. 3)ie großen 5ßerfonen ber SBelt muffen 
nad^ flanbedgemä^er ^ßoefie emft unb erl^aben, bie 
bürgerlid^en Seute fpafel^aft unb läd^erlid^ erf d^einen ; 
bort entl^üQt bie bramatifd^e Jlunft l^eroifd^e ^anb« 
lungen unb ©d^idffale, l^ier S^i^orl^eiten unb Safier. 
aSas in bem Seben ber dürften unb ißelben nad^ 



74 



getoöl^nUd^cr ober nieberer 3Rcnf(^cnart gefd^icl^t, 
fommt auf ber Sü^nc fo roenig jum SSorfd^cin, 
afe in ber ®tifette ber ^of- unb ©taatäacttonen ; 
tüaä in ber bürgerlid^en SBelt ©rgreifenbeä unb 
©rfd^ütternbeö erlebt wirb, ifi für bie bramatifd^e 
9J?ufe nid^t Dorl^anben unb finbet im ©piegel il^rer 
Äunfi fein 2l6bilb. ®ö war nid^t fd^wer ju ent- 
beden, baj3 ber Snl^alt be§ wirflid^en SebenS in ben 
fteifen formen einer foli^en Äunft nid^t aufgebt. 
Sn bem S5afein ber Orofeen ift nid^t alles l^ol^er 
©ruft, n)ie f i^on ßorneille bemerft l^atte , bie Äönige 
fifeen nid^t mit Ärone unb ©cepter am 5Cifd^, wie 
im ,,gefliefelten Äater"; nod^ weniger befielet baä 
bürgerlid^e Seben in einer Sammlung t^pifd^er 
Sl^orl^eiten unb Safier. ©o l^atten fid^ jwifd^en 
ber mirflid^en SSBelt unb ber bramatifd^en Äunfi, 
bie il^r ben ©pieget t)orl^alten foK, trabitioneHe 
©darauf en aufgetl^ürmt, bie ben ernften ©mpfin^ 
bungen unb Segebenl^eiten ben ©ingang in baö 
Suftfpiel, unb ben bürgerlid^en ®rlebniffen unb 
©d^idffalen ben Eingang in bie 2^ragöbie fperrten. 
3)iefe ©(^ranfen muffen im Slngefid^te ber neuen 
3eit, inöbefonbere bem ©elbftgefül^I beö mobernen, 
reid^ entroidelten , innerlid^ lebenöt)offen SBürger^ 



75 



tl^umö gegenüber ate unnatürlid^e empfunben toerben 
unb fallen. 2)ie bramatifiä^e ^oefie xoax flanbeö- 
gemäfe, fie fott menf d^lid^ werben ; ber britte ©tanb 
forberte feine ©leici^bered^tigung erft auf ber Sül^ne, 
bann im ©taat: bie poetifd&e 3let)oIution toar eine 
aSorläuferin ber politifd^en! 

®urd^ bie aSegräuntung jener ©d^ranfen bilben 
fld^ jTOei neue, ben 3^übebärfniffen entfpred^enbe, 
barum jeitgemdjse formen beö ©ramaö. 5Die 
jlomöbie nimmt ernfte unb ergreifenbe Segeben- 
l^eiten, bie 2^ragöbie bürgerlid^e ©rlebniffe unb 
©d^idffale in fid^ auf ; fo entfielet bort „ba§ rül^renbe 
Suftfpiel", weld^eö bie ©egner baä weinerlid^e 
(comique larraoyant), Oottf^eb baä l^eulenbe 
nannten, l^ier „bas btirgerlid^e S^rauerfpiel": 
jenes l^aben bie g^ranjofen, nantentUd^ SRiüeHe be 
la ßl^auff^e, biefeö bie ®nglänber, junäd^fl ©eorge 
Sitto in feinem „Kaufmann Don Sonbon" (1731) 
auögebilbet. Seibe g^tmen l^atte Seffing t)or fid^, 
ate er feine Slbl^anblungen t)on bem roeinerjid^en 
ober rü^renben Suftfpiele fd^rieb (1754). 

@r felbft l^ielt fid^ an bie ®nglänber unb moHte 
ber beutfd^en Sttl^ne baö erfte bürgerlid^e SCrauer^ 
fpiel geben. SCber l^ier war eine Umgeflaltung 



76 



nötl^tg. 3)afe bie bifil^erigc J^tagöbic, bic fogenannte, 
liol^e, il^re ©l^arafterc auf ben ^öl^cn ber ©cfcff^ 
fd^aft, in dürften unb .gelben fud^te unb il^re 
i&anblungen in enüe^enen S^xUn unb ßanbern ge^ 
fd^cl^cn liefe, bantit bic ©rl^abcnl^eit il^rer 5ßerfonen 
nid^t burd^ bie 3lä^t gefd^roäd^t werbe, liatte nid^t 
blöd bie trabitioneffe Autorität für fid^, fonbern 
eine gewiffe menfd^Iid^e S3ered^tigung. Um ge« 
wältige Seibenfd^aften ju l^aben unb auöjulaffen, 
mufe man gleid^fam mit ungel^emmter Äraft aud? 
Idolen unb l^anbeln fönnen, unb baju ift ein weiter, 
unbeengter Spielraum not^wenbig, wie il^n bie 
©rofeen ber SßJelt burd^ il^ren erl^abenen, ben ge^ 
wöl^nlid^en ©efefeen« entrüdften unb überlegenen Se* 
benöjufianb unmittelbar ie[x1itn. ©ie finb in ber 
menfd^lid^en ©efefffd^aft auf ben Äotl^um gefiefft 
unb erfd^einen balier für bie 2^ragöbie wie pri* 
Dilegirt. Slnberö vtx^ixü es fid^ mit ben bürgere 
lid^en 5ßerfonen, bie von allen ©eiten burd^ ©efefee 
eingefd^ränft, auf ©d^ritt unb Stritt ©enöbarm unb 
^Polijei in ber 3laf)t l^aben. ^ier werben 9luöbrüd^e 
ber Seibenfd^aft unb gewalttl^ätige i&anblungen leidet 
ju gemeinen SSerbred^en, bie ber bürgerlid^en Suflij 
oerfaUen unb bejfer in ben ^itaoal afe auf bie 



77 



33ül^ne gcirad^t toerben. 3n jenem engüfd^en Xxauex^ 
fpiel, ba§ Seffing vor [xä) f)attt, wirb ein junger 
Kaufmann in bie SRefee einer Sul^Ierin Derfiridft, 
ju Untl^aten oerfül^rt unb julefet als ®ieb unb 
9Körber jum Oalgen cerurtl^eilt ; bieö mad^t auä) 
feinen ®ffect, aber nid^t bie erfd^üttembe unb er- 
l^ebenbe SJBirfung, bie mir tragifd^ empfinben. 35aö 
bürgerlid^e 2^rauerfpiel bebarf bal^er eines ©piet 
raumeö, ben äufeerlid^ beengte Sebenöjuftänbe weniger 
einfd^ränlen unb Derfümmern fönnen: e§ ergreift 
bie Gonflicte beö ißerjenö, bie rül^renben SBegeben- 
l^eiten unb ©d^idfale, bie innerl^alb be§ ißaufed 
unb ber g^amilie erlebt werben unb um fo mannid^s 
faltiger flnb, um fo f^mpatljifd^er berül^ren, \e reid^er 
unb tiefer baö ©emütl^öleben ber SDBelt fid^ entroidfelt 
l^at. S)ie ©türme, bie baö jurüdfgejogene ©ebiet 
beö ^erjens unb ber g^amilie bewegen, brad^te ber 
englifd^e Sud^brudfer ©amuel SRid^arbfon in feinen 
Slomanen, t)or aßem in ber ©lariffa, jur S)arfieIIung 
unb eröffnete bamit bie 33al^n jener 35id^tungen, 
bie in ber neuen ^eloife unb im SBertl^er il^re 
SSoffenbung erreid^en fottten. 

3n ber Umgestaltung beö bürgerlid^en S^rauer- 
fpiels jur gamilientragöbie erfannte ßeffing 



Yi\SS -'-'^^ '>\-r^:)<;,bN 



78 



feine näd^fte 2lufgabe: er bid^tete ajli§ ©ara 
©ampfon unb vexdnxQte in biefem ©tücf (wie 
^anjel be§ SRäl^eren nad^geroiefen) geiDiffermafeen 
ßiHo unb Sltd^arbfon, ben Kaufmann t)on Sonbon 
unb bie ßlariffa. S)a§ SBerf n)urbe in ben erften 
3Monaten be§ ^ai)xe^ 1755 in einem ©artenl^aufe 
ju 5pot§bam üoHenbet unb ben 10. 3uli in "^xant- 
fürt a/D. aufgefül^rt. 6§ ntad^te ben 9tnfang jur 
SReform be§ S)rama§. 3"^ erftenmal betrat ein 
bürgerlid^e§ SJrauerfpiel bie beutfd^e Sül^ne. Stber 
ba§ ©tü(f felbfi fpielte nid^t bIo§ mit feinen giguren 
unb SBegebenl^eiten in ©nglanb, fonbern blieb an^ 
in ber Se^anblung unb SKuSfül^rung be§ ©toffö, 
felbfi in bef ©tilifirung ber Sl^araftere bergeftalt 
von feinen SSorbilbern abl^ängig, bafe ein ©nglänber, 
ber eö fal^, wetten wollte, eö fei englifd^en Ur- 
fprung§ unb nur eine beutfd^e Ueberfe^ung. @^ 
war nod^ fein nationales ®rama, aud^ fein ge- 
lungenes Äunfttoerf; man l^at nid^t ß^araftere unb 
tool^I motioirte ^anblungen cor fid^, bie ben ®ang 
bes ©d^idffate beftimmen, fonbern Situationen unb 
©mpfinbungsarten , beren ©d^ilberungen auf ben 
rafpnirten ©ffect beä aJlitleibs bered^net finb. ©aras \ 
©rmorbung burd^ SUlarrooob müfete eine ^l^at ber ; 



79 



9la(^c fein, bte au§ bcr ®iferfud^t folgt, aber bie 
SBul^terin ifi niä)t eif erf üd^tifi , benn fie liebt ben 
abtrünnigen aWann nid^t, fonbern toiff i^n nur 
ausbeuten ; fie loirb aud^ nxä)t burd^ $abfu($t ge^ 
trieben, benn eine SKörberin, bie it)re Untl^at 
rül^ntenb eingeftel^t, l^at nid^tö ju gewinnen. ®er 
tragifd^e 2lu§gang ift unmotioirt. 6ben fo un- 
begrünbet erfd^eint, -bajs 9KelIefont bie Sul^lerin als 
feine SBenoanbte ber ©ara jufül^rt, woburd^ attein 
jenes tragifd^e ©nbe ber lefeteren ermöglid^t wirb, 
©iefen entfd^eibenben ©d^ritt ^u ntotimren, l^at ber 
2)id^ter nid^t einmal ben ©d^ein eines OrunbeS 
aufgewenbet. 3n eine Sage gebrad^t, worin fie nur 
nod^ in S)emutl^ ju gel^ord^en unb nid^ts mel^r ju 
forbern liat, wagt 3Warwoob eine fold^e 33itte, unb 
aReHefont gewäl^rt fie ol^ne SBeiteres, „nad^bem er 
einen Slugenblidf nad^gebad^t". 3d^ Dermutl^e ben 
Sn^lt feines t)erfd^wiegenen 5!Ronologs. 3d^ mufe 
es tl^un, benft er, fonft fommt bie SCragöbie nid^t 
JU ©tanbe. ©o aber mac^t fid^ nid^t bie ^anblung, 
fonbern, — um mit ßeffing ju reben — ber 
Sftummel einer ^ragöbie! 

35ie SBebeutung ber ©ara befd^ränft fid^ auf 
bie neue 21 rt bes S)ramas, bie ^erftellung eines 



80 



bürgerlid^cn S^rauerfpicfe burd^ bic aSBcgräumung 
ber ©d^ranfe jtoifd^en bcr tragifd^en ©id^tung unb 
bcm bürgerlid^en &tb^n, jtoifd^en gamilic unb Sül^ne. 
3)ie ©darauf e ju burd^bred^cn, bie baö beutfd^e 
Sebcn unb feine Oegenroart t)om 2^]^eater trennt, 
^^^ \ ift bie Slufgabe, bie fid^ jefct erliefet, unb in il^rer 
i ßöfung Hegt bie entfd^eibenbe ^^at. 

II. 
pte §po^e §fnebtrti9$. pet fieimiS^tiic 

ißier aber gab eö fein SSorbilb, worauf man 
l^inroeifen, feines, baö man Uterarifd^ erwerben 
fonnte, ober bei bem fid^ eine poetifd^e Slnleil^e 
mad^en He§. 3)aö Original ju unferem nationalen 
3)rama mufete in S)eutfd^lanb erlebt werben unb 
gegenwärtig fein, wie ber l^eutige 2^ag. 3Kan fann 
ber Äunft unb ©id^tung nationalen ©l^arafter 
wünfd^en, aber unmöglid^ barauö eine SKnweifung 
mad^en, bie in jebem beliebigen S^itp^^^ft^/ w)enn 
man nur emftlid^ wolle, außjufül^ren fei ; nationale 
©efinnung unb Effecte laffen fid& ber 5ßoefie fo 
wenig Dorfd^reiben, als man bem ©id^ter ratl^en 



81 



tann: „@ei originell, fei genial; id^ will bir fagen, 
wie bu bie ©ad^e anzufangen l^aft." SBenn er 
nad^ einer fotd^en SBorfd^rift l^anbelt, ift er geroife 
baö ©egcntl^eil beö Driginafe. Unb wenn bie ^oefie 
erft belel^rt werben ober felbft ergrübein mu§, waö 
ju tl^un fei, um unfere nationalen ©mpfinbungen 
ju bewegen, wirb fie fidler nid^t baö ^erj beö 
SBoHeö treffen, fonbem auf allerl^anb ^irngefpinfte 
geratl^en, wie ÄlopftodE, ber SBarben erfanb, wo nie 
weld^e waren. 

3)em nationalen Umf(^wung ber beutfd^en S)id^5 
tung mufete eine Umwanblung ber beutfd^en Station 
felbft Dorauögel^en : eine neue gewaltige S^it/ bie 
ba§ morfd^e, in feinen mittelalterlid^en g^ormen er^ 
ftarrte, oont brei^igjäl^rigen Kriege niebergeworfene 
SReid^ in feinen ©runbfeften jerftörte unb ben 
beutfd^en ©taat ber S^funft fd^uf. 2)iefe Qext 
erfd^ien in bem Slugenbtidf, afe aud^ unferer ©id^s 
tung fein anberes 2^^ema blieb, alö nationale, er- 
lebte, gegenwärtige ©d^idfale; bie 3lnleil^e, bie 
ßcffi«fl jw unferem erften bürgerlid^en 2^rauerfpiel 
bei ben (Snglänbem gentad^t l^atte, war oerbraud^t; 
bie neue ®i(^tung mußten wir mit unferen eigenen 
SUiitteln beftreiten. S)ie ©pod^e, oon ber id^ rebe, 

Äuno 8flfe|er, ©. (g. fiej^ng. I. 6 



82 



ift bcr fiebcnjäl^rigeÄrieg unb berS:i^atcn= 
rul^ttt g^ricbrid^ö bc§ ®ro§en. 

®te ^l^antafie, Ratten bte ©d^meijcr gcfagt, bc^* 
bürfc neuer, ungetnciner, erl^abener SSorfteHungen 
Don tounberbarer SBirfung ; bte ^ragöbie naä) alter 
Slrt t)erlangte erl^abene 5perfonen, Äönige unb 
ißelben, bie t)on SRatur baö Sfted^t unb bie Äraft 
gewaltiger Seibenfd^aflen, ^anblungen unb ©d^<f fale 
l^aben. 5Run, eine fold^e bewunberungäroürbige 
^perfon, ein Äönig unb ^elb, ber felbft na^ bem 
Urtl^eile bes g^einbes hnx^ feine ©infid^t unb ^^l^at^ 
fraft wie fein S^odtex ba§ Diabem geabelt, ftel^t 
plöfeli(§ vor ben 3lugen ber SBelt: er allein gegen 
eine SBelt in SBaffen, bie feinen Untergang begel^rt ! 
Sie ^ragöbie ift ba, bie gewaltigfte, bie eö giebt: 
,,benn ber Ärieg lä^t bie Äraft erfd^einen, alle§ 
erliebt er jum Ungemeinen, felber bem e?^igen 
erjeugt er ben SRutl^ !" SBeld^e (Sontrafte unb 
©d^idffatewed^fel in bem ®ange biefeö Äriegeö, in 
bem 2then biefe§ Äönigö: bie ©iegesf(ä^la^ten t)on 
Sowofife, ^rag, 9lo^ba(ä^, Seutl^en unb S^i^nborf; 
bie Unglüdfötage von ÄoHin, ^oiä^fird^ unb Äunerß^ 
borf ! ®er ©inbrud feiner perf önlid&en ©rl^abenl^eit 
unb ^elbenfraft ift mä(ä^tiger als bie politifd^e 



83 



^arteifümmung. SBcnn man nid^t preufeifd^ gcfinnt 
ifi, tann man boä) „frifeif(^" gcfinnt fein. 

S)iefer Äöntg war ber beutfd^en Sitcratur unb 
2)i(ä^tung t)on (Srunb auö abgeneigt unb ift e§ fein 
Seben lang geblieben. SDiag man il^m barauö einen 
SSorrourf mad^en, benn bajg er felbft einen Seffing 
unb ©oetl^e nid^t ju fd^äfeen raupte unb weniger afe 
einen SBBolf unb ©ettert, war gewig ein SDlangel 
an ßinfid^t unb ©efd^madC. Slber bie Siebe jur 
^oefie wirb in ber Swgenb entfd^ieben, nid^t im 
Älter. Site Äarl Sluguft von ©ad^femSBeimar jung 
war, fal^ er ben 2)id^ter beö ®öfe unb SSertl^er vot 
fid^. Site e?^ebrid^ Äronprinj war, blül^te ©ottfd^eb ; 
er l^atte Siedet, wenn er aSoltaire t)orjog. ®od^ 
war er im Snnerften ein beutf(^er aJlann. ©eine 
S3ewunberung für aSoltaire i^at il^n nid^t gei^inbert, 
bei ©elegenlieit einer nid^tswürbigen ^nblung bem 
l^od^gepriefenen 2)id^ter auf franjöfifd^ bie SBal^rl^eit 
nad^ beutfd^er Slrt ju fagen: „3d^ fd^reibe biefen 
©rief mit bem berben SDlenfd^enüerftanb eines 
SDeutfd^en, ber fagt, waö er benft, ol^ne jweibeutige 
Sluöbrödfe unb flaue 33ef d^önigungen , weld^e bie 
SBal^rl^eit entftellen." ©eine SSewunberung für bie 
franjöfifd^e Siteratur l^at il^n itid^t gel^inbert, baä 



84 



franjöfifd^e ißcer bei SRojBbad^ ju fd^lagen, unb cä 
tüar io6) bcffer, ba§ er bie beutfd^e Literatur Der« 
od^tet unb bei dio^ia^ flefiegt l^at, als toenn es 
umgefel^rt gegangen n)äre. SJurd^ baö, toaö griebrid^ 
war, ein großer ^elbenfönig, burd^ ben ©nbrud 
feiner ^erfon unb X^atm, i)at er ber beutfd^en 
Literatur weit mel^r genügt, ate wenn er fie ge^ 
pPegt, bejal^lt, felbft ftatt franjöfifd^er ©ebid^te 
beutfd^e gentad^t unb ber Äarfd^in mel^r afe jroei 
S^^aler gefd^enft l^ätte. 

3)ie iQerjen öffneten fid^ ben ®inbrüdfen einer 
l^eroifd^en ©egenroart. SBeld^e ^l^antafie l^ätte aud^ 
jenem ©inbrudf raiberftel^en fönnen, ben bie Äunbe 
von bem ^elbentobe ©(^roerinö in ber ©d^lad^t bei 
5ßrag l^en)orbringen mußte: wie ber linfe glügel 
ber ^reufeen ju njeid^en beginnt unb ber fiebjig^ 
jäl^rige gelbmarfd^all bie ^al^ne ergreift, Dorangel^t 
unb bei ben erften ©d^ritten von Äartätfd^en ju 
S3oben geftredft wirb! ^ören wir nur, weld^en 
poetifd^en SBiber^aU ber fiebenjäl^rige Ärieg in 
unfrer 3)id^tung l^eruorrief, ben „©d^Iad^tgef ang" 
eineö preußifd^en ©renabierö nad^ bem ©iege von 
SoToofife : 



85 

2ßad l^elfen Sßaffen uttb (Sefd^ü^ 

JJm ttnQcxcd^tctt Ätieg? 

@ott bonnerte Bei Sotooft^, « 

Unb unfct toat bct ©icg! 

Unb ba§ ©icgcslieb naä) ber ©d^lad^t von 
^prag mit bcr SSerl^errlid^ung 6d^n)crin§: 

SSictotia, mit un8 ifl (Sott, .. 
S)cx ftolac gfßinb liegt ba! 
(5t liegt, geredet ift unfer ®ott, 
@r liegt, SSictotial 

Stoat unfer SBotct ift nid^t tne^t, 
3ebod& er ftatb aU ^elb, 
Unb fic^t nun unfer ©iegeS'^ecr 
35om "^o^en ©tcrnenjelt. 

@r ging t)oran, bcr eble ®ret3, 
a}oa ©Ott unb »aterlanb! 
©ein alter Äo:pf toar faum fo toei§, 
31I§ ta^jfer feine $anb. 

SWit muntrer jugenblid^er ^raft 
Ergriff er eine Qf^^^' 
Unb §ielt fie %o^ an i^rem ©d^aft, 
S)a§ toir pe äße fa^n. 

Unb fagte; „Äinber, SSerg ^inan! 
3luf ©d^anaen unb (Sefd^ü^!'' 
2Qßir folgten atte. aWann für Tlam, 
(Sefd^toinber, toie ber 95Ii^. 



86 

3[d§, aber Mtifcr fßaitx fiel, 
2)te gfal^tte fiel auf tl^n, 
O U)eld§ glotretd^eS ßebend^iel, 
(Slüdfeliget @d|toetin! 

SBeld^e natürlid^c ©icgeögcmj^l^cit im 3Sertrauen 
auf bcn grolsen Äönig crfüHt bie IcfetcnSBorte bcö 
Sicbcö : 

Unb toctöett fte auf hit\m SToq 
3)cn S^fiß^^w öotaujicl^n, 
©0 ftütmc gricbrid^ crft il^t ^tag 
Unb bonn fül^r' uti8 nad^ SDßien! 

S)cr (Srcnabier, ber bicfe fiicber fang, toar 
©leim, ber 3lnafreontifer! bie S^änbeteien waten 
Derftuttimt, bie ^elbentl^aten ber 3^^ raedten beut= 
fd^en ^elbengefang. Seffing gab bie beiben Sieber 
in eine B^^tfd^rift unb liefe bie Semerlung t)orauS5 
gelten: „fie fönnten beibe roeber poetifd^er no(§ 
friegerifd^er fein, roH ber erl^abenften ©ebanfen in 
bem einfältigften 2lu§brud." Sllö er ein SJo^t fpäter 
(1758) ben SBorberid^t ju ben Äriegöliebern be§ 
©renabier fd^rieb, u)ottte er vox allem il^ren natio^ 
nalen ©l^arafter erfannt unb beJ^erjigt wiffen: fie 
finb nid^t nad^ bem 33orbitbe römifd^er ober grie= 
d^ifd^er 2)id^ter, fie finb preufeifd^. 3Bie l^atte 
man fld^ frül^er mit fold^en Sßergleid^ungen gütlid^ 



87 



getl^an, balb foHtc ober toaUtc einer ber beutfd^e 
Dmb, balb ber beutfd^e ^oraj, fogar ber beutfd^e 
5ßinbar fein. S)iefer ©renabier, fo urtl^eilte fieffing, 
iji fein beutfd^er ©oraj, fein beutfd^er pnbar, nid^t 
einmal ein beutfd^er S^^rtäuö, benn bie l^eroifd^en 
©efinnungen finb einem 5ßreu§en eben fo natürlid^ 
als einem ©partaner! 

SKit bem näd^ften Saläre begannen bie Sriefe 
über bie neuefte Siteratur, bie Sfticolai l^erauögab, 
unb beren n)id^tigfte Seffing in ben Salären 1759 
unb 1760 f(^rieb. ^n biefen S3rlefen foHte bie 
beutfd^e Siteratur wäl^renb beö fiebenjäl^rigen Äriegeö 
befprod^en merben; man badete fid^ einen oermun- 
beten Dffijier im 3^elblager, ber auf biefem SBege 
oon ben geiftigen ®rlebniffen ber Äriegöjeit Äunbe 
erl^alten follte. 6ö war Seffingö ©ebanfe. „SBie 
tei(ä^t/' fagte er, „fann Äleift oermunbet merben, 
fo follen bie Briefe an il^n gerid^tet fein." Äleift 
fiel in bemfelben S^^t bei Äuneröborf unb ftarb 
ben Selbcntob, mie er eö gewünfd^t l^atte, benn er 
fonntf fxä) nid^t tapfer genug fein. ,,®r wollte 
fterben," fagte Seffing, oon ©d^merj erfd^üttert, mie 
er ben Xob biefeö aRanneö erful^r, ber ju feinen 
liebften greunben geprte. 3lte Äleift in fieipjig 



88 



bie Sajarctl^e t)crn)alten mufete, tDäl^renb er fid^ 
nad^ ber gclbfd^lad^t fel^nte, l^at i^n Scffing oft mit 
bem SBorte Xcnopl^on§ getröftct: ,,35ie tapferftcn 
SKdnncr finb aud^ bie mitleibigften." SBenn 
id^ mir Äleifts ©emütl^sart pergegenroärtige, in ber 
fid^ ber 5ßoet mit bem ^etben Dereinigte, feine 
2^apferfeit, fein aWitleib, feine ^reigebigfeit, bie fid^ 
aud^ gegen Seffing bemieä, fo jweifle id^ nid^t, ba§ 
bem lefeteren baö 33ilb biefe§ g^reunbeö uorfd^webte, 
als er ben ßl^arafter J^elll^eims bid^tete. 

III. 
§txtfief^una betr l^intta von ^atnl^etm. 

3n bem berül^mtefien jener Siteraturbriefe, bem 
fiebjel^nten, fiatte Seffing baö nationale, oon aller 
fremblänbifd^en Sienaiffance freie, ed^t beutfd^e 
S)rama geforbert unb auf ben fjauft l^ingewiefen. 
2lber bie 2)id^tung, roetd^e biefe Slufgabe löfen foHte, 
mufete fein wie bie fd^idffalsooffe 3^^ Kt'&ft ^^^ 
gegenwärtig wie ber 2^ag. 3Ritten unter ben. &n^ 
brüdfen beö fiebenjldl^rigen Äriegeö, beffen lefete Salute 
Seffing in Sreslau an ber ©eite bes ©enerals 
S^auenfeien jubrad^te, entftanb „9Rinna t)on SBarn- 



89 



l^elm"; er bid^tete ben ©nttourf unmittelbar nad^ 
bem gtieben t)on igubertöburg (15. gebruar 1763) 
an einem l^eiteren fJrül^Ungömorgen in einem Sreö- 
lauer ©arten, er l^at baö ©tüd in Serlin unter 
ben Slugen feineö g^reunbeö SRamler auögefül^rt unb 
erft im Saläre 1767 üeröffentHd^t. aBoffen wir bie 
ungel^eure Umroanblung, bie ber fiebenjäl^rige Ärieg 
in unferer Siteratur unb 3)i^tung l^eroorgebrad^t 
l^at, an Seffings eigenen SBerfen erfennen, fo ift 
nid^t§ fpred^enber unb bemerfensroertl^er, ate biefe 
fjolge feiner bramatifd^en ©id^tungen: t)or bem 
Slusbrud^e beö Krieges bie empftnbfame ©aro 
©ampfon, wäl^renb beffelben ber friegerifd^e ^f)u 
lotaö, nad^ bem SKuögange 3Rinna von Sarn= 
l^elm! 

SRiemanb l^at ben ®in{Iufe jener gewaltigen 3^it 
auf unf ere ©id^tung rid^tiger unb treffenber gewür^^ 
bigt alö ©oetl^e im fiebenten Sud^e feiner fiebenö= 
erinnerungen. „S)er erfte wal^re unb eigentüd^e 
Sebenögel^alt fam burd^ g^riebrid^ ben ©rofeen unb 
bie 21^aten beö fiebenjäl^rigen Krieges in bie beutfd^e 
5ßoefie. S^be Siationalbid^tung mu^ fd^al fein ober 
fd^at werben, bie nid^t auf bem SWenfd^Iid^ften 
rulit, auf ben ©reigniffen ber SSöHer unb il^rer 



90 



Wirten, wenn bcibe für einen 3Wann ftel^en." 
,,SDie Äriegölieber, von ©leim angefttmmt, be^ 
l^aupten beöraegen einen fo l^ol^en Siang unter ben 
beutfd^en ©ebid^ten, weil fie mit unb in ber 21^at 
entfprungen finb unb nod^ überbieö, weil an il^nen 
bie oßäli^t %oxm, ate ptte fie ein 3Witftreitenber 
in ben ]^ö(^fien 2lugenbli(fen l^eroorgebrad^t, nn^ bie 
x)ott!ommenfte aSirffamfeit empfinben löfet." „®ines 
SBerfeö aber, ber wal^rften Sluägeburt beä 
fiebenjläl^rigen Äriegeö, von voUlommm norb^ 
beutfd^em Slationalgel^alt, mu§ i^ vox allem el^ren^^ 
voU erwäl^nen: es ift bie erfte aus bem bebeu= 
tenben 2eien gegriffene S^l^eaterprobuction 
t)on fpecififd^ temporärem ^n^alt, bie be§= 
wegen aud^ eine nie ju bered^nenbe 2Bir- 
fung tl^at, SJiinna ron SBarnl^elm/' ,,S5iefe 
5ßrobuction war e§, bie ben Süd in eine l^öl^ere, 
bebeutenbere 2BeU au§ ber Iiterarif(ä^en unb bftrgers 
lid^en, in meld^er fid^ bie ©id^tfunft biöl^er bewegt 
l^atte, glädfli(§ eröffnete." 

ßeffing felbft fül^lte, bafe biefe ©id^tung feine 
entfd^eibenbe 2;i^at fei. ,,3d^ brenne vox SBegierbe," 
fd^rieb er ben 20. Sluguft 1764 an SRamler, „bie 
lefete iganb an meine 3Winna t)on SBarnl^elm ju 



91 



legen. 3(3^ l^abe Sinnen von biefetn Suftfpiel nid^ö 
fagen fönnen, weit e§ mrflid^ eins t)on meinen 
legten ^projecten ift. SBenn eö nid^t beffer ate äffe 
meine biöl^etigen bramatifd^en ©tüde mirb, fo bin 
id^ feft entfd^loffen, mid^.mit bem ^l^eater gar nid^t 
mel^r abjugeben." — S^ jenen ^riegöliebem unb 
biefem ßuftfpiel, bie aus ber 3eit beö ficbenjäl^rigen 
Äriegeö unmittelbar l^emorgegangen finb, motzte id^ 
no(^ ein ©ebid^t fügen, eine unferer beften Saffaben, 
beren tragifc^e ®rjäl^lung fi(^ von bem ^intergrunbe 
beö poffenbeten Äriegeö ftimmung§t)off abliebt: „©r 
mar mit Äönig ejnebrid^ö SWad^t gejogen in bie 
5ßrager ©d^Iad^t unb l^atte nid^t gefd^rieben, ob er 
gefunb geblieben." 

®ie ©d^idffatemed^fel ber Kriege bewegen nid^t 
blo§ bie Soofe ber eJürften, Staaten unb aSölfer, 
fonbern erfd^üttern aud^ baä ©afein ber (Sinjelnen 
biö in bie Ileinften üerborgenften unb fpurlofen 
aSerl^ältniffe, bie ber l^iftorifd^en .^orfd^ung nid^t 
jnel^r bemerf enömertl^ fd^einen ; aber gerabe in bem 
©enrebilb ber 5ßrit)atgefd^idfe, bie mitten unter ben 
großen SBetoeränberungen erlebt werben, erfi^einen 
bie Söge ber 3eit in einer fo greifbaren unb ein= 
bringlid^en gorm, ba§ ber 5Did^ter, ber biefe ®egen= 



92 



loart bramatifd^ faffen toiH, l^icr eine 3Kenge ber 
frud^tbarften 3Kotit)e finbef. S)er fiebenjäl^rige Ärieg, 
ber bie beutfd^en SBötferjuftänbe in einen fo geroat 
tigen Slufrulir brad^te, griff auf manntd^faltigfte 
Strt umgeftaltenb in baö ®afein ber g^amilien unb 
3inbimbuen, unb e§ gingen jäl;e Sebenöwanblungen 
au§ il^m Iieroor, beren Äunbe t)on 3Jlunb ju 9Äunb 
lief unb fid^ fagenl^aft perbreitete. 3Äan prte von 
einer 9Renge plöfeüd^ emporgeftiegener, plöfeUd^ jer^ 
ftörter ©jiftenjen. 3n ben preujsifd^en g^reibatait 
Ionen, bie nad^ bem gerieben entlaffen würben, 
waren tapfere, hnxä) Äriegötl^aten auägejeid^nete 
Dffljiere, beren fid^ ntand^e au§ nieberem ©tanbe 
aufgefd^wungen l^atten unb nun burd^ il^re SSerab:: 
fd^iebung wieber in S)unfelf)eit unb 6lenb t)erfanfen. 
6in fold^er Dffljier war, wie man fid^ erjäfilte, üor 
ben eJelbjügen SJlül^Hnappe gewefen unb l^atte fid^ 
auf bem ©d^Iad^tfelbc ben Drben pour le merite 
Derbient ; er mu|te nad^ feiner ©ntlaffung ben alten 
©ienft wieber auffu(^en unb fd^idfte bem Könige 
ben Drben jurüdf, bamit ba§ glänjenbe ®ing nid^t 
beftaubt werben möge, ©in anberer war jum 
©d^miebel^anbwer! jurüdfgefel^rt unb verleugnete 
fid^ bem ©eneral, ber il^n ^pferbe befd^lagen fal^ 



93 



unb einen tapferen JRittmeifter in il^m wieber- 
erfanntc. ®ineä ber merfroürbigften ©d^iäfale l^atte 
ein ungarifd^er öuf^^ erlebt, ber einft in ber ©d^Iad^t 
bei aWoHwife im Segriff ftanb, ben Äönig gefangen 
SU nel^men; g^riebrid^ rief il^m ju: „3d^ bin ber 
Äönig, gel^' mit mir!" ®er ^ufar gel^or(Jte, trat 
in bie 2)ienfte beö Äönigß unb brad^te eö in ber 
golge burd^ feine 2:üd^tigfeit biß jum SReiteroberft 
unb ©eneral. ©ein SRame l^eifet ^aul SBerner. 
SBir feigen einen ©agenfreiö t)or unö, in bem einige 
ber aRotipe entl^alten finb, bie fieffing in feiner 
©id^tung benüfet l^at. ^^eHl^eim, ber ^elb feines 
©tütfeö, ift ber cerabfd^iebete SDlajor eineö greis 
bataiHonö, fein treuefter g^reunb unb Äriegölamerab 
ber SBad^tmeifter ^aul SBerner. S)ie SDlutter bed 
^pi^ilofopl^en ©aroe wottte t)on Seffing felbft gel^ört 
i^aben, bajä fid^ etwas 3Iel^nlid^es als bie ©efd^id^te 
feines ©tüdfs in bem SBreSlauer ©aftl^aufe jur got 
benen ©ans roirflid^ jugetragen l^abe. 

SSergegenn)ärtigen wir uns ben ®ang ber Se^ 
flebenl^eiten ober bie gabel, bie Seffing feinem 
©tüdE }u ©runbe gelegt; galt il^m bod^ bie ©r* 
finbung ber bramatifd^en gabel l^ier, wie über= 
l^aupt, für bie roefentlid^fte Slufgabe bes 35id^ters. 



94 



IV. 

2;ell^ciin, ein junger tetd^cr ©bclmann fur= 
länbifd^en ©cfi^ed^tö, tritt unter bie g^al^nen eJrieb^ 
rid^ö nid^t auö Siebe jum Äriegöl^anbtoerf, beffen 
Unmenfd^Hd^feiten er tjerabfd^eut, fonbem aM Se^ 
getfterung für bie 5ßerfon unb ©ad^e be§ grojsen 
Äönigö, aus Steigung jur ©efal^r, auö i^od^l^erjiger, 
tapferer ©efinnung. ®r jeid^net fid^ aus unb wirb 
SRqor. 3n ben fäd^fifd^^tl^üringifd^en SBinterquar^: 
tieren erl^ält er ben Sefel^l, von ben ©tänben ntit 
atter (Strenge eine l^ol^e Äriegöfteuer einzutreiben, 
bie auf feine Sitte im äufeerften SRotl^faH auf ein 
geringeres SDiafe, beffen 3Äinimum il^m t)orgef(^ries 
ben toirb, foH l^erabgefefet toerben bürfen. 3)a bie 
©tänbe iint)ermögenb finb, eine größere Steuerlafl 
ju tragen, gewäl^rt ii^nen ^ettl^eim bie niebrigfte 
g^orberung; ba fie aud^ biefe nid^t rottftänbig leiften 
fönnen, bedEt er au§ eigenen 3KitteIn burd^ einen 
aSorfd^uß t)on 2000 pftolen bie fel^Ienbe ©umme. 
S3ei 3^d^nung beö griebenö roVl er feine nod^ aus« 
ftel^enbc gorberung unter bie Äriegöfd^ulb auf? 



95 



ncl^tncn laff cn. 3Jlan anerfennt bie SBcd^fel, aber 
pcrbäd^tiflt ben ^nifabex, afe ob biefer fte nid^t 
gegen baaten SBorfd^u^ empfangen, fonbern afe Se^ 
lol^nung bafür genommen l^abe, bajg er bie Äriegö= 
fieuer auf baö niebrigfte 3Wa§ l^etabgefefet. 6r ift 
ber Sefied^ung oerbäd^tig. S)ie ®eneralfriegö!ajfe 
foll bie ©ad^e genau untetfud^en, unb beoor fie im 
Keinen ift, barf 2^ettl^eim, burd^ fd^riftUd^ed @l^ren= 
mort gebunben, bie ißauptftabt nid^t oetlaffen. 6r 
gel^ört unter bie vkkn Offiziere, bie nad^ bem 
f^eben entbel^rlid^ geworben unb oerabfd^iebet finb. 
6ine ©d^ufewunbe l^at il^m ben redeten Slrm geläl^mt, 
fein aSermögen ift oerloren, feine ®l^re gefränft, 
bie SJienerfd^aar oerfd^munben, bie ben reid^en 
3Rann frül^er umgeben: Äammerbiener , ^ä^ex, 
Äutfd^er unb ßäufer; ber erfte l^at fid^ mit ber 
©arberobe beö ^erm aus bem ©taube gemad^t, 
ber jweite ift mit bem legten Sleitpferbe auf unb 
baoon geritten, ber Säger farrt in ©panbau, weil 
er ©olbaten jur 3)efertion oerleitet l^at, unb ber 
Säufer ift afe J^rommelfd^läger in ein ©arnifon- 
regiment geftedft worben, weil er ben SWajor betrogen 
unb bie nid^t§toürbigjien ©treidle begangen. SRur 
einer, fein Sfteitftted^t S^fi, ift i'^wi treu geblieben. 



96 



3)cr tapfere SBad^tmeifter 5ßaul aBern er, ber im 
Äriege ü)m jroeimal baö Seben gerettet, lebt jefet 
im SSefife eines börfUd^en Freiguts in feiner 3läl^e. 
3laä) fo bitteren @rfal^mngen erwartet ^eHl^eim in 
ber SBerborgenlreit eines aSerliner ©aftl^aufes ben 
Sluögang feiner ©ad^e, um fo ftoljer, je größer fein 
6tenb ift ; er l^at fid^ auf feine Slrt l^eroifd^ gefaßt 
unb ol^ne ein SBort ber Ätage, ol^ne ein ^eiü^en 
feiner ©eelenfämpfe bem l^öd^ften Olüdfe entfagt: 
bem Sefife feiner Sraut. 

Sene l^od^l^erjige SCI^at in S^l^üringen l^atte baä 
^erj eines jungen 9Wäbd^ens, einer ber reid^ften 
©rbinnen bes Sanbes. von ebler äbfunft, für XtH^ 
l^eim gewonnen, nod^ beoor fie il^n lannte. Um 
ben 3Kann ju feigen, ber fo grofemütliig l^anbeln 
fonnte, gel^t SDiinna t)ona3arnl^elm uneingelaben 
in eine ©efettfd^aft, wo fie il^n finbet. ©d^nett 
erfennen fi4) bie beiben, burd& il^re 2)enfart oer^ 
wanbten, burd^ ifire ©emütl^Sart jur fd^önften wed^feU 
feitigen ©rgänjung beftimmten SRaturen. ©d^idffals* 
Dotte 3rtten fteigern bie ©efül^te unb befd^teunigen 
bie ®ntfd^tüffe. ^^efli^eim ift awinnas .Bräutigam, 
als er bie tl^ftringifd^en Quartiere üerläfet; bas 
3eid^en il^rer SBertobung finb jwei einanber oöHig 



97 



gleid^e SBrillantringe. ©cl^nfäd^tig erroartcn beibc 
bas @nbe bed Itrieged^ am ftd^ .gart} gel^ören }u 
lönnen; cnblid^ fd^reibt Xt\ü)em: „ßd'ift gricbc, 
unb id^ Halbere mid^ ber ©rfüHung meinet SBünfd^e." 
^piöfelid^ t)erftummen feine SBriefe. 9)lonate lang 
l^arrt SRinna uergebenö auf 3lo(ä^ri(ä^ten, bann fa§t 
fie ben fd^nellen unb Kil^nen ©ntfd^lufe, felbfl il^n 
ju fud^en. Segleitet t)on il^rem Äantmermäbd^en 
granjiöfa, il^rer ©efpielin unb greunbin, unb unter 
bem ©d^ufee il^reö Dl^eimö, bed ©rafen Srud^faff, 
eine« fäd^fifd^en, pteugenfeinblid^en ®belmanned, ber 
voä^xenh bes Äriegeö in Statten gelebt l^at unb erfl 
nad^ bem grieben jurüdf gefeiert ift, reift fie nad& 
Serlin, voo fie nod^ vor bem ©rafen eintrifft, ben 
ein Heiner SReifeunfatt auf ber legten Station ju^ 
rüdfgel^alten. $ier fül^rt fie ber Q^^aH in baffelbe 
©aftl^auö, n)o S^ettl^eim mit feinem ©iener Suft in 
ärmlid&er 3wtüdfgejogenl^eit lebt. S)er SBirtl^ jum 
„Äönig von Spanien" fd^äfct feine ®äfte nur nad^ 
bem ®elbe, unb bie t)ornel^me 2)ame mit Äammer^ 
möbd^en unb jroei Wienern ift ü^m natürlid^ mel^r 
roertl^, afe ber SRajor, ber feit einiger 3^it bie 
Sied^nung nid^t mel^r bejal^lt l^at. ©eine SBol^nung 
nrirb fofort ber S)ame eingeräumt unb er felbft, 

Puno Qflfd&fr, ®. d. Scfjlng. I. 7 



98 



abtocfcnb unb ungefragt, in fd^tcc^tcrcn Sftäumcn 
untergcbrad^t. Slad^ einer fold^en Sel^anblung roiH 
2^eIII^eim nid^t einen Slugenblicf länger in bem ®ajfc 
l^aufe bleiben unb läfet, um feine ©d&ulb bejal^len 
ju fönnen, burd^ Suft fein lefeteö unb tl^euerfleö 
®ut, ben SBerlobungöring, oerpfänben, ber nun in 
bie $änbe bed SBirtl^s gelangt unb bem g^räulein 
gejeigt n)irb, bie in ber ißoffnung, etwas t)on 2^ett- 
l^eim ju erfal^ren, fid^ nad^ bem Dffijier erfunbigt, 
ber (freiwillig, wie fie glaubt) il^r fein Bi^imer 
überlaffen. 93ei bem Slnblidf beö SHingeö erfennt 
aWinna, bafe jener Dffiäier S^elll^eim felbft. 3)er 
Bräutigam ift wiebergefunben, baö erfte3tel glütfs 
lid^ erreid^t, aber bei weitem ni(^t baö leftte. 

3efet gilt es, ben ®ntfd^lu§ S^eHi^eimd ju be? 
fiegen, ber bereit ift, jebe« ®lüdf il&r ju opfern, 
jebes ttnglüdf mit il^r ju tl^eilen, nur nid^t ^a§ 
feinige: ein Settler, ein Ärüppel, ein befd^oltener, 
an feiner ®l^re gefränfter 3Rann, wie er fei, bürfe 
nid^t baran benfen, ber ®emal|l einer aWinna von 
SBaml^elm ju werben ! Dpfer ju bringen f oftet il^m 
gar nid^ts, Dpfer anjunel^men ift il^m unmöglid^: 
ba}u ifl er }u fiol; unb ju jartfül^lenb. SSergebend 
bietet SDWnna alle Ueberrebungöfunft il^rer innigen 



99 



Siebe, il^rer Ilaren unb l^eiteren ©emütl^sart auf, 
um feinen ©inn ju änbern, feine ©d^wermutl^ ju 
t)erf d^eud^en , il^n ju überjeugen, bafe il^r ganjeö 
©lud barin beftel^e, fein Unglüdf ju tl^eilen, ba^ 
feine ftolje ®ntfagung il^r Dualen bereite, ba§ auö 
gefränitem @l^rgefül^I er nid^t bloö il^r ©lud jer:: 
ftäre, fonbern aud^ il^re (Sl^re üerlefee. S^beö il^rer 
saßorte rül^rt ü^n tief unb lälst il^n feinen SSorfafe 
biö jur aSerjroeiflung fd^merjlid^ entpfinben, aber 
nid^tö Demtag ben gefaxten ®ntf(^tu§ ju erfd^üttern. 
9iur eine günftige SBenbung feineö ©(^idffafo fönnte 
l^elfen: nid^t bie blofee SRieberfd^lagung ber Sad^e, 
fonbern bie el^rent)oIIfte SBieberl^erftettung. 

aber beoor biefe SBenbung wirHid^ eintritt, fiegt 
3Kinna burd^ Sift über ^elll^eims ftolje, fd^roer^ 
mütj^ige unb uerf eierte ©ntfagung; fie lennt i^n 
genau unb weife il^n ju lenfen. SBäre fie nid^t bie 
reid^e, oornel^me, beneibenön)ertl^e ®rbin, fonbern 
arm unb üerlaffen, fo mürbe feine SWad^t ber SBBelt 
biefen 3Rann ^inbern, il^r ©d^idffal ju tl^eilen unb 
il^ren 33efife als l^öd^fteö ®ut ju f orbem ; er mürbe 
an ber SBal^rl^eit il^rer Siebe irre merben, menn fie 
im Unglüdf feine iQanb ablel^nen moHte, meil fie e§ 
nid^t über fid^ bringen !önne, ein fo grofemütl^igeä 



100 



Dpfer anjuncl&men. Unb bod^ loürbc bie Oeliebte 
nid^tä anbercö tl^un, afe er foebcn getl^an l^at; 
[ic mürbe Qt^en V)n nur bicfelbc üermcintlid^c 6nt 
fagungöpfl^t }u üben f (feinen, bic fein aSerl^alten 
ii)x gegenüber beftimmt. ©ine fold^e 2lrt ber SBer= 
geltung txiirb jugteic^ bie l^eitfamfte Äur fein. Stella 
l^eim fann über feine ebel gebad&te, aber falfd^ 
empfunbene ^anblungöroeife nid^t fd^neHer unb 
grünblid^er aufgeflärt werben, afe wenn 3Kinna 
ben weiblid^en ^^elll^eim fpiett. ©ie ift nid^t 
mel^r bie gute ^Partie, fonbem ein armes, von il^rent 
preufeenfeinblid^en Dl^eim um il^rer Siebe willen 
enterbtes 3Käbd^en, ein verlaufenes fäd^fifd^eö gräu:: 
lein, baS ju il^rem Sräutigam fliel^t, um in feinen 
2lrmen ©d^ufe unb ^eimatl^ ju fud^^n. Unb x>on 
biefem Sräutigam mujs fie Igoren: es fei nid^ts^ 
würbig, wenn ein SUlann, ben bas Unglüdf verfolge, 
fid& nid^t fd^äme, fein ganzes Olüdf ber blinben 
3ärtlid^feit einer "^an ju t)erban!en. 3)amit ift 
il^r Urtl^eil gefprod^en: fle mü^te ja eine nid^ts= 
würbige ©reatur fein, wenn fie in il^rem ®lenbe 
i^r ganzes (Slüdf von ber blinben 3ärtlid^feit ^eH« 
l^eims annel^men wollte. 3efet fpielt fie bie tief 
gefränfte, in il^rer SBürbe beleibigte eJtau, fie giebt 



101 



il^m bcn SScrlobungöring jurürf imb forbert bcn 
fcinigcn. 3n SQSal^rl^eit ift e§ ber t)on il^m t)er= 
pf anbete, t)on il^r eingelöfie Sfting, ben fie ll^m 
toiebergiebt, inbem fte i^n jurüd forbert : fie erneuert 
ben Siebe§bunb, n)äl)renb fie t^ut, afe ob fte if)n 
auflöfe. ©eine Sitten unb Setl^euerungen bleiben 
fru(]^tIoS. ein föniglid^eö ^anbfi^reiben bringt il^m 
bie el^renoolljie SBieberl^erftettung. S)er geredete 
Äönig geroäl^rt il^m eine ®enugtliuung , bie nid^t 
größer fein fann, er roünfd^t aud^ feine 3)ienfte 
wieber: „3d^ möd^te ni($t gern einen 3Jtann (gurer 
33rat)our unb S)enfungöart entbel^ren." 50Kt greu= 
ben will er bie glänjenbe militärifd^e Saufbal^n, bie 
pd^ t)or i^m eröffnet, für bie ©eliebte aufgeben, 
aber fie barf, feinem SSorbilbe gemä§, fein fotd^es 
Dpfer annel^men unb befielet auf ber SRüdEgabe 
feines SRingeö. ^ettl^eim ift fo benommen unb fo 
gerabfinnig, bafe er baö ©piel mit bem Slinge nid^t 
merft unb feinen ber SEBinfe tjerflel^t, bie il^n auf 
bie ©pur bringen wollen. Sffiie er erfäl^rt, ba§ 
ber oerpf anbete unb jurüdfgeforberte SRing bereits 
burd^ 9Winna eingelöft fei, glaubt er, fie l^abe ein 
graufameö unb argliftigeö ©piel mit il^m getriebett, 
ben Srud^ gerooHt unb barum ben SRing an fid^ 



102 



gebrad^t. 2)a melbet man bie Slnfunft beä gräf- 
lid^en Dl^eimö, ben 3;eII^eim nod^ immer für SWinnaö 
aScrfolgcr l^ält. ©eine empörten ©mpfinbungen 
fd^meigen unb ber ritterlid^e Söiann ift fogleid^ bereit, 
bie tjerlaffene ejrau ju befd^üfeen. „fiaffen ©ie il^n nur 
fommen! gürd^ten ©ie nid^tö ! 6r fott ©ic mit feinem 
SBlidfe beleibigen bürfen ! ®r l^at es mit mir ju tl^un." 
©ö ift be§ ©pieleö genug. ©d^neU Kart fid^ 
alles auf mit wenigen SBorten. SDie Siebenben 
l^aben fid^ jum jroeiten aWale unb für immer ge- 
funben: ber preu^if(^e SHajor unb baö fäd^fifd^e 
ebelfrdulein. „D boöl^after ©nget!" ruft S^eHl^eim, 
,,mi(^ fo JU quälen!" Söiinnaö l^eitere SKntroort 
erflärt bie l^eilfame 3lotte, bie fie gefpielt, unb 
mamt ben geliebten Söiann t)or einer fold^en SBieber^ 
l^olung: „S)iefeö jur $robe, mein lieber ©emal^l, 
ba§ ©ie mir nie einen ©treid^ fpielen follen, ol^ne 
ba§ iä) Sinnen nid^t gleid^ barauf raieber einen 
fpiele. S)en!en ©ie, bafe ©ie mid^ nid^t aud^ ge- 
quält l^atten?" Unb roenn S^etll^eim entgegnet: 
„0 Äomöbiantinnen , id^ l^ätte eud^ bod^ fenncn 
foBen!" fo wirb mit biefem SBort eines ber 9Ro^ 
tm bejeid^net, bie baö ©tüdf ju einem „Suftfpiel" 
gemad^t l^aben. 



103 



V. 

^ttfl unD ha podittttei^r. 

SBir l^aben ben (Sang ber 33cgcbcnl^eiten er- 
jäl^Ienb bargcftefft, bamit im Unterfd^iebc batjon ber 
©ang ber ^anblung in ber bramatifd^en ßonts 
pofition um fo beffer einleud^te. ®al3 wiber ben 
33unb ber Siebenben fid^ in ben ©d^idfalen unb 
bem ßl^arafter ^eHl^eims iginberniffe erhoben l^aben, 
bie er nid^t überroinben fann unb roeld^e burd^ fie 
befiegt werben muffen: barin liegt ber Änoten 
unferes ©ramaö. ®r ift gefd^ürjt, fobalb 5Kinna 
il^ren Sräutigam lieber gefunben unb bie SBeroeg* 
grünbe entbedft l^at, bie il^n jur ftiHen @nt[agung 
genötl^igt. S5amit ift baö Problem entroidfelt, raeld^eö 
bie weitere ^anblung ju löfen l^at. 3n ber 2lu§5 
einanberfefeung biefeö ^Problems beftel^t bie ®p 
pofition unfereö ©ramaö, fie bilbet baö S^l^ema 
ber beiben erften 3lcte, am (Snbe beö jweiten liegt 
bie ©ad^e, um bie eö fid^ l^anbelt, bie bramatifd^e 
aufgäbe, offen am S^age, il^re Söfung wirb im 
britten vorbereitet, im vierten begonnen unb im 



104 



fünften t)olIenbet. 2)ic ©inl^cit ber ^anblung Ift 
untcrftüfet burd^ bic bcö Drtö unb ber 3^tt: ber 
Ort, wo fie oor fid^ gel^t, ift bad berliner ©aft^ 
l^auö }um „Äönig von Spanien", bie 3^it i^^i^ 
22. auguft 1763. 

Sefanntlid^ l^at ©oetl^e in ben beiben erften 
Steten unfereö ©tüdfeö bie unerreichte Äunfi bes 
aWotimrenö bewunbert unb barum bie eypofition 
ber Wnna t)on Sarnl^etm, bic er an SReifterfd^aft 
nur mit ber beä 2^artuffe ju t)er8leid^en raupte, fltä^ 
ium aSorbilbe bienen laffen. SBir tooffen biefe 
meifterl^afte ®Epofition ju erleud^ten fud^en, inbent 
wir jeigen, roeld^e SÄufgabe . I^ier ju löfen roax, unb 
wie Seffing biefette gelöft l^at. 

3Winna oon SBarn^etm fud^t il^ren ^Bräutigam, 
Don bem fie feit 9Wonaten nid^tö mel^r gel^ört, unb 
finbet il^n in einem berliner ©afil^aufe lieber: 
bieö ift bie erfte ju motioirenbe ^anblung. S)a fie 
il^n fidler ju flnben roiffen wirb, xoo er oud^ ift, fo 
l^at ber B^f^ß/ ^^^ fi^ i^ baffelbe ©aftl^auö fül^rt, 
feine weitere bramatifd^e Sebeutung. Slber eß ijl 
eine fel^r gewagte Situation, bie an fid^ ben 6l^a= 
rafter beö Äomifd^en trägt, wenn eine 3)ame il^rem 
abl^anben gekommenen Sräutigam nad^läuft. fifttte 



105 



nn& Seffing eine fold^e l&^ttli^e Segebenlieit Dor= 
führen rooHen, [o fonnte er fein fiuflfpiel bamit 
eröffnen; er l^at eö nid^t getl^an, fonbern SRinna 
von Saml^elm erjl im jroeiten Stet auftreten loffen, 
nad^bem wir aus bem ©ange beö erften ben 3Wann 
ii^rer Siebe fennen unb baburd^ t)erfiel^en gelernt, 
ba§ fte bis anö 6nbe ber SQSelt reifen würbe, um 
il^n wieberjufinben. 3ebe 3lrt ber Untreue unb beS 
glattergeifies ift von bem ßl^arafter 2^eID^eimö auö^ 
gefd^loffen, es fonnte nur Unglüd fein, bas il^n 
i)etfiummen liefe, ©^idfateftürme, bie il^n betroffen 
l^aben, unb beren Ungemad^ er allein tragen roitt. 
3ene grofel^erjige ©efinnung, bie il^n üermod^t l^at, 
in ben Ärieg ju jiel^en im SDienfte bes erften ißelben^ 
lönigS ber 3rit, ift aus ben kämpfen no(3^ geftärfter 
unb geftäl^Iter l^erporgegangen. 3n jeber Slrt ber 
©elbjtoerleugnung eifern, in jebem 9Witgefül^l für 
bie fieiben anberer l^ingebenb unb jarl, t)ereinigt 
S^eHl^eim bie menfd^Ii(^ fd^önften ®mpfinbungen unb 
bie folbatifd^ tü(^tigften ©igenf d^aften , bas weid^e 
menfd^enfreui^btid^e ißerj unb bie friegerifd^e S^^t 
fo ungefud^t unb einbrudfSDoH, bafe er auf feine 
Untergebenen, wenn fie nid^t ganj t)erborbene Sla^ 
turen fmb, einen unroiHfürlid^en 3<»w6w ausübt. 



106 



ber fie mit fd^roärmcrifd^er Slnl^ängßd^feit, mit um 
bebingter SCreue unb Eingebung an feine 5ßerfon 
feffelt. 

©iefen STOann fd^ilbern l^eifet SKinnaä ^anb^ 
lungöroeife motiuiren. ©r. fott uns bramatifd^ ge- 
fd^itbert toerben: nid^t fo, ba§ mir il^n etma nur 
von anbeten rül^men unb loben l^ören, fonbem fo, 
ba§ mir als Slugenjeugen erfal^ren, mie er ift unb 
l^anbelt. Unb bet)or mir il^n felbft feigen, lä^t unö 

■ 

ber ®i(^ter ben einfad^en, gleid^fam elementaren ©in^ 
brudf feiner ^perfon in ber ©eele feines legten 3)ieii4rS, 
einer rollen unuerborbenen 3latur, erleben, tiefer 
©inbrudf fott S^ettl^eimö bramatifd^er SBorbote fein 
unb jugteid^ bem 3uf(^auer bie Situation entl^ütten, 
momit bie io^nblung beginnt. S)er SRajor ift beö 
Slbenbö oorl^er von einem Stuögange jurüdfgefel^rt 
unb mäl^renb feiner Slbmefenl^eit oon bem "^db^ 
gierigen SBirtl^ ausquartiert morben; fofort oertäfet 
er baß ^auö unb campirt bie 3lad^t, als ob er 
nod^ im gelbe märe, im freien, ^n^t märtet im 
SBirtl^sliauSfaale bie ganje 3lad^t auf feinen fierrn 
unb möchte am liebften aud^ nid^t fd^lafen, er ift 
aufeer fid^ vor ©mpörung unb 3Ritleib: ,,9Jieinen 
^errn aus bem ^aufe ftofeen, auf bie Strafe 



107 



rocrfcn! SUleincn ^crrn! fo einen 3Rann, fo einen 
Dfftjier! ®inen Df fixier, wie meinen ^errn!" 3Bie 
il|n ber ©d^laf übermannt, träumt er; fein einjiger 
©ebanfe ift SRad^e an bem nieberträd^tigen SBirtl^. 
SBenn er ü^n nur prügeln fönnte! SEBie er träumt, 
prügelt er il^n, er fnurrt. f örmlicä^ im ©ci^laf. 9ßit 
biefem 5Craum beö Wieners eröffnet ber S)i(ä^ter 
fein ©tüdf, mit biefen SBorten beö fd^tafenben 3uft: 
^©d^ur!e t)on einem SBirtl^! S)u, und? ^rifd^, 
Sruber! ©daläge ju, Sruber!" SBie er aufroai^t, 
tl^ut eö il^m leib, ba§ ber S^raum nid^t SBirHid^fcit 
roax. „3d^ mad^e fein 3luge ju, fp fd^Iage id^ mid^ 
mit il^m l^erum. ^ätte er nur erft bie ^älfte von 
allen ben ©dalägen!" ®er SBirtl^ fann il^n mit 
nid^tö begütigen, er l^afet il^n weit mel^r, ate er 
felbft mit nüd^ternem 9Kagen ben beften S)anjiger 
liebt; bei jebem ©lafe, baö il^m jener einfd^enft, 
benft 3ufi nur an feinen ^errn, ber ©(^napö ift 
gut: „SBenn ic^ l^eud^eln Jönnte, würbe id^ für fo 
was l^eud^etn, aber id^ fann nid^t, e§ mufe rauö — 
6r ift bod^ ein ©robian, ^err SBirtli!" 2)iefer 
treue 3Renf(^, rol^ unb plump, wie er ift, fül^lt 
nur für feinen ißerrn; er l^ajät auä) bie. üornel^me 
S)ame, bie bem SKajor bas 3^«^^^ genommen l^at. 



108 



er uerl^ält jid^ ju XtU^dm, toic ber 5ßubcl, bcm er 
baö Seben gerettet, ju il^m: er fann ol^ne feinen 
Serm nici^t leben. 2)rafiifd^er unb für bie SBor^ 
jleHung, bie wir t>on ^^eUl^eim geroinnen fotten, 
roirffamer fonnte ba« ©tüdf nid^t beginnen. 

SBäl^renb fid^ Suft mit bem SBirtl^e J^erumjanft, 
fommt ber 3Waj|or. SBir ftnb auf feine ©rfd^einung 
twrbereitet unb finben fie unfrer ©rroartung gentSjs : 
ein fold^er $err, wie 3wft gefagt ^at, ein fold^etr 
Dffljier! ®r gebietet bem S)iener ©d^roeigen, furj 
unb ol^ne jebe Erregung erltärt er bem SBirtl^, ba§ 
er bejal^lt werben foH unb ha^ er felbfi fud^en werbe, 
n)o anberö unterjufommen. S)ie 500 ^l^aler, bie 
il^m ber SBad^tmeifter gebrad^t mit bem SBunfd^, 
bafe er fie braud^e, rül^rt er nid^t an; er ift fo 
arm, ba^ er aud^ ben. legten einjigen ©iener nid^t 
mel^r bejal^Ien fann unb il^m bepel^lt, feine SRed^^^ 
nung ju fd^reiben. 

3)a erf(^eint bie SBittwe eines feiner Äameraben, 
beö gwttmeifterö 3»arIoff, bem SCett^eim 400 2:^aler 
geliel^en, unb ber fierbenb feiner g^rau jur 5pflid^t 
gemai^t l^at, biefe ©(^ulb ju tilgen. Die SBittroe 
l^at alleö »erlauft unb bringt ba§ ®elb, um bie 
^anbfd^rift einjulöfen. S^effl^eim, felbft im 3iiftönbe 



109 



ber größten 3loti), erläßt nid^t nur bie ©d^ulb, 
fönbern verleugnet fie, benn er roili ber grau ben 
^ant fparen unb roeife, ba§ 3Jlarloff einen ©ol^n 
l^interlaffen l^at. ,^3Botten ©ie, ba§ id^ bie uner^ 
jogene SlBaife meines greunbeö beftel^len fott?" S)ie 
. SBittroe oerftel^t feine Slbfid^t; in ben SBorten, bie 
fie erwibert, reben bie ergreif enben ©d^idffale beö 
Äriegeä: „SBerjeil^en ©ie nur, toenn id& nod^ nid^t 
red^t weife, wie man Sßol&Itl^aten annel^men mufe." 
©ie !ann bem eblen 3Wanne, ber baö SSatergefül^I 
nid^t fennt unb in ber ©eele einer aWutter empfing: 
bet, ni(^t rül^renber banfen: „SBol^er roiffen es benn 
aber aud^ ©ie, bafe eine 9Rutter mel^r filr il^ren 
©ol^n tl^ut, als fie für il^r eigenes ßeben tl^un 
würbe?" — aSie fie il^n verlaffen l^at, nimmt S^efl« 
l^eim ben ©d^ulbfd^ein aus feiner SSrufttafd^e, um 
i^n ju t)emid^ten. 5Dies alles gefd^iel^t auf bie 
natürlid^fte 2lrt, o^ne jebe grofemüt^ige SBaßung, 
ol^ne iebes 9luf gebot einer ©ntpfinbung, bie ii^m f elbft 
ebel erfd^iene; anbers ju l^anbeln ift bei feiner ärt 
unmöglid^. „armes braves SBeib! ^ä) mufe nid^t 
vergeffen, ben Settel ju vernid^ten!" 35iefe Heine 
©cene mad^te auf bas 5ßublicum, bem bie ©d^idf= 
fale ber ©olbatenwittwen taufenbfad^ vor 3lugen 



110 



ftanben, einen erfd^üttemben ©inbrud. Site SBKnna 
von Sarnl^elm jum erfien SRal in Scriin aufge- 
fai^rt würbe*), brad^ in bem uoBen Saufe ein 
©türm beö Seifalld aus, n)ie J^ett^eim bie SBorte 
fagte: „SKrmeö braceö SBeib!" 

S)ur(ä^ bie ©cene mit ber SKarloff roeid^er ge^ 
fümmt, empfängt S^elll^eim bie geforberte SRed^nung, 
bie Suft unter 2^l^ränen gefd^rieben. „ißaben ©ie 
SBarml^erjigfeit mit mir, mein igerr; id^ mei^ rool^l, 
ba§ bie SKenf(^en mit Sinnen feine l^aben, aber id^ 
l^ätte mir el^er ben S^ob, als meinen Slbfd^ieb üer^ 
mutl^et." ®r foH ben 3Kaior uerlaffen, ber il^m 
lauter SBol^ltl^aten erliefen, alle Äoften feiner 
Äranfl^eit bejal^lt, feinem abgebrannten unb ge= 
j)lünberten SSater ®elb geliel^en unb jmei Seute^ 
pferbe gefd^enft l^at; er foll ®elb von ilim nel^men, 
n)äl^renb, atteö gered^net, er üielmel^r feinem ^errn 
nod^ 91 5E:^aIer 16 ©rofd^en 3 ^Pfennige fd^ulbet 
2)er Serr möge il^n nur in feiner SRäl^e bulben, 
mie er ben ^ßubel, ben er aus bem SBaffer gejogen 
unb ber il^m nid^t mel^r t)om fieibe gel^t. „®r fpringt 



*) S)ctt 21. awata 1768; Pc inufetc jel^nmal naä^ ein» 
anber toiebetl^oU toetben. 



111 



vox mir i^cr unb tnad^t mir feine Äünfte unbefol^len 
t)or. • ®ö tft ein ^feUiä^er ^pubel, aber ein gar ju 
guter §unb." ©iefeö Söort rül^rt 2^ettl^eim§ iQerj^ 
biefer Sluöbrud ber J^reue. „?lein, eö giebt leine 
t)ölligen Unmenfd^en!" fagt er ju fid^ unb ju bem 
.Wiener: „3uft, toir bleiben beifammen." 6r be- 
fiel^lt tl^m ben SRing ju oerpfänben, bie 3fie(§nung 
ju jal^len unb feine ©ad^en in ba§ rool^Ifeilfte ®a^ 
l^auö, gleiiä^mel toeld^eö, ju fiä^qffen; ^ettl^eim felbft 
benft nur an jroei 5Dinge, bie nid^t oergeffen xotv^ 
ben f offen: feine pftolen unb „nod^ ein«, — nimm 
ntir aud^ beinen ^pubel mit, I)örft bu, ^v\V/^ ©er 
gro§e ©d^aufpieler ©d^röber erjäl^lt von ®d^of: 
„®ö lag eine.SBelt von 2luöbrudE in feiner SRebe, 
roenn er ate S^effl^eim bie 3Borte fprad^: ,3lxmm 
mir an^ beinen ^ubel mit, prft bu, Suft!*" 

@ö fel^lt in bem Silbe ^effl^eims, baö wir in 
bramatifd^er Sluöprägung empfangen f offen, beoor 
SRinna t)on Sarnl^elm erfd^eint, nod& ein 3^9- 
3Bir glauben bem treuen ^n% ba^ eö in ber SBelt 
feinen befferen ^errn giebt; wir empfinben mit ber 
SBittroe 3)larloff, ba§ niemanb gro^mütl^iger unb 
jarter l^anbeln fann, als S^effl^eim; bem SBirtl^ 
gegenüber ifi er fiolj unb furj gebunben; aud^ 



112 



l^aben mr nebenbei bemerfen Wnnen, bafe er für 
baö 8en)öl^nli(|e Seben fel^r unpraftifd^ ift: er lafet 
feine ^abfeligfeiten in einen anberen ©aftl^of 
fd^affen unb tümmert fi(ä^ weber um boö ^aa^ 
nod^ bie ©ad^en ; er benft nur an jtoei 3)inge, bie 
il^m nad^tt&Qlui) einfallen unb für feine gegen- 
wärtige Sage bie unnüftcften finb: feine ^piftolen 
unb Suftö 5ßubel! SBir wollen mit biefer Semer^^ 
fung bie ©orgen befd^roid^tigen, bie fid^ megen ber 
5ßiftolen einige ®rKärer gemad^t l^aben: ba^ fid^ 
ber 9Kann nur nid^t erfd^iefet! ©orgen, bie ebm 
fo unnüfe finb, ate für S^ettl^eim felbfl in biefem 
3lugenbIidE bie Pftolen. 

2)amit uns nid^tö t)on ber ftunft bes motioi:: 
renben ©id^terö entgelte, möge aud^ baö Keine 
©elbftgefpräd^ Suftö, nad^bem il^n S^eHl^eim üer^ 
laffen, wol^I bead^tet werben. SBie l^at ed Seffing 
t)erftanben, l^ier -mit ein paar SBorten bad ^aupt^ 
motit), weld^eö ben ftnoten bed SJramaö bilben foH, 
anjubeuten unb jugleid^ ben e^ortgang ber ^anb:: 
lung porjubereiten. 3"^ ^ßt ^^n feinem ö^ntt 
ben loftbaren 9ling erl^alten mit bem Sefel^l, il^n 
ju t)erpfänben. @ö mufe mit biefer Äoftbarfeit eine 
eigene SBewanbtnife l^aben, benn S^eHl^eim f agt : „^^ 



113 



ptte nie geglaubt, einen foli^en &ebxan^ von x^t 
}u mad^en." 1Run wunbert fid^ Suft rtid^t bloö, 
ba§ ber ^err fald^ einen foftbaren SRing be^ 
pfet, fonbern nod^ über einen anbem Umftanb; 
„Unb trug il^n in ber ^af(3^e anftatt ant 
ginger!" ®d ift ber SBerlobungöring, ben XeH- 
l^eim nid^t mel^r aU S^^^^^ ^^ SBerlobung trägt: 
fo feft fielet fein ©ntfd^lufe ber ©ntfagung! Unb 
was tl^ut Suft mit bem Slinge, ben er oerpfänben 
fott? ,,33ei il^m, bei il^m felbft nntt id^ bid^ per^ 
fe^en, fd^öneö 9Wngeld^en! 3id| weife, er ärgert 
ftd^, bafe bu in feinem ^aufe ni(^t ganj foffft uer^: 
jel^rt n^erben!" Äann er ben ©d^urfen von SEBirtl^ 
nid^t prügeln, fo miH er il^n bo(^ ärgern, ©o 
fommt ber 9Kng auf bie natürlid^fte Slrt ju bem 
©aftroirt]^ unb nimmt feinen SSJeg in bie fianb bed 
gräuleinö, burd^ bie er in bie ^anb XeHl^eimä jus 
rüd^fel^ren foH. 

Slber ber 3^9 ^^ S^ettl^eimö ©l^arafterfd^ilbes 
rmtg, ber unö no(^ fel^It! ®in fold^er ^err, ein 
fold^er SRonn, fagt Suft, ein fold^er Dffijier! 
SSon feiner friegerifd^en 2;üd^tigfeit, üon bem l^elben* 
mütl^gen tapfem SKajor, bem SJorbilbe feiner ©ol^ 
baten in ber ©d^Iad^t, merben wir aus feinem 

Äuno 3r»f<^et, 0. Q. Sefjlnfl I. 8 



114 



eigenen 2Runbe feine ©ilbe l^ören ; bief en 3w8 tann 
unö toeber fein Wiener no(^ bie SBittwe feines 
Äameraben, fonbern nur ein ©olbat fc^ilbem, ber 
unter il^nt gebient, il^n gefeiten l^at unb für ben 
gelben 2:^eIII^eim fc^wärntt: ^ßaut SB er n er, ber 
Wegsluftige SBac^tmeifter! 3<$ glaube, ber SKann 
n)ei§, baß fein 5Ramenööetter Dberft geworben ift; 
er fönnte e§ au(^ no(3^ werben, menn ber ^ubertö:! 
burger gerieben niä)t wäre ! ^efet fifet er auf feinem 
Sauemgut unb beult nur an ben Ärieg unb ben 
SJiajor SCettl^eim ; am liebjlen er jäl^lt er bie Slff aire 
bei ben fla^enl^äufern, bie ^ufl fÄon fo oft oon 
il^m gel^ört l^at, ba§ er bem SBac^tmeifter in bie 
SRebe fällt: „©oH xä) bir bie erjälilen?" ©eit bem 
t)ern)ünf(^ten ^rieben finb bie Ärieg§auöfi(^ten in 
ber 3tiä)e gefd^wunben, aber unfer SBad^tmeifter l^at 
bie 3^itungen ftubirt, natürlid^ nur bie Äriegö= 
berid^te, unb gelefen, bajs ber ^ürft t)on ©eorgien 
gegen bie 2^ür!en jiel^en wirb. „(Sott fei ®anf, 
baj5 bod^ nod^ irgenbwo in ber 3BeIt Ärieg ift!" Um 
bie ©injelnlieiten fümmert er fid^ nid^t weiter. Der 
5ßrinj ^erafliuö (SSraKi) war fd^on ^err t)on 
©eorgien unb ^tte fid^ t)on 5perfien unabl^dngig 
gemacht; ba§ l^ei^t bei unferem SBad^tmeifter: „er 



115 



^at 5Berftcn tücggcnommcn!" gcfet vM er bie 
2;ürfen ietde^m, „bie Pforte," wie in ber Bettung 
fielet. ®amtt nimmt eö ^fjaul SBerner ettoaö ju 
bud^ftäblid^ unb etwas ju eilig: „er wirb näd^fter 
2lage bie ottomanifd^e Pforte einfprengen!" 3lu(j^ 
über ben ©d^aupla^ ift er nid^t genau orientirt; 
genug, e§ ift Ärieg in weiter g^erne, mo ©eograpl^ie 
unb ©efd^id^täfunbe beö SBac^tmeifterö auffiören. 
Ärieg ift fein ©lement, baö er in 5ßerfien fud^t, 
wmn er eö in 5preu§en unb ber Umgegenb nid^t 
mel^r finbet. ©ein g^reigütd^en l^at er t)erfauft unb 
l^ält fid^ marfd^fertig; ba§ ®elb bringt er feinem 
aWajor, ber bamit mad^en foll, toaö er will; baä 
a3efte märe, er ginge mit nad^ 5ßerfien. „33Üfe! 
35er ^ßrinj ißera!üu§ mufe ja xo6f)l t)on bem aWapr 
^eUJieim gel^ört l^aben, menn er aud^ fd^on feinen 
gemefenen SBad^tmeifter 5paul SBemer nid^t fennt." 
S)iefeö eine SBort fagt mel^r afe alle fiobpreifungen 
ber ftriegötl^aten ^effi^eimä. ®ö ift ein feiner mol^I^ 
t^uenber S^i unfereö ©tüdö, ba§ es gar nid^ts 
von folbatif(^en ^ßrablereien nad^ %ct ber aWaöfen^ 
fomöbie entl^ält, nid^t einmal bie SKffaire von ben 
Äafeenl^äufern barf ber SB'ad^tmeifter erjal^Ien. Unb 
baj3 ^^ettf^eim einer ber tapferften gelben in ber 



116 



©d^lad&t war, glauben mx bem itaven SBcmcr 
ouf biefcd eine fo nate empfunbene, fo überjcu- 
gungßüotte SBott: ,,2) er ?prinj ^crafliug mu§ 
ja Tool^l DOtt bem aJlaiot Selll^eim gel^ört 
l^aben!" 3eftt wunbert es mid^ gar nid^t mel^r, 
unb i(i^ t)erftcl^e ed nod^ beffer afe juüor, ba| 2;ells 
l^eim, toie er feine ©ad^en außräumen lägt, [elbft 
an nid^t« benft ate an bie SQSaffen; mag 3«ft liegen 
laffen, n)ad er ©ergibt, aber bie $piftolen foff er 
mitnel^men! 

VI. 

S)er auftritt jwifd^en 3uji unb SBemer ift bie 
©d^lu^fcene beö erften Slctä. SBir finb burd^ bie 
lebenbigfte bramatifd^e ©d^ilberung über bie Sage 
unb ben S^aralter ^eUl^eimd pöQig im klaren unb 
toänfd^en einen ©d^uftengel l^erbei, ber bem guten, 
l^od^l^et^igen, tapferen, unglüdlid^en, in ber ©orge 
für fein eigenes SBol^l nad^läffigen unb tl^atlofen 
tWann bie l^ülfreid^e ^anb reid^e. Sefet erft erfd^eint 
SRinna t)on S9arnl^elm. 

2)oS ©efpräd^ jwifd^en il^r unb g^ranjisla, momit 
ber jweite 3tct beginnt, ift bas 9Kufter eines ßeffing- 



117 



f(§en SJialogö. 3)cr 3)id^ter itjar feiner bialogifd^en 
Äunfi, wie alles beffen, waö er tl^at, fid^ t)oII!otnmen 
bewußt; er mad^t einmal bie überrafd^enb roal^re 
SemerJung, bajs bie unroiHfürlic^en Silber unb 
3Ketapl^ern, bie ein ©efpräd^ l^eroorruft, aud^ i^auftg 
bie ungefud^ten SWittel finb, bie eö leidet unb jwangtoö 
fortleiten*). SBerweilen mir mit bem Sntereffe 
biefer Seobad^tung einen Slugenblidf bei ber ©om^ 
pofition beö ©efpräd^S, baß im ®ange unfereö Safts 
fpiete und tien f)xex begegnet. 

aSie leidet unb natürlid^ fliegt in biefer weib- 
lid^en 5ßlauberei eine SBenbung aus ber anberen, 
bis fid^ ber ©ialog gleid^fam in bas (Clement er^^ 
gie^t, von bem bie ^erjen erfüllt finb ! SKinna ift 
nad^ einer unrul^igen SRad^t f el^r f rül^ auf gejlanben : 
„3)ie 3cit ujirb uns lang werben, granjisfa!" ©o 
beginnt bas ©efpräd^. 3BaS il^r bie SÄul^e geftört 
l^at, mar wol^l ni^t, roie bas Äammermäbd^en aus 
eigener ®rfa]^rung meint, ber näd^tlid^e Särm ber 
großen ©tabt, benn bas gräulein läfet aud^ bas 
grül^ftüd unberül^rt. Um bie ßangeweile ju t)ers 



*) Sßgl. olöctt bcn 5lblld^mtt übet „Öcffinö8 tcfotmatoxifd^c 
SBebetttttttö" : VII. 7. 6. 64. 



118 



treiben, bemerft nedenb granjiöfa, „toerben toir und 
pufeen muffen unb baä Äleib t)erfud^en, in weld^etn 
n)ir ben erften ©türm geben wollen." 2BeiJ3 fie 
bod^, woran il^r gröulein benft unb worüber fie 
ötti liebften fpred^en möd^te, ol^ne ben Slnfang ju 
machen. „SBas rebeft bu t)on ©türmen, ba iä) 
bloö l^ier bin, bie Haltung ber ©opitulation ju 
forbern." iQier ift baß 83ilb, friegerifd^ unb mili* 
tärifd^, wie bie 3cit. UnmiHfürlid^ erinnert eö an 
ben Dffijier, ber bem gräulein fein 3i^^ß^ 9^= 
räumt unb bafür einen l^öflid^en 2)anf empfangen 
l^at. 2)afe er nid^t fo l^öflid^ mar, feine äufmartung 
ju mad^en, finbet bie Äammerjungfer ju tabeln. 
3Bir finb fd^on an ber ©teile, bie baö ©efpräc^ 
ungefud^t unb fd^neH erreid^en mu^te, baö 33ilb 
t)om ©türm unb ber Kapitulation l^at geholfen; 
ber unl^öflid^e Dffijier erinnert an baß 3Kufter beß 
©egentl^eitß : „ßß finb nid^t aUe Dffijiere ^ell* 
l^eimß," ermibert 3Kinna, frol^, ba§ fie von ü^m 
fpred^en fann. „3Kein ^erj fagt mir, bafe id^ ilm 
finben werbe." 2lber baß ^erj, entgegnet g^ranjißfa, 
rebet unß gewaltig gern nad^ bem aWunbe, wäl^renb 
fid^ biefer fel^r in 2ld^t nel^men mu§, nad^ bem 
^erjen ju reben unb unfere eigenen ©efül^le ober 



1J9 



gar SSorjügc ju offenl^etäig barjutl^un. 9Bo finb 
toir l^ingetatl^en ? SSon ber Hoffnung aWinnaö 
auf einen glüdlii^en 2lu§gang i^ret SRetfe in eine 
TOortfpielenbe ^piauberei über fierj unb aWunb, 
wobei bie gefc^eibte unb wifeige ^ranjiöfa eine 9leil^e 
einfalle l^at, bie mit ber SBemerfung enben : „Ttan 
fprid^t fetten von ber J^ugenb, bie man l)at, aber 
befto öfter t)on ber, bie uns fel)lt." 2llle i^re ©in^ 
fäHe fliejsen aus berfelben SJBenbung, auö bemfelben 
bilblid^en Sluöbrud, ben aWinnaö frol^eä 2Bort: 
„3Kein ^erj fagt mir, bafe i^ ilin flnben merbe," 
]^ert)orrief. 2)ie Sungfer entgegnete: „®aö ö^rj 
rebet nn^ gewaltig gern na(^ bem aJlunbe." Dl^ne 
SBilb unb aWetapl^er: man glaubt, roaö man 
TOünfd^t. ^ätte fid^ granji§!a fo auögebrüdt, fo 
maren atte jene ©infäHe, bie nur aus bem Silbe 
unb ber 3)letapl^er entfprungen finb, unmöglid^, 
aud^ ber von ber SCugenb, bie man um fo weniger 
l^at, ie mel^r man von if)x rebet. „©iel^ft bu, 
^ranjiöfa!" ruft baö g^rftulein, „ba l^aft bu eine 
fel^r gute Slnmerfung gemad^t." 3n ber Slntwort, 
bie baß Äammermäbd^en giebt, belel^rt und ber 
©id^ter jugleid^ über biefeö fo natürlid^e unb ei^n 
gebraud^te 3Wittel feiner bialogifd^en Äunft, worauf 



120 



Toir unfere Scfcr J^intocifen wotttcn: „®emad^t?" 
fagt %xanixita, ,,mad^t man baö, wa« einem fo 
einfällt?" 

2)ie ganje ftüd^tige ^laubetei über ^erj unb 
3rtunb mar nur eine fd^einbare 2)igreffton, momit 
baö ©efpräd^ fd^nett unb fpielenb von ber 6r« 
mäl^nung J^eHl^eimö jur ©d^ilberung feineö &^a^ 
rafterä gelangt ift. „Unb meigt bu/' fäl^rt bas 
gräulein fort, „marum t(i^ eigentlid^ biefe Slnmerf ung 
f gut finbe ? ©ie l^at t)iel Sejiel^ung auf meinen 
^elll^eim. g^reunb unb g^einb fagen, bafe er ber 
tapferfte 9Kann von ber SBelt ift. SKber mer l^at 
il^n t)on 2;apf erfeit jemals reben pren? ®r l^at 
baö red^tfd^affenfte ö^% aber SRed^tfd^affenl^eit unb 
®belmutl^ finb 2Borte, bie er nie auf bie 3w«Ö^ 
bringt." ®r muß alle J^ugenben befi|en, benn er 
fprid^t t)on feiner, eine einjige ausgenommen, bie 
3Winna oon SBarnl^elm felbft an il^rem Srftutigam 
nie bemerft unb, nne mir fd^eint, nid^t ungern oer« 
mißt l^at: „®r fprid^t fel^r oft oon Defonomie. 
3m aßertrauen, granjisfa, id^ glaube ber STOann 
ift ein SBerfd^menber." S)aß eS fid^ aber bei S^eß* 
l^eim mit ber Streue äl^nli(§ Derl^alten fönnte wie 
mit ber ©parfamfeit, iji nur ber nedfenbe unb 



121 



fpiclenbe ©ntourf be? Äatnmermäbd^cns, bet SJHnna 
nid^t irre tnad^t ,,5Rod^ cinä , gnäbigcö f^äulein. 
3d^ l^aBe il^n aud^ fel^r oft bcr Streue unb Se^» 
jiänbigleit gegen ©ie erwal^nen l^ören. 9Bie, wenn 
ber ^err aud^ ein ^attergeifl n)äre?" ©erabe ein 
fold^er @$erj ifl ber fic^erfte 93en)eiö, ba§ JJeff:^ 
l^eimö 2;reue unb SBeftänbigfeit jeben 3w)eifel auö^ 
f(^He§t. 3Kinnaä innere ©timme l^at roal^x Qe^ 
fprod^en: „SUlein fierj fagt es mir, baJB iä) i^n 
ftnben werbe/' ©d^on ber näd^fie SlugenblidC erfüttt 
il^re Hoffnung. SluS bem SDlunbe beS SBirtl^d er^ 
fäl^rt fie, ba§ ber aus feiner SQBol^nung oerbrängte 
Dfftjier abgebanft unb t)em)unbet ift ; an bem r)tx^ 
pfanbeten 3Wng erfennt fie i^ren aSerlobten. „9Son 
wem l^aben ©ie ben 9Kng?" „5Bon dntm fonjl 
guten SKann/' antwortet ber bebenfßd^ gemad^te 
SBirtl^, bem nid^ts fo nal^e liegte als ber SBerbad^t, 
bas Äleinob Knne im Äriege „gerettet" worben 
fein. „Sßon bem b^jien 3Kanne unter ber ©onne, 
wenn ©ie il^n t)on feinem ®igentl^ümer l^aben!" 
3>er 83räütigam ift wiebergefunben / fie fud^t ll^n 
in ber weiten SBelt unb wol^nt in feinem 3iwtmer ! 
3^r erfies ©efül^l ift unausfpred^lid^es ©liidC. 3;run!en 
t)or g^eube, möi^te fie, ba§ bie ganje SBelt mit 



122 



i^r jubelt. „6ö ift fo traurig, fi(ä^ allein ju freuen." 
^S)a, liebe granjisfa, faufe bir, roa^ bu gern l^ätteft. 
fjorbere mel^r, roenn eö nid^t julangt. Slber freue 
bid^ nur mit mir." „Stimm — unb roenn bu bi(ä^ 
bebanf eft ! aBarte, gut, ba§ id^ baran benf e. S)aö 
ftede bei ©eite für ben erften blefflrten armen ©ok 
baten, ber uns anf priest." Sl^re ©eele ift oon 35anf 
fo erfüllt, baß fie !ein SBort beö 35anfeö annel^men, 
nur felbft baoon burd^brungen fein roiU unb für 
baß eigene Oefül^l feinen anberen 3lu§brudf finbet, 
ate ba§ Opfer be§ innigften ftummen ®thet^. „3d^ 
l^abe il^n roieber! 33in id^ alleih? 3d^ roiH nid^t 
umfonft allein fein. Slud^ bin id^ nid^t allein," fagt 
fie mit gefalteten ^änben. „®in einziger banfbarer 
©ebanfe gen iQimmel ift ba§ üoHfommenfte (Sebet! 
3d& l^ab' il^n, id^ l^ab' il^n! ^d^ bin glüdlid^ unb 
fröl^li(| ! 2Ba§ lann ber ©d^öpfer lieber feigen, als 
ein frö^lid^eö ©efc^öpf!" 

@ö gibt 3Jaturen, roeld^e bie föftlid^e ®abe be^ 
fifeen, von (Srunb aus glüdfli(^ ju fein unb ju 
mad^en, bie burd^ il^re l^eitere Oemütl^Sart roie ein 
l^eller roarmer JJrül^lingötag in bie SBelt leud^ten, 
baö Seben fid^ unb anberen erleid^tern unb ers 
quidfen, ol>ne bdjg bie 2^iefe, 2S«"i0^ßit unb 2;reue 



123 



beö ^crjenö, bie Äraft ber Eingebung unb auf^ 
opfcrnben Siebe ben tninbeften Sbbrud^ leibet, ©otd^e 
Oemütl^er l^aben nid^tö ^problematifd^eö, nid^tö pon 
bem Seid^tfinn, ber auf ber Dberfläd^e beö Sebenö 
l^inflattert, bem ©(^metterlinge glei$, ber bod^ nur 
von ber Staupe l^erfommt unb nid^t l^öl^er fliegt afe 
ber ©taub. e§ ift pd^ft feiten, bafe fid^ bie ^iefe 
unb ber ©ruft ber ®mpfinbung ol^ne alle ©wpfinbs 
famfeit mit bem „l^olbcn Seid^tfinn ber 5Ratur" ol^ne 
alle glatterl^aftig!eit in bemfetben ©emütl^ vereinigt, 
©ine fold^e feltene, in il^rer Älarl^eit gegen atteö 
uned^te ©lüdf gefid^erte, in il^rer ^eiterfeit über 
alleö eingebilbete Unglüdf erl^abene Sftatur ift aWinna 
pon Sarn^elm ; iä) tpüfete unter ben grauengeftalten 
unferer ©id^tung leine, bie i(§ barin mit il^r per^ 
gleid^en mö(|te. ©ie l^at, mie ©oet^e fagt, Seffing^ 
fd^en SSerftanb; unb biefer 58erftanb perträgt fid^ 
auf baö 33efte mit mal^rer ©emütl^Stiefe. 3lte Älop= 
ftod in einer feiner Oben ©Ott mit erl^abenen 
SBorten aufleimte, i^m bie ©eliebte ju geben, mad^te 
ßeffing bie treffenbe unb ergöfelid^e Semerfung: 
„aSeld^e aSerraegenl^eit, ©ott fo ernftlid^ um eine 
grau ju bitten!" S)agegen ift eö mal^runb natürlid^, 
tpenn in Seffingö eigener SDid^tung eine grau, bie 



124 



bett aftann il^reö ^erjen« toicbergefunbcn f)at, ein 
fo ftcubige« @cbct roortlofen 2)anfed emporfenbct. 
©obalb fie ber 9läl^e Sieffl^eimö genjife ift, et:» 
f<i^eint il^r aBfe« gut; jeftt fül^lt fic fein ©d^idtfal 
in ll^rcr ^anb, unb biefe wirb ben Änotcn ju löfen 
mffen» SRur ein Sluöbruij^ von S^rn unb aWitleib 
trifft ben SBirtl^: „iQäjslid^er 9Kann, n)ie fonnten 
Sie gegen il^n fo unfreunblid^, fo l^art, fo graufam 
fein?" Unglü(Kid^ ift SEeK^eim nid^t mel^r, benn 
er l^at ja aud^ fie roiebergefunben. „(Sr jammert 
bid^?" ruft fie granjiöfa ju, „mid^ jammert er 
ni(^t. Unglüdt ift aud^ gut. SBietteid^t, ba§ il^m 
ber ^immcl alleö nal^m, um il^m in mir affeö 
wieberjugeben." Unb wie aWinna il^n wieberfiel^t 
unb t)on il^m felbft l^ören muß, baß er fid^ einen 
„ßlenben" nennt, fragt fie nid^t nad^ feinem ©lenb, 
fonbern nur nad^ feiner Siebe, „©ie lieben mid^ 
nod^, genug für mid^." „§ören ©ie bo($, maö 
Ql^re 3Kinna für ein eingebilbeteö , albernes 3)ing 
mar, — ift. ©ie ließ, fie läßt fid^ träumen: 31^r 
ganjeö ®lüdC fei f i e. ©efi^minb, framen ©ie 3l^r 
UnglüdE an&/^ ©d^on biefeö SBort: „framen ©ie 
efi aM^^ erleid^tert bie tragifd^e ©ituation. ©eine 
3urüdfl^altung: „mein e^täulein, id^ bin nid^t ge» 



125 



toäf)nx ju Hagen/' ift eine ©d^anje, bie einem fo 
treffenben 6inn)urf, nne bem übrigen, nid^t ©tanb 
l^dlt : „D mein SRed^tl^aber, fo l^ättcn ©ie ftd^ an^ 
gar nid^t unglüdKid^ nennen foQen. ©anj gef (i^n)tegen 
ober ganj mit ber ©prad^e l^erauö." S^ftt «^«6 w 
fein Unglüd ,,aufi!ramen", atte bie fd^limmen SSJed^fel 
feiner ©d^icffale: er ift nid^t mel^r ber glü(flt(i^e 
^^ell^eim, ,,ber Mtil^enbe 3Kann, voüex änfprüd^e, 
Dotter SRul^mbegierbe , ber feined ganjen ÄörperÄ, 
feiner ganjen ©eele mä(|tig war, t)or bem bie 
©d^ranlen ber ©l^re unb beö OIüdEö eröffnet ftan* 
ben." ,^3d^ bin XeHl^eim, ber tjerabfd^iebete, ber 
on feiner @l^re gefränfte, ber 5lrüppel, ber SJettlex. 
Senem, mein grätilein, t)erfprad^en ©te fid^ ; woBen 
©ie biefem SBort l^atten?" 3n 3Rinnaö ©rmiberung 
liegt il^r ganjeö S^J, i^te ganje ©emütl^öart: ,,3)ad 
Hingt fel^r tragifd^ ! 3)od^, mein $err, bis id^ jenen 
mieberflnbe — in bie S^eHl^eimö bin id^ nun einmal 
t)ernarrt — biefer nnrb mir fd^on aud ber SRotl^ 
l^elf en muffen, ©eine ö^^nb, lieber SBettler !" aber 
bie ©ad^e ift meit emfll^after, ate fie im Swbel be« 
@lädfed meinte. ÜIRit bem l^öd^ften älndbrude bed 
©d^merjeg reijst fid^ ^eH^eim von il^r los unb er« 
Hart mit ber SBiUenöftärle , bie fie fennt, baft er 



126 



gcl^e, um fie nie, nie lieber ju feigen; bofe er feft 
entfd&loffen fei, feine SRieberträd^tigfeit ju begel^en, 
fie feine Unbefonnenl^eit begel^en ju laffen. 

35er Änoten ift gefd^ürjt unb bie ©jpofition 
unfered ©ramaö oottenbet, fie fonnte 3^9 für Swg 
nid^t natürUd^er motimrt, nid^t feiner unb meiflers: 
l^after auögefttl^rt fein. I)er Ie|te SKoment mad^t 
ben erfd^ütternben ©inbrudf einer tragifd^en ^Peripetie, 
eines plöfeUd^en unb fd^Iimmen Umfd^roungS ber 
Singe. 3luf bem ©ipfel beö ©lüdfö, il^reö Bieied 
fidler, erfennt 3Winna mit einem 3RaIe ben fur(^t= 
baren ®mft beö ©d^idfafe. 3lu§ bem SBieberfel^en 
ift S:rennung geworben, l^offnungälofe, wie e§ fd^eint. 
3n biefem Slugenbtidfe ift fie il^rer felbft nid^t mäd^tig, 
fie eilt il^m nad^ unb will il^n nid^t laffen, er reifet 
fid^ von 5Reuem loö unb ftürjt fort; fie fielet ben 
SBirtl^ nid^t, ber t)or il^r ftel^t, unb glaubt mit 
g^ranjiöfa ju fpred^en. ^änberingenb, unter S^l^rftnen, 
ruft fie aus, toie verloren im Slbgrunb beö ®(enb§: 
„Sin id^ nun glüdftid^? g^ranjiöfa, xoex jammert 
bid^ nun ?" 5Diefe ©cene läfet ber 3)id&ter au§ ben 
triftigfien ©rünben nid^t oor unferen äugen ge= 
fd^el^en, fonbern bloö burd^ ben 3^W9^" fd^ilbem. 
©ie ift für ben ©^arafter SWinnaö burd^auß be- 



127 



jei($nenb unb barf in bicfer il^rer crgreifcnbcn Scbeus 
tung um feinen 5prei§ buriä^ ben Slnblid ber mit S^ett* 
l^eim oergeblid^ ringenben g^rau unb beö SBirtl^ä, 
ben fie in ber Setaubung für il^re Äammerjungfer 
anjiel^t, gefd^nj.äd^t werben: SH^f We vox unferen 
3lugen leidet inö Äomifd^e fatten fönnen, aber burd^ 
bie ©rjäl^Iung in ©d^atten treten. 3n ber ©im 
bilbungöJraft feigen roit nur bie t)on faffungölofem 
©d^merj überwältigte 9Kinna, bie jene ®abe, im 
beften Sinne be§ SBorteö glüdtid^ ju fein unb ju 
mad^en, nid^t befi^en würbe, ptte fie nid^t aud^ 
bie göl^igfeit, grenjenloä unglüdEIid^ ju werben. 

VII. 

SBir wiffen fd^on, wie SKinna bie Sage bemeijiert 
unb XeSif)exm^ ©ntfc^Iüffe, bie ju fd^merjlid^ flnb, 
um für immer unerfd^ütterlid^ ju fein, burd^ eine 
glüdflid^e, auf feinen ©l^arafter bered^nete Sifi be^ 
flegt. ©od ber Änoten nid^t tragifd^ jerrei^en, fo 
mu§ er auf l^eitere 2lrt gelöft werben. 3n ber 
©emütl^sart 3:eIII^eim§ fel^It eine befreienbe Äraft 
gänjlid^, ol^ne weld^e ba§ menfd^Iid^e Seben in 



128 



feinen Hemmungen fteden bleibt unb ben 5Dru(f 
beö ©d^idffafe nie loö wirb: er l^at feinen öumor, 
er ift üöHig oerbüftert unb in bie ©adgaffe feines 
Unglüdfö fo verrannt, bafe er bie freie ©egenb ni^t 
mt^x fielet, baj5 il^m fein gutes ®en)iffen nid^t über 
bie gefränfte ®l^re, feine JBerad^tung beß (Selbes 
nid^t über baö ©efül^I ber Slrmutl^, baß fÖetm^U 
fein, auf bem ©d^Iod^tfelbe perrounbet ju fein, nid^t 
über ben „Krüppel" l^inwegPft; er ifi mit feinem 
Unglüd bergeftalt jufammengewad^fen, ba§ biefer 
l^öd^ft uneigennüfeige unb aufopferungöwiHige 3Kann 
tl^ut, maß er am menigften tl^un möd^te: er benft 
eigentlid^ nur an fid^ unb roitt in jener ftolsen 
Sfolirung beß Unglüdfß, worin jebe SBol^ltl^at ah- 
gelel^nt toirb, feinem bie greube gönnen, il^m ju 
l^elfen. Könnte er feinen Stolj opfern, wie fein 
©elb, fo wäre allen gel^olfen. 3lber loaß nüfet 
nod^ feine ©rofemutl^ unb grcigebigf eit ? SBenn fid^ 
bie anberen, für bie er alleß tl^un möd^te, ebenfo 
fpröbe oerl^alten, toie er, fo ift feine ganje Uneigöt? 
nü^igfeit umfonft. ®ß l^eißt nid^t wol^ltptig fein, 
loenn man eß bem ©mpfänger oerfagt, feine ©auf« 
barfeit burd^ bie SO^at ju beweifen; bann erfd^eint 
ber lefctere nid^t alß ber g^reunb, fonbern alß bie 



129 



€rcatur beö SBol^ltl^äterd , tüaö fein tüd^tige« unb 
banfbatcö ©emütl^ erträgt. 35icfc notl^tocnbigen 
fjolgcn feiner öanblungötDeife f)at 3;eIII^eim nid^t 
bebad^t, er mujs bie 3lü(Jn)irfung berfelben er^ 
f al^ren : bieß ift „bie fiection", beren er bebarf unb 
bie ftd^er bei il^m anfd^Iagt. 3uft ift gegen ben 
^ubel beffer geroefen, als fein ^err gegen il^n fein 
n)ottte, er l^at baö treue S^l^ier bel^alten, unb %t\U 
l^eim l^at fid^ bie f leine ©efd^id^te ju ißerjen . ge? 
nommen. 

2lber bie erfte emftlid^e Section, bie il^n er^ 
fd^üttert unb für baö ©piel ber lefeteren vorbereitet, 
foff er burd^ ben SBad^tmeifter empfangen, ber 
t)ergebenö fein ®elb l^ingeben möd^te, um feinem 
vergötterten aßajor aus ber SRotl^ ju l^elfen. „®ö 
jtemt fid^ nid^t, ba§ id& bein ©d^ulbner bin". 
„3iemt fi(^ nid^t ?" antwortet aSemer. ,,3Benn an 
einem l^eifeen 2^age, ben un« bie ©onne unb ber 
e^einb l^ei^s mad^te, Sie . ju mir f amen unb fagten : 
aSemer, l^aft bu nid^tö ju trinf en ? unb id^ S^nen 
meine gelbflafd^e reid^te, nid^t wal^r, ©ie nal^men 
unb tranfen? 3i^w^te fi(5 baö? Sei mmer armen 
©eele, wenn ein S^runl fauleö SSßaffer bamafe 
ttid^t oft mel^r toertl^ war, afe all ber Cluarl! 



130 



3le1)men ©ie, Heber SJiajor, bilben ©ie fid^ 
ein, e§ ift SBaffer. %u^ baö ^at ®ott für 
alle gefd^affen". 2:clll|eim fann nur entgegnen : 
,;S)u marterft mid^, bu l^örft eö \a, i^ wiH bein 
©d^ulbner ni(^t fein ?" „3a, baä ift roaö anbereö", 
ern)ibert ber SBad^tmeifter, „©ie rooHen mein ©d^ulbs 
ner nid^t fein ? SSBenn ©ie e§ benn aber f d^on wären, 
§err aHajor? Ober finb ©ie bem 3Jianne nid^ts 
fd^ulbig, ber einmal ben ^ieb auffing, ber Sinnen 
ben Äopf fpalten fottte , . unb ein anber mal ben 
9lrm üom Stumpfe ||ieb, ber titn loöbrüden unb 
Sinnen bie Äugel burd^ bie ©ruft jagen moHte? 
2Baö fönnen ©ie biefem 3Ranne mel^r fd^ulbig mer^ 
ben? Dber l^at eö mit meinem ^alfe meniger ju 
fagen, als mit meinem Seutel? SBenn baö t)or:= 
nel^m gebadet ift, bei meiner armen ©eele, 
fo ift e§ aud^ fel^r abgefd^madft gebadet". — 
Sffiaö bleibt bem SKajor nod^ übrig ju fagen? 5Dafe 
itim nur bie ©elegenl^eit gefel^lt l^abe, für SEBerner 
bäffelbe ju tl^un! ®ö ift mal^r; l^at if)n biefer bod^ 
l^unbertmal für ben gemeinften ©olbaten, menn er 
ins ©ebränge gekommen mar, fein fieben magen 
feilen. Sttber SBerner l^at für ben 3Rajor, ber auf 
feiner SBeigerung bel^arrt, nod^ ein SBörtd^en auf 



131 



bem ^crjen. „SBenn id^ tnand^mal badete, lüic 
wirb cö mit bit auf's Sllter tocrben? SBenn bu 
ju ©d^anben gei^auen bift? SBcnn bu nid^tö ntel^r 
l^aben wirft? SBenn bu toirft betteln gelten tnüffen? 
©0 badete id^ meber: nein, bu wirft nid^t betteln 
gelten, bu wirft jum 3Dlajor S^eHl^eim gelten, ber 
wirb feinen legten ^Pfennig mit bir tl^eilen, ber 
wirb bid^ ju S^obe füttern, bei bem wirft bu afe 
ein el^rlid^er Äerl fterben Unnen^\ „®aö benf id^ 
nid^t mel^r. 3Ber von mir nid^tö annel^men 
will, wenn er'ö bebarf unb id^'ä l^abe, ber 
will mir aud^ nid^t§ geben, wenn er'ö fiat 
unb i(^'ö bebarf. ©(^on gut", ©iefeö SBort 
l^at getroffen, ^ell^eim ift befiegt. „aWenfc|, mad^e 
mid^ nid^t rafenb! 3d^ terfprei^e bir auf meine 
eiire, wenn id^ fein ®elb mel^r l^abe, bu foUft ber 
@rfte unb Sinjigc fein, bei bem id^ mir etwa« 
borgen will". 

2)iefe untibertreffli($e ©cene, eine ber fc^önflen 
beö ganjen ©tüdfs, bilbet gleid^fam bie SBorfd^ule 
2^ettt|eimö, bie ungefud^te, ju ber Section, bie ii^m 
Ttinna ertl^eilen wirb. SBenn man bem britten 
Slcte unferes ©ramaä mit ©oetl^e ben SBorwurf 
mad^t, bafe l^ier bie ißanbtung ftitt ju ftel^en fd^eine 



132 



unb rctarbirt toerbc, fo l^at man bicfc eben cr= 
xoä^nte ©ccne nid^t genug unb richtig gcroürbtgt: 
[ie entl^ält ein f ortbctücgenbeö , bie unbcugfamc 
©pröbigfeit ^cttl^eimä brcd^cnbes 5Wotit). 6r ^at 
an aßinna gefd^ricbcn unb il^r bie Scrocggrünbe 
feines ©ntfd&Iuffeö gefd^ilbert; fte will V)n fettfi 
fpred^en unb fenbet ben S3rief jurüdE, als ob fie 
il^n nid^t gelefen; bajn)ifd^en fällt fein ©efpräd^ 
mit bem SBad^tmeifter, eö l^at gewirft, ber SRajor 
ift fd^on nad^giebiger geworben, jefet wirb er auf 
bie @inlabung bes ^^räuleins tommen, fogar etxoa^ 
gepufeter, n)ie g^ranjiöla wünfd^t, in ©d^ul^en unb 
frifirt. ,,©o feigen ©ie mir gar ju brao, gar ju 
4)reu§ifd^ aus! ©ie feigen auö, afe ob ©ie bie 
oorige SRad^t campirt l^ätten". „S)u fannft eö 
erratl^en l^aben", antwortet ber 3Jiaior. 

©eitbem 9Winna ben 33rief gelefen, weife fie, 
bafe ^ell^eimö ®ntfagung jwar in feiner äbfid^t 
ben ebelften, aber in SBal^rl^eit einen oerf eierten 
®runb l^at, bafe fie nid^t auö ber Äraft, fonbern 
au« einer ©(^wäd^e ober einem gel^Ier feiner SJenf- 
art l^eroorgel^t. „®in wenig ju oiel ©tolj fd^eint 
mir in feiner aiuffül^rung ju fein. 3)enn aud^ 
feiner ©eüebten fein Olüdf nid^t wollen ju banfen 



133 



f)ahen, tft ©totj, untJerjeil^Iid^er ©tolj!" S)tcf cn 
gel^lcr, ber au§ Uebcrjartl^eit baö roa^rc S^rtgefül^l 
abftumpft unb üerl^ärtet, il^m felbft ju erleuchten, 
ift il^re 2lufgabe. „3d^ benfe ber Sectton naä), bie 
id^ il^m geben roiß. 3)u wirft feigen, ba^ id^ il^n 
von ®runb aus fenne. ®er 3Kann, ber mid^ jefet 
mit äffen Sleid^tl^ämern Derweigert, wirb mid^ ber 
ganjen SBelt ftreitig mad^en, fobalb er l^ört, ba§ 
id^ unglüdfüd^ unb üerlaffen bin", ©ie befifet alö 
natürlid^e SJlitgift, n)a§ it)m fel^tt: id^ meine nid^t 
baö (Selb, fonbern ben ^um or, ber frei um fid^ 
blidft, ^eff^eimö Hemmungen burd^fd^aut unb bie 
SBanbe berfelben löft. 

2)er Muge 5p(an gelingt t)off!ommen. Äaum 
l^at 2;effl^eim erfal^rett, ba§ fie enterbt, ^üd^tig, vex^ 
folgt ift, fo ^at er fein Unglüd »ergeffen unb 
fül^lt fid^ frei unb wie gerettet. „3Weine ganje ©eele 
^at neue Xriebfebern befommen. 3Kein eigenes Un^ 
glüdE fd^Iug mid^ barnieber, mad^te mid^ ärgerlid^, 
furjfid^tig, fd^üd^tem, täffig; il^r Unglüd liebt mid^ 
empor, ^ä) fel;e wieber frei um mid^ unb fül^Ie 
mid^ miffig unb frei, affeö für fie ju unternel^men". 
aWit einem SRale wirb eß Sid^t in feiner ©eele, 
unb er erfennt, wie vettef)xt unb tljörid^t ber ßiebe 



134 



gegenüber fein Unglüdöftolj war. SSBie 3Rtnna mit 
feinen ©rünben feine ^ülfe, ^Begleitung unb jebe 
aSerbinbung mit il^r jurüd weift : ,,9Bo benfen ©ie 
l^in, ^err SUlajor ? 3d^ meinte, @ie l^ätten an gfirem 
eigenen Unglüd genug; ©ie muffen l^ier bleiben, 
©ie muffen fid^ bie atterroUftänbigfte Oenugtl^uung 
ertrofeen" — befennt ü)x S^ell^eim feinen S^rtl^um : 
„©0 bad^t' iä), fo fprad^ id^, afe id^ nid^t raupte, roaö 
id^ badete unb f:prad^. SCergernife unb üerbiffene 
SButl^ l^atten meine gange ©eele umnebelt; 
bie ßiebe felbft in bem üoUften ©lanje beö @lüde§ 
fonnte fi(^ barin nid^t 2^ag fi^affen. 2lber fie fen= 
bet itire 5Cod^ter, baö SKitleib, bie, mit bem 
finftern ©d^merje vertrauter, bie SRebel jerftreut unb 
atte 3^9änge meiner ©eele ben ©inbrüÄen ber 
3ärtli(^feit roieberum öffnet. 5Der Strieb ber ©elbfts 
erl^altung erwad^t, ba id^ etmaö Äoftbarereö ju 
erl^alten l^abe, al§ mid^, unb e§ burd^ mid^ ju er? 
l^alten Iiabe". 

3n biefer Ummanblung S^eHl^eims, in biefer 
SBieberl^erftellung feineö maleren 6f)arafters unb 
feiner Äraft liegt bie eigentlid^e Söfung be§ Änotenä. 
SDixjs fie burd^ eine SCäufd^ung lierbeigefü^rt wirb, 
minbert nid^tä an ifirer Sebeutung unb il)rem Se- 



135 



ftanbe. ®ö war, rotnn i^ bcn SKuöbrud braud^cn 
barf, eine l^omöopatl^ifc^c Teilung. ®r mu§te fo, 
me 5Dlinna eö crbad^t unb ausgeführt l^at, getäufd^t 
werben, um feine ©elbfitäufiä^ung unb SSerblenbung 
3U erfennen, feinen Unglüdöftolj unb Unglüdß? 
Egoismus, benn anberä f ann man eö !aum nennen, 
wenn jemanb fein Unglttd nur für fid^ bel^alten 
unb felbft ber ßiebe nid^t gönnen will, cö ju er^ 
leidstem unb ju tl^eilen. 

®od^ mürben mir ^ettfieimö SBemeggrünbe, bie 
9Jlinna von SBarnl^elm ju überminben ^at unb über- 
minbet, nid^t DöHig burd^fd^auen unb mürbigen, 
menn mir aHeö barin nur feinem ©tolj unb über* 
jarten ©l^rgefül^l jufd^rieben. 6r t)ergi&t jebe Slüdfs 
fid^t auf bie il^m ganj ergebenen SKenfd^en, blod 
meil er fid^ felbft t)ergi§t. 3n ber Slrt, mie er 
fein Unglüdf empfinbet unb trägt, in biefer mort^ 
lofen ®ntfagung, in biefer ftummen g^affung liegt 
eine ©d^li(^tl^eit unb ©elaffenl^eit, bie t)on ben ©d^idf^ 
falen beöÄrieges unb Don ber ©d^ule ber ©d^lad^= 
te n l^erfommt. S)ie Unfälle, bie il^n betroffen l^aben, 
gel^ören nod^ ju ben Äriegöftürmen ; er fielet mie 
unter bem ©ommanbo beö ©d^idffalö unb läjst, 
maö eö tjerpngt, über fid^ ergel^en, mie ber ©olbat 



136 



im ^elbe, ber ftanbl^altcn mufe, mc e§ ber S)ienft 
forbcrt; er ftcl)t, me ber tapfere ©olbat, ber bie 
©efal^r für fid^ allein l^aben tüiH. J^eHl^eim fielet 
feine ©l^re gefäl^rbet in g^olge einer X^at^ bie 
et im Kriege verübt l^at: biefe ©efal^r mu& 
überftanben fein, beüor in feinem Seben g^ riebe 
wirb. 35arum barf aud^ bie föniglid^e ©l^ren^ 
erflärung nid^t ausbleiben. 3Ber ben ßl^arafter 
2^eII^eim§ barftetten will, mu§ unö in jebem 3^9^ 
ben ©olbaten ernennen laffen, ben ber Ärieg 
gefd^ult 1)at 

Unfer ©tüdf ift ein ©enrebilb, ba§ nid^t Uo& 
in ben SSegebenl^eiten, fonbern in ben ©l^arafteren 
unb ©mpfinbungöroeifen, bie eö fd^ilbert, unmittet 
bar auf bem granbiofen ^intergrunbe beö fiebcn:^ 
jäl^rigen Äriegeö rul^t. 3n einer gtille von 3ügen, 
bie beöl^alb fo einbringlid^ finb, weil fie einfai^ 
unb anfprud^sloö, ol^ne 5ßu| unb anefbotif(^e gär^» 
bung, aus ber ißanblung l^eroorgel^en , erfd^einen 
uns bie Sffiirfungen jener l^eroifd^en, bie menfd^:^ 
lid^en ©d^idfafeloofe ftürmifd^ burd^einanber rütteln- 
ben 3^tt- Sßid&ter ate fonft werben ungewöl^nßd^ 
ftarf e, gro^l^erjige ©ntfd^Iüffe gefajst unb eine Gnergic 
bes öerjenö an ben S^ag gelegt, ol^ne wd^e im 



137 



Silbe unfcrer ©id^tung aJlinna t)on. Saml^elm unb 
Xeü^tivx fid^ nie gefunben unb wiebergefunben 
l^ätten. es gel^ört ju ber erl^abenen S^^^ ^^^ 
Ätiegeä, bafe tüd&tige unb fraftooHe 5Raturen atten 
©igennufe t)erlernen unb alle SBeid^Iid^feit beö 
©mpfinbenö \xä) abgeioöl^nen. Um fo reiner jeigt 
fid^ baö SKitleib, um fo einfad^er unb natürlid^er 
bie ©rofemutl^. SSon fold^en ®inbrü(fen finb wir 
ergriffen, wemi S^eHl^eim ben ©d^ulbfd^ein 3WarIoffä 
Dernid^tet unb t)olI tiefen 3Kitgefül^te ber SBittoe 
nad^ruft: „Strtneä braueö SBeib!" SBenn aJiinna 
bem Äammermäbd^en ©elb mit voUtn ^änben giebt: 
„gut ben erften bleffirten, armen ©olbaten!" 
SBenn ber SBad^tmeifter bem SKajor ben SBeutel 
mit feinen ©rfpamiffen l^inplt, ate ob es bie g^elb? 
fCafd^e märe: „9letimen ©ie, lieber 3Waior, bilben ©ic 
fid^ ein, eö ifi SBaffer!" — SBad in ber menfd^^ 
Hd^en SRatur ber Ärieg ni(^t bejfer mad^t, baö 
mad^t er fd^Ied^ter. Slud^ Gl^araftere ber nieberen 
unb t)erborbenen Slrt burften in unfrem bramas 
tifd^en 3^tt^ili>^ nic^t feilten, wie ber l^abgierige 
SBirtl^ unb ber falfd^e ©pieler, ber franjöfifd^e 3>n=^ 
buftrieritter, ber in ber nid^tötoürbigften SBeife bie 
Äunft t)erftel^t unb übt, bie S^eHI&eim felbft in ber 



138 



bcftcn unb el^rlid^ftcn g^orm perfd^mäl^t: corriger 
la fortune! ®ö gicbt ßcute bie SWengc, bie t)om 
Äriegc nid^tö lernen, aber eines Qlexdi) nod^ bem 
^rieben vexQt^en : wie felir fie no(^ eben im Äriegc 
für ^auö unb ^abe gegittert unb jeben ©olbaten 
als erl^abenen Sef(ä^ü|er üerel^rt unb ate ^elb be^ 
TOunbert l^aben. Unfer SBirtf) ift baoon ein fo ein= 
leud^tenber J^ppuö, ba§ 3uft an feinem Seifpiel 
biefe ®rfal^rung beftätigt: „3Barum wart i^r benn 
im Äriege fo gefd^meibig, il^r Ferren JBirtl^e? 
SBarum voax benn ba jjeber Dffijier ein würbiger 
3Wann unb jeber ©olbat ein el^rlid^er braoer Äerl? 
aWad^t eud^ boö Siöd^en g^riebe fd^on fo über^^ 
mütliig ?" 

aSenn bie SBelt il^rer Äämpfe fatt unb mübe 
ift, mad^t fie il^r „Siöd^en g^riebe". aber bie 
wal^re 3luögeburt beö Krieges fott ber t)oIIe unb 
ganje g^riebe fein, ber in ben ©emütl^ern ber 3Kens 
fd^en gefd^loffen wirb unb bie ©runblagen atteö 
ed^ten aKenfd^englüdd roieberl^erftettt. 3Kit biefer 
ißöfung wollte fieffing feine ©id^tung oottenben. 
3n S^eHl^eimä Seben war nod^ Ärieg, tro| beö 
ißubertöburger g^riebens ; l^at er bod^ mitten in ber 
^auplftabt nod^ fo eben bie lefete 3laä)t burd^ cam^ 



139 



pircn muffen! ^z%t ift ^xitte getoorben, naäjhem 
i^n feine 9Ktnna beflegt unb fein Äonig il^m bie 
t)oIIfle ©enugtl^uung geroäl^rt l^at; je^t l^at er fid^ 
unb baö S^eal feines &tbtn^ wiebergefunben : „^nn 
ift mein ganjer ©i^rgei} toieberum einjig 
unb allein, ein rul^iger, jufriebener 9Kenfd^ 
fein; ber werbe i^ mit Sinnen, liebfte 3Jlinna, un^ 
fel^lbar toerben, ber werbe id^ in Sfi^rer ©efettfd^aft 
untjeranberlid^ bleiben." — SBaS fann man Seffereö 
fein rootten unb fein? 3!)ie Si^ifi^^ft ber Siebenben 
geftaltet fid& ju bem lieblid^ften 3br)II, baö felbft bie 
^i^antafie eines SRouffeau nid^t fd^öner unb reijenber 
träumen fönnte, als es in S^eHl^eimS rül^renben 
aBorten fld^ malt: „3Worgen oerbinbe uns bas l^ei^ 
ligfte 33anb unb fobann motten wir um uns feigen 
unb woHen in ber ganzen weiten bewol^nten SBelt 
ben ftiHften, l^eiterften, lad^enbften SBinfel fud^en, 
bem ium ^arabiefe nid^ts fel^lt als ein glüdlid^es 
5Paar." (ißier erfd^eint uns in Seffing ein wenig 
bemerfter unb fetten ausgefprod^ener S^Q f^^^^ 
©pmpat^ie mit ben Sbealen SiouffeauS ; bie Statur, 
fem von ber ©efettfd^aft, gilt aud^ il^m als bas 
fid^erfte 3lft)l ber Siebe unb rein geftimmter ©eelen= 
l^armonie, als bie wal^re ^eimatl^ bes menfd^lid^en 



140 



®lü(fö. ©0 bcnfen Xeiß)dm, Dboarbo, SKppiani, 
fic [inb t)on ber @inpfinbungdtt)cifc erfaßt, bic burd^ 
SRouffcau baö S^itoWer infpirirt l^attc unb an ber 
an^ Seffing feinen 2^l^eil nal^m.) 

35a§ ein foI(ä^eö 3^^^ t)oIIenbeten ®Iü(fö ber 
preußifd^e 3Kaior mit bem fäd^fifd^en (gbeU 
fräulein gewinnt, barf in unfrent ©tüd nad^ ©oetl^efi 
äuölegung als ein poetifd^eö ©innbilb befi ibubertö^ 
burger g^riebenö erfd^einen. Sßel^nten wir es in 
feiner rein ntenfd^Iid^en g^orm, wie uns ber ©id^ter 
feine ©ntftel^ung unb SBoffenbung gef(^ilbert l^at: 
biefeö ©lüdE wirb in ben ©türmen bed Äriegeö 
gefäet, im gerieben geerntet, burd^ jwei l^errlid^e 
folbatifd^e S^ugenben, 2^apf erfeit unb 3WitIeib, mx^ 
bient — „benn bie tapferfien 9Känner finb aud^ bie 
mitleibigften" — burd^ bie roeiblid^e Siebe erl^alten 
unb neu begrünbet. ^arum nannte fieffing fein 
ßuftfpiel: „aWinna von SBarnl^etm ober baö 
©olbatenglüd." 



|^rfin0 lnupt. 



/ 



I. 

aSJöö tocife man t)on Seffingö g^auft? ®ö ift 
nötl^ig, biefe e?rage fo ju beantworten, ba§ bie 
betreffenben 3^«Ö«iff^ ^^^t^ «^i^ ju gefd^el^en pflegt, 
burd^einanber gemengt, fonbern mit ber gel^örigen 
feitifd^en Slüdfid^t gefid^tet unb georbnet njetben. 
3n erfter SRei|)e [teilen Seffingö eigene aieufeerungen, 
bie öffentlid^en, briefUd^en unb n)a§ fid^ im SRad^s 
\(x% finbet; bie 3^wS"^ff^ peiter SReil^e finb in 
Briefen an Seffing ju fud^en, fofern biefetben feinen 
gauft berül^ren; in britter Sleil^e fommen bie fpä« 
teren Sendete. 

5Bon Seffings öffentüd^en ©(^riften l^at nur 
eine ben ^auft. jum ©egenftanb unb entl^ält ju* 



144 



glcid^ ba§ cinjtge von if)m t)eröffentUd&te g^ragment 
einer gauftbid^tung : ber berül^mte fiebjel^nte Site^: 
raturbrtef t)om 16. gebruar 1759. ®r bringt bie 
Äriegöerflärung gegen ©ottfd^eb unb ben franjöii^ 
fd^en ©efd^madf afe g^ül^rer nnfereS nationalen 
S)ramad, bie ^inweifung auf ©l^afefpeare unb bie 
©ried^en als unfere eiä^ten unb geifieöt)em)anbten 
SBorbilber. „®afe aber unfere alten ©tüdfe fel^r 
t)iel ®nglif(^eö gel^abt l^aben, fönnte id^ Sinnen mit 
geringer aWül^e roeitläuftig beroeifen. SRur bas be= 
fanntefte berfelben ju nennen, ©octor gauft, l^at 
eine ^JJienge ©cenen/bie nur ein ©l^afefpeare'fd^eö 
®enie ju benfen t)ermögenb gewefen. Unb nrie 
tjerliebt war S)eutfd^lanb unb ift es jum ^l^eil 
nod^ in feinen 3)octor ^auft! ®iner t)on meinen 
greunben üerroal^rt einen alten ©ntrourf biefed 
S^rauerfpielö, unb er l^at mir einen auftritt baraus 
mitgetl^eilt, in weld^em geu)i| ungemein t)iel ©rofeeö 
liegt, ©inb ©ie begierig, il^n ju lefen? ^ier ifi 
er. f5 a u ft • t)erlangt ben fd^nettften ®eift ber $Stte 
ju feiner 33ebienung. 6r mad^t feine Sefd^toös 
rungen; eö erf (feinen berfelben fieben, unb nun 
fängt bie britte ©cene be« jweiten Slufjugö an. — 
SBaö fagen ©ie ju biefer ©cene? ©ie münfd^en 



145 



ein beutfd^e^ ©tüd, baö lauter fold^e ©cenen Ijätte? 
^^ aud^!" 

S)aö 3Kotit) ber ©cene, bie SEBal^l beö gefd^toim 
bcftert ber igöttengeifter, ift alt unb in ber aWaguö^ 
fage begrünbet, bie bramatifd^e Sluöfül^rung finbet 
fid^ fd^on in bent beutfd^en SBolfefd^aufpiel ^Jauft, 
unb tttan fann fie im 5ßuppenfpiel nad^lefen. Sef^ 
fing i^at feine ©cene bem SBolföfd^aufpiel nad^ge^^ 
bilbet*unb nennt fie einen „alten ©ntrourf", war 
eö il^m bod^ um bie SBieberbelebung beö voU^^^ 
tl^ümlid^en 3)ramaö ju tl^un. 3)ennod^ atl^met bie 
©cene in ©ebanfe unb ©prad^e ben unnad^al^m^ 
lid^en Seffing'fd^en ©eift, unb eö ift unbegreiflid^, 
n)ie man l^eutjutage biefe ©cene für entlel^nt 
l^alten fann. 3luf bie ^Jrage: „Unb meld^er t)on 
eud^ ift ber ©d^neUfte ?" antworten bie ® eifter alle : 
„2)er bin id&!" „©in SBunber!" ruft g^auft, „bafe 
unter fieben 2^eufeln nur fec^ö Sügner finb. 3(^ 
mufe eud^ naiver fennen lernen." 3m SBolfefd^au^ 
fpiel ift ber gefd^winbefte 2^eufel fo fi^neH afe ber 
®eban!e beö SDlenfd^en ; bem Seffing^fd^en gauft ift 
er JU langfam. ©d^neller ift bie Slad^e be§ SRäd^erö, 
be§ ©eroaltigen, ber fid^ allein bie Slad^e Dorbel^ielt. 
„Teufel, bu läfterft — fd^nett wäre feine Städte? 

ftuno ^\\ä)tv, &. @. Sejftng. I. 10 



146 



fc^nea? Unb id^ lebe nod^? Unb i(§ fünblge nod^?" 
Unb was antwortet ber ©eift? „35 a§ er bid^ 
nod^ fünbigen läjst, ift fc^on 3ia(3^e!" 3d^ 
foHte meinen, in biefem SBorte mü^te ein SJauber 
Seffing reben pren, nur il^n. 2)er fiebente 
©eift ift fo fd^nell, ate ber Uebergang vom ©uten 
jum 33öfen. „^a! 2)u bift mein S^eufel! ©o 
fd^neU afe ber Uebergang t)om ®uten jum Söfen! 
Sti, ber ift f d^neU ; f d^netter ift ni(^t§ afe ber ! Sd^ 
l^abe eö erfal^ren, wie fd^neU er ift; xä) fiabe eö 
erfaliren!" 3d^ möd^te raiffen, wer unter Seffings 
^reunben, außer ilim felbft, ber aWann war, ber f o 
ju benfen unb ju f (^reiben üerftanb? 

9luö Seffingö 5Rad^laJ3 fennen wir ben (BnU 
wurf beö aSorfpiefe unb bie ©fijje ber mer erften 
3luftritte. 3n einem alten ®om, um 3Kitternad&t, 
l^ält Seeljebub eine Sßerfammlung pBif(|er ©eifter, 
in ber t)erberblid^e ^l^aten berid^tet unb geplant 
werben. 35er fd^Iaucfte ber S^eufel l^at einen ^eu 
ligen t)erfül^rt unb rül^mt fid^, im Saufe eineö 
^ageö aud^ ben ^auft inö Sßerberben ju ftürjen, 
von bem es l^eißt, er fei nid^t fo leidet ju t)erfül^ren. 
35aö Unmaß feiner SEBißbegierbe foff il^n ftürjen. 
Sn ber erften ©cene erf(%eint ^auft in pl^itofopl^ifd^c 



147 



Btoeifcl vertieft, ju beten Söfung er oon SReuem 
ben ®eift beö Slriftoteles befd^toört. ©ieömal 
gelingt bie 33efd^it)örung. 3n ber jweiten ©cene 
erfd^eint in ber ©eftalt beö 2lrtftoteleß jener JCeufcI, 
ber es unternommen l^at, ben g^auft ju perfül^ren. 
Siad^bem er i^m bie fpifttgften fragen beantwortet 
liat, oerfd^winbet ber (Seift. 3in ber britten ©cene 
folgt eine neue Sefd^mörung, auf bie in ber oierten 
ein neuer ©dmon erfd^eint. 

SDies ift alle«, maö wir an^ SeffingS g^aufi 
burd^ ben S)id^ter felbft raiffen. 

®aju fommt über ben g^auft eine fel^r merf= 
mürbige SRotij in ben nad^gelaffenen „ßoHectaneen 
jur Siteratur". Unter ber Ueberfd^rift „Dr. gauft. 
Qu meiner S^ragöbie über biefen ©toff" wirb eine 
©teile auö 5Diogeneö von fiaerte, ein 2luöfprud^ 
beö 2lamerlan unb eine ©cene an^ einem englifd^en 
SBerf über Uniüerfalgefd^id^te angefül^rt. ^ier wirb 
bad aSerberben, baö bur(^ einen faracenifd^en dürften 
über bie ©tabt ^pergamuä fommt, ate ein göttlid^eö 
©trafgerid^t für beren g^reoel gefd^ilbert. 2lud^ 
S^amerlan l^abe feine ©raufamfeit bamit entfd^ulbigt. 



148 



bafe er ate ©etfeel ©otteö auf ©rben crfd^icnen. 
Unb t)on bem 6t)mfcr aJlenebemuö erjä^lt 35iogcned, 
er fei in einer gurienmaöfe l^eruntgejogen, mit bem 
SSorgeben, er fomme auä ber fiöHe, um auf bie 
©iinber STd^t ju l^aben unb ben ®eiftern bafelbft SRad^- 
rid^t ju bringen, ^ierju bemerft Seffing: „35iefeö 
fann Dietteid^t bienen, ben ©^arafter beö SBerfül^rerö 
in meinem jweiten gauft roal^rfd^einlid^ ju mad^en. 
®eögleid^en waä S^amerlan jur ®ntfd^ulbigung feiner 
®raufam!eit gefagt l^aben foH u. f. f." 

2)iefe 3lotxi bejeugt, ba§ Seffing einen „jroeiten 
f^ a u ft" im ©inn ^tte, worin ber SSerfüfjrer (ben 
5flamen 3JJepl^iftop^eIe§ finben wir von Seffing nid^t 
genannt) anberö gefajst mar, ate im erften. €)b 
biefer jmeite ^auft, als bie obige ^lotij gefd^rieben 
mürbe, auögefül^rt mar ober nid^t, barüber geben 
bie ©oHectaneen feine 2luö!unft. 3d^ l^alte bafür, 
ba^ er nid^t auögefül^rt mar, fonbern erft concipirt 
ober entmorfen. ^atte Seffing einen feiner &)a^ 
raftere auögefülirt, fo glaube id^ nid^t, ba§ in 
feinen 9lugen irgenb ein ©itat baju bienen fonnte, 
biefen ©^arafter „mal^rfd^einlid^ ju mad^en". SBolil 
aber mod^ten fie jur SKusfül^rung einen fold^en 
©ienft leiften. 2luö ben obigen ©teilen leud^tet fo 



149 



vki ein, bafe ßeffing ben SSerfül^rcr im g^auft aU cm 
SBcrfjcug ©otteö gefaxt l^aben toottte, in einer 
Siotte, n)ie fie ber tl^eatralifd^e 3Wenebemuö fid^ an= 
ma^t, unb ber bämonifd^e 2;amerlan fie auöfül^rt. 
©r ftreift fd^on an bie aSorftettung, bie baö35iabo= 
• lifc^e umfefet in bie jerftörenbe ©eroalt einer bämo- 
nifd^en 3Wenf d^ennatur ; aud^ bie SKad^t ber Sßer^ 
fül^rung ift jerftörenb : „3d^ bin ein 2:i^eil von jener 
Äraft, bie ftetö baö 33öfe miU unb ftetö ba§ Oute 
fd^afft." 25iefe eJajfung ift nid^t mel^r im ©eift ber 
alten ©age. SBenn fie nad^ fieffing§ SBorfen feinen 
„jroeiten e?öuft" d^aralterifiren follte, fo fd^liefeen 
wir, bafe ehen barin ber jweite gauft fid^ t)om 
erften unterf(^ieb, unb biefer alfo ber ©age naiver 
ftanb afe jener. 3Werftr)ürbig genug, bafe aud^ in 
ber ©oetl^e'fd^en S)id^tung unterfd^ieben werben mu§ 
jroifd^en einem erften unb jroeiten g^auft, bie nid^t 
gleid^jufefeen finb bem erften unb jroeiten 2^^eil*). 
S)ie ßoHectaneen fd^rieb Seffing in ben Salären Dom 
@nbe ber 93re§fauer bi§ in bie 3lnfänge ber aBotfen^ 
büttler 3ßit, fie fallen i^rem größten Umfange nad^ 
in bie Hamburger ^jJeriobe. 

*) 5BgI. meine ©d^tift üBet .^JoetV? Sfauff (6otta 
1878) 6a»). IIL @. 112-114. 



150 



II. 

3n bcn SBriefen beö 2)id^ter§ finbcn fid^ jroct, 
bie fel^r bcmcrfcnöroertlic Slcufecrungcn über bcrr 
eJauft entl^alten : ber crftc, auö bcr glütf lid^ften unb 
frud^tbarften 3rft feines berliner 3lufentl^alte§, fäHt 
bid^t Dor bie Siteraturbrief e , ber jroeite bid^t Dor 
bie Hamburger Dramaturgie. 

Seffing fd^reibt ben 8. Sali 1758 an ©teint: 
„©ie l^aben eß erratl^en, ^err SRamler unb id^ 
mad^en ^Projecte über ^Projecte. SBarten ®ie nur 
nod^ ein SBierteljal^r{)uhbert, unb ©ie follen erftaunen, 
njaö n)ir alleö werben gefd^rieben l^aben ! S3efonberö 
iä) ! 3d^ f d^reibe 2^ag unb 5Wad^t, unb mein fleinfter 
aSorfafe ift jefet, menigftenö nod^ breimal fo vid 
©d^aufpiele ju mad^en, als Sope be SSega. ©I^eftenö 
werbe id^ meinen 3)octor g^auft liier fpielen 
laffen. Äommen ©ie bod^ gefd^roinb roieber nad^ 
a3erliti, bamit ©ie il^n fetien fönnen !" SBir finben 
in biefen Qeikn ben Suöbrudf einer freubig probuc= 
tiüen ©timmung, worin bie 3lu§fül^rung gewiffer 
SBerfe bem S)id^ter naiver erfd^eint, als fie ift. 



151 



©an} äJ^nüd&'ftanb c§ fünfjcl^n S^^^e fpätcr mit 
bem ©octl^c'fd^en ^auft. 3d^ fürd^tc, ©leim märe 
bamals umfonft naä) SBerlin gefommen. 3lud^ ift 
ber ganje Xon in Seffings ©d^reiben mel^r fd^erjenb 
als ernftl^aft. 

3n ber SRa(3^fd^rift eineö 58riefeö an feinen 
83niber, batirt Hamburg, ben 21. ©eptember 1767, 
l^eifet e« : „3d^ bin SBillenö, meinen Dr. gauft nod^ 
biefen SEBinter l^ier fpielen ju lajfen. SBenigftenö 
arbeite id^ au§ alten Äräften baran. 35a 
id^ aber ju biefer arbeit bie clavicula Saloraonis 
braud^e, bie id^ mid^ erinnere igerrn %L gegeben 
JU l^aben, um fie gelegentlid^ ju uerfaufen, fo ptad^e 
il^m mein ©ompHment, mit bem ©rfud^en, fie bei 
bem erften $ßadfet, bas er an einen l^iefigen Sud^- 
pnbler fenbet, mitjufd^idfen." 6ö ift nid^t anju- 
nel^men, baj3 er neun^ictl^te Dorl^er üollenbet l^atte, 
moran er jefet aus aüen Ärdften arbeitet. Unb 
märe einer ber beiben g^aufte fertig geroefen, marum 
l^ätte er biefen nid^t im SBinter 1767/68 in ^am^ 
bürg foHen auffül^ren laffen? 3d^ fd^ße^e, bajs in 
bem 3^ite<^wwi ^on 1758—1767 jmei Raufte pro- 
jectirt maren, aber feiner tjollenbet. 

3)iefer 3^traum unfertiger fjauftbid^tung bel^nt 



162 



fid^ noä) weiter am, toie auö getüiffen Briefen an 
Seffing erl^eHt: id^ nenne einen Srief t)on aWofeö 
aWenbefefol^n an^ bem Salute 1755 unb einige Sriefe 
©bertö in SBraunfd^weig aM ben Satiren 1768 
biö 1770. 

aWenbetefol^n fd^reibt ben 19. SWoDember 1755 
(nid^t ben 19. 9Wärj, ein ©d^rei6s= ober 3)rudEfe]^Ier 
bei 2)anjel, ber aus feinem SBerf ju ben 3laä)^ 
fd^reibern übergegangen ift) : „5!Bo finb ©ie, liebfter 
Seffing, mit ^l^rem bürgerlid^en SCrauerfpiel? 3d^ 
möd^te e§ nid^t gern bei bem 9iamen nennen, behn 
id^ jraeifle, ob ©ie il^m ben SRamen ^auft laffen 
werben, ©ine einjige ®jc(amation: D ^auftuö! 
g^auftuö ! lönnte baö ganje ^ßarterre lad^en mad^en. 
SBieber ein SRatl^geber, werben ©ie fagen, ber gar 
feinen Seruf baju l^at! 3t\xn XDoi)U ©o laffen 
©ie e§ nur babei. 3d^ wiH afebann baö 3Ser- 
gnügen Iiaben, felbft mit bem Seipjiger ^parterre ju 
lad^en unb ©ie bei jebem ©eläd^ter fid^ entflammen 
ju fe^en. "^enn lad^en mufe man geroijs, tomn 
Sf^re ^l^eorie oom Sad^en anberä rid^tig ift." 

3m Sa^re 1755 entftanb aJiife ©ara ^amp^ 
fon, unfer erfteö bürgerlid^eö 2^rauerfpiel , baö 
Seffing fd^uf. SEBal^rfd^einlid^ wollte er bamafe ben 



153 



g^auft in eine J^ragöbie biefer Slrt üerraanbeln, um 
ftatt ber englifd^en gamiliengefd^id^te einen national 
beutfd^en ©toff, einen ber beliebteften, in bie neue 
gorm einjuföl^ren. 3)a§ ®i, auö bem bie ©ara 
gcfd^Iüpft voax, Sillod Kaufmann t)on Sonbon unb 
SRid^arbfonS ©tariffa, l^atte ber B^akn ju t)iel in 
bem beutfd^en 2^rauerfpiel jurürfgetaffen. ©ine 
bürgerlid^e ^^ragöbie oon beutfd^em ©d^rot unb 
Äom xoax \a bie Slufgabe, t)on ber Seffing in jenem 
fiebjel^nten Siteraturbriefe fprad^ unb l^inroieö auf 
ben g^auft. ©tatt be§ 2^rauerfpiete fam bie e(j^t 
beutf(3^e 3Rinna, ein ©tüdE, baö Seffing felbft ein 
„Suftfpiel" nannte. (Snhliä) erfd^ien baä beutfd^ 
empfunbene, bürgerttd^e S^rauerfpiel, aber in italie^ 
nifd^er ma^U: gmilia ©alotti! 2)er gauft 
fam nid^t. 35ie 2lufgabe einer rein beutfd^en, aus 
unferem SBoKöIeben gegriffenen S^ragöbie l^at Sef^ 
fing im ^^ttuft t)or2lugen gehabt, aber nid^t gelöfl, 
roenigftenö nid^t vor unferen 3lugen. 

aSarum lad&t 3nenbefefol^n? SBeil er baö aSolte= 
fd^ufpiel gauft, baö er t)ielleid^t gemeinfam mit 
Seffing in Serlin fal^, — eä rourbe bort auf ber 
©d^ud^'fd^en »ü^ne ben 14. 3uni 1753 aufgeführt 
— nur läd^erlid^ fanb. 3Ba§ ift bem weifen SKenbefes 



154 



fol^n mit feiner Slufflärung unb feinen bünnen, 
teitilid^en Segriffen bie SRagie unb ber SRaguö ber 
aSoIföfage mit feinen ^eufefebefd^wörungen unb 
bem grauentJoHen ©nbe, baß il^m baä ©erid^t beö 
ißimmete üerfünbet : „g^auftuö, gauftuö, bereite bid^ 
ium ^obe! S)u bift angellagt! S)u bift gerid^tet! 
gauftuö, g^auftuö, bu bift auf eroig t)erbammt!" 
3d^ l^öre förmlid^, wie ber gute aJlenbelöfol^n, ber 
fanfte SEßeife, nat^bem er baö ©tüdf gefeiten, in bie 
Sßorte auöbrid^t : „SBeld^er Unfinn !" Unb nun toiH 
fein g^reunb Seffing einen tragifd^en gauft bid^ten! 
SBSeld^e St^orl^eit ! „Siebfter Seffing ! Gine einjige 
©jclamation: D ^auftuö! Q^auftuö! fönnte baö ganje 
^Parterre lad^en mad^en." 

®bert gibt ben 4. Dctober 1768 feinem g^reunbe 
©fd^enburg, ber na(^ Hamburg reift unb fid^ Seffingö 
perfönlid^e Sefanntfd^aft roünfd^t, ein ©mpfei^Iungö- 
fd^reiben, worin er unferem ©id^ter feine literarifd^en 
©d^ulben aufjäfilt. 6r l^abe im SRamen Seffingö 
t)ielen Slnbem ben Dr. g^auft oerfprod^en, er werbe 
fd^on lange mn biefen aSielen um ben %au^t ge^ 
mal^nt unb muffe il^n notl^menbig l^aben, wenn er 
nid^t Seffingö wegen jum ©d^elm werben fotle. 
,,3Bo bleibt Dr. gauft?" l^eijst eö in einem jweiten 



455 



»riefe t)om 26. Januar 1769. ©in Sa^r fpäter, 
nad^bem Seffing in 33raunfd^weig geroefen, berül^ 
©bert in einigen ©teilen feines SBriefeö t)om 7. 
Sanuar 1770 lieber ben ^anft. Offenbar ift von 
biefem SfiBerf bei Seffingö Slufentl^alt bie SRebe ge= 
wefen. ©elbft einige ^ofbamen laffen il^n grüjsen 
imb bitten, balb roieberjufommen unb ja nid^t ben 
Dr. gauft SU t)ergeffen. ^m ©ingang be§ Sriefeä 
l^eifet eö: „©ie muffen jaubern unb mx^ citiren 
Unnen, wie 3^r Dr. gauft bie ©eifter cifirte." 
aSSenn ©bert nid^tö weiter t)on Seffingö g^auft wufste, 
fo war er genau fo Hug ate wir, benn ba§ ftanb 
feit elf Salären in jenem g^ragment ju lefen^ baä 
ber fiebjel^nte Siteraturbrief entl)ielt. Unb Toenn er 
in einer folgenben ©teile Seffing mit feiner be^ 
lannten ©pielfud^t auf jiel^t : „©ie müßten eß benn 
aud^ burd^ B^ubereien bal^in bringen, ba§ id^ mid^ 
ben S^eufel reiten ließe unb einmal fpielte; bod^ 
mid^ bünft, ba§ traurige ©^empel meines aSer:: 
fül^rerö felbft ift allein fd^on Iiinreid^enb, mir eine 
eroige SBarnung ju fein" — fo ift l^ier fd^erjenb 
von Seffing bie 3iebe unb nid^t t)om g^auft. 9Äuß 
benn überall, wo einen ber 2^eufel reitet, ber gauft 
babei fein? Unbegreif lii^ , mie ®anjel in biefen 



156 



SBorten eine Slnfpiclung auf Seffingö jtoeiten gauft 
tjermutl^en lonnte! 

SBir fenncn Seffingö 3lntn)orten auf bic ehen 
tvroiä)ntm Sricfe. Sluf SRenbcfefol^nö e^tage in 
^Betreff bcö ??auft antmortet er nid^t«; in ber 
©rwicbcrung auf ©bertö crften SBricf, ben il^m 
©fd^enburg gcbrad^t, fd^reibt Seffing bcn 18. Dctober 
1768: „©ie feigen, bafe id^ mid^ jefet eben nid^tim 
©d^riftftcffcrcntl^ufiaömud bcfinben mag. SKrine Slnt^ 
njorf alfo auf Sl^re freunbfd^aftlid^e (g^cquirungcn 
fönncn ©ic crratl^en. 3""^ ißcnfer mit alle bem 
»ettel!" 

Sluö ben obigen 3^"8niffß« inögefammt erl^ellt, 
bafe ßeffing in bem 3^itraum von 1755—1770 
jroei ©ntroürfe beö g^auft gemad^t unb feinen 
DoHenbet l^at, bafe et in beiben eine nationaDbeutfd^e 
2^ragöbie bejTOedfte, bie im erften bem SBolföfd^aufpiel 
ndl^et ftanb afe im jroeiten, worin bie SioIIe bed 
SSerfül^rerö weniger biabotifd^ atö bämonifd^^nteufd^- 
lid^, weniger afe SBiberfad^er, benn afe SBerfjeug 
©otteö geballt war. 

5Rad^ ber in ben ©ottectaneen gemad^ten aSe^ 
merfung ift anjunel^men, ba§ Seffing wä^renb feines 
Sreslauer Slufentl^attö mit einer neuen Bearbeitung 



157 



beö g^auft befd^äftigt wax. SBir finb begierig, von 
bent beften ®en)äl^römann, ber über jene 3^t be* 
Ttd^tet l^at, 3läf)txt^ ju erfal^ren; inbeffen weife 
SRector Älofe nid^t mel^r ju fagen, als bafe Sefjtng 
aixä) biöweilen an feinen Dr. g^auft gebadet unb 
<m§ einem alten ©tüdf, $Roete Sucifer, einige ©cenen 
l^abe benü^en rooBen. 2lud^ bafe einer ber greunbe 
fieffingö in 33re§lau jnjölf 33ogen t)ont g^auft gelefen 
l^aben roill, beftätigt, wenn eö fid^ fo reri^ätt, nur 
tinfere obige 5Bermutl)ung, fülirt unö aber in ber 
©ad^e nid^t weiter. 

III. 
^M vettoxm gegangene Petrft. 

3m 3al|re 1775 mad^te fieffing bie impromfirte 
Steife nad^ Statten, bie il^n jroeimal nad^ SBien 
fül^rte, wo unter feinen* SBere^rem fi(^ befonberö. 
ber ©taatöratf) von ©ebler l^ert)ortl^at. 3)iefer 
erfunbigte fld^ bei Seffing felbft nad^ bem ^auft 
unb fd^rieb barübev ben 9. 35ecember 1775 an 
IRicolai: „3cä^ wünfd^e, bafe Sl^re Hoffnung wegen 
ber 6rf(^einung beö Seffing^fd^en g^auft jutreffen 
möge. 3Jlir l^at unfer großer, aber ju wenig gegen 



158 



baö ^Publicum freigebiger greunb auf mein befragen 
münblid^ anoertraut, ba§ er baö ©ujet jioeimal 
bearbeitet l^abe, einmal nad^ ber gemeinen 
gabel, bann roieberum ol^ne alle 2^eufelei, 
n)o ein (Si^böferoid^t gegen einen Unfd^ulbigen bie 
SRoIIe beö fc^roarjen SSerfül^rerö rertritt. Seibe 
Sluöarbeitungen erwarten nur bie lefete ^anb." 
S)iefe aieu^erung ftimmt mit ben GoUectaneen unb 
unferen ©d^lüffen; e§ ift ni(^t ju jioeifeln, bajs 
Seffing eine fold^e ®rflärung gegeben, jugleid^ wirb 
ber unfertige 3i*ft^^^ '^^^ SÄrbeiten beftätigt. ®enn 
„bie te^te ^anb" fann noä) Diel ju tl^un l^aben. 
Seiber blieb il^r nid^tö mel^r ju tl^un übrig. 
Sllä Seffing bem SBiener greunbe anvertraute, mie 
e§ mit feinen gauftbid^tungen ftanb, gel^örten biefe 
bereits, mie bie ©age gel^t, ju ben verlorenen 
^anbfd^riften. Seffing reifte ben 9/ gebruar 1775 
von SBolfenbüttel über Seipjig nad^ Serlin, unb 
ging im folgenben 3Ronat von bort über 3)reöben 
unb 5prag na(^ SBien. Um leid^tereß ©epädf ju 
l^aben, fenbete er von S)reöben eine Äifte voll ber 
oerfd^iebenartigfien ®inge nac^ ßeipjig, von wo ber 
SBraunfd^toeigifd^e Sud^l^änbler ©ebler, ber fid^ eben 
jur Dftermeffe bort aufl^ielt, fie nad^ 93raunfd^n)eig 



159 



tnitnel^tnen unb bann weiter nad^ SBolfenbüttel 
cgp^biren follte. S)iefe Äifte foll l^eute nod^ an* 
fomntcn, fie ß^ng fpurloö verloren unb mit i^r 
fantmtlid^e gauftmanufcripte. SBarum Seffing bicfe 
imd^tigen ^anbf (^riften von SBoIfenbüttel über Äeipjig 
unb 33erlin naä) S)reöben fd^leppte, um fie von l^ier 
na^ SBoIfenbüttel jurüdwanbern ju laffen, ift eine 
mol^laufjumerfenbe ^i^age, bie unbeanttoortet bleibt. 
SlBe Sßad^forfd^ungen beö SSruberö, ber in ber SBor= 
rcbe ju Seffingä uermifd^ten ©d^riften (1784) fogar 
einen öffentlid^en Slufruf an ben ginber ber Äiflc 
erlief, finb üergeblid^ geroefen. ®ö galt für aud^ 
gemalt, bajs auf biefe SBeife Seffingö g^auft oer^ 
lorcn gegangen. Slanfenburg erjäl^lt bie ®ef(^id^te, 
ate ob er babei gewefen, wie Seffing in Bresben feine 
g^auftmanufcripte einpadfte, bod^ roeife er ni(^tö ©e^ 
nouereö, benn er irrt fid^ im Slbreffaten, ber nad& 
il^m ein Äaufmann Seffing in Seipjig geroefen fei: 
biefer würbige 3Rann, ein SBerroanbter beö 3)id^terö, 
l^abe fid^ fel^r- forgfältig nad^ ber Äifte erfunbigt, 
an Seffing gefd^rieben u. f. w. Slud^ ber S3ruber 
jeigt fid^ in ber aSorrebe ju ben ©ermifd^ten ©d^riften 
ni(^t genau unterrid^tet , er glaubt, bie Äifie fei 
erft üon 3Bien nad^ Seipjig gefenbet toorben unb 



160 



auf bcm SBJege abl^anbcn gcfomtnen. ©o vid ftel^t 
fcft unb jtoar hmä) S^ffing felbft, ba§ bic Äiftc oon 
3)rcöben naä) Seipjig an ben Sud^^änblcr ©eblcr 
aus aSraunfd^Toeig gefd^idt würbe. Slbcr bie ^tage 
Ift: ob bie öanbfd^riften beö gauft tt)irlli(i^ 
barin waren? 

3m 3?ad^ta^ Seffingß f)at fid^ Domgauft nid^tö 
weiter gefunben afe ber Entwurf beö 3Sorfpiete unb 
bie Dier erften SKuftritte, bie ber 33ruber im jweiten 
83anbe be§ „5Cl^eatraIifd^en Jiad^laffeö" ceröffentlid^t 
f)at (1786). 6r fommt in ber 3Sonebe wieber auf 
bie t)erlorene Äifte ju fpred^en unb fügt l^inju: 
„3Kir ift es nid^t anberö, afe bajs mein S3ruber mir 
felbft gefagt, mit bem Sßerlufte biefer Äifte fei aud^ 
atteö, was er über ben g^auft gearbeitet, verloren 
gegangen." ®ie SBenbung: „mir ift, als ob" 
ad^te id^ für fein S^i^Ö^ife , um f o weniger, afe id^ 
aßen ®runb i)abe ju glauben, bag ber ©ruber fid^ 
irrt. 3lad^ feiner 3iMtd)x von Stauen l^at Seffing 
gegen feinen SBruber in einem Sriefe aus Sraun^ 
fd^weig t)om 16. 3iuni 1776 auöfül^rlid^ ber um 
glüdflid^en Äifte ©rwäi^nung getl^an; er l^at feitbem, 
fo Diel id^ fel^e, feinen Sruber nid^t mel^r gefprod^en, 
unmöglid^ fann er il^m etwas anbereö gefagt 



161 



l^aben, afe er il^m batnalö gcf daneben. Offenbar 
l^at bem leiteten, afe er jel^n Saläre fpäter bie 
SBorrebe jum „3^l^eatraltfd^en 5Rad^la§" fci^rleb, jener 
Srief in unbeutlii^er Erinnerung t)orgef(|n)ebt, unb 
ü^m war, ate ob Seffing il^nt etn)a§ gefagt l^abe, 
waö er ni($t gejagt l^at. SBa§ nämli(j^ ftanb in 
bem Sriefe? „®ie traurige ©ef(j^i(^te mit meiner 
Äifte aus ©reiben l^atte id^ fd^on von bem l^iefigen 
SBud^l^änbter ©ebler vernommen. SlHem Slnfd^ein 
nai^ ift fie verloren, unb mit il^r jugleic^ eine 
Slenge 2)inge, bie mir unerfefeUd^ finb. S^Ö^^i^ä^ 
bie ©tüdfe von beiner SBäfd^e, bie bu mir auf aßen 
fjatt mitgabft. -- SBaö mad^t SBofe ber SSater? 3d& 
bin fel^r belümmert um i^n, unb ber SSerluft ber 
^fte ift mir um feinetwiHen üorjüglid^ unangenel^m. 
6s waren an bie uierjig neue g^abeln barin, t)on 
benen iä) !eine einjige mieberl^erfteHen fann. 9lud^ 
mar meine faft t)öllig fertige 3lbl^anblung t)on ©in- 
rid^tung eineö beutfd^en 2Börterbu(^eö barin. 9lid^t 
ju gebenfen eines aBanufcripts aus ber l^iefigen 
Sibliotl^ef, bas id^ in Bresben collationiren motten. 
3)enn menn id^ an bas benfe, möd^te i(^ Doffenbs 
aus ber ^aut fal^ren." 

3d^ müfete nid^t, baj3 Seffing von biefer Äifte, 

Äuno 3pif(^er, ®. g. Sefjlng. I. 11 



162 



mit beten ©(^idtfal bie ©age ba§ feines gauft un- 
auf(ö§li(| »erlnüpft l^at, fonft wo gerebet. @r 
fpecificirt in bem obigen ©riefe beten Snl^alt, et 
nennt bie g^abeln, bie 3lbl^anblung, ben ©obej, et 
fagt feine ©ilbe t)on feinem gauft. Siebet üoä) 
im aibgtunb bet ißölle tjetf d^inben , aU in bem 
einet' Äifte! 3Benn ßeffingö gauft mtMi(3^ in jenet 
Äifte begtaben toutbe, fo mat bem 3)id^tet, mie eö 
fd^eint, an biefem SBettufte gat nid^t§ gelegen. ®a 
et fein SJÖöttc^en bat)on fagt, fo glaube id^, bajs 
bie 3^auftmanufctipte nid^t in jenet Äifte maten, 
bie auf bem Sffiege von 35teßben na($ Seipjig obet 
in Seipäig füt immet uetloten ging. 

35o(^ finb fie t)etloten, benn in ßeffingö SRad^lajs 
l^at fid^ feine ©put, aufeet ben oben etmäl^nten 
©nttoütfen, gefunben. 3d^ bin fel^t geneigt, anju^ 
nelimen, ba^ Seffing feine unooHenbeten 3ltbeiten 
übet ben ^Jauft felbft t)etnid^tet l^at, ba et fafy, 
bafe il^m bie Söfung feinet Slufgabe nid^t gelingen 
wollte ; et mat auf unübetroinblid^e ©d^roietigfeiten 
geftofeen (©oetl^e l^at ganj biefelbe ©tfal^tung ge? 
mad^t), baö alte 5ßolf§f(^aufpiel mit feinem ^öUen- 
appatat raoHte fid^ nic^t in bie gotm eine« bütget^ 
lid^en 2^tauetfpielö auflöfen laffen, unb miebetum 



163 



pa^te bie tragifc^e Einlage be§ ©tüdfeö, bic Seffing 
fcfil^altcn mujste, nid^t ju ber Iiöl^eren 3bee, bic er 
o^ne BttJ^^frf ^^^ SSoIfefage göb unb afä ©d^Iujs 
im ©inn liatte. ®r Iiej3 bie 3lrbeit liegen, er war 
barin ftecfen geblieben unb fie war il^m oerleibet, 
benn ba§ ©tedenbleiben war ni(^t feine ©ad^e. 
®r fefet ben SKnfragen nad^ bem gauft ein un= 
lieimlid^eö ©d^weigen entgegen, ba§ mir unnjiCHürlid^ 
ben ®inbru(f ma^i: ber ^auft lebt ni(^t mel^r. 
Slud^ jene SBorte an ©bert: „3Jieine 3lntn)ort auf 
Slire freunbfd^aftlid^en (S^equirungen fönnen ©ie 
erratl^en; jum ißenler mit alle bem 33ettel!" 
flingen mie eine 3Senirtf)eilung. 

einige ber Slbfid^ten, bie Seffing bei feinem 
jmeiten gauft gel^abt, finb einer anberen 2)id^tung 
JU gute gefomnien; ba§ bürgerlid^e S^rauerfpiel 
mürbe in ber ©milia ©alotti in einer jjorm 
ppEenbet, bie Seffing nid^t überbieten fonnte. Unb 
ber 5pian ju biefer S^ragöbie mar fo alt afe ber 
be§ g^auft. (Sin Hauptproblem in ber jmeiten SSe^: 
arbeitung beö gauft mar bie menfd^lid^e SBal^rl^eit 
in bem ß^arafter beö aSerfüJ^rerö, ber 2^eufel afe 
menfd^lid^er ®ämon. 3n ber ®milia ©alotti mürbe 
biefe Aufgabe gelöft. ©tatt beö 3Kep^iftop^eleö 



164 



erfd^icn 3KarincIU. 2)eö ^rtnjen lefeteö SBort 
Iieifet: „©Ott! ®ott! 3ft eö jum UnglüdE fo mand^er 
nid^t genug, baJB dürften 9Wenfd^cn finb, muffen 
fid^ auä) nod^ SCeufel in il^ren g^teimb t)erftellen ?'' 
SJad^bem Seffing ben 3WarineIli gefd^affen, war bie 
Sbee auögefül^rt, bie xf)n in feinem jweiten g^auft 
befonberö gereijt l^atte. S)arum möd^te id^ glauben, 
ba§ nad^ ber ©milia ©alotti ber g^auft unter ben 
5projecten Seffingö für immer t)erftummte. S)ie 
©timmung bafür war fd^on vorüber, ate er bie 
emilia ©alotti ergriff unb bem gauft Dorjog. SBir 
werben fpäter auf biefen ^ßunft jurüdffommen. 

Snnerlid^ ber ©id^tung abgewenbet, mie eö ber 
Srief an ®bert uerrätl^, mag Seffing ben melen 
münbli(^en 3lnfragen nad^ feinem gauft mitunter 
auöroeid^enb geantwortet l^aben: eä fd^n)irren jefet 
ber gauftbi(^tungen mele in ber £uft, er rooHe mit 
ber feinigen warten, biö fie erfd^ienen feien. 2)araus 
ift bann roieber ein ©tüdf ©agengefd^id^te über 
Seffingß gauft entftanben, ate ob er ben anberen 
ettoa^ I)ätte abgudfen ober gar ber 2Wann fein motten, 
ber nad^ bem ©prüd^mort jutefet lad^t. 2Boju märten 
unb worauf unb auf wen? SBIanfenburg berid^tet: 
„2effingä gauft mar meines SBiffenä fertig." ©r 



165 



fagt nid^t, mof)tx er cö weife. 2Bir loiffett, bafe er 
nid^t fertig war. @r fügt l^inju: „er wartete bloö 
auf bie 6rf(^einung ber übrigen Raufte, man l^at 
eö mir mit ©eroifel^eit erjä^It." Sllfo roeife er eö 
nur t)om ^örenfagen. Unb in bemfelben Sendete 
l^eifet eö: „Seffing unternal^m bie Umarbeitung, üiel- 
leidet aud^ nur bie aSoffenbung feiner Arbeit ju 
einer 3^tt, wo auö allen 3ipf^I^ I)eutfd^Ianb§ ^Jaufte 
angefilnbigt waren." 2lIfo roufete Slanfenburg 
feineßwegö, bafe Seffingä SBerf fertig war, aber 
er fagt e§. Sie Umarbeitung fällt in bie 33re§5 
lauer unb Hamburger 3^^- SB^ld^^ gaufte waren 
bamate angefünbigt? SRan nennt Senj, ber nie 
einen gauft gebic^tet ober angefünbigt, benn baö 
„g^ragment auö einer g^arce, bie ööKen- 
rid^ter genannt", worin g^auft in ber Unterwelt 
erfd^eint unb von Sacd^uö in erfel^nte aSergeffenl^eit 
gefenft wirb, ifl ein Slättd^en auö feinem SRad^lafe, 
baö für feinen g^auft ■ gelten fann*), ben 3Jialer 
3Rüller, bef[en g^auft ein Sal^rjel^nt fpäter fäUt 



*) ßcffinö ertoäl^nt Senj in einem 35 tief an feinen 
SBtubet öom 8. S^nnax 1777: „ßenj ift immer nod^ ein 
ßana anbcrex jlopf aU ÄUnger; beffen te^teS ©türf id^ un- 
moglid§ l^abe anliefen !Önnen." 



166 



afe bic SJramaturgte, ©octl^c, bcr bamate nod^ 
nt(^t an ben gauft badete, Don beffen 2l6fid^t einer 
g^anftbid^tung bie näd^ften g^rennbe t)or 1772 faum 
eine Äunbc Jiatten, tjon beffen ©td^tung felbft weitere 
Greife erft ntei^rere Saläre fpäter etmaö erful^ren. 
Unb biefelben ßeute, bie an bie Äifte glauben, mit 
ber im Saläre 1775 Seffings g^auft für immer üer^ 
loren ging, erjäl^ten guten 3Rutl^eö, Seffing i^abe 
auf bie ©rfd^einung be§ ®oett)e*f(^en gauft gewartet, 
t)on beffen ®^ftenj er vox 1775 fidler nid^t§ ge= 
mufet l^at. ©r foll gefagt l^aben: „3Keinen gauft 
I)olt ber ^Teufel, id^ miß ©oetl^eö feinen Idolen!" 
®iefe§ gepgelte SBort l^at ®ngel,in Serlin bem 
SBiener ^offd^aufpieter SRüHer erjäfilt, ber e§ in 
feiner 33iograpt)ie mieberl^olt, unb 31. Äoberftein 
tiat e§ in einem 2luffa| über „Seffingö g^auft" (im 
SJBeimarifd^en S^firbud^ oon 1855) von 3?euem er= 
mdl^nt. ®ngel gab eö al§ eine Sefräftigung, bafe 
Seffing feinen ^auft fidler fi^rauögeben mürbe, fo- 
balb ber @oetf)e*fd^e ^auft erfd^ienen fei. 3d^ meife 
nid^t, ob ©ngel ju ben Äiftengläubigen getiörte. 
3l6er er mu^te ja, henn bie 2Belt l^at e§ von 
Slanfenburg unb ifim erfahren, ba^ ben £effing= 
fd^en gauft ber 5teufel nid^t {)olt. SBie alfo fonnte 



167 



er jene Slcu^crung, toenn fte Scffing roirflid^ ge= 
ff)an l^at, emftl^aft ncl^ntcn? ®t l^ättc in betn 
SBorte: „meinen g^auft l^olt ber S^eufel!" einen 
ganj anbeten ©inn wittern foHen. Unb roaä i)at 
Seffing ber Äritifer nid^t aUeä geliolt! 3d^ l^öre 
in bem SBorte: „iä) roxSi ©oetl^eö feinen Idolen!" 
nid^t ben Sid^ter brol^en, fonbern ien ^ritifer. 

IV. 

2Bir l^aben über ßeffingö g^auft mä) jroei ^e^ 
tid^te, beibe nac^ bem ^obe be§ ®id^ter§ erfd^ienen. 
S)er erfte ift ein ©d^reiben beö ißauptmannö 
von SBIanlenburg in Seipjig t)om 17. 3Wai 1784 
„über Seffingö vexloxtn gegangenen gauft", 
in Slrd^enl^olj' „Siterotur unb Sßölferfunbe" ; ber 
jmeite, ein 33rief beö ^rofefforä ©ngel in Serlin 
an ßeffingö 93ruber, t)on biefem Deröffentlid^t im 
„S^l^eatralifd^en 5Rad^laJ5" jugleid^ mit ßeffingö ©nt- 
n)urf (1786). Seibe fd^ilbern ben ^rolog. 

SBIanfenburg erjälilt, bajs in jener näd^tlid^en 
aSerfammlung ber ^öllengeifter, bie SBerberben brü- 
ten, einer ber lefeteren bem ©atan berid^tet, er 



168 



l^abe einen SWann auf ®rben Qe^nnhen, bem nid^t 
beijulommen fei, er l^abe leine Seibenfd^aft, feine 
©d^tt)ad^f|eit, nur einen S^rieb unb eine SJeigung: 
einen unauölöfd^Ud^en 35urfi naä) aSal^rl^eit unb 
@rfenntnij3. ,,®ann ift er mein !" ruft ber Oberfte 
ber S^eufel, ,,unb auf immer mein unb fidlerer 
mein, afe bei jeber anberen Seibenfd^aft!" 3lun 
erhält 3Kep]^iftopl^eIes Stuf trag unb Snioeifung, 
Toie er eö anzufangen l^abe, um ben gauft ju fangen. 
2in ben folgenben 3lcten beginnt unb üoHenbet er 
bem ©(^eine nad^ fein Söerf. ^ier fann id^ feinen 
bestimmten 5ßunft angeben. @enug, bie l^öffifd&en 
ißeerfd^aaren glauben il^re 3lrbeit voübxa^t ju 
Iiaben; fie ftimmen im fünften Slet 2:riump^lieber 
an. ®a unterbricht fie eine l^immlifd^e ©rfd^einung. 
„S^riumpl^irt nid^t!" ruft il^nen ber ©ngel ju, 
„it)r l^abt ni($t über 9Wenf(^l^eit unb SßJiffenfc^aft 
gefiegt, bie ©ottl^eit l^at bem 3Kenfd^en nid^t ben 
ebelften ber 2^riebe gegeben, um il^n emig unglüdf^: 
Ud^ JU mad^en; was il^r fallet unb jefet ju befifeen 
glaubt, toar nid^tö als ein 5ßl^antom." ©o weit 
SBlanfenburg, beffen eingeftreute fd^ale Semerfungen 
id^ meglaffe. SBir pren ni^t bie Stnatpfe eineö 
©tüdfeö, fonbern nur bie eines ^planes. 6r felbft 



169 



fagt t)on ben folgenben 3lcten: „§ier fonn id^ 
feinen befttmmtcn 5ßunft angeben." 

©efd^idter ift ©ngefe Sendet. „aSon SeffingS 
g^auft, um ben ©ie mid^ porjüglid^ fragen, weife id^ 
no^ biefes unb jencö; n)enigftenö erinnere id^ 
mid^ im Slügcmeinen ber Slnlage ber erften 
©cene unb ber leftten ^auptroenbung ber^ 
felben." ®r fprid^t alfo nur t)on bem ^rolog, 
beffen ©d^auplaft i^ier nid^t bloö „ein alter S)om", 
fonbern „eine jerfiörte gotl^ifc^e Äird^e" ift. „S^r^ 
ftörung ber SQgerle ©ottes ift ©atanö aBottuft." 
®ie ©cene felbfl fd^ilbert ©ngel in bramatifd^er 
gorm. S)er erfte 2^eufel i)at bie öütte eines Slrmen 
jerftört, ber jroeite eine 3=lotte mit SBud^erem vtx- 
nid^tet, ber britte bie Unfd^ulb eines 9Jiäbd^enö mit 
mottüftigen STraumbilbern vergiftet, ber vierte l^at 
nid^tö getl^an, nur einen ©ebanfen gel^abt, teufs 
tifd^er als bie 3:^l^aten ber anberen, er toitl (Sott 
feinen ßiebling rauben: einen benfenben ein^ 
famen Jüngling, ganj ber SBeiöl^eit ergeben, nur 
für fie atl^menb, jeber Seibenfd^aft abfagenb, aufeer 
ber einjigen für bie 3Bal^ri^eit ; ber SSerfül^rer l^abe 
i^n umfd^Ud^en, aber nirgenbä eine ©d^raäd^e ge= 
funben, wobei er il^n faffen fönnte. „ißat er nid^t 



170 



SBiPegicrbc?" ruft ber ©atan, unb lüie ber Xm\el 
anttDortet : „mcl^r afe ein ©tctbüd^er !" ift er feiner 
©ad&e geroi^. „Ueberla^ il^n mir, baä ift genug 
ium aSerberben." Sitte S^eufel foffen il^m l^elfen, 
biefeö aWeifierftüd fatanifd^er aWad^t unb ßift aus- 
jufül^ren. 5Da ruft eine Stimme auö ber ^öl^e: 
„^f)x follt nid^t fiegen." „©o fonberbar, wie 
ber @ntn)urf biefer erften ©cene/' fal^rt ©ngel fort, 
,,ift ber Gntmurf beö ganjen ©tü(fe§. 35ie 
SSerfüi^rung gefd^ielit an einem ^l^antom, baö ber 
f(^Iafenbe mirHii^e g^auft ate 2^raumgefid^t f(^aut. 
Sie S^eufel finb.getäufd^t, ber erwachte gauft ge- 
warnt unb belel^rt." Unfer Serid^terftatter fd^liefet 
mit ben 3Borten: „SSon ber 9lrt, n)ie bie ^Teufet 
ben '^ian ber SBerfül^rung anfpinnen unb fortfül^ren, 
muffen ©ie feine SHac^rid^t von mir erwarten; x^ 
meijs nid^t, ob mi(^ l^ier mel^r bie ©rjäl^tung Sl^reä 
33ruber§ ober mel^r mein ©ebäd^tnijs t)ertäJ3t, aber 
tt)irflid^ liegt atteö, toaö mir baoon t)orf(^n)ebt, ju 
tief im 2)unf ein, afe bafe id^ l^offen bürfte, eä 
mieber an'ä ßid^t ju jiel^en." 

9iad^ atte bem fd^eint ©ngel ba§ Seffmg^fd^e 
2Serf nid^t au§ ber öanbfc^rift, fonbem nur auä 
münblid^en ©(^Uberungen beö 2)id^terö gefannt ju 



171 



l^aben. 35ie ©rinnerung tft üerbla^t. 58on ber 
2lu§fü]^rung weife tücber er nod^ Stanfcnburg etwas 
33eftimtttteö. gl^re Sendete befd^ränfen fid^ im 
SBefentlid^en auf ba§ SBorfpiel unb ftimmen in ben 
ißauptjügen mit bem von Seffingä ^anb leintet- 
laffenen ©ntmurf fo fid^tbar überein, bafe fie für 
glaubwürbig gelten bürfen. 3n jroei ^ßunften geben 
fie melir alö ber aut^entifd^e Entwurf vevxäti): bafe 
in biefer gaufttragöbie bie ^öHe nid^t fiegt, 
üielmel^r bnrd^ ein ^pi^antom getäufd^t mirb. 9iad^ 
33lanfenbiirg faßt bie (Sntfd^eibung an baö @nbe 
beö ©tüdfeö, nad^ ®ngel wirb fie fd^on am ©d^lufe, 
beö aSorfpiefe oerfünbet. 3>n biefer '^iee liegt bie 
@rl)öl^ung unb Umbid^tung beö gauftmptl^us, bie 
©oeti^e aufnal^m unb jum Stl^ema feiner jweiten 
gauftbid^tung machte; eö war elf Saläre nad^ ber 
Verausgabe Don Seffingö 6ntn)urf unb ®ngelö SSes 
rid^t. 3d& jweifte nid^t, bafe ©oetl^e feinen grojjen 
aSorgänger aud^ an biefer ©teile gefannt unb vov 
Slugen gel^abt l^at, obgleid^ fein B^wgnife barüber 
vorliegt, bafe Seffingö 5ßrolog auf ben ©oet^e'fd^en 
eingeroirft *). 

*) 3^ ^9'^- ^^ meiner ©d^tift über (Soetl^cg gfauft bie 
(gnttoicflung bet gfauftfagc: (5ap. II. @. 68—78. 



172 



V. 

35ie 3bcc bcr SR e 1 1 u n g g^aufts ift ol^ne B^J^f ^t 
ed^t leffingifd^, aud^ toenn fie nid^t mit feinen eige^ 
nen 2Borten bejeugt ift. ©ie liegt in feinem ©nt^ 
murf. e?auft fott burd^ feine ju große SEBijg- 
begierbe geftürjt werben, nur burd^ biefe, baraüf 
attein grünbet ber S^eufel feinen ^lan. 2)ie§ toar 
fd^on eine Slbmeid^ung von ber SBolfäfage, eine 
fold^e Slbmeid^ung, wie fie Sefflng mad^en mußte. 
®r ergriff ben g^auft ber SBoIfef age an b e m S^ge^ 
ber il^m ber geifte§t)em)anbtefte wax. ©d^on in bem 
aSorfpiel erfennen mir einen Seffing^fd^en g^auft- 
3)iefer ^auft befd^mört juerft ben Slriftoteleö, 
mie Seffing felbft in feiner Dramaturgie! 2)iefer 
gauft n)äl)lt ju feinem Diener ben ööllengeift, ber 
fo f(^nett ift, mie ber Uebergang t)om Outen jum 
Söfen, gleid^fam ben Dämon beö ©ünbenfaHö. SBir 
l^ören auö feinen SBorten, mie tief er bie SWad^t 
beö 33öfen fennt, er Iiat fie erfaliren, roa^ brandet 
er fie nod^ ju erfal^ren ! Daß er auö eigener SBal^l 



173 



unb Äraft bem 39afilt§len in'ö Slugc fd^aut, ifi feine 
ma^t über bien »afUtöfen. 35 er ®eift ber 
aSi^begterbe, gegenübergefteüt bentS)ä= 
mon ber ©ünbe: fo offenbar badete \xä) Seffing 
ben (Segenfafe, auö bem nimmermel^r ber S^riumpl^ 
beä ©atanö toerben follte. 

^ier aber entftanb bie GoUifion j^ifd^en ber 
Slnlage unb bem ^id ber g^aufttragöbie, l^ier mußte 
fid^ ber Seffing'fd^e gauft t)on bem ber SBolfefage 
f d^eiben unb bief er l^erabfinf en ju einem 5p 1^ a n t o m : 
ber e?auft, ben bie Teufel t)erf liieren unb erbeuten, 
ift nid^t ber wal^re, ed^te, nad^ SBal^rl^eit ringenbe 
gauft, fonbern beffen ©d^atten unb ©d^einbilb. 
^ie ganje biabolifd^e ^ragöbie wirb jur 5ßl^antaö= 
magorie, bie ber malere g^auft vok in einer 33es 
täubung, in einem S^raume erlebt. S)iefer aben- 
teuerlid^e, ben Sffieltbegierben l^ingegebene unb in 
ben Slbgrunb getriebene Sebensgang ift „baö 
2ehen ein S^raum", angemenbet auf ben 
gauft! 3d^ glaube gern, baJ3 Seffing eine fold^e 
3bee l^atte unb finbe fie feiner ganj roürbig. Unfere 
Serid^terftatter waren nid^t bie Seute, einer fold^en 
3bee auf ben ®runb ju feigen. Slber barauö ließ 
fid^ meber ein bürgerlid^eö ^rauerfpiel, nod^ über^ 



174 



i)anpt ein bramatifd^eö ^unfttoerf löfcn, bcnn ber 
tüirttid^c eJttuft l^anbelt l^ier fo gut wie gar nid^t. 
©ine fold^c Slnlage l^attc ber erfte gauft, ben 
Sefftng oerüefe; er unternat)m einen jtoeiten, 
ber eine lebenbige unb actioe ^aufttragöbie werben 
foHte, worin bie üerfül^rerifd^en aWäd^te irbifcä^ unb 
menf(^Iid^ gefaxt waren. SBie biefer jweite 3^auft 
auöfal^ unb wie weit er gebiel^en, bat)on wei§ i(^ 
nid^tö unb fenne feinen, ber etwaö bat)on weife. 

®ä ift eine l^öd^ft intereffante unb bebeutung§- 
t)otte 2^^atfad^e, bafe aud^ ©oetl^eö %a\x^i in jwei 
üerfd^iebene ©id^tungen jerfäfft, beren erfte an^ 
bemfelben ©runbgebanfen entfpringt, ben Sefftng 
bei feiner jweiten l^atte, unb beren jweite benfelben 
©runbgebanfen ergreift, von bem ßefflng in feiner 
erften ausging. 



® m i l i Ä # Ä 1 1 1 i 



I. 

pie Reform htt ^rugSbie. 

a5ie aufgäbe, bie ficffing in feiner SWinna uon 
»ornl^elm auf bas @lMix^^ gelöft l^atte, beftanb 
in einer nationalen S)id^tung, einem bramatifd^en 
äbbilbe beutf(^er unb. gegenwärtiger ©d^irffale, 
einem Suflfpiele neuer, erweiterter, von ben trabi« 
tioneHen ©d^ranfen uöHig befreiter Slrt. ®aö Suft^ 
fpiel ift nid^t mel^r in baö abgefonberte ©ebiet bed 
bürgerlid^en ßebenß eingefperrt; ergreif enbe unb 
rül^renbe ©riebniffe finb fo wenig von if)m auöges 
f d^Ioffen, als l^eroif d^e ©efinnungen unb ^anblungen : 
in bemfetben bramatifd^en ©emälbe erfd^einen bie 
ßontrafle unb SKifd^ungen von 2:ugenb unb Xl^or^ 
l^eit, l^ol^er unb nieberer ©emütl^öart, ®rnft unb 

ftuno ^{fd^er, ®. @. Sefflng. I. 12 



178 



©d^erj; fle treten unö fo einfa(^ unb ungefünftett 
entgegen, wie in bem roirflid^en aJlenfd^enleben felbft. 
3)ie ©tanbeöunterfd^iebe in ber bramatifd^en 5ßoefie 
finb gefallen, Sl^ema unb Snl^att finb rein ntenfd^:: 
lid^ unb nur beöl^alb beutf(^ im fpecififd^en ©inn, 
weit fold^e ©fiaraftere unb ©d^idfate mitten im 
beutfc^en aSoH unb feiner ©egenmart erlebt waren. 
^enn nad^ <Soet^eö treffenbem SBort mnj^ ade 
Sßationalbid^tung fd^al fein ober fd^al werben, bie 
nid^t auf bem 3Kenfd^Ii(^ften ruf)t. 

Slud^ bie tragifd^en ©d^idffale finb rein menfi^^ 
lid^ unb werben nur burd^ il^re befonbere, von 
3eit unb ©ittenjuftänben abl^ängige 2lrt national. 
2)aö 5Crauerfpiet ifi fo wenig ein ^prioilegium be§ 
t)ornel^men ©tanbe§ afe b?r ©egenftanb gteii^fam 
einer äftl^etifd^en 3le(^töforberung oon ©eiten beä 
bürgerlid^en. ®ie gelben ber l^ol^en S^ragöbie wie 
bie ©^araftere ber bürgerlid^en fönnen unfere 
©mpfinbungen nur bann gewaltig unb ftimpatl^ifd^ 
ergreifen, wenn il^re ^anblungen unb ©d^idfale 
aus ber ©rl^abenl^eit unb firaft i^rer perfönlid^en 
9latur lieroorgel^en , bie in jebem galle mäd^tiger 
fein mufe ate il&re 9tangftufe. ®ie SEBal^rl^eit bed 
menfd^lid^en Sl^emaö entl^alt unb verbürgt jugleic^ 



179 



bie nationalen SBirfungen ber bramatifd^cn Äunft. 
3n bicfcm @cift bcbarf ba§ fogcnannte „bürgere 
lid^c S^raucrfpid" unb „rül^renbe Suftfpiel" einer 
Umgeftaltung, welcj^e nid^t bloö bie alten ausgelebten 
fjormen, fonbern au^ biefe neuerbingß entfianbenen 
Iraftlofen 3tt)ittergeftalten t)erlä§t unb bie m ober ne 
2^ragöbie, baö moberne Suftfpiel grünbet. 3lie- 
manb l^at bie SRotl^toenbigfeit biefer fo einfad^en 
unb einleud^tenben SReform frül^er begriffen als 
S)iberot, niemanb bemfelben lebl^after beigeftimmt 
unb bie 3lufgabe beffer ju löfen t)erftanben ate 
Seffing. Die SReform be§ Suflfpielö erfd^ien in ber 
SDlinna t)on SBaml^elm; bie beö S^rauerfpielö war 
nid^t .©ara ©antpfon, fonbern würbe ©milia 
©atotti. 6rft nad^ biefen Umroanblungen barf 
X)on ber beutf($en 93ül^ne baß ©d^iffer'fd^e SBort 
gelten : 

@x)peitext j[e^t ift beS ^^eatetS ^nge, 

3n feinem Ülaumc bt&ngt fid^ eine SQßcIt, 

fltd^t mel^t ber SQBottc tcbncxifd^ ^tpx^nqt, 

9lut hn 91 a tut getreues SBilb ö^föKt; 

SSetbonnet ift bcx Sitten falfd^e ©ttenge, 

Unb mcnfd^lid^ xebet, menfd^Iid^ fül^It bex $elb. 

3)ic ßeibenfd&aft ex^cbt bie freien 2:öne 

Unb in bex ^B^a^xf^tit finbet man baS ©d^öne! 



180 



II. 

Scffing l^attc f aum fein erfteö bürgerlid^cö Xxanex^ 
fpiel auögefül^rt, afe er füllten mußte, ba§ eö auf 
^ften ber äBal^rl^eit ju rttl^ren fud^e unb barum 
in ber ^auptfad^e oerfel^lt fei. Unmotiuirte SRül^^ 
rungen finb nid^t tragifci^, fonbem fenttmental. 
SRid^tö lag roeniger in Seffingö ©l^araftcr unb ®e^ 
ntütl^öart, afe eine fold^e 5ßflCege ber ®mpfinbfamfeit. 
S3Bie fremb il^m biefer ganje ©entütl^d}uftanb war, 
jeigte fid^ in feiner Abneigung wiber ©oetl^eö 3Bertl^er. 
®afe er ©terne berounbert i)at unb ju ber beutfd^en 
Ueberfefeung feines Stomanö baß SBort ^^empfinbs 
fam" erft geliefert l^aben foH, ift fein 3^9"i6 ^<^^ 
gegen; bie ©ad^e war nii^t fein ©lement, unb eö 
ift uon einem ber grünblid^ften Äenner Seffingö 
nid^t unrid^tig bemerft worben, baß er in feiner 
©ara baö erfte unb einjige 3Kal in feinem 2ehtn 
langweilig geworben fei. SRod^ in bemfelben Saläre, 
worin biefeö ©tüdf ooüenbet unb aufgefül^rt würbe, 
befd^äftigte il^n ber ©ebanle eines neuen bürgere 
lid^en ^rauerfpiefe (1755). 



181 



Site Slicotai balb nad^^ex feine erfte 3^ttfd^rtft 
eröffnete, bie nid^t bloä ben fd^önen SBiffenfd^aften, 
fonbem auc^ ben freien Äünften, inöbefonbere bem 
beutfd^en 2^l^eater gewibmet fein fottte, uerfünbete 
er einen öffentlid^en 5preiö für baö befte beutfd^e 
2;rauerfpiel. ßeffing it)ar mit bem ©tüdf, meld^eö 
ben 5ßreiä erl^alten foHte, bem „6obru§" von 
©ronegf, nid^t jufrieben. „SBenn id^ ein paar 
rul^ige ©tunben finbe," fd^rieb er an^ Seipjig ben 
22. Dctober 1757 an SIRenbefefol^n , „fo tuiff id^ 
einen 5ßlan auffegen, nad& roelä)em id^ glaube, bajj 
man einen befferen 6obru§ mad^en fönnte." „6ö 
arbeitet/' fügt er i^inju, ,fyxex nod^ ein junger 
9Henfd^ an einem 2:rauerfpiel, meld^eö melleid^t 
unter allen baö befte werben bürfte, wenn er nod^ 
ein paar 3Ronate 3^^ barauf oerroenben fönnte." 

S)iefer junge aWenfd^ mar er felbft, unb wir 
erfal^en auö einem etwas fpäteren Sriefe an SRicolai 
ben ©egenftanb feiner 3)id^tung. Dbrool^l ©ronegf 
geworben, fotte fein ©tüdf gefrönt unb ber boppelte 
^reiö für ein neueö S^rauerfpiel auögefd^rieben 
werben. 3)abei rebet ßeffing fd^erjenb in ber britten 
^erfon t)on fid^ unb feiner Seroerbung. „Unterbejj 
würbe mein junger S^ragifuö fertig, von bem id^ 



182 



mir nad^ meiner ©itetteit mel ®uteö t>erfpre(3^e, 
benn er arbeitet jiemlid^ wie id^. ®r mad^t atte 
fieben Stage fieben 3^^!^«; ^^ erweitert unauf^ör= 
lid^ feinen Sßian unb ftreid^t unaufl^örlid^ etwas 
von bem fd^on ätuögearbeiteten wieber aus. ©ein 
jefeigeö ©ujet ift eine bürgerlid^e aSirginia, ber 
er ben 2^itel (Smilia ©alotti gegeben. ®r l^at 
nämlii^ bie (Sefd^id^te ber römiji^en aSirginia oon 
allem bem abgefonbert, was fie für ben ganjen 
©taat intereffant mad^te, er l^at geglaubt, ba§ bas 
©d^idfal einer S^od^ter, bie uon il^rem SBater um- 
gebrad^t wirb, bem il^re S^ugenb wertl^er ift afe 
itir Seben, für fid& tragifd^ genug unb fällig genug 
fei, bie ganje ©eele ju erfd^üttern, wenn aud^ gleid^ 
fein Umfturj ber ganjen ©taat§t)erfaffung barauf 
folgte, ©eine Slnlage ift nur üon brei 3lcten 
unb er brandet ol^ne Sebenfen alle greil^eiten ber 
englifd^en Sül^ne. 3Kel^r will id^ Sinnen nid^t ba^ 
t)on fagen ; fo mel ift aber gewi§, id^ wünfd^te ben 
©infall wegen bes ©ujets felbft gel^abt ju I)aben. 
@s bünft mid^ fo fd^ön, ba§ id^ es ol^ne 3w>^if^t 
nimmermelir burd^gearbeitet l^ätte, um es nid&t ju 
Derberben. SBas meinen 5pian oon einem ßobrus 
anbelangt, fo muffen ©ie mir ad^t S^age 3^tt 



183 



laffen, um mid^ auf alles ju bcfinnen; man fd^idft 
niiä^t glätte ju SJragöbien ober gar 2;ra9öbien felbft 
mit erfter 5ßoft." ©o fd^rteb Seffing ben 21. Januar 
1758. 

Xa^ fein ©tü(f in ber erften unb ätteften 
fVorm nur brei 2lcte gel^abt, wieberl^olt Seffing 
merjel^n Saläre fpätcr in einem Srief an feinen 
SBruber (10. gfebr. 1772); er fügt l^inju, bafe er 
biefes SBerf in Hamburg von Sleuem bearbeitet, 
aber in biefer j weiten gorm nur für bie 33ül^ne, 
ttid^t für ben SDrud beftimmt l^abe. SRicoIai bt- 
rid^tet, bafe er ben 5pian ber ßmilia in brei 9lcten 
gefeiten, unb bajs nad^ bemfelben bie SRoIIe ber 
Drfina nid^t, njenigftenö nid^t auf bie jefeige Slrt 
rorl^anben roax. Seiber finb ünö beibe 3lrbeiten, 
ber erfte Seipjiger ®ntn)urf wie baö Hamburger 
SBül^nenmanufcript oerloren. 

2)ie lefete Umbilbung, TOoburd^ biß 35id^tung 
il^re gegenwärtige ©eftalt erl^alten J^at, fällt in bie 
erfien '^a^xe ber SSBolfenbüttler 3^it. 2(n einfamer 
©tiHe roäd^fi bie neue S^ragöbie unb wirb t)ollenbet, 
ot)ne ba|3 Seffing mit irgenb einem greunb in ber 
Släl^e barüber reben unb an bem ©inbrudf unb 
Urtl^eU, bie feine 2)id^tung l^errorruft, beren SQBir- 



184 



fung erproben fann. „Sd^ l^abe über feine Seile 
berfelben eine ©eele roeber l^ier nod^ in Hamburg 
fönnen ju Statine jiel^n.'' 3m Januar 1772 fenbet 
er bie brei crflen Slcte feinem SBruber nad^ S3erftn, 
um fie brucfen ju lajfen ; ben 1. SWärj folgt ber 
©d^lufe. am ©eburtötage ber fierjoginsJBtttroe, 
ben 13. aJldrj 1772, wirb baö SBerf jum erflen 
aWal in SBraunfd^weig aufgefül^rt. ®ö war ein 
feltfamer ©infaH beö SCI^eaterbirectorö (S)öbbelin), 
an einem fotd^em 2^age ein fold^eß ©türf auf bie 
33ül^ne ju bringen, nod^ baju, ba man Slnfpietungen 
auf ben $of unb bie ©eliebte beö ^ei^ogä, bie 
2Rarquife Sranconi, barin mittern wollte, fieffing 
empfanb bie äSßal^t bed ^ageö auf bag ^einlid^fle 
unb fu(|te bie Sluffül^rung baburi^ ju oerl^inbern, 
ba§ er bem S^l^eaterbirector ben ©d^luls ber Xxa^ 
göbie vorenthielt, biß biefer i^m brol^te, felbft einen 
JU mad^en.. ®r fenbete bem ^erjog perfönlid^ bie 
gebrudften 83ogen biß jum 4. 3lct mit ber Sitte, 
baö ©tüd felbft lefen unb feine SBittenömeinung 
über bie Sluffül^rung funb geben ju motten, faffft 
il^m an einem fo erfreulid^en 2^age bie Darftettung 
eineß ^Jrauerfpielö überl^aupt nid^t fd^idftii^ erfd;iene. 
3)a« @anje fotte „meiter nid^tö fein, aU bie 



185 



alte römifd^e ®efd^i(ä^te bcr SBirginia in 
einer mobernen ßinfleibung". ®er ^erjog 
liefe bie äuffül^rung gefd^el^en. 

Sefftngö g^reunb ßbert in Sraunfd^Töeig, frftl^er 
Seigrer beö ©rbprinjen, bamafe einer ber beflen 
Äenner ber englifd^en Siteratur, war jugegen unb 
empfing ben erflen @inbru(f bed @tüäd burd^ bie 
»ü^ne. »is in'« 3nnerfte erfd^üttert, fd^rieb er 
gleid^ barauf bem SDiii^ter: „3<^ befinbe mid^ eben 
je^t in bem glatte, morin jid^ jiener ©d^üler in 
@ngtanb befanb^ ba il^m aufgegeben n)arb^ eine 
©rabfd^rift auf Sen 3o|nfon ju mad^en. 6r fonnte 
nid^tö weiter l^eroorbringen als ,0 rare Ben Jojin- 
sonl' 3d^ l^abe bie ©mpflnbung, bie id^ einmal 
bei ®urd^lefung ber erften ©cenen Sl^rer SRinna 
l^atte. D ©]^afefpeare=Seffing!" 35er »rief 
fd^liefet mit ber SBieberl^olung biefeö begeifterten 
äuörufö: „Ü ©^a!efpeare=Seffing !" 

3Cte Seffing feine @milia @alotti in ber legten 
©eftalt audfül^rte, bid^tete ©oetl^e feinen ®öfe in 
ber erften ; Seffingö SJragöbie erf d^ien in bemfelben 
3al^re, wo ©oetl^e in 3BefcIdr jene ©timmungen 
erlebte, au« benen fein SBerti^er l^eroorging. SBierjig 
Saläre nad^ ber erften SÄuffül^rung ber ©mitta ©alotti 



186 



äußerte ©oetl^e in einem feiner Urtl^eile barilber 
(bie nid^t immer biefelben maren) : ,,3)aö ©tüd ift 
tjoßer SBerftanb, tjotter SBeiöl^eit, x)oIIer Slide in 
bie aSelt unb fprid^t überl^aupt eine ungel^eure 
©ultur auö, gegen bie n)ir jefet fd^on lieber S3ar= 
baren finb. 3« i^i^^ 3^* ^wfe eö neu erfd^einen." 
3n einem feiner legten SBriefe/ ein Sol^r t)or feinem 
5Cobe, erinnert er feinen g^reunb 3^*^^/ ^^^ Seffingö 
S^ragöbie nid^t mel^r ju mürbigen n)uj5te, an bie 
©pod^e, worin fie entftanben : ,,3" feiner 3eit ftieg 
biefes ©tüdE, wie bie Snfel SJeloö, auö ber ©ottfd^eb:^ 
®eBert=3Beiffe'fd&en SBafferflutl^ , um eine freifenbe 
©öttin barml^erjig aufjunel^men. SQSir jungen Seute 
ermutl^igten unö baran unb mürben Seffing beöl^alb 
t)iel fd^ulbig." 

S)ie ®rfd^einung ber ®milia ©alotti mar bie 
®eburt ber mobernen beutfd^en J^ragöbie. 
SRad^ einer 3Ritt^eilung ©oet^es fott'fid^ ©d&iffer 
mit Stbneigung über Seffingö ©tüdte, \a mit SBiber^ 
mitten über ©milia ©alotti geäußert l^aben. SBir 
lennen meber feine (Srünbe nod& beren 3^ugniffe; 
menn es nid^t etma 'biefelbe Stimmung mar, bie 
il^n in fpäterer 3^it wiber feine eigenen Sugenb» 
merfe einnal^m. 3)iefe beurlunben, mie mäd&tig 



187 



ba8 Sßorbttb Sefjxng«, inäbefonbere ©milia ©ototti, 
auf ben gröjäten unfercr tragifd&en ©id^tcr einge- 
wirft l^at. SDcr einflu§ bicfe« ©tüdeö auf ©dritter 
ift fo unt)cr!cnnbar unb l^anbgrcifttd^, bafe er jcbent 
in« SCuge fpringt. S)er SBeg unfcrcö bürgcrlid^en 
S^raucrfpiefe mufete t)on bcr- @ara ©ampfon jur 
©tnilia ©alotti emporgcfticgcn fein, um in bcr 
Souife 3IliIIcrin, bicfem SKcifterftüd unter ©d^ittcrö 
jugcnblid^en ©id^tungen, ju gipfeln. Dl^ne bie 
©räfin Örfina gäbe es feine Sabp aWilforb, bie 
•felbft roieber eine 3Wenge t)on SRad^bilbern J^ertjor* 
gerufen, ©d^on im giesfo jeigen fid^ bie fieffings 
fd^en SBorbilber. 3tt)ifd^en bem ^ßrinjen ißettore> 
©onjdga unb bem ©rafen Saoagna, jwifd^en Dboarbo 
unb SBerrina, §n)if($en bem SWaler ©onti unb bem 
3Kaler ^iomano, ja felbft jroifd&en bem Sanbiten 
Slngelo unb bem 3Wol^ren 9Wulei ^affan finben fid^ 
in ber Slrt'ber ßl^araftere unb ber bramatifd^en 
Sluöbrudfsroeife gewiffe ^uQe ber SBerroanbtfd&aft, 
bie n)ir unroiHIörlid^ empfinben. %\x6) ba§ 33ilb 
ber aSirginia im gies!o erinnert on baö Urmotit) 
in ber ©milia ©alotti. Slber ber ®influ§ biefer 
2lragöbie auf ©dritter erfd^eint in „Äabale unb 
Siebe" fo gewaltig unb tiefeinbringenb, ba§ er nid^t 



188 



bloö in bcr Stad^bilbung ber ©^araftcrc, fonberrt 
fogar in ber SRad^al^mung bcr SEBortc unb im ©tit 
beö Sluöbrudfd mit berSKad^t einer unioilHürlid^en, 
bem S5id^ter fclbft faum beroufeten Sleminiöcenj 
fortroirft. ©d&iller l^örte feine eigenen Gl^araftere 
mit SBBorten reben, bie aus ber @miüa (Salotti 
l^erfamen. „3Bie er baftel^t, ber ißerr 3War^ 
(^efe!" fagt bie ®räfin Drfina t)on 9RarinelIi. 
„SBaS er für Slugen mad^t! SBimbert fid^ baö 
©e^irnd^en? unb worüber benn?" (IV. 3). 3n 
ber ©cene mit bem ^ofmarfd^all Äalb ruft gerbi^ 
nanb: „SBie er baftel^t, ber ©d^merjenöfol^n! 
©d^abe nur, eroig ©d^abe für bie Unje ©el^irn, 
bie in biefem unbanfbaren ©d^äbel roud^ert !" (IV. 3). 
Drfina ju $IKarineIli: „2exnm ©ie, nad^plaubern« 
beö^ofmännd^en, lernen ©ie von einem SBeibe, 
baj3 ©leid^güttigfeit ein leeres Sffiort ift" u. f. f. 
Sab? aWilforb ju Ralb: „S)as ift beine ©orge, bu 
Oolbmann ! fieiber weife id^ es, bafe bu unb beines^: 
gleid^en am SRad^beten beffen, was anbere getl^an 
l^aben, erwürgen !" 3a, es gibt ©teilen, bei benen 
jebe SSergleid^ung ber 6^ara!tere nid^t blos ausge^ 
fd^loffen, fonbern Dottfommen unmögtt(^ ift, unb 
bennod^ biefelben SBBorte nad^ttingen: ein Seroeis, 



189 



baJ5 ©dritter fid^ nid^t bcroujst toar, rocld^es Original 
il^m bei feinen SBotten t)orfd^n)ebte. S)er ®raf 
SÄppioni fagt ju feiner SBraut, roie er l^ört, ba§ fie 
aM ber SWeffe lommt: „©o red^t, meine ®milia! 
3d^ werbe eine fromme grau an 3^"^« 
l^aben." Unb ber ©ecretär SBurm, wie er l^ört, 
bafe ßonife SIKillerin in ber 9Reffe ift, fagt ju ber 
STOutter: ,,®aö freut mid^! freut mid^! 3d^ 
werbe einmal eine fromme d^rifilid^eg^rau 
an il^r l^aben!" 

©eit jenen 2^agen in Selpjig, afe Seffing an 
SRenbefefol^n fd^rieb: „®ö arbeitet l^ier nod^ ein 
junger 3Wenfd^ an einem S^rauerfpiel, toeld^eö met 
leidet unter allen baö befte werben bürfte, wenn er 
nod^ ein paar 3Ronate 3rit barauf vexxomhen fönnte" 
— waren nal^eju fünfjel^n Saläre tjerfloffen. SBäl^' 
renb biefer 3^tt ^<^tte ßeffing feine neue gäbet 
bid^tung, bie Slbl^anblungen ober bie gabel, ben 
5ß^lotaö, feine Seiträge ju ben Siteraturbriefen, 
SWinna t)on SBarnl^elm, Saofoon, bie Hamburger 
Dramaturgie unb bie antiquarifd^en SBriefe erfd^einen 
laffen. 2Bas bie neue bürgerlid^e S^ragöbie betraf, 
war ©miüa ©alotti nid^t ber einzige, aud^ nic^t ber 
erfte 5ßlan, womit er fid^ trug. @r l^atte üorl^er 



J 



190 



bic äbfid^t, bic rötnifd^c SSirginia fettft jum 
"^tma einer S)^tun9 ju nel^men, von ber in 
feinem tl^eatralifd^en 9lQd^la§ nur ein einjigeö fleineö 
Fragment, bie erfte ©cene, übrig geblieben ift*). 
aBal^rfd^einliiä^ l^at Seffing biefen ©egenftanb gleid^ 
nad^ ben erften SBerfud^en fatten laffen, weil er eine 
moberne S^ragöbie bid^ten rooHte unb baju in 
bem römif(ä^en ©toff feine braud^bare gabel fanb. 
6r mad^te aus bem Dbject ein 9Jtoti», ein blo§eö 
aWotit), baö er unabl^ängig von bem römifd^en SSbr^^ 
bilbe in feiner ©milia ©alotti auöfül^rte. 6d wäre 
eine oberfläd^lid^e unb vöHiq falfd^e Slnjid^t, auf 
bie xviv nod^ einmal jurüdtfommen werben, wollte 
man bie römifd^e SBirginia für ba§ SBlobeff ober 
für bie ©runblage ber Seffing'fd^en S^ragöbie Italien. 
35ie Seibenfd^aften unb ©d^idffale, bie nn^ biefe 
S)id^tung fd^ilbern foB, pulfiren in ber mobernen 
SBelt unb l^aben mit römifd^en SBerl^ältniffen unb 
?led^t§}uftänben nid^td ju tl^un. 92id^td mit ben 
SBirfungen ber S^l^at be§ aSirginiuö, nid^tö mit il^ren 



*) @in futaeg (ät\px&äi atoifd^en (Slaubiug unb Olufug, 
S)tenern beg ^|)ptuS, bem fte bie SStxgtnia aufül^xen foHen. 
S)ex ^'lorae ^^laubia" ennnert noc^ an eine ^exfon biefeS 



191 



Urfad^en! ©rllärtc bod^ ßeffing fclbft glei^ im 
SScgtnn fcincö aSJerfcö: ba§ Sil^cnia bcr ©milia 
Oalotti fei bie ©cfd^id^tc bcr römifd^cn 3Sirginia, 
abgcfonbert von aUcm bcm^ n)aö fie für 
ben rötnifd^cn ©taat intcreffant machte, 
öl^ne bie folgen, bie fic in SRom l^atte. SEBenn 
aber bie Urfad^en unb bie SßJirfungen fel^Ien, roeld^e 
bie S^l^at bes aSirginiuö ju einem ©tü<f römif d^er 
©efd^id^te gemad^t l^aben, fo bleibt von ber lefeteren 
gar nid^tä als baö rein menf d&lid^e unb l^od^tragifd^e 
5Kotit) übrig: ein SSater, ber feine S^od^ter tobtet, 
um fie ju retten ! ©ine fold^e SCI^at unb ein fold^eö 
©d^idff al, meinte Seffing, fei für fid^ tragif(^ genug 
unb fällig genug, bie ganje ©eele ju erfd^üttern. 
Unb wenn er wegen ber Sluffül^rung beö ©tüdä 
bem ^erjoge fd^rieb, feine 35id^tung fotte nid^ts 
weiter fein alö bie „alte römifd^e ©efd^id^te ber 
aSirginia in mobemer (SinKeibung", fo mujs voo^ 
iebem einleud^ten, baj3 Seffing l^ier nid^t fein SBerf 
d^arafterifiren, fonbem auf bie fürjefte 2lrt ben 
falfd^en unb il^m peinlid^en aSerbad^t entfernen 
wollte, alö ob er braunfd^weiger ^ofoerl^ältniffe im 
Sluge gel^abt l^abe. ©al^er mufe jebe 33eurtl^eilung 
unferer 2^ragöbie oerfel^rt ausfallen, bie oon ber 



192 



Derfel^ten JBorauöfeftung auögcl^t, ber S)id^tcr l^abe 
eine Jlad^bilbung bcr röntifd^en SBirginla bca6fi(|tigt. 
2Bir TPiffcn bercitö, wie wenig eine fold^c Slnnal^mc 
- mit Scffingö eigenen unb erften ©rflärungen ftimmt. 
Slber gleid^mel, was er im 3lnfange gewollt ober 
nid^t gewollt l^aben mod^te, eö wirb baraiif an^ 
fommen, toa% er getl^an l^at. 9lur bajs bei einem 
Seffing bie bid^terifd^e 21^at nid^t anbere SBege 
nal^m, aU bie planmäßig ©orgejeid^neten. 

S)er tragifd^e ©toff, ben unfer 3)id&ter fd^on 
t)or ber ©milia ©atotti ergriffen l^atte unb neben 
il^r ^ai)xt lang unter feinen bramatifd^en Slufgaben 
, unb 2lrbeiten feftl^ielt, war bie ©efd^id^te oom 
Dr. gauft. @d fd^eint, ba§ Seffing unmittelbar 
nad^ ber ©ara fid^ biefeö ©toffö bemad^tigen wollte, 
um eine neue unb moberne S^ragöbie barauö ju 
löfen. 3Benigftenö erfunbigte fid^ 9Wenbetefol^n fd^on 
im SRooember 1755 nad^ bem bürgerlid^en S^rauer^ 
fpiel, weld^eö g^auft l^ei^en follte, unb mit feinem 
Sauberer, ber vom Teufel gel^olt wirb, bem aufge^ 
Härten ^pi^itofopl^en alö ein SCrauerfpiel jum Sad^en 
erfd^ien. SBir wiffen, bajs ber 35id^ter mele 'Raffte 
f^)äter wieber mit aller Äraft an biefem SBerfe 
arbeitete unb bie Slbfid^t l^atte, feinen gauft wäl^renb 



193 



bc« 2Bintcr§ 1767—68 an bcm neuen Hamburger 
Slationaltl^eater auffül^ren ju laffen. 3lber wenige 
3eit nad^l^er will er nid^t mel^r baran erinnert fein ; 
ber gauft »erfd^rainbet für immer auö Seffingö 
bramatifd^en 5ßlänen; bis auf ein paar bürftige 
©fijjen ift bas 2Ber! aud^ auö feinem 5Rad^(a^, bis 
auf einige bunWe ©puren auS^ aus bem ®ebäd^tni§ 
berer t)erf d^wunben , bie eö naiver gefannt l^aben 
wollen. • 3^ berf elben 3^^*/ <^te Seffing in Hamburg 
bie ©milia ©alotti t)on SReuem aufnal^m unb für 
bie Sül^ne umarbeitete, He§ er ben g^aufi fallen, 
für immer, wie ed fd^eint. ©iefeö ©tüdf trat jurüdf 
gegen @milia ©alotti. 3ene§ ^Problem, baä !8ef= 
fing in feinem jweitengauft ergriffen l^atte, würbe 
in bem ©l^arafter SKarineUiö gelöft, ben man, 
ol^ne ben tieferen 3wföntmenl^ang ju fennen, in 
tid^tiger fjül^lung oft eine 5!lrt 3Repl^iftopl^eIeö ge^ 
nannt l^at, unb ber fd^on in ber Anlage be§ alten 
©tüdfs ganj baju angetl^an fein mufete, ber un« 
Dergleid^Ud^e Xxjpn^ eines menfd^lid^en S^eufete ju 
werben*). 



*) Uebet SefftngS gfauft unh (Smilta @aloiii Dgl. htn 
öottöcn abfd^nitt @. 163-64. 

ftuno ^i]6itv, ®. (£. Sefjlng. I. 13 



194 



m. 

tnx^u. 

3d^ glaube ben Orunb ju erlernten, ber Seffing 
beroog, fid^ in ber SBal^I beö auöjufül^renben ©toffs 
fo nnb nid^t anberd ju entfd^eiben. @ö galt bie 
Sleform ber 2^ragöbie. ®lei(§jeitig befd^äftigten il^n 
eine neue bül^nengere(ä^te ^Bearbeitung ber ®milia 
©alotti unb beö S^auft: biefe beiben aSBerfe, beren 
jebe§ ein ^probeftüd ber mobernen ^ragöbie werben 
fottte, ftanben bamals jufammen in ber t)orberften 
SReil^e unter ben aufgaben beö ©id^terö. . ©leid^^ 
jeitig fd^rieb ber Äritifer feine Hamburger 2)rama5 
turgie, toorin er bie ©efefee begrünbete, bie eine 
ed^te S^ragöbie ju erfüllen |iabe. ©ein nä($fteö 
SBerf wufete eine ©id^tung fein, bie ben %oxbe? 
rungen feiner Dramaturgie auf baö ©enauefte ent« 
fprad^. 6r fal^, bafe er eine fold^e Slufgabe mit ber 
g^abel feineö gauft weber in ber erften nod^ in ber 
jroeiten ©eftalt ju löfen im ©tanbe fei ; barum gab 
er baö ^project auf, benn bie SBelt burfte fein 2Berf 
feiner ^anb empfangen, baß ben gorberungen feiner 



195 



Äritif nii^t viUiq gcmäfe xoax. „3Wan nenne mir 
ba§ ©tüdf beö großen ßorneiHe, bas iä) nid^t beffer 
ntad^en tooHte! 9Baö gilt bie SBette? 3d^ werbe 
eö juoerläffig beffer mad^en !" 9Wit biefer SBerfid^e^ 
rung l^atte er feine Dramaturgie gefd^Ioffen. ©ein 
2Bort foHte in ber ©milia ©alotti erfüttt werben. 
@ö giebt jum SBerftänbni^ unferer S^ragöbie feine 
SRid^tf d^nur , bie fidlerer fül^rt als bie SRegeln, bie 
Seffing in feiner Dramaturgie als bie 9laturgefefee 
ber ^ragöbie entraidfelt l^at, unb bie il^m jugleid^ 
al§ bie wal^re, von ben g^ranjofen, inöbefonbere 
Don ßorneitte falfd^ aufgefaßte Seigre beö Slriftoteleö 
galten. SRamentlid^ waren eö brei neuere Dramen, 
beren gel[|ler Seffing in feiner SBeurtl^eilung ium 
3lnlaß nal^m, um burd^ beren ©rfenntnife baö 
SBefen ber wal^ren ^ragöbie ju erleud^ten: diu 
ä)axh III. von SBeiße, SWerope von SBoltaire 
unb bie 9lobogune, weld^e ber große ©orneiffe 
für fein SReifterroerl erflärt l^atte. Unb eö finb 
brei ^auptpunfte, bie nad^ fieffing bie 5Ratur einer 
tragifd^en Did^tung auömad^en unb beren Siegeln 
beftimmen: bie SBirfung, bie g^abel unb bie 
iganblung. Unter ber SBirfung ift bie ©rregung 
unferer 3lffecte, unter ber gabel bie Slrt beö ©toffed 



196 



ober ber Segcbcnl^cit (3)lr)Ü)M), unter ber Qanb- 
lung bie 2lrt ber ßompofition ju üerftel^en. 

3)ie ^ragöbie, l^atte 3lriftoteleö geleiert, foH in 
nn§aKitleib unbg^iird^t jugleiti^ erregen unb läutern: 
in biefen beibcn uerbunbenen unb geläuterten äf^ 
fecten liegt bie trogifd^e Sffiirfung. ©egenftanb 
unfereö SUlitleibö ift baö unt)erbiente Seiben eine« 
anbern, ©egenftanb ber gurd^t finb wir f elbfl ; xoxx 
bemitleiben an anberen, raaö xoxx für nn^ f elbfl 
fürd^ten. SBenn joir von bem fieiben eineö anbern 
fo tief ergriffen unb erfd^üttert werben, bafe toir 
ganj in feiner ©eele empfinben, und ganj in feine 
Sage oerfefeen, fo- tritt uns baö frembe Seiben fo 
nal^, ba§ wir eß füri^ten, 35al^er ift baß lebl^afte, 
erfd^ütternbe 9KitIeib nie ol^ne gurd^t. 3Birb baö 
3Ritleib ol^ne gurd^t empfunben, fo ifl eö bie ge^ 
laffene, bequeme, gemütl^lid^e ©pmpatl^ie, eine 
menfd^enfreunbttd^e ©mpfinbung, wobei man f elbfl 
in l^eiler ^aut bleibt unb bie Sebenöjuftönbe an^ 
berer l^erjUd^, aber rul^ig bebauert. ®in fold^eö 
5Kitleib ift nx(S)t tragifd^, fonbem gemad^lid^; bie 
Dbjecte beffelben finb nid^t ©d^idffale, fonbem Un- 



197 



fättc, nid^t tragifd^c, in ben mcnfd^ttiä^cn ©l^arafteren 
begrünbctc SRotl^rocnbigfeitcn, fonbem 3Walf)eur aller 
Slrt, wie cö bic tnenfd^Ud^cn Sebcnöjuftänbc taufenb- 
fad^ mit fid^ bringen, ^ragifd^ ift nur baä er^ 
fd^ütternbe 3Witleib, ba§ aWitleib mit bem Jjngrebiend 
ber gurd^t. ®s ift baffelbe, ob ntir fagen: „3ilxU 
leib unb gurd^t" ober: „erfd^ütternbeö, überroälti^ 
genbeö aWitleib", biefeä aßein ift ber tragifd^e 
Slffect: biejienige SBirfung, bie nur eine malere 
2^ragöbie l^erooriubringen oermag. 3Ran mirb von 
ber Sefd^affenl^eit ber SBirfung auf bie ber Urfad^e 
fd^Iiefeen bürfen. ©ollen mir bas SKitleib auf baö 
Sebl^aftefte empfinben, fo muffen mir baö frembe 
ßeiben ate ein gegenmärtigeö anfd^auen, ed barf 
unö nid^t blod erjäl^lt, fonbem miff bramatifd^ 
bargeftellt merben. Sefeen mir, ba§ frembe ßeiben 
fei oöHig oerbient ate bie geredete ©träfe ber Soö^ 
l^eit, fo ift nid^tö, maß mir bemitleiben, nod^ meniger 
fürd^ten fönnten: barum ift ber blo^e Söfemid^t 
feine tragifd^e 5ßerfon. ©efcen mir, ba§ frembe 
Seiben fei oöllig grunbloß, burd^ gar nid^tö vex^ 
fd^ulbet ober oon ©eiten ber leibenben 5perfon 
t)erurfad^t, fo ift nid^tö, maö mir ate unfer eigene* 
©d^idEfal empfinben unb fürd^ten fönnten, fo ift 



198 



unfcr anitleib blod 3ammer unb baß ßciben t)or 
unferen 3lugcn nid^t tragifd^, fonbcrn gräfeUd^: 
barum mad^t bic DöBige unb reine Unfd^ulb nie 
einen ßl^arafter oon tragifd^er SBitfung. Um bie 
lefetere l^erporjufcringen , wirb bie Slufgabe ber 
roal^ren S^ragöbie barin beftel^en muffen, ba§ fie 
leibenSüoHe ©d^idffale barfteHt, bie nid^t t)erbient, 
tt)ol^I aber t)erfd^ulbet jtnb. 2)en ©inn biefer %ox^ 
berung ju erläutern, fagt Seffing in einem ber 
md^tigften ©äfee feiner Dramaturgie : „®in 9Renfd^ 
lann fel^r gut fein« unb bod^ nod^ mel^r ate eine 
@d^n)ad^l^eit l^aben, mel^r ate einen ^el^ler begel^ett, 
voohnvä) er fid^ in unabfel^Iid^ed Ungläd( ftfirst, bad 
und mit 3KitIeib unb SBel^mutl^ erfüllt, ol^ne im 
geringften grä^Iid^ ju fein, meil eä bie natura 
lid^e 3^oIge feines gel^terö ift." 

5Bon biefem ©cfid^tspunft au§, ber von ber 
tragifd^en Äunft bie SBirfung beö tragifd^en WliU 
leibö forbert, prüft ber SBerfaffer ber 35ramaturgie 
bie Sül^ne ber ©egenroart. „SBir Deutfd^e be^ 
lennen ed treul^erjig genug, ba^ mir nod^ lein 
21^eater l^aben. SBaö oiele von unfern Äunfkid^tern, 
bie in biefeö Sefenntnife mit einftimmen unb grofee 
aSerel^rer beä franjöpfd^en 2^eaterö finb, babei 



J99 



bcnfen: bas fann Id^ fo eigentttd^ nid^t roiffen. 
9(6er xäf tDeig tool^l^ toad id^ babei benle. ^^ 
bcnf e nämlid^ babei : ba§ nid^t affeln mr SJcutfd^c, 
tonbcrn bafe aud^ bie, rod^t fid^ feit l^unbert Salären 
ein 21^catcr ju l^abcn rül^men, ja baö bcfte Sweater 
von ganj @uropa ju l^abcn pral^Icn, — bafe aud^ 
bic ^ranjofcn nod^ fein Sil^eater l^aben. Äein tra^ 
gifd^eö geioife nid^t! S)enn aud^ bie Ginbrüdfe, 
toetd^e bie franiöfifd^e Si^ragöbie tnad^t, finb fo f(ad^, 
fo falt!" ,,3d^ fenne t)erfd^iebene franjöfifd^e ©tüdfe, 
toeld^e bie unglüff Ud^en folgen irgenb einer ßeiben* 
fd^aft red^t rool^I ins ßid^t feften, ans benen man 
Diele gnte Seilten, biefe Seibenfd^aft betteffenb, 
jiel^en fann: aber id^ fenne feineö, toeld^eö mein 
2RitIeib in bem ®rab erregte, in roeld^em bie 
2^ragöbie ed erregen follte, in roeld^em id^ aus oers 
fd^iebenen gried^ifd^en unb englifd^en ©tüdten geroig 
n>eiJ3, bafe fie es erregen fann. 83erfd^iebene fran^ 
jöpfd^e Si^ragöbien finb fel^r feine, fel^r unterrid^tenbe 
SBerfe, — nur baß es feine S^ragöbien finb. ®ie 
aSerfaffer berfelben fonnten nid^t anbers als fel^r 
gute Äöpfe fein, fie oerbienen jum Sll^eil unter ben 
2)id^tem feinen geringen SWang, nur ba§ fie feine 
tragifd^e ©id^ter finb, nur ba§ il^r ßomeille unb 



200 



Siacine^ il^r SrebiEon unb äJoltaire üon bem xomxQ 
ober gar nid^td l^aben^ toag bert @opl^o{Ied jutn 
©opl^ofted^ ben @uripibeö jum @uripibed^ ben 
©l^alefpcare jum ©l^alefpcare mad^t." 

2. Ser truölfi^t Jtoff* 

Sffioburd^ n)irb baö tragifd^e 2RitIeib erregt? 
6ö l^anbelt fid^ in ber Säeantroortung biefer grage 
junäd^ft um ben ©toff ober Snl^alt ber trcgifd^en 
Segebenl^eit : um bie %aitl beö ©tüdfö. Sefjtng, 
in Uebereinftimmung mit SBtriftoteleö, legt auf biefen 
^punft großes ©eroid^t. ,,a5enn bie %aUl ift es, 
bie ben S)id^ter oornel^mUd^ jum ©id^ter mad^t: 
©itten, ©efinnungen, Slußbrudf werben jel^nen ge^ 
ratl^en gegen einen, ber in jener untabell^aft unb 
t)ortreffUd^ ifi." 

SBenn ber geinb burd^ ben %dnh leibet, feigen 
wir eine Segebenl^eit oor unö, bie fo fel^r im ge« 
roöl^nlid^en ®auge ber 3)inge liegt, ba^ fie unfer 
SIKitleib in weit geringerem @rabe l^ert)orruft, als 
wenn ber tragifd^e SSorgang pifd&en greunben, 
©atten, SJerroanbten ftattfinbet, wenn baö ©d^idffal 
ben 83ruber roiber ben S3ruber, bie ©attin miber 
ben ©atten, ben SBater wiber ben ©ol^n, ben ©ol^n 



201 



lüibcr bic SWuttcr, bic SRutter toiber bic Äinbcr 
treibt: Slgamemnon, bcr bic 2^od^ter opfert, ÄI95 
tämneftra,. bie bcn (Satten erf dalägt, Drefteö, ber 
bie SWutter tobtet, SWebea, bie i^re Äinber ermorbet! 
SRtd^tö ift tragifd^er afe ein ©toff biefer ärt. 5Dod^ 
finb in einem fold^en 2^l^ema nod^ g^wiffe untere 
fd^eibenbe SRöglid^feiten entl^alten, bie 9(riftoteIei^ 
in feiner 5ßoetif forgfältig auöeinanbergefefet unb in 
ber (Gattung ber tragifd^en g^abel gteid^fam ald bie 
artbilbenben Unterfd^iebe betrad^tet l^at. @d ift für 
uns t)on l^o^em 3ntßteffe, in biefer Unterfud^ung 
ben ©puren fieffingä jn folgen. 3ene tragif(^e 
Öanblung, bie furd^terregenbes 3Ritleib l^eroorruft, 
!ann roiffentUd^ ober unmiffentlid^ gefd^elien; fie 
fann in beiben gäßen gefd^el^en foHen, aber burd^ 
eine günftige SBenbung ber 3)inge unterbleiben. 
SBiffentlid^ oottfül^rt Drefteö ben SWuttermorb, un- 
wiffentlid^ fott Sfpl^igenie ben Drefieö tobten unb 
erfennt no(^ ju red^ter ^dt in bem gefangenen, jum 
Dpfer beftintmten 3nann il^ren Sruber. ißier wirb 
ber Umfd^Iag burd^ eine ©rfennung bewirft, bie 
jugleid^ eine Ueberrafd^ung in fid^ fd^Ue^t. Sßoltaire 
l&atte in feiner 3Rerope eine äl^nüd^e Ueberrafd^ung 
fo eingerid^tet , bafe fie nid^t bloö ber ^elbin bei^ 



202 



Stüdd^ fonbern aud^ bem publicum }ugebad^t xoax. 
5Wun finben totr, ba§ ßcffing ald bie befte unb An^ 
fad^ftc 3lrt bcr tragifd^en fabeln eine folij^e tragifd^c 
Scgebcnl^ett anfielet, bie jmfd^cn ^perfonen gcfc^iel^t, 
xodä)e elnanbcr btc näd^ften auf bcr SBcIt finb, 
eine fold^e SRitleib unb %m(S)t erregenbe ^at, bie 
nid^t blod beab jid^tigt , fonbern üoffenbet wirb, 
njiffentlid^ unb ol^ne jebe fftnftlid^e Sßerroidlung, 
womit ber 3ufd^<i«ß^ überrafd^t werben foll. „SDaö 
armfettge SSergnügen einer Ueberrafd^ung !" ruft er 
gegen SJoItaire aus. „SBeit gefcl^ft, bajs id^ mit 
ben meiflen, bie von bcr bramatifd^cn ©id^tfunfl 
gcfd^rieben l^aben, glauben follte, man muffe bie 
©ntmidlung bem 3«f<ä&ttuer perbergen. 3# badete 
oielmcl^r, eä foIItc meine Ärafte nid^t übers 
fteigen, toenn id^ mir ein SBcrf ju mad^en 
oorfefetc, voo bie (SntwidEIung glcid^ in ben 
erflen ©cencn ocrratl^cn würbe unb aud 
biefem Umftanbe felbft baä allcrftärffle 3ns 

. tereffe entfpränge. %üv ben 3uf<ä^öwc^ wu§ 

\ alles flar fein." 

ßeffing war mit ber tl^eatralifd^en Umgeftaltung 
ber ßmilia Oalotti befd^aftigt, afe er biefe SlBorte 
fd^rieb. ^ier ift bie bejle unb einfad^fte 3lrt ber 



203 



tragifd^en gabel: ün aSatcr, bcr feine 3;o<ä^tcr 
tobtet, eine 3;o(3^ter, bie ben Xoh x>on ber ^anb 
be§ SSaterä erflel^t; bie Xf)at gefd^iel^t Toiffentlid^, 
fte Toirb t)om SBater PoHbrad^t, um bie S^od^ter ju 
retten, pe n)irb von biefer geforbert als bie Qx^ 
füttung einer oäterlid^en 5ßfli(ä^t; l^ier ift jebe 3lrt 
erfünflelter Ueberrafd^ung auögefd^Ioffen unb alleö 
gleid^ in ben erften ©cenen !Iar, fo Har, ba§ bie 
folgenbe ©ntroidflung Dorauögefel^en unb jugleid^ 
mit ber größten Spannung enoartet n)irb. 2Ran 
loirb TOol^I nid^t jroeifeln woHen, ba§ Sejfing feine 
©milia ©alotti im ©inn l^otte, afe er mit ben eben 
angefül^rten SBorten in feiner SJramaturgie öffentlid^ 
aufifprad^: er bürfe [\ä) jutrauen, ein 2Ber! genau 
biefer 2lrt ju fd^affen. 

2)ie ©ntmidflung foll bem 3«f<ä&ftuer üoHIommen 
Har fein, atteö feinen natürlid^en unb notl^roenbigen 
®ang gelten, um bie mal^rl^aft tragifd^e SBirfung 
ju erreid^en. 3)amit ift gefagt, mie bie tragifd^e 
fianblung t)erlaufen unb von bem ©id^ter bar- 
geftettt merben foff. 35a§ ©efefe, meld^ed bie Gom^ 
poRtion einer S^ragöbie ju erfüllen l^at, läfet fid^ 



204 



nid^t clnfad^cr befttmmen. ißören wir Sef fing« eigene 
©rllärung, bie gegen ßorneille unb beffen Dermeint:: 
Hij^eö aWeiftenoerl Slobogune gerid^tet ift, benn in 
biefem ©tüdf fanb fid^ in ber naturroibrigcn unb 
erlünftelten 3Sern)idflung ber 2)inge bad 3leu§erfie 
geleiftet. ,,35er natürlid^e ®ang reijet baö i@enie, 
unb ben ©tümper fd^redft er ab, 35aö ®enie fönnen 
nur Segebenl^eiten befd^äftigen, bie in einanber ge^ 
grünbet finb, nur Äetten t)on Urf ad^en unb SBirfungen. 
S)iefe auf jene iurüdfjufül^ren, jene gegen 
biefe ab}un)ägen^ überall bas Ungefal^r an%^ 
jufd^liefeen, alles, waö gefd^iel^t, fo gefd^el^en 
ju laffen, ba§ e§ nid^t anberö gefd^el^en 
fönnen: baö, baö ift feine ©ad^e." „S)aö 
©enie liebt Einfalt, ber 2Bife SBerroidElung." 
§ier ift ba§ ©efefe ber ^^ragöbie, e§ ift bad 
SRaturgefefe felbfi: bie ©d^idffale f offen bie not^« 
wenbigen fjolgen ber iQanblungen fein, biefe bie 
notl^menbigen fjolgen ber Seibenf d^aften , biefe bie 
notl^roenbigen f^^lgen ber ßl^araftere. ©ne fold^e 
eiserne unb einleud^tenbe ^lotl^menbigleit gel^t burd^ 
ben ®ang einer tragifd^en ißönblung. „S)ie ftrengfte 
SRegelmäfeigfeit", fagt Seffing, „fann ben fleinften 
3^el^ler in ben Sl^arafteren nid^t aufroiegen." 



205 



®te großen unb einfa<j^cn SRegcIn, bie Scffing 
fo eben Wtifd^ erleud^tet l^at, folltcn in ber ©milia 
©alotti erfüllt werben, in ber firengflen fjorm, auf 
eyemplarifiä^e Slrt ; fie mußten ed, ober bie SJrama^ 
turgie entl^ielt tl^atlofe Sffiorte unb leere SBer^ 
fpred^ungen. ^at ßeffing biefe @efe|e ber S^ragöbie 
in feinem eigenen SBerle nid^t erfüllt, fo war er 
fein ^Reformator unb fein äWeifter, fonbern ein 
©tümper unb 5ßra]^ler, ber nid^t ju leiften oer^ 
moiä^te, mad er ju leiften geforbert unb fid^ an= 
l^eifd^ig gemad^t l^atte. 9lun l^ören wir nod^ l^eute 
mand^erlei Stimmen, bie Seffing als ben ^Reformator 
ber beutfd^en Literatur jmar außerorbentlid^ rül^men 
unb loben, baneben aber feine ©milia ©alotti fo 
beurtl^eilen, baß uns ber gepriefene 3Jlann afe ein 
©tümper unb ^Pral^ler erfd^einen müßte, romn biefe 
Äritifer Siedet l^ätten. 3d^ mitt aber lieber glauben, 
baß ein S)ufeenb Äritifer nid^t roiffen, waß fie fagen, 
afe baß Seffing in ber Gmilia ©alotti nid^t mußte, 
maö er tl^at, ober nid^t ausjufül^ren oerftanb, mad 
er in feiner 2)ramaturgie als ©efefe ber S^ragöbie 
auf bad Älarfte erfannt l^atte. 

@r l^atte geforbert: baß in ber tragifd^en 18er= 
fettung ber SBegebenl^eiten überall htx ^u^all ober 



206 



bad bloge Ungefäl^r auögefd^Ioffcn fein unb aHcS 
fo gefd^el^en fotte, ba§ ed nid^t anberö gefd^el^cn 
fönnen, ba§ bic ^anblungen unb ©d^irffale oöttig 
in bctt Scibenf(%aftctt unb ßl^araftcren begrünbet 
fein muffen. SBäre nun bie ®mttta ©alotti ein 
Sntriguenftöd, wie melfad^ ju lefen fielet, fo 
toäre fie baö ©egentl^eü von bem, roaö pe nad^ fieffing 
fein fott. 

@r l^atte geforbert, baß atteö tragifd^e fieiben 
burd^ bie ß^araftcre ntotimrt fein muffe , barum 
nid^t unuerfd^ulbet fein bürfe. ®ö ift unücrbient: 
ba^er baö aJlitleib; aber nid^t unt)etfd^ulbet: 
ballet baö fürd^terrcgenbe 9Kitleib. SRad^brüdfUd^ 
n)ieberl^olt Seffing ben 2lu§fprud& beö Slriftoteleä : 
,;aRan muß leinen ganj guten 9Jiann ol^ne att fein 
aSerfd^ulben in ber S^ragöbie unglüdEHd^ werben 
laffen, benn fo toaä fei gräßlid^." SBenn nun bad 
@nbe ber ©milia ©alotti, toie melfad^ }u lefen fielet, 
üöHig unt)erfd^ulbet wäre unb l^ier julefet wirftid^ 
bad pure Safter über bie pure Unfd^ulb triumpl^irte, 
fo würbe Seffing in feiner ©id^tung baö ©räßttc^e 
mit bem J^ragifd^en t)ern)ed^fclt l^aben, wäl^renb er 
beibeö in feiner Dramaturgie fo genau unb fd&arf 
unterfd^ieben l^atte unb unterfd^ieben wiffen »oute. 



207 



Dbet er müjste fid^ ben 9ludfpru(i^ bed Sriftoteled 
fo ausgelegt I^a6en^ bag in einer S^ragöbie jroar ein 
gan} guter SRann nid^t unglüdlid^ n)erben bfirfe^ 
iDoi^l aber eine gan; gute f^rau! 

IV. 

®ie römifd^e SSirginia ftirbt unfd^ulbig, fie wirb 
geopfert, ein Samm auf bem ältare beö Sßater* 
lanbed! @in fold^ed fd^ulblofed @nbe l^at Seffing 
grunbfdfelid^ von ber J^ragöbie auögefd^loffen : fd^on 
besl^alb fctnn ba§ SSorbilb ber @miUa @alotti nid^t 
bie römif(^e SBirginia unb il^r 2^^ema nid^t bie 
©efd^id^te ber lefeteren in moberner ©infleibung fein. 
SBir werben bcffer tl^un, Seffingd 2!ragöbie nad^ 
feiner S)ramaturgie ju beurtl^eilen, ald nad^ feinem 
Sriefe an ben fierjog x)on Sraunfd^roeig. 

^ie ^l^ot bed römifd^en $$irginiud wui^elt in 
altrömifd^en QdU unb 9ied^t§oerl^äItniffen. S)er 
©ecemmr begel^rt bie SBirginia unb befiel^U einem 
feiner Olimtm, bad 9led^t ber Seibeigenfd^aft gegen 
fle geltenb ju mad^en; fein SRid^terfprud^ befedftigt 
ben falfd^en SRed^tSanfprud^, bad aWäbi^en oerfättt 



208 



ber-rol[lcn ©ctoalt unb foH afe S3eute weggeffil^ 
locrbcn ; ba erbittet fid^ bcr Sßater eine te|te Untet^ 
rebung mit bcr 2^o(i^ter unb burd^bol^rt fte, um il^re 
@l^re unb ^^tcilieit ju retten, auf offenem 9Karft 
mit einem ©d^Iad^tmcffer. 2)aö Siedet bcö ^errn 
über bie ©claoin unb bcr oäterlid^cn ©eroalt über 
bie %o^tet finb bie SSorausfefeungen ju ber 2^^at 
beö SBirginiud; bie ganje ©runblage berfelben ift 
altrömifd^ unb läßt fid^ nid^t mobernifiren. 

©al^er mufe baö ^l^ema unb bewegenbe SRotio 
oon ®runb aus geänbert werben. 5Rid^t bie ©daoerei 
unb äußere ©eroalt l^aben bie 3Kenfd^en unferer 
2lrt unb ^üt ju fürd^ten, f onbem bie SfRad^t il^rer 
Seibenfc^aften unb beren innere ©eroalt. SJiefer 
JU entgelten, roitt ©milia ©olotti flerben. 3)er 2^ob 
oon bcr ^anb bed SBaterä erfpart il^r ben ©elbfi* 
morb. ®ineö il^rer legten SBorte erteud^tet baä 
2:^ema il;rer S^ragöbie : „©eroalt! ©eroalt! SBcr 
lann ber ©eroalt nid^t trofeen? SBaö ©eroalt 
l^eifet, ift nichts, Sßerfül^rung ift bie roal^re 
©eroalt/' 

5Diefe SBorte motioiren ba§ 6nbe unb muffen 
burd^ alle oorl^ergel^enben ^anblungcn, inöbefonbere 
burd^ ben ©l^arafter ber (Smilia felbft motioirt fein ; 



209 



pe enthalten ein pfpd^ologifd^eö ^Problem, bcn ^JSunft, 
ben man voo^ baä SRätl^fel unfercr ^^ragöbie ge^ 

■ 

nannt i^at. Um bic g^ragc rid^tig im ©inne Seffingd 
unb feiner 2)id^tung ju löfen, mujs man jenen oon 
g^uriä^t betoegten 3Borten bie t)oHfte 3ied^nung tragen, 
aber feinen 5Rebenroman erflnben, ber fie erflären 
foll, ate ob fie ba§ Sefenntnife unb ben SBetöeiö 
einer gel^eimen Seibenfd^aft entl^ielten, bie Smilia 
Oalotti für ben ^rinjen empfinbe. 3Rit einer 
f öligen Slnffaffung läuft man Oefal^r, in ben fo^ 
genannten circulus vitiosus ju geratl^en: erft fefet 
man bie Siebe jum ^rinjen t)orau§, um jenen Slud^ 
fprud^ ©miliaö ju erWftren, unb nimmt bann bie« 
felben SSBorte afe 3^it9"i§r wm il^re ßiebe jum 
5ßrinjen ju beroeif en ! 3taä) SRiemerö 3Rittl^eiIungen 
fd^eint ©oetl^e ber ©rfte getoefen ju fein, ber in 
einer fold^en tjerborgenen Seibenfd^aft ®miliaö bas 
^auptmotit) il^reö freimiHigen 2^obeö ju entbeden 
geglaubt unb e§ gerabeju als ben Orunbfei^ler 
unferer S^ragöbie bejeiij^net l^at, bafe biefe Siebe 
nirgenbö au§gefpro(|en fei. Seffing fonnte niiä^t 
auöfpred^en ober auäfpred^en laffen, maö nid^t 
empfunben mar ! Offenbar l^at ©oetl^e jene Slnfid^t 
erft fpäter gemonncn, unb eö ift mir imm^r 

Auno Oft f 4 et, (S. (S. Seffing. I. 14 



210 



d^araftcriftifd^ erfd^icncn, ba§ er fic einer 3^t 8^- 
äußert l^at, bie t)on ber SMd^tung ber SSBal^foers 
iDanbtfd^aften l^erlam. äBas aber jene aOeiti ju 
fürd^tenbe „toal^re ©eroalt ber SBerfül^rung" int 
©inne ber @ntiUa bebeutet: biefe grage foll und 
ßeffingö S^ragöbie felbft beantworten, nid^t bur(| 
bad, xoa^ fte t)erfd^n)iegen, fonbern roa& fte gefagt 
unb in bem Gl^arafter il^rer iö^lbin felbft unt)erfennbar 
bargeftellt l^at. 2)od^ vor atten muffen wir bie 
gabel beö ©tädö unb beren Qü^t aufmerlfam be* 
trad^ten, benn in biefer ©rfinbung beö S)id&terß liegt 
ber Aern feiner 9lufgabe un6 aud^ ber ©d^lüffel 
jum aSerftänbni^ feines SBerfed. 

V. 

3n ber länbUd^en ßinfamleit unb ©tiHe beiJ 
Däterlid^en Kaufes aufgewad^fen, in ber erften, 
frtil^en unb ehm erfd^Ioffenen SBlütl^e jungfräulid^er 
unb l^errlid^er ©d^önl^eit, lebt ©milia ©alotti feit 
Äußern in ber Keinen fürftlid^en SWefibenj ©uaftalla, 
rot) nad^ bem SBunfd^e unb unter ben Slugen ber 
SButter il^re @rjiel^ung t)oIIenbet werben foH. S)er 



211 



Dbcrft Dboarbo, il)t'' SSatcr, ift auf feinem Sanb^^ 
gute bei ©abionetta jutüdgeblieben , weil er bie 
länblii^e äbgefd^iebenl^eit Hebt, bem &tbm in bet 
SRefibenj abgeneigt ift unb am ^ofe nid^t ju ben 
angenel^men 5ßerfonen gel^ört, ba er fid^ ben Stm 
fprüd^en beö gürften auf ©abionetta mberfefet l^atte. 
Ungern läfet er bie ©einigen nad^ ©uaftaHa gelten, 
benn bie ftäbtifd^en ©rjiej^ungöfünfte flnb nid^t nad^ 
feinem ©inn, unb bie ©itten beö ^ofeö nod^ xotf 
niger. Unter feiner 6anb ifi bie 2^0($ter, fein eins^ 
jigeö järtttd^ geliebtes Äinb, aufgeblinkt, einfad^ unb 
fromm erjogen, ein fünftiges Sbeal roeibltd^er unb 
puölid^er S^ugenb. SBorbilb unb SBort beö lieber 
poffen unb ftrengen SBaterö l^aben fid^ ber ©eele 
be§ jungen 9Käbd^enö tief eingeprägt unb il^r mit 
bem ©inn für ein reines unb frommes 2ebm jus 
gleid^ eine geroiffe unoertilgbare ©d^eu vox ber 
SBJelt unb il^ren Serül^rungen eingeflößt. 

S)ie @rlebniffe in ber SRefibenj nel^men eine ben 
öäterli^en SBünfd^en unt)er]^offt günftige 9Benbung. 
S)ie grauen l^aben l^ier ben ©rafen Slppiani 
lennen gelernt, einen jungen, reid^en unb fd^önen 
3Rann von ebelfter fierhmft unb ©efinnung, t)on 
unabl^angiger SJenlart unb SebenSftettung, ber pd^ 



212 



bem iQofe von ©uaflaQa in ber 3l6{x<$t genäl^ert 
l^at, üorübcrgci^cnb in bic S)icnfte bcö ^ßrinjcn 
fiettorc ©onjaga ju treten. @r l^egt biefe %U 
fici^t nid^t ntel^r. ©eitbem er ®mtHa ©dotti ge- 
feigen unb bie l^erjüd^e S^tteigung il^rer ßltcm wie 
bie il^rige gewonnen l^at, ift fein ©(^idfal ent^ 
fd^ieben. Seibe jtnb in ber (Stille t)erlobt. ©d^on 
ift ber ^od^jeitßtag, ber 3fppianiö l^ei^efie SBünfd^e 
erfütten fott, gelommen, unb nod^ an bemfel6en 
S^age werben bie 9ieut)ermäl^lten auf bie ©üter be« 
@rafen nad^ ^piemont reifen. Äein ©d^roiegerfol^n 
fonnte bem Dberft Dboarbo njifffommener fein, afe 
biefer il^m fo gleid^geftimmte Slppiani. „Äaum fann 
id^'s enoarten/' fagt er ju feiner @aiün, „biefen 
toürbigen jungen 3Kann meinen ©ol^n ju nennen. 
2lIIe§ entjüdft mid^ an il^m. Unb Dor allem ber 
©ntfd^lufe, in feinen oäterlid^en S^l^älern fid^ fel6fi 
ju leben." 9lm 3Worgen beö erfel^nten ^ageö über= 
fättt ben ©rafen eine trübe ©timmung: ift eö bie 
33angigfeit, bie fld^ in baß SBorgefül^l bed l^öd^ften 
©lüdEeö mifd^t, ober eine SSl^nung beö furd^tbaren 
©d^idffals, baö il^n erwartet? 9lad^ bem ©inbrudt 
}u urtl^eilen, ben nn^ feine ©rfd^einung mad^t, ge« 
l^ört biefer 2lppiani ju ben innigen, aber gebrüdften 



213 



unb fd^toermütl^igen SRaturen, bcncn bie Sctd^tlebig^ 
feit ücrfagt ift: n^t bad gcuer ber (gtnpfinbung, 
iDol^l aber bie SWittl^eilung biefeö geucrö. 

3)ie ^auen leben in ber ©tabt [tili unb ju< 
tÄdfgejogen, toie Dboarbo eö gewollt l^at, fie finb 
ben ^offreifen fern geblieben unb l^aben nur ein 
einjigeS 3Ral nid^t Dermeiben fönnen, bei einer 
l^öftfd^en ©oiree in bem pra(^tliebenben igaufe beö 
Aanjlerd ©rimalbi }u erfd^einen. ^ier fielet (Smilia 
jum erften SWal bie große unb glängenbe SBelt. 
S)er regierenbe gürft felbft ift jugegen unb wirb 
von bem älnblid ©ntiliad auf bad fieibenfd^aftlid^fte 
gerül^rt unb burd^ bie SRatürlii^Jeit il^rer Untere 
l^altung bejaubert. 3Kit ber geinl^eit unb Slnntutl^ 
fürftlid^en 33enel^mend wibmet er il^r feine ^ulbi^ 
gungen unb fprid^t gegen anbere entjüdt Don il^rer 
©(^önl^eit unb ü^rem Seift. ®er ©inbrud biefer 
SBelt unb biefeö 3Wanned ift für bie SCoc|ter Dboar^ 
boö fo neu unb ungetoöl^nlid^, als ber ®inbrud 
il^rer ©rfd^einung für ben ^rinjen. ©eit biefem 
älugenblidf ift feine ©eele nur r>on ifycem Silbe er^ 
füllt unb fo bewältigt, ba§ feine Siebe für bie 
©räfin Drfina erlifd^t, eine ftolje ©d^önl^eit, bie 
mit ii^rer feurigen Seibenfd^aft ben ^prinjen gefef^ 



214 



feit l^at, mit il^rem überlegenen ®eift il^n unb ben 
Sof bel^errfd^t, bie fiofcreaturen oerad^tet. SBaö 
bem 5ßrinjen biöl^er nie begegnet ift, bafe er fid^ in 
eine Seibenfd^aft vertieft, f)at in i^m ber ©im 
bru(f ®milia ©alottiö bewirft; i^r S3ilb ift in fei- 
nem ^erjen ,,mit anberen ^axbm unb auf einem 
anberen (Srunbe gemalt", als baö ber Drfina, 
„%i^ id^ bort liebte, mar id^ immer fo leidet, fo 
frö^lid^, fo auögelaffen — nun bin id^ oon allem 
baö ©egentl^eil. ®od^ bel^aglid^er ober nid^t be* 
laglid^er: id^ bin fo beffer!" S)"iefed ©effi^l 
einer tiefen, il^m unbekannten ©rregung mad^t, 
ba§ ber ^rinj feine Seibenfd^aft in fid^ oerfd^liefet, 
unb l^ält il^n jurüdf, feinem oertrauteften ©iener, 
bem Äammerl^errn 3Karinelli, biefem ^^ed^nüer 
unb Ingenieur in ber Äunft, fürftlid^e 5ßaffionen 
ju befriebigen, ein SBBort oon feiner ßiebe ju fagen. 
6r l^ätte eö mie eine ®ntn)ei^ung empfunben. 

Unb oon biefem 3Rarinelli mufe ber ^rinj in 
einem 2lugenblidfe, too il^n bie innere Seibenfd^aft 
oerjel^rt, afe trodfene ^ageöneuigfeit erfal^ren: bafe 
®raf 2lppiani mit ©milia ©alotti oerlobt ift, bajs 
bie SBermäl^lung nod^ l^eute ftottfinben unb ®milia 
als ©räfin 3lppiani nod^ l^eute SRefibenj unb ©egenb 



215 



für immer perlaffen wirb. 6r fott fic nie lieber:? 
feigen! SBlinblingö wirft er fid^ jefet feinem 3)iener 
in bie Slrme unb genel^migt im DorauS, unbefüm^ 
ntert um 3lrt unb aWittel ber 3Iuäfül^rung, aUed, 
maö aJlarinetti tl^un wirb, um bie ^eiratl^ "ju tjer^ 
i^inbern. SDer ©raf Slppiani fott afe Oefanbter bed 
^ßrinjen in Slngelegenl^eiten feiner fürftlid^en SBer^ 
wäl^lung fofort m^ aJiaffa=6arrara gefd^icft werben 
unb ber ^ßrinj fogleic^ naä) feinem Suftfd^Io^ 
^ofalo fal^ren. "^enn 3KarineHi weijs, bafe bie 
S^rauung auf bem oäterttd^en Sanbgute ftattfinbejt 
fott, ba§ bort Dboarbo bie SBerlobten erwartet, bie 
fid^ mit ber 9Äutter um bie SWittagSftunbe nad^ 
jenem fianbgute begeben werben, wol^in ber SBeg 
an bem ßuftfd^Iog be§ ^rinjen t)orbeifül^rt. SBeiter 
erfäl^rt ber 5ßrinj ni(j^t§, fonbern lä^t feinem Xe^^ 
nifer freie ^anb. aSon biefem Slugenblitf an ift er 
unb feine Seibenfd^aft bie Seute 3Jlarineffi§. 

35iefer l^at im ©el^eimen feinen 5pian fertig. 
9Benn 3l|)piani bie Sotfiä^aft annimmt, ift baö ^er:^ 
rain frei; wenn er fie auöf dalägt, mujs er aus bem 
5Bege geräumt werben. Sanbiten fotten ben öod^= 
jeitdwagen bei 35ofaIo Überfatten unb ben ©rafen 
tobten, bann werben bie SDiener aWarinettiä wie jum 



216 



<Sd^u^ l^etbcteilen unb 5IJluttcr unb Xodi)ttt unter 
bem ©d^einc bcr 3lcttung in baß ßuftfd^lojj be« 
^rinjen flü(j^ten. ^ie 99anbiten finb imoxhen, no<$ 
htoox Slppiani ben Shiftrag bcd ^ßrinjen butii^ aMari« 
ncHi crfäl^tt. 3)icfcr, nne es bei feiner 3)cnfatt nid^t 
anberö fein fann, ift einem unabl^ängigen (Sl^arafter, 
toxt @raf Slppiani, feinblid^ gefinnt unb freut fi(j^, 
il^n }u Dernid^ten. S)od^ ntug bie Untl^at ben @d^ein 
l^aben^ bag fie unmögUd^ von il^m audgel^en {onnte. 
@r wirb ben ioanbel mit Slppiani fo filieren, bajl 
her ^rinj glauben foH, SWarineHi l^abe für il^n ble 
größte Sluf Opferung beroiefen, benn fid^ bem regie« 
renben ^erm unentbel^rüd& ju mad^en, ift fein 
alleiniger 3^^^- ätppiani fd^Iägt, wie ju erwarten 
fianb, bie ©efanbtfd^aft aM, fobalb er l^ört, er foffe 
auf ber ©teile nad^ SWaffa abreifen; jefet reijt il^n 
aßarineHi mit l^ämifd^en unb geringfd^äfeenben SSe^ 
merfungen gegen bie bürgerlid^e g^amilie ®aIotti 
unb ruft eine töbtUd^e Seleibigung von ©eiten 
Slppianiö l^eruor, bie er mit einer g^orberung er^ 
nribert. S)o(^ lautet er fid& xvo^ t)or bem Äampf, 
ben fofort auöjufed^ten ber empörte Slppiani xjer« 
langt. 6r l^at nun ein boppefteä unb breifad^eö 
Sntereffe, ba§ ber ®raf ermorbet unb auf ber 



217 



@teBe ntunbtobt gentad^t tDerbe; jugteid^ l^at et 
einen SBotroanb, nne fabenfd^einig er immer i% 
nnber ben aSerbad^t, ba§ er ben 3Worb »eranlafet 
I^oben fönne. 

3)ad »ubenflUdE mrb auggefill^rt. äippiani fäOt 
von ber Augel beö Sanbiten^ aber er l^at nod^ 
3ett, in ©egenwart ber SWutter ben 3lamen aWari^ 
neffi mit einem S^one anöjurufen, ber beutlid^ t^er^ 
filnbet: ,,biefer ift mein 3Körber!" 3)en »etbad^t 
bed leid^tgläubigen ^rinjen lann SRarineQi fogleid^ 
nieberfd^Iagen unb beffen brol^enbe 3Kiene in eine 
befd^ämte unb banfbare Derroanbcln. 6r fpielt ben 
d^rlid^en ®egner, ber einen SRebenbul^Ier bed ^Prin^ 
jen im offenen B^eifampf auö bem SBege fd^affen 
moQte. 9Bie l^ätte er ben ^ob 9(ppianid n)ünfd^en 
ober gür oeranlaffen lönnen: eined SRonned^ mit 
bem er einen Sl^renl^anbel audlämpfen foüte; er 
l^atte ii^n ja geforbert, um feinem ^exxn ju bienen! 
a)er aWutter gegenüber, bie baö lefete SBort be« 
flcrbenben ©rafen gel^ört f)at, fud^t er bie entgegen* 
gefegte 9toIIe ju fpielen unb magt gegen il^re nid^t 
gu erfd^ütternbe Ueberjeugung bie fred^e unb oer« 
geblid^e Slufiflud^t: ,,id^ mar fein oertrautefter greunbl 
älppiani moDte mit feinem legten SBorte mid^ unb 



218 



meine SRad^e anrufen!" aber bafe ber @raf biefeö 
SBort noö) fpred^en lonnte, war wiber bie Slbrebe. 
35er teufUfi^^e 5ßlan 3Rarinetti« ifl, fo fd^eint 
ed^ gelungen: 3[pptani ift aud bem äBege geräumt^ 
©milia ©alotti unter bem ©d^ein ber 9lettung enU 
fül^rt unb in bie ^anb beö ^ßrinjen geliefert. SoDler 
©d^merj unb SSerjweiflung folgt i^r bie SDlutter. 
SKber l^ier auf bem Suflfd^lo^ ^ofalo mirb aKed 
burd^fd^aut. @d ift nod^ etniad n)iber bie Slbrebe 
gefd^el^en, bie 3Warinetti mit bem ^rinjen getroffen: 
biefer foßte fogleid^ nad^ ©ofalo fal^ren unb l^at 
eö nid^t getl^an, fonbem, von Seibenfd^aft getrieben 
unb von bem SBunfd^e, felbft etroaö auöjurid^ten 
unb fid^ nid^t auf SKarinetti allein ju Derlaffen, ifl 
er gleid^ nad^ bem ©efpräd^ mit bem lefeteren in 
bie S)omini!anerftrd^e geeilt, mo, wie er meife, bie 
fromme ©milia jeben 3Jlorgen bie SKeffe l^ört. 6r 
l^at fie getroffen unb mitten in il^rem ®ebet il^r 
bie feurigften fiiebeögeftänbniffe gemad^t; er ifi il^r 
nad^geeilt unb l^at in ber SSorl^aSe ber jtird^e feine 
Setl^eurungen mieberl^olt. Slngfiooll, wie t)on g^urien 
»erfolgt, ftürjt ®milia nad& ©aufe unb befennt afleö 
ber SRutter, bie fie berul^igt unb baju bringt, aud^ 
gegen Slppiani ju rerfd^roeigen, maß fie an xf)ttm 



219 



^od^jeitsmorgen erlebt l^at. Slber bie SRutter roei^ 
eö, fie l^at ba§ lefete SBort beö fterbenben ®tafen 
gel^ört unb fenrtt feinen aJlörber. SBie fie jefet nad^ 
SJofalo fommt, fi(^ t)on 9Rttrinetti empfangen 
fielet nnb bie S^oii^ter im ©(^loffe be^ ^prinjen finbet, 
liegt baö ganje Subenftüd offen Dor il^ren Slugen. 
Unb eö ift nod^ gemanb, bem in S)ofalo bie 
Slugen aufgellen: bie ©räfin Drfina. ©eit einiger 
3elt fül^It fie fid^ Dom ^rinjen t)erlaffen unb nnt* 
tert fiä^on, bafe il^n eine anbere Seibenfd^aft feffelt; 
il^re Siebe ift größer als il^r ©tolj, il^re ©iferfud^t 
mäd^tiger afe bie Äraft ber ©ntfagung, fie will 
nid^t leben ol^ne bie Siebe be§ ^ßrinjen, er foU aud^ 
ni(^t leben : fie l^at für i^n ben 3)ol(^, für fid^ bad 
©ift beftimmt. .®ine lefete Unterrebung mit bem 
dürften foH il^r unb fein ©d^idfal entfd^eiben; beös 
l^ttlb fd^reibt fie il^m am SUlorgen jenes oerJ^ängnifes 
x)olIen 2^aged einige '^^tn unb bittet um eine un* 
geftörte 3ufctmmen!unft in 5Dofalo. Iber ber ^rinj, 
ganj Don feiner neuen Seibenfd^aft eingenommen, 
läfet baö SiHet ungclefen, benn er miH nid^t an bie 
©räfin erinnert fein. SBie biefe l^ört, ber ^rinj 
fei nad^ SJofalo gefal^ren, l^ält fie il^ren aOSunfd^ 
für erfüllt unb eilt il^m nad^. Unterbeffen l^at fie 



220 



burd^ il^re Jltinbfci^after bte SRorgenfcene in ber 
SWcffc crfttl^ren. 3n 3)ofato wirb fie nid^t Dorgc^ 
laffen: bcr 5ßtinj fei nid^t allein. 3)ie ®röfin l^at 
fd^on gel^ört^ ba^ älppiani burd^ 93anbiten erfd^offen 
TOOtben, aber fie n)ei§ nid^tö t)on feiner aSermäl^lung, 
nid^tö t)on ben naiveren Umftänben. 3efet erfäl^rt fte 
oon äRarineUi^ bajs 9(ppianid SBraut unb beten 
9Rutter fid^ junt ^rinjen geflüd^tet l^aben^ bag biefe 
Staut @miUa @alotti ifi. 3Rit einem Sd^tage ifl 
i^t atteö «at. ,,S)et «ßtinj ift ein aWötbet!" tuft 
fie SWatinetti mit lautet ©timme ju unb fagt itonifd^ 
unb leife, afe ob e§ ein ©el^eimnife füt il^n mäte: 
„^tx 5ßtin} ift bed ©tafen 3lppiani 2Rötbet, ben 
l^aben nid^t SRäubet, ben l^aben Jßelfetöldelfet beß 
^tinjen, ben l^at bet $tinj umgebtac^t!" 

2luf bie Äunbe bet Sanbitentl^at ifi Dboatbo 
l^etbeigeeilt^ et l^at nut bunHe @etüd^te gel^ött unb 
weife nid^tö Seftimmteß: Slppiani fei üetmunbet/ 
^tau unb ^od^tet l^ätten fid^ in bad ©d^lofe beö 
5ßtinjen geflüd^tet. a)ie ©täfln Dtfina Hätt ü^n 
auf : ,,S)et SStäutigam ift tobt, bie Staut ift f d^Iimmet 
ate tobt ! 5Run ba ; bud^ftabiren ©ie eö jufammen ! 
©es aJlotgeuÄ fptad^ bet ^tinj 3^te 2;od^tet in bet 
5Weffe, bes SRad^mittagö l^at et fie auf feinem Suft^ 



221 



fd^lo§!" ©iefcö ©(ä^Iofe ift nid&t ber Ort ber 
SRcttung, fonbem bic fiö^le bcö SRäubcrö, unb ber 
al^nungölofc Dboarbo fielet ba ol^nc SBaffcn. S)a 
gibt i^m Dtfina bcn ©old^, ber ju il^rer eigenen 
9lad^e beftimmt war! ©o gerüfiet bleibt er in 
3)ofaIo unb lä^t feine ^rau mit ber ®räftn nad^ 
©uaftaSa jurüdlel^ren. 

Dboarboö erfter 6ntfd^lu§ ifi, ben 5prinjen ju 
tobten, aber er bemeiftert fein Stad^egefül^l unb voiü 
nur bie 2^od^ter befd^üfeen. Snbeffen l^at SKarineffi 
mit feinem ^erm ben fd^änblid^en ^anbel t)er« 
abrebet, ber ©milia von ben @ltern trennen, bem 
aSater entreij^en unb in ber 9läl^e beö ^rinjen feft:^ 
l^alten foH. @r giebt fid^ für ben berufenen Stadler 
Slppianis ; ein glüdflid^er 3iebenbul^ler, l^eifet ed, l^abe 
il)n ermorbet; biefen ju entbedEen, muffe 3Karineffi 
aKeä aufbieten, bal^er fei ein gerid^tUd^e« SSerfal^ren 
gegen ©milia unb eine befonbere SBerroal^rung ber^ 
f elben notl^roenbig. 5Rid^t in ein Älofter , wie 
Dboarbo münfd^t, fotte fie gelten, aui^ nid^t in ein 
©efängnife gebracht werben, mad ben 3Sater be« 
rul^gen mürbe, fonbem im ^aufe ©rimalbi foffe 
fie bleiben., unter bcn Slugen beö ?ßrinjen, mitten 
im ©etriebe beö §of tebenö ! Sefet bleibt bem SSater 



222 



nur nod^ ein einziger aBunfd^: bie %o^tet jum 
legten SKal unb allein ju fpred^en. 3^ feiner ©eele 
regt fid^ ber ©ebanfe, fie ju tobten, n)ie eine ^n^ 
roanblung, t)or ber ifim fd^aubert. Unb bo(^ fd^eint 
e$ bas ©injige, toaö er nod^ für fie tl^un fann. 
„^ai ii) bas Qexi, eö mir ju fagen? ®a benf 
id^ fo roaö! ©o roaö, waö fid^ nur benfen lä§t!" 
6r vermag eö nid^t unb vM ber 33erfud^ung ju 
einer folc^en ^at entfliel^en. S)a fontmt bie ^od^ter 
felbft, in il^rem SBrautfleib, in berfelben einfad^en, 
natürttd^en S^rad^t, TOorin Slppiani fie baä erfte 9RaI 
fal^, worin fie \S)m juerft gefiel; aud^ bie SRofe im 
Qaax l^at fie nid^t üergeffen. ©ie erfi^eint ganj 
rul^ig, benn fie weijs, ba§ alleö verloren ift, ba§ 
ber ®raf tobt unb warum er tobt ift. 5Wid^t einen 
Slugenblidf länger roitt fie in ber 3la\)t beö ^rinjen 
weilen. Unb wie ber SSater il^r fagt, bafe er fie 
nid^t mit fid^ nel^men bürfe, bafe man fie jwinge, 
in ber ^anb ü^reö SRäuberö ju bleiben, ift il^t 
®ntfd^lu§ gefaJBt. Dboarbo ifi fein SSirginiuö; bie 
SJod^ter ift entfd^loffener alö er. ,,9limmermel^r, 
mein SBater." „Ober ©ie finb nid^t mein SSater!" 
©ie Witt nid&t geräd^t fein, fonbern fierben. 
„Um beö Simmete SQBitten ni(^t, mein SBater!" 



223 



ruft ite aM, toic Dboarbo ben ®oId^ jüdt unb ber 
&tbanU ber 3iad^c Don neuem feine ©eele ergreift. 
„SJiefed Seben ift atteö, waß bie Saflerl^aften l^aben. 
3Kir, mein SSater, mir %ehm ©ie biefen 3)old^!" 
SDer Xob ift il^r miHfommen gegen ein unroürbigeö 
Seben. S)iefe (gntfd^loffen^eit unb ©eelengröfee er* 
fd^eint bem äJater alä il^re Slettung, afe bie SBürg* 
fd^aft il^rer unantaftbaren Unfd^ulb. Dboarbo ifi 
feines Äinbes fidler unb ü^rer ttnfd^ulb, ,,bie über 
alle ©ewalt erl^aben ift". S5ie S^od^ter oenoirft 
bief e ©id^erl^eit : ,,2lber nid^t über alle aSerfül^rung. 
©emalt! ©eioatt! SBer lann ber ©ewalt nid^t 
trofeen? SBaö ©ewalt l^eijst, ift nid^td: SBerfül^rung 
ift bie TOol^re ©ewalt. 3Sd^ l^abe Slut, mein SBater, 
fo iugenblid^eä, fo roarmed SBIut als eine. Slud^ 
meine ©inne finb ©inne. 3^ fi^^^ für nid^tö. 
2fd^ bin für nid^ts gut. 3d^ fenne bas ^aM ber 
©rimalbi, es ift bas ^aus ber gi;eube. ©ine 
©tunbe ba, unter ben SÄugen meiner SWutter, unb 
es erl^ob fid^ fo mand^er S^umult in meiner ©eele, 
ben bie ftrengften Uebungen ber SReligion faum in 
aSod^en befänftigen fonnten. 3)er Sleligion! Unb 
meld^er SReligion? Sßid^ts ©d^Ummeres ju oer:: 
meiben, fprangen SJaufenbe in bie glutl^en unb finb 



224 



^eilige! ©eben ©ie mir, mein SSater, geben ©ie 
mir tiefen 3)oI<i^!" 

5Diefe SBorte, bie baö SRät^el ber 5tragöbie 
feinem ganjen Umfange na6) entl^alten, l^aben bem 
Säater bad ©efül^I ber ©id^erl^eit erfd^üttert. (Sr 
gibt unb entreißt il^r beh "Dold^, vok fie il^n fii^on 
gefaxt l^at, um il^r ^erj ju bur(^bol^ren. ©ie fud^t 
nad^ einer Sftabel in il^rem ^aax unb ergreift bie 
Wof e, il^ren Srautf (^mud, baö Silb il^rer ttnf<^ulb, 
baö nod^ ju tragen fle im Slngefid^te il^rer Sw^^^i^ft 
fid^ nid^t mel^r mürbig fül^It. S)ad 83ilb il^rer 3"* 
fünft ift bie jerpflüdfte SRofe. Unb einem fold^en 
©d^idtfal tDiH fie ber eigene SBater preisgeben. Slid^t 
er benft an ben SSirginiuö, fie erinnert an baß 
SSeifpiel beö Slömerö mit bitteren t)orn)urföt)oIIen 
SBorten. S)u fiel^ft ba§ ©(^idffal beiner S^od^ter 
t)or bir, bie jeq^flüdfte SRofe, unb toiHfi eö gcfc^el^en 
laff en ? ?ßflid^tt)ergeff euer SBater ! ©ie f agt es nid^t, 
aber fie benft eö, mäl^renb fie bie SRofe jerreiJBt. 
SRie l^at bie 33Iumenfprad^e tragifd^cr gerebct. ©iefer 
®eban!e ruft il^r baö 83Ub beö aSirginiuö oor bie 
©eele, unb läjst fie in bie SBorte auöbred^en: 
„©liebem mol^l gab es einen SBater, ber, feine 
S^od^ter von ber ©d^anbe ju retten, il^r ben erften. 



225 



bcn bcjlert ©tal^I in ba§ ißcrj fenfte, il^r jum jweiten 
ba§ Seben gab. Slber folc^e X^aUn finb t)on etie^ 
bem! ©oI(|e SBäter gibt c§ feine ntetir! 

©iefer aSorrourf im SUiunbe ber ^od^ter wetft 
bem aSater baö aSorbilb. Unb ate ob biefeö aSor- 
bilb beö SRömerS, an ba§ feine ©eele nxä)t gebadet, 
il^n plöfelid^ geftärft unb bem (Sebanfen, ber nod^ 
t)or wenigen Slugenbliden it)m afe etwas erf(|ien, 
^,n)a§ fid^ nur benfen lä^t", bie plöfelid^e Sö^atfraft 
Derliel^en, ruft Dboarbo au§ : „®od^, meine S^od^ter, 
bod^!" unb fiöfet il^r ben ®old^ inö ^ers. ®ie 
furd^tbare ^liat ift il^m wiber SBillen entriffen.' 
Äaum ift fle gefd^el^en, fo ergreift il^n bie SReue. 
,,®ott, was l^ab id^ getl^an!" 35ie fterbenbe 5Cod^ter 
fagt es il^m: „@ine Stofe gebrod^en, et)e ber ©türm 
fie entblättert. Saffen ©ie mid^ fie lüffen, biefe 
t)äterlid^e iganb!" 

VI. 

®iefe aSegebenl^eiten in il^rer tragifd^en SBer^ 
fettung barjufteffen unb in ber g^orm ber ^anblungen 
ausjuprägen, ift nun bie ©ad^e ber bramatifd^en 

Stuno ^i\ä)tx, @. @. Sefftng. I. 15 



226 



ftunft. @d toirb ftd^ }eigen^ tote {)eit)unberung3^ 
TDürbig es iBeffing oerftanben l^at, bad S^l^etfta feineö 
SBcrfcö fo anjulegcn unb bie ß^arafterc bcffclbcn 
fo }u rid^ten^ ba^ nid^td anbered baraud f)exr)ox^ 
gelten tonnte, als genau biefe 2:ragöbie. ©d^on 
bie aufmerifame Setrad^tung ber gabel genügt, um 
aus il^ren SH^^ ^^^ 33au ober bie ©nrid^tung 
unfereö Äunftroerfö, ben Fortgang ber ^anblung, 
bie Slrt il^rer 3Kotit)e unb beren SBerJettung beutlid^ 
}u ernennen. 

SWan fielet fogleid^, ba| bie ßeibenfd^aft bei^ 
^ßrinjen für @milia ©alotti ben beioegenben g^octor 
beS ©anjen auömad^t. 2)iefe Seibenfd^aft unb 
il^re S^olgen abgered^net: roaö bleibt von ben Se? 
gebenl^eiten unferer ©rjäl^Iung? SRid^tö afe ein 
woKenlof ed ^irß in ber g^amUie ©alotti : ber l^eitere 
^od^jeitsmorgen, bas glüdfUd^e S3rautpaar, bie l^od^^^ 
beglüdten @Item, bie aSermäl^lung in länblid^er 
©tiHe, bie fiod^jeUöreife unb beren parabiejifd^eö 
3iel in ben Däterlid^en S^l^älern Slppianiö, wo bie 
Sleuoermäl^lten nur fid^ felbft leben werben! S)ie 
Seibenfd^aft bed ^rinjen Eiinjugefügt, unb bie ge^ 
witterfd^wüle SCtmofpl^äre ift ba, ber ißorijont um? 
^ TOötft, ber Fimmel oerbüftert fid^, bie SBüfie juden 



227 



unb treffen, ber SBräutigam toirb erf dalagen, bie 
Staut ' entfül^rt unb in einer SBeife umgarnt, ba^ 
fte ben Xob von ber ^anb beö SBaterö afe cinjige 
^Rettung, forbert unb empfängt. 35iefe ßeibenfd^aft,. 
bie ba§ glüdlid^fte gamilienibgH plöfelid^ in einen 
©d^auplafe furd^tbarer ^^^^ftö^wg Dermanbelt,. 
bramatifd^ fd^ilbern, i^eijst bie ^ragöbie ber ®miUa 
©alotti e^poniren: eine SCufgabe, bie Seffing in 
bem erften Slcte berfelben mit pd^fter 3Weifterf(^aft 
gelöft l^at. Sie ^affion beö gürften ju befriebigen, 
fd^miebet SWarinetti feinen 5pian: wir lernen im 
jweiten Slct biefe 3Kad^ination felbft, il^re SBerfjeuge 
unb il^re Dpfer fennen, bie @ltern unb bie SBer« 
lobten, bie 3Jiarinetti mit feinen SRefien umftridEt. 
S)ie Sluöfül^rung beö 5pianeö unb bie ©rfennung 
ber 2^l^äter unb SKotioe burc^ bie 3Wutter ®milias 
bilben ben S^i^alt beä britten äctö. 2)ie SDajwifd^ens 
!unft ber ©räfln Drfina, bie ba§ ©efd^el^ene fogleid^ 
.mit bem ©d^arfbüd ber ©iferfud^t burd^fd^aut, bem 
l^erbeigeeilten Sßater fogleid^ mit lobernber SHebc 
entl^üttt unb il^m ben S5oI($ jur Slad^e jurüdfldfet: 
biefe aSorgänge, bie baö ®nbe Iierbeifüi^ren, fd^übert 
ber merte 3lct. 2)er lefete entl^äft bie tragifd^e 
Söfung. 



228 



S)ie ißanblung verläuft in fürjcftcr 3cit, fie ie- 
ginnt am SUlorgen unb ift Dor 3lbcnb Doffenbet: 
unaufl^altfam, burcä^ fcinerlci ©pifoben unterbrod^en, 
fd^reitet ftc fort, jebe ©ccnc ift ein uncntbcl^rlid^cö 
©lieb beö ©anjen, ber Fortgang ift ooHfomnten 
ftetig unb jugleid^ fo jäl^ unb fd^leunig, ba§ baburiä^ 
fd^on bie äußere Siul^e auögefd^loffen wirb, bie nötl^ig 
wäre, um burd^ Ueberlegung unb a3efonnenl)eit ben 
tragifd^en ©turj ber Singe ju tjermeiben ober ju 
l^emmen. 2)ie ganje STragöbie entplt nii^t mel^r 
als breiunboieriig Sluftritte, banmter nur menige, 
furje unb l^aftige 9WonoIoge. 3Slan barf bei ber 
S3eurtl^eilung beö ©tüdfeö unb feiner 61^ara!tere 
biefeä l^ei^e Älima, biefes fd^neHe unb fortreijsenbe 
2:empo ber iganblung, biefeö „^afflonato" in ber 
©runbftimmung ber ganzen S^ragöbie nid^t unbe^^ 
ad^tet laffen. SBenn g^riebrid^ ©d^legel bie ^ragöbie 
,,ein in ©c^roeife unb 5pein probucirteö SBerf beä 
aSerftanbeö, ein guteö ©jempel ber bramatifd^en 
Sllgebra" genannt l^at, „baä man frierenb berounbern, 
bei bem man bemunbernb frieren möge", fo ift fein 
Urtl^eil weniger treffenb. 2lud^ baä gieber mad^t 
frieren. . Unb wer ben l^eifeen 5pulö fiebernber 
Seibenfd^aft in biefer S^ragöbie nid^t füi^It, wirb fte 



^29 



aud^ afe „ein gutes ©Eempel ber bramatif(^en 
Sltgebra" nid^t toürbtgen fönnen. 35o(^ l^at man 
bas Urtl^eil ©d^Iegefö Iiöufig nad^gefprod^en, benn 
eö giebt fo mele, bie nod^ mel^t alß ber Äammer- 
l^err in unferem ©tüdf bie 33ejeid^nung ber ©räfin 
Drfina üerbienen : „nad^plaubembcä ^ofmännd^en !" 
9Wan wirb in bem &mebe biefer ^ragöbie^ 
feinen einjigen graben auffinben unb nad^roeifen 
fönnen, bet an ben ßl^arafteren Dorbeiliefe unb 
nid^t bur(^ ben Äern berfelben l^inburd^gefül^rt wäre. 
6ö ift barum-eine fel^r unoerftänbige 2lnfid^t, bie 
^ragöbie ber ®miUa ©alotti für ein ^ntriguen? 
ftüdf ju Italien, baö als fold^eä bem ßl^arafterftädt 
entgegengefefet ju werben pflegt. 2)ann fiel)t man 
in ber bargeftettten iganblung nid^td weiter als bas 
9ie^, roeld^eö SWarineHi gefponnen l^at, unb in bem 
3lppiani, bie gamilie ©alotti, ben ^prinjen nid^t ju 
Dergeffen, wie bie g^liegen gefangen werben. Slber 
fobalb bie 2^ragöbie etwaö weniger oberfläd^lid^^ 
etwaö weniger furjfid^tig betrad^tet wirb, mufe jeber 
erfennen, ba§ bie ^ntrigue unb beren ©ntl^üHung 
Don gewiffen ^anblungen ober Unterlaffungen ab- 
l^dngt, bie tief in ben ßl^arafteren begrünbet finb, 
bafe l^ier alleö fo gefd^iel^t, wie eö nid^t anberö 



^m 



gcfd^el^cn fonnte. 3d^ roill bicfc SBe^auptung fofort 
einleud^tenb mad^en, inbcnt x^ auf bie beiben ^aupt= 
momcntc l^inroeife, bie ben tragifd^crt SBerlauf bcr 
ißanblung entfd^ciben. 

3ltf)men mx an, bafe ©milia ©alotti il^re 35c= 
gegnung mit bcm ^ßrinjen, jene eben erlebte SJlorgen- 
ycene in ber SJieffe, il^rem Bräutigam erjäl^It (raaö 
fic aud^ im ©inn l^at, aber von ber 3Kutter ft(^ 
auäreben läfet): fo ift ber ^ian aWarinelliä vn- 
nid^tet. Sl^r ©efpröd^ mit Slppiani, lüorin biefer 
ben SSorgang Iiätte erfal^ren follen, gelit ber ©cene 
jroifd^en i^m imb SJiarineHi t)orl^er, unb ber ®raf 
würbe ben 3luftrag nad^ SWaffa anber§ beantwortet 
l^aben, wenn er gewußt, bafe ber ^prinj nad^ feiner 
93raut trad^tet*). 35er 9Woment, worin eö il^m 



*) SOÖcr meine obige SSel^ouptung , haj^ @milta ©ototti 
burd&g&ngig ©l^otaftetttogöbtc fei, anfccä^ten totll, fönntc 
nod^ am el^cften StppioniS Sßetl^oltcn in bcr ©cene mit 
^Äotinetti botoibct onfü^ten: id^ meine bit Sößenbung im 
Slnfonge beS @cfpt&d§3. 2ößie lonn tppiani ouf bie fütft= 
liä^m 2Bünfd§e, hit bct ©öfling il^m übcrbrad^t ^ai, übet* 
l^aupt eingcl^en? „2)ie ®nabe he^ ^tinacn, hit Si^nm an= 
fiettagcnc @l^rc Heiben, toaS fie finb; uxü> i(^ ^toeifle nid^t, 
<Sie hjetben fie mit Segictbe ergreifen". „^ttlerbingS" 
anttoortet ber (S^raf nad^ einiger Uebertegung. S^ mödfrte 



28i 



gefaßt tücrbcn mußte, ift burd^ baö SBerfd^roeiöen 
ber Staut unmeberbringlid^ vexloxm ! S)iefe Untere 



lotffen, tood er ftd^ üBetlegt ^afi @efagt toixh eS ntd^t; 
<S tfl fd^toet 3U ettatl^en. ^uS bem (S^'^ataftet unb bet 
^inneSatt ^^^tanid toöte ju t)etmut]^en, ba6 et ben ^nttag 
«infad^ aBIel^nte. ^ud^ fe^e id^ nid^t, tote er Beim Beften 
IBillen benfelBen ausfüllten toitb, ba et fd^on in bet n&d^fien 
^tunbe l^eitaf^en unb fogleid^ auf feine t)ätetlid§en @ütet 
itad^ $iemont aBteifen toiU. gfaffen U)it i^n unb feine 
Situation allein inS %nqt, fo ifl jeneS üBetlegte ,,^IIet- 
t)inQS" eine fo Beftemblid^e äBenbung, haiß man betfud^t fein 
iönnte, fie auS einem anbettoeitigen (toeniget in ^))piani 
gelegenen, aU tiielme'^t) htm 2)id^tet unentBel^tlid^en STlotik) 
in etfläten. ^dtte bet ®taf gehju§t, toaS i'^m @miUa bet* 
fd^toiegen, fo toütbe et ben Antrag STlatineQid auf eine tfttt 
^utüdgetoiefen l^aBen, hit htm leiteten fein Soncept toöQig 
DtxxMtn mugte. 2)et 2)td^iet lögt i^n ha^tx einen ©d^titt 
t^un, bet unmöglid^ toat, toenn et bie ^Bftd^ten beS !Ptinaen 
ge!annt l^atte: einen @d^tiit, bet als bie nöd^fie gfotge bet 
llntetlaffung ^rniliag etfd^einen foll unb etfd^eint. 2)ag 
9p:|}iani biefen untbtiüommenften unb ungelegenfien allet 
^uftt&ge etfüHen toiE, um htm ^^tinjen einen 2)ienft ju 
ettoeifen, jeigt unS ben t)öllig atglofen !U{ann, bet bem 
®|>iele ^atineUid betfdUt, to%enb ein Sßott feinet %taut 
i^n batot Betoal^tt ^&tte. 2)ie ©d^ulb (SmitiaS toitb butd^ 
^ppianiS atglofe $eteittoillig!eit fof Ott etleud^tet : bied toat 
bie ^Bfid^t beS ^id^tetS, aBet bag üRotio ^))^ianiS BleiBt 
ftaglid^. 



232 

laffung (StniHaö t)crfd^ulbet ben ^ob Slppianiö, 
eine.©d^u(b, bic uns an jene aSorte ber'^rama^ 
tiirgie erinnert: „6in 3Kenfd^ tann fel^r gut fein 
unb ioä) mel^r ate eine ©d^rood^l^eit , mel^r afe 
einen gel^Ier l^aben, woburd^ er fid^ in ein unab^ 
fel^li(^e§ Unglüd ftürjt, baö nn^ mit aWitleib unb 
SBel^mutl^ erfüllt, ol^ne im ©eringften grä^Hd^ ju 
fein, n)eil eä bie natürlid^e g^olge feines g^el^lers 
ift". 3d^ l^öre jene erfc^ütternben 2Borte, bie @miHa 
in ber legten ©cene bem Sßater auf bie g^rage: 
„SBas nennft bu alles uerloren? 5Da^ ber ®raf 
tobt ift?" mit ber JRul^e ber 58erjn)eiflung ermibert: 
„Unb warum er tobt ift! marum!" Sl^re Unter:^ 
rebung mit 2lppiani na^ ber 50ieffe unb t)or bem 
Sluftrage, ben aWarineHi ' bringt, ift bie einjige, 
bie unfere S^ragöbie ben 5ßerlobten eingeräumt l^at. 
SRun überlege man fid^ bie g^rage: ob ®milias 
SSerfd^miegenl^eit in biefem unmieberbringtid^ vtx^ 
lorenen 3Komente S^fall ift ober ©d^ulb? Di bie 
t)erfd^ulbete Unterlaffung aus einer gel^eimen Siebe 
jum 5ßrinjen, b. 1^. aus i^rer Untreue entfpringt 
ober aus einer ©(^wad^l^eit , einem gel^Ier? SBir 
werben auf biefe g^rage jurüdffommen. 

Slngenommen, ber ?ßrinj, gemä§ feiner S8erab= 



233 



rcbung mit 3Barittctti, roärc gleid^ naä) 3)ofaIo 
flcfal^ren ünb nid^t in bic SJlcjfe geeilt, um bort 
©milia ©alotti ju treffen, unb felbft ju feigen, njoö 
er auöjurid^ten oermöge: fo fonnte weber ©milia 
no^ burd^ fie bie aWutter bie Äeibenfd^aft beö 
^ßrinjen erfal^ren, fo fonnte weber bie ©räfin Drfina 
nod^ burd^ fie Dboarbo bie 2^l^äter unb il^re aJiotice 
erfennen; 3Äorb unb ©ntfül^rung blieben unent^ 
l^üllt. @g mar ein S3anbitenftfidf unb bad @d^log 
beö 5ßrinjen bot bie tettenbe S^^ffwd^t! 2)arauf 
war ber 5pian 3Marinettis bered^net; er gelang voU- 
fommen, wenn ber 5ßrinj fi(^ jeber eigenmäd^tigen, 
unüerabrebeten iganblung entl^ielt. ®afe er eö nid^t 
tl^at, fonbern feinen eigenen 2Beg in bie 3Weffe ging:- 
gefd^al^ biefer t)erpngni6t)oIle ©d^ritt aus 3«f<^tt 
ober aus einem unoermeiblid^en Slntrieb? 3Slan 
bead^te n)o][)I, was aWarineHi feinem ^errn uorl^ält : 
„®r erlaube mir, il^m ju fagen, ba§ ber ©d^ritt, 
ben er l^eute aWorgen in ber Äird^e getrau — mit 
fo oielem Slnftanbe er il^n aud^ getl^an, fo unüer? 
meiblid^ er i^n aud^ tl^un mujste — ba§ biefer 
©d^ritt nid^t in ben 5Canj gel^örte". „35a id^ bie 
©ad^e übernal^m, nid^t roal^r, ba wu^te @milia uon 
ber Siebe beö ^rinjen nod^ nid^ts? ©milienö 3Jiutter 



234 



nod^ weniger. SBenn id^ nun auf biefen Umftanb 
boute? Unb ber ^rinj inbe§ ben ®runb meinet 
©ebäubeö untergrub?" Sei biefen SBorten fiä^Iägt 
fid^ ber ^rinj Dor bie ©tirn unb ruft: „SSer^ 
toünfd^t! bafe ©ie SRed^t l^aben!" „3)aran tl^u* i^ 
freiUd^ fel^r Unred^t", erroibert 3RarineIIi, „©ie toer^ 
ben t)er}eil^en, gnäbiger $err". 

SBer in unferer 2^ragöbie ein „^ntriguenftüd" 
fielit unb il^ren ©d^roerpunft bemnad^ in ben üer- 
berblid^en 3Ka(^inationen 3KarineIIiö fud^t, l^at ni^t 
erfannt: 1) ba^ bie ganje Sntrigue nur ermögüd^t 
wirb burd^ bie ©d^ulb ©miliaö, 2) ba§ bie 
ganje Sntrigue jerriffen, b. \). entl^üttt wirb burd^ 
bie ©d^ulb beö ^ßrinjen, unb ba§, nad^bem 
aRarineHi unb ber 5prinj bie geften nod^ einmal 
jufammgeflidft l^aben, unt il^re Seute ju fangen, 
biefed 3le| jerriffen wirb burd^ bie S^l^at ber 
®milia, benn id^ nenne ben freiwilligen ^ob, ben 
fie von ber ißanb beö SBater« erflel^t unb empfängt, 
il^re 2^l^at. 35ie Siofe mitt gebrod^en werben, el^e 
ber ©türm fie entblättert. 

Unb ein fold^es @nbe fottte ber S^riumpl^ be« 
Safterö über bie S^ugenb, ber ©d^ulb über bie Un^ 
fd^ulb fein? 2)ie ©d&ulbigen wären SWarineHi unb 



235 



ber 5ßrinj. SBorin bcftel^t bcnn il^r 2^r{ump]^?.6ttt)a 
barin, bafe ©mitia ©alotti ftirbt, roäl^renb jene il^r 
83i§d^cn Zehen bel^altcn? ©inb bcnn ©milicnö 
SBorte umfonft gefagt, wie fie bic $anb bcö SSaterö 
von ber 9la($c jurüdl^ält: „Um bcß $tmmcfett)illcn 
ntd^t, mein 33atcr! 3)icfeä ßebcn ift alles, 
toaö bie ßafterl^aften I)aben!" S)a^ ftc bicfeö 
il^nen ueraci^tUd^ gclaffene, gteid^fam t)or bie ^ü^e 
geworfene ®ut bel^alten bürfen: baö wäre il^r 
2^riumpl^? 9Baö (Sntilia ©alotti von 6^ara!terftärle 
unb ©eelengrö^e l^at, wirb burd^ ben Sauf ber 
Segebenl^eiten emporgetrieben unb erliebt fid^ juleftt 
in il^rer eigenften motten Äraft, roäl^renb bie ß^a« 
rafterfiä^wäd^e unb ©elbftfud^t beö ^ßrinjen immer 
weiter um fid^ greift, immer wiberftanbötofer in bie 
©ewalt 5IJiarinettiö gerätl^, biö er juleftt afe ein wiBen? 
lofeö unb fd^Ied^teö SEBerfjeug beö Sßerbred^enö bafte^t. 
9lad^ ber offenbaren Slbfid^t be§ 3)i($ter§ läßt bie Xxa^ 
göbie burd^ ben ®ang ber ^anblung ben ©l^arafter 
©milia ©alottiö bis ju einer SBillensftärfe wad^fen, 
bie einem 5!Wann wie Dboarbo „über atte ©ewalt 
erl^aben" fd^eint, unb ben ©l^arafter bes ^rinjen 
am ©ängelbanbe SWarineHis bis auf bie niebrigfte, 
bem SaSorte bes Sßerfül^rerS blinb unterworfene 



236 



aOBillenöftufe l^erabfinfcn. S^^^^^ fi"^ hexie, bcr 
^Prinj unb fein Dpfer, butd^ eine Ätuft gefd^ieben, 
fo tüeit toic bic jmfd^cn ßimmel unb ®rbc. Unb 
biefcö ©cfunfenfein wäre bcr S^riump)^ beö 5ßrinjcn? 

Slud^ 3JlarineIIi ttiumpl^irt nid^t, n)ie ©egbefc 
mann am ©d^lu§, als ber ^rinj il^n »erftößt, bur(^ 
ein leifeä, ftummeö ©piel anjubeuten fud^te. ®ie 
©eberbe foHte fagen: „®u bift mir fid&er, morgen 
rufft bu mid^ jurüdf, benn id^ bin bir unentbel^r^ 
lid^!" 5Rein! baö mar nid^t bie 3ibee ßeffingö unb 
feiner Sid^tung. S)er 3Mann, beffen lefeteö SBort 
im Slnblidf ber fterbenben ©milia ,,SEBe]^ mir!" 
lautet, ift mit feinem SBife ju 6nbe unb mad^t nid^t 
bie 3Jiiene beö triumpl^irenben ^ftffifus. Uebrigenö 
flimmert e§ un§ roenig, was morgen ober übers 
morgen gefd^efien, ob unb auf meldte 2lrt ber 5prinj 
mit ober ol^ne SKarineHi oergeffen mirb, maS er 
erlebt l^at. ©epbelmannö ©eberbe ift ber Slnfang 
beä ©atprfpielö nad^ ber S^ragöbie, aber ein fold&eS 
©at^rfpiel l^at Seffing nii^t gemottt. 

3Bäre ©milia ©alotti feine ßl^araftertragöbie 
im eminenten ©inn, fonbern ein ^ntriguenftüdE, 
baS mit bem ©iege beä fiafterö enbet, fo mürbe 
ßeffing baö oöHige ©egentl^eil oon bem, maö er 



2^7 

T 



beabfid^tigt f)atte, geleiftct unb bie t)on il^m feI6ft 
gcfteHten g^orbcrungen auf eine gerabcju Käglid^c 
unb Idd^erlid^e Slrt t)crfcl^tt Iiabcn. SQSer in biefcm 
S^raucrfpiel nur ein SEBirrfal fd^redtid^cr Unglüdös 
fattc unb fkäflid^er SBcrbred^cn, nid^t -aber bie 
©d^idfale erfennt, bie mit Slotl^wenbigfeit aus ben 
©l^arafteren l^eroorgel^en : ber jeigt, baß man bas 
befannte ©prid^roort aud^ einmal in umgefel^rter 
SBeife erfüllen unb bie Säume nid^t feigen fann 
t)or bem SQSalbe, weil er ju bunfel ober bem 3luge 
ju fern ift. 

vn. 

prüfen mx alfo genau, wie fid^ in unferem 
©tüdf bie 6f)araftere ju ben ©d^idEfalen üerl^alten. 
^er Änoten ift gefd^Iungen unb ber tragifd^e (Sang 
ber S)inge DoUftänbig angelegt, wie ber ^rinj feine 
Seibenfd^aft SWarineHi anvertraut unb alles, mad 
biefer tl^un mirb, um ©miliens ^eiratl^ ju t)erl^in5 
bem, unget)ört billigt, bann in bie SKeffe eilt, um 
felbft fein ®lüd ju uerfud^en, unb baburd^ baö 
©ebäube feines SCcd^niferö untergräbt. ®§ ift ber 



^ 



238 



©d^iritt, ber^ toic SUlarincIIi jagt, nid^t in ben 2^anj 
geljörtc, fo unoermciblid^ bcr spring il&n aud^ tl^un 
mu^tc. ,,©0 unt)crmciblid^!" @r fennt ben 
ß^arafter feines ißerrn. liefen unt)ermeiblid^en 
<Bä)xiü, j>on bem ber folgenbe aSerlauf ber S)inge 
abl^ängt, ju motioiren, war bie Slufgabe ber ©jpo- 
fition, bie Seffing in bem erften 2lct mit oollenbeter 
Äunft auögefül^rt |at. 

3n einer Sfteil^e xo6f)l in einanber gefügter, 
poettf($ bered&neter ©cenen njirb uns bie ^nbioi^ 
bualität beö 5ßrinjen fo wirfungSüoII unb fpred^enb 
gefd^ilbert, ba§ mir fie gleid^fam erleben; er er- 
f(3^eint in feiner ganjen perfönlid^en Siebenömürbig^ * 
feit unb Slnmutl^, im 3ctuber einer noä) im Serben 
bemal^rten, nod^ völlig unt)erborbenen Seibenfd^aft, 
bie er felbft mie eine 2lrt läutemb^r Ummanbtung 
empfinbet. ,,83el^agUd^er ober ni(^t bel^agtid^er, i(§ 
bin fo beffer!" 3Jlit biefen 2Borten, bie ein un^ 
x)erftettter SÄusbrud feiner befferen SRatur finb, ge* 
minnt er unfere S^l^eilnal^me. greilid^ ift biefeö 
©efül^I beffer als er felbft, benn er ift manbelbar, 
mie bie ©inbrüde ber SBelt, unb feine guten ©m« 
pfinbungen finb fd^mäd^er als bie bege^rlid^en. 3"^ 
gleid^ erl^alten mir ben ©inbrudf eines gebietenben 



239 



ficrrn, bcr doii feiner fürftlid^en ©teUung nidöt ben 
Seruf, nur ben ©enufe fennt unb nur fold&e SEBol^t 
traten gern erroeift, bie feinem $IKad^tgefül^l fi^ntei:^ 
d^eln; er ift ber SCppuö eines e?ürften, wie fie im 
»origen Sal^rl^unbert bie aSöller, inöbefonbere ba& 
beutfd^e, in fo mkn üppigen Seifpielen auf ber 
§öt|e ber ©efeHfd^aft ju feigen unb ju berounbern 
gerool^nt waren: er fül^lt fid^ nid^t afe ben erften 
S)iener beö Staates, fonbern aU einen von ben 
©Ottern biefer (Srbe. ^ttin fid^ ^ mit ben bejau« 
bernben ©inbrüden ber 3Wa(|t nod^ bie ber ^erfon 
vereinigen, roirfen biefe ©rbengötter unraiberftel^lid^ 
unb beftriden felbft eble ©emütl^er. ©in feurigei^ 
iöerj, n)ie bie ©räfin Orfina, liebt biefen 5ßrinjen 
aud^ um feiner felbft willen unb fann mit feiner 
Untreue ba§ 2)afein nid^t mel^r ertragen. 

©ine fold^e Eingebung von ©eiten einer fold^en 
grau fd^ilbert unö bie Sid^tung nid^t umfonft. 
3)iefer S^q fott nid^t bloß bie ©emütl^Sart ber 
©räfin d^arafterifiren, fonbern jugleid^ ben perfön^^ 
lid^en Bctuber beö ^prinjen ^ettore ©onjaga bejeugen. ' 
®r l^at fie geliebt, bis er (Smilia ©alotti gefeiten. 
3efet ift biefe ©mpflnbung erlofd^en, unb jebe ©r:: 
innerung baran entflammt nur ftär!er bie neue 



240 



©tutl^, bie il^n ergriffen. SBon aWoment ju 3Woment 
wirb biefe mül^fam Derl^altene Seibenfd^aft biö ju 
bem SÄuöbuK^ gefieigert, ber ben ®ang ber S^ra^ 
göbie entfd^eibet. 

®ö tft bie einfame %xüf)e beö 5(Korgen§, n)o bie 
®inbrü(fe unb Silber, bie uns am tiefften betoegen, 
ungeftört unb mit gefammelter Äraft wirfen; ber 
^rinj fd^eint t)on einer leibenfd^aftüd^en Unrul^c 
erfüllt, bie rootil baran ©d^ulb war, ba^ er fo 
frül^ XaQ gemad^t; er voiU fid^ auf anbere ©ebanfen 
bringen unb burd^ Slrbeit jerftreuen. SBittfd^riften 
lefen nennt er arbeiten. ®amit beginnt baö ©tüdf : 
„Älagen, nid^tö als Älagen ! SBittf d^riften, nid^tö afe 
SBittfd^riften!" ®ine ber leftteren trägt ben SRamen: 
„ßmilia SBruneäd^i," fie l^at oiel geforbert, fel^r mel, 
„bod^ fie liei^t ©milia. ©eroäl^rt!" 35er SRame 
l&at magifd^ geroirft. „3d^ war fo rul^ig, bilb' id^ - 
mir ein, fo rul)ig. — 3luf einmal mu§ eine arme 
SruneSd^i ®milia l^ei^en: n)eg ift meine Siul^e unb 
aüe^V' 5(Kit bem „arbeiten" ift e§ t)orbei, jefet 
foH il^n eine SWorgenfal^rt jerftreuen unb SWarineKi 
il^n begleiten. 

©miliaö SBilb in ber ©eele be§ ^ßrinjen läfet 
fid^ nid^t oerfd^eud^en, ber blo^e Älang ilireö SRamenö 



241 



fceioirft, ba§ feine erfünftelte unb eingebilbete 
©eelenrul^e fofort t)erf(ä^n)inbet unb jene letbenfd^afts 
lid^ Unrulie jurüdHel^rt, bie er üergeblid^ bemeiftern 
jtjottte. Sefet ift fie fiegreid^er unb barum mäd^tiger 
unb ftürmifd^er afe Dorl^er. ®ie ©timmung ber 
folgenben ©cenen ift babur($ bebingt. 3n biefem 
Slugenblicf n)irb bem ^^ütften baö 33iIIet ber Drfina 
gebrad^t: eine 3Ra]^nung an bie ©eliebte von geftern! 
@r TOirft eö bei ©eite. ^ätte er biefe 3^ü^n ge» 
lefen, fo mufete bie g^al^rt nad^ ®ofaIo unterbleiben 
unb ber fpätere 5ßlan SBiarinefliö xoax unmöglid^. 
2lber nid^tä ift natürlid^er, afe ba§ ber ^rinj in 
biefer ©timmung ben Srief ber Drfina nid^t lieft. 
„3iun ja, id^ l^abe fie ju lieben geglaubt! SBaö 
glaubt man nid^t aUeö! Äann fein, id^ liabe fie 
au($ wirftidö geliebt. 2lber id^ l^abe!" 

®ie leibenfd^aftlid^e 5Reigung n)äd^ft burd^ ben 
SBiberftanb, ben fie erfährt. ©a§ @ntätidfen, wo- 
mit il^re ©inbilbungöfraft fid^ bie ©d^önl^eit ber 
©eliebten t)ergegenroärtigt, culminirt, voenn ber 
6ntl^ufiasmu§ eineö ^ünftlerö biefeö ©ntjüdfen tl^eilt 
unb beftätigt. 3luf ba§ SiHet ber Drfina folgt ber 
3Jialer mit bem beftellten Silbe ber ©räfin, baö 
ber 5ßrinj nod^ . vov einem 9Jionat freubig begrübt 

Äuno gfljd^ r, ©. 6. Sejjlng. I. 16 



glätte, jcfet aber nur als eine jubringlid^e Erinnerung 
an bie erlofd^ene Siebe empfängt. @o eitel unb wtbers 
roärtig, wie biefe Siebe, erfd^eint il^m je^t bie ©räfiit 
felbft. 6r finbet baö S3ilb unenblid^ gefd^meid^elt* 
,,ttnb toaö fagte baß Original?" „^^ bin jufrieben/' 
fagte bie ©räfxn, „wenn i^ nid^t l^ä^lid^er ausfeile." 
„5ßid^t ^äfelid^er? D bad roa^re Original!"*) 

3)er ©ontrafi fteigert bie fieibenfd^aft , bie er 
im ioerjen trägt. Smmer leuiä^tenber fhal^lt in 



*) SRan ^ai btefen ^uSbrucf böEig tnt^betflanben, toenn 
man t^n fo txtlM, aU oh ber $ttna bad $iXb ^&6lt(^ unb 
^äftlt^ flcnug finbe, um bet ©täfln gu glctd^cn: btcfc totE 
nid^i ^ä%liä^tx ausfeilen? 3^ b&d^te, fte to&te l^ägltd^ fienu^. 
,,0 bag toal^xe Oxifitnan" @ine fold^e 2)eutung totbetfheitet 
bem @inn unb ben SBotten beg ^id^texS. 2)ex $xin3 ftnbei 
bag $ilb i,unenblid^ gefd^metd^elt", toett fd^önex atS hai 
Oxtginal. 2)tc Öxäftn toax anbcxcx 3Wctnung, fle l^&It fidj 
füx toeit fd^önex al3 bad Silb unb tabeXt bad äOexf beS 
^alexd mit {tolgex l^dl^nifd^ex Tlimt, inbem fte bex&d^tltd^ 
fagt: vtd§ bin gufxieben, toenn td§ nid^t ^äüiiä^tx aui^fel^e'. 
^iefe äBoxte einex fiolgeU; !o!etten unb t)exle|enben (Sitelfett 
d^axaüexiftxen in ben klugen beS Ißxinsen baS S&efen bex 
(Bxftftn. (Sx toiE fagen: id^ fe^e fte box mix, id^ l^öxe fte 
xtbtti. „O ha^ toa^xe Oxiginal!" ©ein ^u8xuf begießt ftd§ 
bal^ex nid^t auf ha^ fSilh, fonbexn auf bie Oxfina felbft unb 
i'^x (&iba^xm, ba^ ftd^ bex Uebexbxug beS $xinaen nid^t 
abfto^enb %tnnq boxfieEen fann. 



243 



feiner ^^antafie baö 33ilb ber ©milia ©alotti. ©a 
überrafd^t il^n plöftUd^ ber 3Waler mit bem Portrait 
felbfi. „Sei (Sott, loie auö bem Spiegel geftol^len!" 
ruft l^ingeriffen ber $rinj. iQier ift ni(^t§ ibealifirt, 
niiä^ts gefd^meid^elt. S^ ©egentl^eil, ber Äünftler 
mu§ befennen, bafe er l^inter biefem Driginale toeit 
jurüdgeblieben fei. ,,3lber ba§ id^ eö wei^, toas 
l^ier t)erIoren gegangen unb wie es vtxloxen ge^ 
gangen unb warum eö verloren gelten muffen: 
barauf bin id^ ftolj unb ftoljer, alö i^ auf atteä 
baö bin, maö id^ nid^t verlören gelten laffen. 2)enn 
aus jenem erfenne id^ mel^r atö au§ biefem, ba§ 
id^ mirfUdö ein großer 3Jlaler bin, ba§ eä ober 
meine ^anb ni($t immer ift." „2lber baö mu§ id^ 
S^nen bo(^ als SKaler fagen, mein 5prinj: eine 
von ben größten ©lüdffeügfeiten meines Sebens ifl 
es, bag ©milia ©alotti mir gefeffen. 3)iefer Äopf, 
biefes Slntüfe, biefe ©tirn, biefe 3Cugen, biefe SKafe, 
biefer 3Runb, biefes ^inn, biefer ^als, biefe Sruft, 
biefer Sffiud^s, biefer ganje Sau finb von ber 3^it an 
mein einziges ©tubium ber roeiblid^en ©d^önl^eit" *). 



*) S)er Sefet toolle bte obige Stelle aUgletd^ aU ein 
l^öd^fl inteteffanteS $etf)}iel ber Uebetemftimmung atoifd^en 



244 



3)tefe SBorte bcd al^nungölofen, nur von feinem 
3beal ergriffenen SRalerö muffen ®milia ©alotti 
in ben Slugen beö ^rinjen vergöttern. ®r möd^te 
attein mit bem Silbe bleiben. S)a ftört il^n SRa- 
rinelli, ber auf feinen Sefel^l fommt. 3laä) 
einigen glei($giltigen SBorten will i^n ber ^prinj 
fortfd^iden. „2Baö l^aben mir SReueö, 3RarineIIi?" 
Unb nun erfäfirt er ate eine S^ageöneuigJeit unter 
anberen: bajs 2lppiani nod^ l^eute mit einer gemiffen 
(Smilia ©alotti fid^ »ermäl^len mirb. „®aö fann 
nid^t fein", ruft ber ^rinj, alö ob er eö ju oer= 
bieten l)ätte. ,,©ie fagten ol^nebem eine gemiffe 
©milia ©alotti — eine gemiffe. SSon ber redeten 
fönnte nur ein 3?arr fo fpred^en." S^fet muj3 ber 



Scfftng bem Ätitifcr unb ßeffing bcm 2)ic5tcr Beod^tcn. 2)tc 
©d^ön^cit ber @mtUa ©alotti toirb l^ier t)on hem 2)i(^ter 
genau nad^ bcx S3otfd§tift gefd^tlbctt, bic im Sao!oon ber 
i^xitifcr ol8 bic toitffamftc ^xi, hit tbxpnliä^t ©d^ön'^cit 
:poetifd^ batjuftetten , Bcgtünbct l^at: er läjt fie burd^ ben 
6ilbcnben Äünftlct fd^ilbcrn. 3)ie bloße t&etjdl^Iung ber 
cinaelnen !ör^)erlid^en ©d^ön^eiten toäre trorfcn unb rctjlog. 
^afe aber ber ÜJlaler eS tft, ber mit entaüdftcn SBorten 
bic l^errlid^c ©rfd^einung Befd^rcibt, gana in i'^re 5lnfd^auung 
t)crCorcn, baS 'mad^t hit ©(^ilberung fo toirfung§boH unb 
ergrcifcnb. 



245 



©teuer entgelten, bafe feine SReuigJeit ben ^errn 
in bie übelfte Stimmung gebrad^t l^at. 2luf bie 
erfi^rodene unb erftaunte fjrage: ,;©ie finb aufeer 
fid^, gnäbiger ^err. Äennen ©ie benn bief e ©milia ?" 
lautet bie Slntwort fo l^errifd^ unb jurüdmeifenb als 
möglid^: „3d^ l^abe ju fragen, aWarineHi, nid^t @r." 
Snbeffen änbert fi(^ ber %on fd^neU ; na(^ roenigen 
3lugenbU<fen weife SJiarineHi alles, er ift im ge^ 
t)eimften SBertrauen be§ ^errn unb baö wilHommene, 
n)illfäl^rige SBerfjeug feiner uerborgcnften Sffiünfd^e. 
3)ie ^eiratt) ®miHa§ foH oerl^inbert werben, Tla^ 
rineHi ifi ju aUem erbötig ; ber 5ßrinj billigt alles, 
ungel^ört unb ungeprüft. 3lber !aum ift et allein, 
fo tiberroältigt i|n feine leibenfd^aftlid^e Unrul^e, er 
roiU fid^ nid^t allein auf ben 35iener üerlaffen, nid^t 
bem ©piele beffelben aUeö anvertrauen, baö ©piel 
fönnte verloren gelten, er will nid^t länger fd^mai^ten 
unb feufjen, fonbem |anbeln. 5Bon biefen SSor^ 
ftellungen getrieben, eilt er in bie 3Jief[e, \xm ®milia 
ju feigen, ju fpred^en, ju gewinnen. Äein ©taatß- 
gefd^aft fann il^n aufl^alten, aud^ nid^t baö 2^obeö= 
urtl^eil, von beffen Unterfd^rift ein SWenfi^enleben 
abl^ängt. „SRed^t gern. 5Rur l^er! gefd^winb." Unb 
wie fein SRatl^ mit fd^werem Jlad^brud wiebert)olt: 



246 



,,(gö ifi ein SCobeßurtJ^eil!" antroortet er, üitU 
gelaunt toegen ber Hemmung: „3(j^ l^öre ja tooI^I. 
6d fönnte f(3^on gefd^el^en fein. 3(3^ bin eilig." 
SBod gilt bief er Seibenf d^aft ein ^^obeöurtl^eil ? ^atte 
er bod^ blinb ben 3)lorb ^[ppianis genel^migt, ate 
er SRarinetti freie fianb liefe, ßmilia ©olotti ifl 
Dcrlobt; Gmilia Srunedd^i finft in feiner ®unft: 
ed mag jefet unentfd^ieben bleiben, ob il^re Sitte 
getoöl^rt ift. 

„^^ bin eilig!" an biefer ®ile \>e^ ^rinjen 
l^ängt ber aSerlauf unfcrer ^ragöbie. Dl^ne biefe 
fortftürmenbe Seibenf d^aft , bie i^n in bie SRejfe 
treibt, würbe ©milia Oalotti in biefent S^itpunfte 
ni(^tö oon feiner ßiebe erfal^ren unb nid^ts erlebt 
l^aben, was ber 3Rutter unb il^rem Sräutigam an^ 
jupertrauen mar. 3KarineIIiö 2lnfd^lag würbe auö= 
gefül^rt unb blieb unentbedtt. SBenn ber $rinj 
Wefeö ober jenes nid^t getl^an! 3Wit einem fold^en 
„aaßenn" läfet fid^ nid^t bloö ©preu in ®olb, fonbem 
jebe ä^ragöbie in ein fiuftfpicl Denoanbeln. ^ätte 
er anbers gel^anbelt, fo mürben il^n feine fold^en 
2lff ecte bewegt l^aben : bann waren feine ®mpfinbungen 
nid^t biefe Seibenfd^aft unb er felbft nid&t biefer j 

ßl^arafter, nid^t fiettore ©onjaga, fo wie SRomeo 



247 



ni(j^t SRotneo l^ättc fein muffen, rotnn er ©eclenrul^e 
Qtnni Qtf)Qbt, um auf f^ere 3la^nä)tm oon feiner 
Sulia ju warten ober am ©arge berfelben mit ber 
SWögttd^feit beß ©(^eintobeö ju red^nen. ^^ vtx: 
glcid^e nid^t bie SKrt biefer S^araftere, fonbern bie 
3^rieb!raft i^rer Seibenfd^aften, bie fo finb, mie ber 
^rinj von fi(ä^ fagt: „25d^ bin eilig!" ©tmad 
mel^r 33efonnenl^eit unb 5ßl^legma, etwa« weniger 
Seibenfd^aft unb ^euer: — unb bie Siebe erlebt 
feine SIragöbien mel^r! 

VIII. 
^^taUetiflili §nitiM. Pie c^öfnng 6e$; 

®aj3 ©milia ©alotti il^rem Bräutigam Der = 
fd^meigt, mas fie aus eigener Seroegung imb 
rid^tigem ^flid^tgefül^l ilim t)ertrauen wollte, in bem 
Slugenblicf t)erf(i^n)eigt, ber ba§ offenfte aSertrauen 
forberte unb nad^ bem ®ange ber Segebenl^eiten 
ber einjige war, worin fie fld^ auäfpred^en Jonnte: 
biefe Unterlaffung entfd^eibet baö ©d^idffal Slppianiö 
unb l^at alle bie g^olgen, bie ilir baö Seben völlig 
entwertl^en. 3luf baö S^^^"^^^ ^^^ 9Rutter oerbirgt 



248 



fic bcm 3Wannc, bcm fie fid^ angelobt l^at, bem jte 
für immer gel^ört unb auß t)oIIer ^Reigung gel^ören 
TüiH, etwas, baß biefer SWann erfal^ren, von i^v 
unb jefet erfal^ren mufete. SBiber bie Stimme beß 
eigenen fierjenß unterbrüdt fie baß SSertrauen, ju 
bem il^r rid^tigeß ©efül^I fie brängt. ,,3lber nid^t, 
meine aWutter? 2)er ©raf mufe eß roiffen. 3l^m 
muß id^ eß f agen ?" ©ifrig roiberrätl^ eß bie aKutter : 
„Um aaeSBelt nid^t! SBoju? SBarum? SBiCft bu 
für nid^tß unb wieber nid^tß il^n unrul^ig mad^en ?" 
©ie giebt il^r ©rünbe, bie auf ben ß^arafter 
Slppianiß menig paffen : bie ^ulbigungen beß ^rinjen 
fönnten bem fiiebl^aber fd^meid^eln unb fpäter bie 
©iferfud^t beß ©emal^lß erregen. @miUa ift niä)t ' 
überzeugt, fie l)ört nod^ immer bie 3Kal^nung il^reß 
^erjenß. „©ie miffen, meine 3Rutter, mie gern 
id^ Sl^ren befferen ©infid^ten mi(§ in allem 
unterwerfe. Slber, menn er eß von einem anberen 
erfül^re, ba§ ber 5prinj mi(^ l^eute gefprod^en? 
Sffiürbe mein aSerfd^weigen nid^t frül^ ober fpät feine 
Unrul^e oermel^ren? ^c!^ badete bod^, i(§ bel^ielte 
lieber vox il^m nid&tß c^uf bem ^erjen". S)iefe fo 
rid^tig empfunbenen, fo treffenben Semeggrünbe 
nennt bie aWutter.eine „t)erliebte ©d^mad^l^eit" unb 



249 



bcl^anbelt fie als einen aWangel an ©infid^t, bet i^r 
Rnbifd^ erfd^eint. „SRein, burd^anö nid^t, meine 
2^od^ter ! ©ag* il^m nid^tö. Sajj il^n nid^tö merf en !" 
Unb bie S^od^ter, gewöl^nt, bie mütterlid^en 6in= 
fid^ten für bie beften ju Italien, giebt nad^, über- 
zeugt, ba^ ilire SBeroeggrünbe tl^örid^t, i^re Se^ 
fürd^tungen grunbloö roaren. „SBaS für ein albemeö, 
furd^tfanteö ®ing id^ bin!" „3lnn ja, meine 
aWutter! 3d^ l^abe feinen SBillen gegen ben 
3^rigen." 

®tn)as weniger oon biefem finblid^en ©el^orfam, 
von biefem unbebingten linblid^en aSertrauen, baö 
fomel größer ift, afö il^re 3w^^^i<ä^t ju ^^^ ^db% 
etwaö weniger Äinb, unb fie folgte ber eigenen 
©timme: Slppiani erful^r alleö, unb ber 2lnfd^(ag 
3Rarinettis war umfonft. Slber etroaö weniger Äinb 
— unb ©milia ©alotti ift nid^t mel^r @milia ©alotti: 
fie ift nid^t mel^r bie ©rfd^einung, beren ©d^önl^eit 
im ©inflange mit il^rer finblid^en 5Ratur DoIIer 
Unfd^ulb unb ^eiterfeit ben aWaler bezaubert, 
2lppianiä ißerj gewinnt, bie ^l^antafie beö ^Prinjen 
cntjünbet; eö ift nid^t melir bie ©milia nad^ bem 
aSBorte beö 9Walerö: „SBie, mein ^ßrinj, ©ie 
fennen biefen @ngel?" 



250 



Dad crftc SBort, baft loit t)on il^rcr Sippe »er^ 
ntf)men, entl^üUt und fogleid^ einen ber @runb}üge 
llireö SBefenö, ber il^ren ©i^arafter beftimmt unb in 
il^r ©d^idffal eingreift. 3taä) jener iScene, bie fie 
in ber ftird^e erlebt i^at, eilt fie nad^ ^aufe, in 
anflftooHer SBerroirrung, Don g^urd^t betäubt, wäl^nenb, 
fie l^öre l^inter ftd^ bie ©d^ritte bed SBerfolgerd. 
gßie fte bie 3»utter erbUdft, ruft fie au«: ,,aBol^I 
mir! SBol^l mir! SRun bin id^ in ©id^erl^eit." 

®a§ fie bie Siebeögeftänbniffe beö ^ßrinjen ans 
gel^ört l^at, anl^ören mugte unb il^ren guten @ngel 
umfonft angeflel^t, fie mit 2;aubl^eit, roenn aud^ für 
immer, ju fd^Iagen, empfinbet baö fromme Äinb ald 
eine ©d^ulb miber SBißen, afe eine „3Ritfd^ulb an 
frembem Safter". 3)ad SEBort ber SKutter berul^igt 
unb erleid^tert fie. SSJie biefe il^r fagt, ba§ fie bie 
©ad^e t)iel ju ernftl^aft empfunben l^abe, wenn fie 
nid^tige ^ulbigungen ober ©alanterien für Ieiben= 
fd^aftlid^e SBetl^eurungen genommen, atl^met fie auf, 
unb il^re finblid^e io^terfeit feiert jurüd. „D mein« 
9Rutter ! fo müj^te id^ mir mit meiner ^Jurd^t ooßenbÄ 
läd^erlid^ oorfommen! 3lun foH er gen)ij5 nid^tö 
baoon erfal^ren, mein guter 3lppiani!" — Qoite 
©mitta eine ©mpfinbung für ben ^rinjen, bie aud^ 



251 



nur im minbefien ben Äeim einer Seibenfd^aft 
entl^ielte, fo loürbcn bie SBerfid^erungen ber 3Kutter, 
bafe feine ^ulbigungen leere ^öflid^feiten waren, fie 
ni^t erleid^tern, alö ob eine ©entnerlaft t)on il^r 
genommen wäre, fonbern fd^merjlid^ enttäufd^en; 
fie ptte bann jene teibenfd^aftli(§en Setl^eurungen, 
bie [ic gel^ört, aud^ nimmermel^r ate „frembed 
ßafter" bejeid^net, „baö uns raiber unfern aSitten 
ju SWitfd^uIbigen mad^en fann". Sarin liegt ber 
x)ottlommenfte unb bünbigfte Seweiö, ba§ jebe ^n^ 
bid^tung einer fold^en Siegung, bie ®milia ©alotti 
für ben 5ßrinjen empfinben foll, bem 2)id^ter felbft 
unb feinem SQSerf gänjlid^ fremb ift unb auf baö 
Sleujserfte roiberftreitet. 

3nbeffen wäre ®milia nid^t bie finblid^e, l^arm^ 
lofe unb pl^antafieoolle SRatur, wenn bie ®inbrüdfe 
ber SBelt nid^t eine große SRac^t auf fle ausüben 
lönnten, bie ungeroöl^nlid^en unb erften ©inbrüdEe 
ber großen unb glänjenben 3Belt! @ie ^at biefe 
(grfal^rung im ^aufe ©rimalbi gemad^t, mo fie jene 
große unb gtänjenbe 3Belt jum erftenmal fal^, unb ber 
?ßrinj, t)on il^rer @rf d^einung gef ejf elt, il^r feine ^ulbi^ 
gungen wibmete. S)ie mütterlid^e ©itelfeit l^at bie f ürft^ 
lid^e aiuöjeid^nung ber Sod^ter mit l^armlofergreube 



252 



gefeiten, ©milia l^at ©inbrüdc empfangen, bie burd^ 
baß ntütterlid^e SBol^Igefaßen t)erftärft rourben, benn 
fie fielet mit ben 2lugen ber SRutter, ©inbrüde, t)or 
benen bie täterlid^e ©rjiel^ung fie beroaf)xt mffen 
moHte, unb fie empfinbet aud^ in ber ©eele beö 
SBaterö. ©o entfielet in ber ©titte ü)xt% ©emütl^ö 
ber erfte SBiberftreit weltUd^er unb frommer ®m- 
pfinbungen: ,,@§ erl^ob fic^ fo mand^er Tumult in 
meiner ©eele, ben bie ftrengften Hebungen ber 
SReligion faum in SBod^en befänftigen lonnten." 
Öier ift t)on feinem leibenfd^aftlid^, fonbern finblid^ 
empfunbenen ßonfßct bie SHebe, ber auf finblid^ 
fromme SKrt gebüßt unb befd^roid^tigt fein xoiH. 
©ie i)at erlebt, ba§ bie S^ubtx ber SBelt fie be^ 
ftridfen fönnen: barin beftel^t bie 9Kad^t ber SJer^ 
fül^rung, bie fie fürd^tet. @ö mar junäd^ft eine un- 
beftimmte ^Jurd^t, bie ben g^einb unb bie ©efal^r 
nid^t beutlid^ fielet, fonbern als jene unl^eimlid^e 
äWad^t meltlid^er Sodfung empfinbet, oor ber bad 
t)äterlid^e SBort unb bie ajlal^nungen ber Sfteligion 
fie ftetö geroarnt ^ahm. Slber als (Smilia in i^rer 
legten ©tunbe bem 3Sater jenes Selenntnife mad^t^ 
ftel)t, maö fie fürd^tet, mit erfd^redfenber Älarl^eit oor 
i^rer ©eele. SBaö ftird^tet fie? SEBaö §at fie erlebt. 



253 



baö il^r eine fo unerfd^ütterüd^e %nxä)t t)or bem 
Äeben einflöj^en fonnte? Sffiir muffen, um biefe 
l^rage ju töfen, auö ber Sßatur il^rer ©mpflnbung 
unb i^reö ©fiaratterö auf ben erlebten Sang ber 
2)tn9e jurüdbüden. 

9ln jenem 2l6enb im ißaufe ©rimalbi mar bie 
Jßeibenfd&aft beö ^rinjen entftanben, woraus greoel 
über g^reoel l^erDorgegangen finb: bie @ntmei{)ung, 
ber SKeud^etmorb unb bie ©ntfülirung! Unb 
^milia ©alotti fonnte bie ®inbrä(fe jenes Slbenbs 
mie einen lodfenben S<^\xb^ empfinben unb in fid^ 
f ortmirfen laffen ! ® er ^rinj l^at ifir feine Seiben^ 
f(^aft geftanben, unb fie fonnte auf ben SRat^ ber 
3Kutter, ein ju folgfames unb nad^giebiges Äinb, 
il^rem SBräutigam attes rerfd^meigen , frofi, baj3 fie 
im SBertrauen auf bie mütterlid^e ®infid^t jene t)er- 
llängifeoolle Begegnung für ju geringfügig l^alten 
burfte, um barüber ju reben. ©ie fiat gefd^miegen ; 
ber 2^ob 3[ppianis unb i^re ©ntfül^rung finb bie 
folgen. „3)er ®raf ift tobt, unb mar um er tobt 
ift! warum!" S^fet ift fie in ber ^anb bes 
Släubers, unb es l^at nod^ tbtn im ©d^Ioffe 2)ofaIo 
einen SKugenblidf gegeben, ber fie ju ben g^üfeen 
bes ^ßrinjen fal^, um SRettung xmb ©d^onung Pel^enb, 



254 



nod^ nid^t wiffenb, ba^ ber Sräutigam crf dalagen 
liegt, nod^ nx(i)t al^ncnb, baj3 ber 3Rann, tjor bem 
fie nieberfättt, il^r (Sntfül^rer ift, ber ben SKorb 
Stppianis gefij^cl^en liefe. 3l\m ift ifir aUeö entl^üHt, 
unb fie erfennt ben Slbgrunb, oor bem fie fielet, 
unb biö tool^in eine aSerblenbung, bie fie als ©d^ulb 
empfinben mufe, fie gefül^rt l^at. ©in einjigeö SKal 
i)at fie in baä glanjenbe Seben geblidt, baö il^r lod cnb 
unb l^errlid^ entgegenftral^lte, fie war wie geblenbet 
unb brandete ^di, um burd^ il^rc ^römmigfeit ben 
erften 3lufrul^r il^rer ^pi^antafie ju befämpfen. Sin 
il^rem ^od^ jeitömorgen , mitten in ber Slnbad^t bed 
bes ©ebetö, mufe fie erleben, bafe bie glamme 
einer glül^enben, fünbl^aften fieibenfd^aft nad^ il^r 
jüngelt; entfefet fliel^t fie jur 3Kutter unb läfet fid^ 
glauben mad^en, ba§ es feine g^lamme, nur ein 
paar flüd^tige g^unfen aus ber ©iranbola ber gldn^ 
jenben SBelt waren, ©ie fd^raeigt unb läfet baö 
f^euer ben SBeg be§ 58erberben§ gelten. 5piöfelid^ 
t)ern)anbelt fid^ bie lad^enbe SBelt vor il^ren Slugen 
in einen 5ßful^l von SBerbred^en, in eine iQöHe, bie 
nad^ il^r greift. S^r ©elbfttjertrauen ift biö ins 
Snnerfte erfd^üttert. 6s fönnte ja fein, bafe biefe 
ÖöHe fid^ wieber in eine lad^enbe SBelt oerwanbelt. 



255 



bie fie von neuem entjüdt, wie an jenem Slbenb 
im Saufe ©rimalbi: bann ift fie nid^t mefir ein 
unfd^ulbigeö Äinb, fonbem ein t)erlorened ©efd^öpf ! 
Unb in bief ed fiauö fott fie jurüdEf eieren ! 9?ad^ ber 
erften ©rfal^rung, bie fie an fid^ felbft gemad^t l^at, 
l^ält fie jefet fid^ nid^t für gerüftet unb fällig, eine jroeite 
^robe ju beftel^en. „3d^ l^abe 35lut, mein SSater, 
fo jugenblid^es , fo warmes Slut ate eine. Slud^ 
meine ©inne finb ©inne. 3d^ ftel^e für nid^tö. 
3d^ bin für nid^tö gut. 3d^ fenne baö öau§ ber 
(Srimalbi. 6ö ifi baö ^aM ber greube." ^ier 
nad^ bem erlebten no($ einmal einen aWoment ber 
greube ju erleben, erfd^eint il^r afe ber SSerlufl 
il^rer ©eligfeit. 3)ie Swgenb ift fein SBäd^ter ber 
©inne. 3)ieö ift bie ^urd^t, bie fie befällt, unb 
bie fid^ nimmermel^r erfüffen foH. „©ie ift bie 
gfurd^tf amfte ynb bie ®ntf d^loffenfte il^reö ®ef d^led^tö," 
fagt il^re aWutter : „Sl^rer erften (Sinbrüdfe nie mäd^tig, 
aber nad^ ber geringjien Ueberlegung in alles fid^ 
finbenb unb auf alleö gefaxt." Äeinen ©d^ritt in 
baö ^an^ ©rimalbi! Site fie biefen SRamen l^ört, 
erft in biefem aWoment »tommt il^r ber ®ntfd^lu§ 
ju fterben mit untoiberftel^lid^er ©eroalt, ed gilt bie 
SRettung ber ©eele von bem aSerberben auf eroig. 



256 



„3lxä)t^ ©(j^Umtncreö ju ocrmeibcn, fprangen Xan- 
fcnbe in bic glutl^en unb finb ^eilige! — @ei>en 
©ie mir, mein Sßater, geben ©ie mir biefen S)old^". 
®milia ©alotti fielet fid^ in einer fo brangtjotten 
Sage, ba§ il^r ber freiroittige ^ob als ber einjige 
Sluöroeg, als bie einjige aRöglid^feit il^rer ©eelen^ 
rettung unb barum alö eine religiöfe 5ßflid^terfüIIung 
erf(j^eint. ®ö ift für nn^ fo wenig, als für jie 
felbft, eine ju erörternbe g^rage: ob fie Siedet l^at, 
ob il^re SBorfteffung fird^lid^ correct ift ober nid^t? 
@ö ift il^r perfönüd^er ©laube, ber in biefem aWoment, 
Too fie feine irbifd^e ^ülfe mel^r fielet, mit unroiber- 
ftel^Üd^er (Seroalt il^ren SBiUen ergreift unb il^r 
juruft: „3n einer fold^en ©ef^l^r gibt eö nur eine 
fold^e SRettung! glüd^te beine ©eele ju (Sott!" 
3d^ fage auöbrüdflid^ : in biefem aWoment, ber 
nad^ allen tjorl^ergel^enben bie ©ituation bergeftalt 
perengt l^at, bajs jebe anbere Söfung auögefd^Ioffen 
fd^eint unb fd^einen mu^. 9Wan bead^te tooI^I bie 
5ßräcifion meineö 3luöbrudö unb laffe fid^ biefelbe 
in ber Seurtl^eilung xmferer gefammten 2^ragöbie 
jur bur(^gängigen SRid^tfd^nur bienen. 833enn in 
ber Äette beö tragifd^en ßaufalnejuö überaß baö 
Ungefäl^r auögefd^Ioffen fein unb atteö fo gefd^el^en 



26t 

-zr" 

foff, ba§ c§ nid^t anbcrö gcf d^el^cn f onnte : f o tttu§ 
aud^ jebe tragifd^e ö^nblung iJircn (f/txi^yx bcfiintmtcn 
3ettpunft l^abcn. SBa§ nid^t jefet gcfd^iel^t, untcr^^ 
bleibt für tntmcr ; ber einmal verlorene 3Koment ift 
untoieberbringlic^ t)erIoren. 3Baö gefd^iel^t, gefd^iel^t 
\t%i ober nie! 3eber 3Woment ift gefettet an bie 
t)orl^ergel^enben unb binbet bie folgenben. ®ö gibt 
in ber S^ragöbie feine Opportunität, feine fo be^ 
bäd^tige SBal^l unb günftige Sage ber 3^itpunfte, 
bafe alle fd^limmen golgen ber ißanblungen roeislid^ 
üerl^ütet werben : feine 3^itpunfte, bie man erwartet, 
wie bie bequemen ©pajiergänger bas gute Sffietter. 
S)ie tragifd^en Seibenfd^aften gelten nid^t fpajieren, 
fie finb eilig unb. I^aben feine '^txi ju t)erlieren, 
wie ber ^ßrinj baö S^obeöurtl^eil ungelefen unter:= 
fd^reiben will, wxa fd^netter in ®milien§ Ställe ju 
fein. ®ie 3^^ in ber X^ragöbie ift furd^tbar, 
wie ba§ ©d^idffal felbft, unb id^ fenne fein Brauers 
fpiel, worin mir biefe gurd^tbarfeit fo eingeteud^tet 
l^ätte, wie l^ier, feines, worin jebe ^anblung unb 
iebe Unterlaffung fo wie l^ier an il^ren 3^ttpunft 
gefettet wäre. S)ieö gilt aud^ t)on bem aWoment, 
worin ©milia ben ©ntfd^tu^ ju fterben faßt; aud^ 
oon bem äugenblidf, worin Dboarbp fie tobtet. 

ft u n Sf i f d^ e T, ®. (S. Sefflng. I. 17 



258 



©abiird^ wirb bic SRotl^ttjenbigfcit ber ipanblungen 
nxä)t abgeminbert, fonbern in SBal^rl^eit erft tdoU- 
enbet. 

Scffing l^at -unö ben G^araftcr feiner ©milia 
©alotti baburd^ fo rodf)v unb rü^renb gefd^übert, 
bat ^^ ^^^^ 3latax unb ©emütl&öart noä) fo finb^ 
lid^ unb in einem geroiffen ©inne unentfaltet 
fein läßt, ©troaö ntel^r 83Belterf al^rung , unb fie 
würbe bie erften ®inbrä(fe leidster bewältigen unb 
bie aSerfud^ungen ber 3Belt weniger fürd^ten, aber 
bann wäre fie nid^t mel^r ©ntitia ©alotti, nid^t 
mel^r, wie ber SRaler fagt: „biefer ©ngel". 
3)arum burfte ber weife 3)id^ter il^r aud^ nur einen 
eng bemejfenen bramatifd^en ©flielraum gewäl^ren: 
fie erfd^eint nur in wenigen Sluftritten, in feinem 
einjigen SÖlonoIog, worin fid^ innere SBorgänge 
unb ©eelenfämpfe »erratl^en fönnten, bie eine 
größere aWad^t unb g^reü^eit ber SlefleEion, eine 
größere ©eI6ftänbig!eit eigenen inneren ßebenö 
t)orauöfefeen würben, afe ©milia ©alotti l^at unb 
liaben barf. 3n il^rem ©emütl^ ift nid^tö ©erborgen, 
was fid^ nur in einem ©elbftgefpräd^e offenbaren 
liefee. Slm wenigsten eine Seibenfd^aft für ben 
^rinjen! ®ie l^ingeworfene Semerfung ©oetl^eö 



259 



l^ättc man in biefcm %a\l nxd)t jur SBcifung nel^mcn 
unb in Sommcntaren ausbeuten foHen, bie auö 
bem S^rauerfpiel Seffingä einen elenben Sioman 
unb aus ber ©milia ©alotti eine gigur mad^en, 
bie wie ber erfte perunglürfte SSerfud^ jur ©rfinbung 
einer fogenannten probtematifd^en SRatur auSfielit. 
3lic^tS ift falfd^er. ®ine problentatifd^e 3latur er= 
lebt leine fold^e 2^ragöbie, ift fein fold^er ©l^arafter, 
l^at feine fold^e gurd^t unb feine fold^e ®ntfd^Ioffens 
l^eit! 3)aju geprt eine einfädle, ben gamilien:^ 
tugenben nid^t entwad^fene, im ©tauben unb in ber 
5ßietät feftgenjurjelte Sinnesart, bie im ßonftict mit 
bem SSerberben ber Söclt fid^ bel^auptet unb lieber 
im Slrm bes SSaters fterben, als von ben SBurjeln 
ilireS S)afeins losgeriffen fein mitt. 

^ören wir bod^ fieffing felbft, mie er fid^ über 
ben ©l^arafter ber ßmitta ©alotti brieflid^ feinem 
SBruber gegenüber äußert, ber in ber S^itelroHe beS 
StüdEes (jnjar feine fieibenfd^aft für ben 5ßrinjen 
entbedft, aber) ben 9JiangeI an bramatifd^er X^aU 
fraft unb befonbers an jeitgemäfeer 3lufftärung 
gerügt l^atte: was werben ju einer fold^en gröm- 
migfeit nod^ baju fatl^oÜfd^er 3trt bie berliner 
fagen? Uebrigens fannte ber ©ruber bamals no(^ 



260 



nid^t ben ©d^lu§ ber S^ragöbie unb natim feinen 
5Cabel jurücf, alö et benfelben gelefen. S)cr ©id^ter 
erroiberte: „SBcil bad ©tücf emilia l^eifet, ift eö 
barum mein SSorfafe geraefen, ©mitten ju bem i^er^ 
t)orfted^enbften ober au^ nur ju einem J^eroorfted^em 
ben ©fiarafter ju mad^en? ©anj unb gar nid^t". 
^,S)ie jungfräuUd^en Heroinen unb ^l^ilofopl^innen 
finb gar nid^t na(^ meinem ©efd^madf. 3d^ fenne 
an einem unt)erl^eiratl^eten 3JJäbd^en feine l^öl^eren 
Sugenben, afe grömmigfeit unb ©el&orfam". 

®iefe 3;ugenben finb eö, bie ©mitta ©alotti 
fo furd^tfam unb fo entfd^Ioffen , Jo roittenöfd^toad^ 
unb fo roiHenäftarf mad^en: fo fd^raad^, ba§ fie, 
^,ber erften ©inbrüdfe nie mäd^tig", ju einem ge^ 
ringen SBiberftanbe bie Äraft nid^t finbet ; fo ftarf, 
ba§ fie bie Äraft ju bem legten unb äufeerften 
833iberftanbe, bie Äraft ju fierben, nid^t erft fud^t, 
fonbern befifet. S)aö Äinb, baö juerft feinen 
anberen aSiUen l^at, als ben ber 3Rutter, vex^ 
mag julefet ben beö fo oiel ftärferen SSaterö ju 
beroegen unb bem ifirigen ju untermerf en : il^rem 
SBiUen, ben feine SBad^t baju bringen foff, in 
eine SBelt jurüdfjuf eieren , beren pertodfenbe ©in« 
brüdfe fie ein aWat empfunben> beren innerfte aSer« 



261 



borbenl^eit jic erlebt unb völlig erfannt l^at. Utib 
bieö TDäre feine S^ragöbie, bie ganje ©eele ju er- 
f füttern? 

,,SlBol^l mirl SQSol^I mir! 3lnn bin id^ in 
©id^erl^eit!" — ift ber erfte SÄuöruf, womit fie 
ejrfd^eint unb in bie äCrme ber SRutter ftürjt. SB o 1^1 
mir! 3Bol^l mir! 3tnn bin id^ in ©id^erl^eit: 
baö ift il^r lefeter ©ebanfe, wie fie bie oäterlid^e 
fianb füfet, bie i^r ben^^ob gegeben unb bie Siofe 
gebrod^en l^at, el^e ber ©türm fie entblättert. 



®. C ftffm 



afö 'Reformator ber bcuffcftcn ^itexaiux 



bargeftellt 

■ 

toon 



^ttttO ^xf^tx. 



^weitet CIietL 
5flatl^an bet SBcifc 



3>r{ffe ften Btax^tiiett JtiifCitae. 




iT^l.r)^-^X^ff. 



aSerlag ber 3f. ®. ßotta'fd^en Sud^^anblung. 

1881. 



$)tu(i t)on ®et>rttber ArÖner in ^tuitgatt. 



'i'orßemerRitnö- 



S)ic neue ätuflage biefer ©d^rift l^at mir ben 
TOttHornnfenen 3lnlaj3 üerfc^afft, ntand^erlei Sebenfen 
unb ©inioürfen, bie mber Seffingä ©ebid^t unb 
meine Sluffaffung neuerbingä l^eroorgetreten finb, 
ju begegnen. 3d^ l^abe nun bie „ßntftel^ung unb 
©runbibee" unfereä SEBerfe in einer befonberen 
2lbl^anblung auöfülirlid^ entroidfelt, bie id^ meiner neu 
bearbeiteten ©(^rift ate erften 2lbfd^nitt einfüge. 

^eibelberg, 5RoDember 1880. 



Sn^an. 



erftcr SlBfd^nitt. 
cSnfffcQung itnb g>r]ttibi6ee. 

Seite 

S)ic tl^cologifd^ctt ÄönH)fc ... 3 

1. eine ^Parabel 11 

2. Sitte, ^Äbfagunö unb tsiotnota 13 

3. antt=®oeac 18 

®te ^r^iel^UTtg beS ^enfd^engefd^led^tS 22 

1. (Staid^ung unb Offenbatung 22 

2 (5t aicl^unfiSftuf cn unb gfottfd^xitt ..... 27 

3. ^ie toal^re ^ulbung unb i^x ©egentl^eil . . 28 

4. ^ie ^^potl^efe ber ©eelentoanberung .... 31 

S)ic SfteimoutctQcfprad^c 36 

^ie ^axdbd t)on htn btei klingen \)ox Sefjtng ... 38 

2)te ülettung beS €atbanug 43 

2)te Umbilbung ber $axabel buvd^ Seffing. ^el^nlid^feit 

uvb ©onttoft 46 

1. 2)tc Ätaft bc8 9ling8 51 

2. %it »ebingung htx etBfd^ft 52 

3. 3)ic Unctfcnnbotfcit beS !Rtng3 53 

4. 2)cr ©ttcit unb ber SRid^ter . 58 

5. ^er (efd^etbene unb ber toeifere !Rtd^ter ... 67 
SeffingS SBerl^alten au ben pofttiüen 9leItgionen. 93or= 

rebe aum ^totl^an 71 



VI 
Stocitct SlBfd6ttttt. 

Seite 

^l^enta unb ^ang ber ^anblung 77 

3)ic tcltgiöfc 3Ölotit)itung bct (51^ato!tcte 88 

S)ct 5pattiatd6 93 

S)aia 100 

2)et 5tctn^cll^crt 106 

2)cx Äloftcrbrubct 118 

S)cr 2)cttoifd& 128 

Qalahin unb ©ittal^ 137 

^ai^an unb SRcd&a 157 



^ntjljljung und ^xnnhii^tt. 



«uno 5ifi*et, «. «. fitifliij. n. 



I. 

©d^ott in unf erer erftcn Slbl^anblung, aU Seffingö 
teforntatorifd^c Slufgabc unb Äraft barjufiellen war, 
l^aben wir gejcigt, rote biefer fritifd^c ©eift bcn Um^ 
fang unb bic XxaQweite feiner gorfd^ungen nid^t 
auf bie ©ebiete ber ^unft einfd^ränfte, fonbern aud^ 
ba§ ber Sieligion ju burd^bringen fud^te, immer 
baffelbe S^el vox 2lugen: bie Siatur unb ben Ux- 
fprung ber ©ad^e. @ö galt, bie Urquelle aller 
Sieligion, inöbefonbere ber d^riftlid^en, bie ®ntftel^ung 
ber üerfd^iebenen ©laubenöarten an^ bem SBefen 
unb bem ©ntroidElungögange ber SWenf d^l^eit , ben 
innerften Äern unb baö ©runbtl^ema be§ religiöfen 
Sebenö barjutl^un unb ju erleud^ten. S)er Äritifer 



tDcdte bcn S)id^ter. 3lud^ biefc ©infid^t foHte burd^ 
eine 2^at beö bramatifd^en ^oeten tjerförpert unb 
auf ber Sül^ne roelrtunbig gemad^t toerben. ®ö 
entftanb ein bramatifd^eö ©ebid^t neuer, tjermöge 
feiner Slufgabe von ben Sßorfd^riften ber SJramaturgie 
unabl^ängiger 2lrt: ,,3latf)an ber SBeife". 3)ie 
näd^ften SBorauöfefeungen, roorauö bie 3SoIIenbung 
beö SBerfe§ {)ert)orging , waren nid^t äftl^etifd^e 
g^orfd^ungen, fonbern tl^eologifd^e Unterfud^ungen 
unb kämpfe. 2Bie ber fiebeniäl^rige Ärieg ben ge- 
fd^id^tlid^en ^intergrunb ber 9Winna t)on Sarnlietm 
unb ber pflid^tlofe, im @enu^ oerlorene unb ge^ 
funlene 3)eöpotiömuö ber g^ürftenl^öfe be§ ad^tjel^nten 
Sal^rl^unbertö ben ber ®miHa ©alotti bilben, fo 
ftel^t bas S^itaÜex ber Slufflärung, baö SBort im 
^öd^ften ©inne genommen, ju SRatl^an bem SEBeifen. 
D^ne öiftorien ju fein, l^aben biefe S5id^ungen 
burd^ bie 3Betberpltniffe, t)on benen fie getragen 
ftnb, einen l^iftorifd^en unb eminent jeitgemäjsen 
6t)arafter. 

3n bem g^ortgange einer neuen unb enoeiterten 
g^orfd^ung, bie auf bie ©pod^e ber ^Reformation ge^ 
folgt toar, l^atte fid^ jmifd^en ben natürlid^en 3idU 
gionöbegriffen unb ber pofitit)en, fird^lid^en auf bie 



bibtifd^cn Dffcttbaruttgöurfuttbcn gegrünbeten ?lielu 
gion ein SBiberftreit cntmdclt, ber von bcr eng= 
Hfd^en ^pi^ilofopl^ie unter Sodeö gül^rung ergriffen 
unb ju einer förmlid^en B^^rid^tung ausgeprägt 
würbe ; bie franjöfifd^e ^pi^ilofopl^ie, Sßoltaire an ber 
©pi^e, betrieb bie ©ad^e ber beiftifd^en SlufKärung 
tt)ifeig unb ntad^te fie weltläufig unb mobern; bie 
beutfd^e, bie von iSeibnij unb SBolf l^erfam, er= 
fafete fie grünblid^, unb l^ier, in bem 5Baterlanbe 
ber SRef omtation , entfianb eine emfte unb tief^ 
gelienbe Sewegung. SSon beiben ©eiten fammelten 
unb fpannten fid^ bie ©treitfräfte, um bie grofee 
g^rag^ ber 5BernunftreIigion wiber ben pofitiüen 
®lanbm auszutragen unb ju entfd^eiben. 3)ie 
©id^erung beö aSernunftglaubenö l^atte ber bibeU 
lunbige unb fd^arffinnige ^. ©. SReimaruö, ^ro= 
feffor ber orientalifd^en ©prad^en in Hamburg, ju 
feiner perfönlid^en fiebenöaufgabe gemad^t. 3n il^m 
t)ereinigte fid^ bie beutfd^e unb englifd^e 3eitpl^iIofopl^ie: 
SBoIfö aRetapl^pftf unb SCinbafe SReligionölel^re. ©ö 
war feine unerfd^ütterlid^ fefte Ueberjeugung, baft 
bie ißeiteroal^rl^eiten allen SKenfd^en jugänglid^ 
unb einteu(§tenb fein müßten; bafe bie SBeiöl^eit 
unb ©ered^tigfeit ©otteö fid^ in einem gefeftlid^ vo\l' 



fommcn georbnctcn SEBettall offenbare, rodä)e& nad^^ 
trägUd^e Sorrecturen lieber bebürfe no($ julaffe, 
bal^er jebe Slrt übernatürlid^er ©ingriffe unb aSunbet 
Don fid^ audfd^Uege. @ine fold^e rein beiftifd^e 
©otteös unb SBeltanfiiä&t n)iberfpraiä& ber geoffen^ 
barten, biblifd^en unb fird^lid^en Sleligion. Sene 
ju begrünben, mu§te SReimaruö biefe roiberlegen 
unb bie ®laubu)ürbigfeit ber biblifd^en Urfunben in 
Slbrebe ftetten. ®r l^atte ju biefem S^edf int Äauf 
ber 3<^l^re ein umfaffenbeö, in bie Unterfud^ung 
be« gefammten Äanons eingel^enbeö 3Ber! unter 
bem 2:itel: „Stpologie ober ©d^ufefd^rift für bie 
t)ernünftigen aSerel^rer ©otteö" ©erfaßt, bog er ju 
Derfd^iebcnen aWalen umorbeitete unb erft ein 3al^r 
vox feinem ^obe üollenbete (1767). 9tur bie 
wenigften, üertrauteften ^reunbe fannten bad SBerf 
unb feinen Snl^alt. Sieimaruö liielt es forgfältig 
gel^eim, benn er f diente fid^, einen ©treit ju be^ 
ginnen, beffen ©röfee unb ^eftigfcit er ooraudfal^; 
er njottte um feiner religiöfen tteberjeugungen 
toiCen roeber berül^mt nod^ oerfolgt werben unb fid^ 
unb anberen bie 33eunrut|igungen erfparen, weld^e 
bie Verausgabe eines fold^en SBerleö jur unoer* 
meibUd^en golge l^aben mn^te. 



Scffing, ber in Stcintatuö' lefetem SebenÄjol^r 
nad^ Homburg (ant^ lernte hnxü^ beffen @ol^n unb 
%o(i)tex, mit weld^er leiteten (®Ufe Sieintarud) er 
fid^ innig befreunbet l^atte, bie verborgene ©^rift 
fennen unb t)eröffentli(i^te barauö in ben ^ofycen 
1774—78 eine 3leil^e »rud^flücfe, ate ob fie aud 
ben l^anbfd^riftUd^en ©d^ä^en ber 3BolfenbüttIer 
Sibliotl^ef fönten, bie feiner Seitung anoertraut 
toar. 35ie t)eröffentUd^ten Slbfd^tiitte l^ie^en ,,bie 
SBoIfenbüttler Fragmente", ber unbefannte SSer^ 
faffer ging unter bem 9ianten ,,ber SBolfenbüttler 
^agmentift". 2)ie SBrud^ftüde erregten ein (xf)n^ 
lid^ed Sluffei^en unb ©ntfefeen, ate ein Sal^rl^unbert 
voriger ©pinojas tl^eologifd^-potitifd^er ^ractat unb 
in unferer ^dt baö Seben 3efu t)on ©trau§. 

3Rit ber ©runbanfd^auung beö fjragmentiften 
n)ar fieffing feinedn^egs einoerftanben unb l^atte bie 
int Saläre 1777 oeröffentlid^ten Slbfd^nitte nid^t blod 
}um ©d^ein mit feinen ©inmürfen begleitet. 6r 
wollte bie offene, rüdfl^altlofe 5ßrüfung b.er ©ad^e 
l^erbeifül^ren. S)enn er fal^, ba§ bie B^t gefommen 
toar, um eine ^ta^t, bie feitbem bie tl^eologifd^e 
unb l^iftorifd^e ^ortfefeung aller SWd^timgen be^ 
fd^äftigt l^at, auf bie. S^ageöorbnung ber miffem 



8 



fiä&aftßd^en Utttcrfud^ung ju bringen: bic Wtifd^c 
^agc nad^ bem Urfprunge unb ber ©ntftcl^ungfiart 
bcr biblifd^en ©d^riftcn. 

einige ber im Saläre 1777 t)eröffentli(i^ten Srud^* 
ftüdfe, namentlid^ bie von ber ©laubwürbigfeit bet 
biblifd^en Offenbarung unb ber äuferftel^ung 3efu, 
entjünbeten ben ©treit, bcn ein lutl^erifd^er ^rebiger 
in Hamburg, SUleld^ior ®oeje, mit befonbers 
l^eftigem ®ifer ergriff unb fortfül^rte, meniger jur 
SBiberlegung beö g^agmentiften , bie Seffing felbft 
gemünfd^t unb l^erauögeforbert l^atte, aU jur aSer= 
bammung fowol^I beö Sßerfafferö afe beö ^erauö^ 
gebers. 6r erflärte bie gragmente, meil fie ben 
©d^riftglttuben befämpften, für religionööerberblid^ 
unb ftaatögefäl^rlid^ ; er warf bem Herausgeber t)or, 
bafe er fi(j^ ber SCl^eUnal^me an biefen %tevdn 
fd^ulbig gemad^t unb bei bem ©inbrud^ in bie Heilig^ 
tl^ümer beö (äianitn^ bie SRotte beö Heikler« ge? 
fpielt l^abe. 

©afe . ber Hamburger ^auptpaftor ben bibet 
gläubigen ©tanbpunft ber lutl^erifd^en Drtl^obosie 
einnal^m unb unbebingt aufred^terl^alten moffte, mar 
fein gute« l^iftorifd^e« 9led&t, beffen SBal^rung ämt 
unb tl^eologifd^e Siid^tung il^m ate ^flid^t erfd^einen 



9 



tiefen. 9lu^ ifl ber @m{i unb bie 9(ufrt<]^tig{ett 
feiner ©cfinnung faum ju b^tueifeln. aber ber 
©laubenöeifer, beffen ^eftigfeit burc^ ben SWangel 
ber ©rünbe aDemal oerftärft unb fanatifd^ erregt 
wirb, ma^te ü)n fo blinb unb erbost, ba§ er ben 
aSerfaffer ber Fragmente von bem Herausgeber ni($t 
ju unterfd^eiben raupte, ben ©tanbpuntt wie baä 
2^errain unb ben Äem ber ©treitfräfte Seffingö 
gar nid^t erfannte, fonbern ins SBefen tiinein pot 
terte unb aSorwürfe auf SSorroürfe, aSerbä(ä^tigungen 
auf 33erbäd^tigungen l^äufte. S)ie 5Born)ürfe waren 
falfd^, bie a3erbä(|tigungen boöl^aft, bie Stbfid^t ber= 
felben nii^tßroürbig. S)aö ßnbe lonnte fein anbereö 
fein, afe eine für ©oeje t)erlorene ©i^Iad^t. ©r 
l^atte ben Äampf fo gefül^rt, bafe ber Unroertl^ feiner 
^olemil, aud^ ber perfönlid^e, unb bie ©d^roäd^en 
feines ©tanbpunlteö, aud^ bie fad^Ud^en, offen t)or 
aOer SBelt lagen unb ber unoertUgbare ©inbrudE 
baoon mit junel^menber ©tärfe fortgewirft l^at bis 
l^eute. 2)iefe SRieberlage, bie bamals in ber ^ßerfon 
bes Hamburger ^aftors bie ©ad^e unb bie 5ßolemiI 
bes ortl^obo^en Suti^ertl^ums erlitt, mar Seffings 
folgenreid^e 21^at, bas aSerbienfl jener berül^mten 
©treitfd^riften, bie in ber erften Hälfte bes Sal^res 



y 



10 



1778 etf<]&ienen unb 8einöl^ttH(i& inagefamtnt „Sinti* 

• 

®oeje" genannt werben. 3)urd^ bie Sebeutung 
unb g^affiing ber ©treitfrage, bie Xxaqxodtt ber 
Unterf ud^ung , bie fttdfte, bie Seffing inö gelb 
filierte unb bie nur il^m ju ©ebot ftanben, finb biefe 
©d^riften einjig in il^rer Slrt unb gel^ören ju ben 
erl^abenften Seiftungen auf bem ©ebiet ber gefamm? 
ten polemifd^en Literatur. 6§ ift überl^aupt fetten, 
bafe ©treitfd^riften eine fortbauernbe SBirfung auös 
üben, bafe fie leuchten be ^l^änomene finb unb, 
wenn fie e§ finb, bleiben. S)ie meiften finb 3laud& 
unb tjerraud^en fel^r fd^neE in ber bewegten litera^ 
rif d^en 2ltmofpl^äre ; eö finb bie f leinen Sefriebigungen 
einer perfönlid^en unb eitlen ©treitluft, bie ol^ne 
@egenftanb unb Talent @clat mad^en möd^te mit 
einem ©eroel^r ol^ne ßabung, wie bie Änaben, menn 
fie Sü^i^^ütd^^n abbrennen. Um burd^ ©treit^ 
f d^riften epod^emad^enb ju wirf en , mu§ ein xo i 6)^ 
tigeö Dbject, baö unter bie l^errfd^enben SBläd^te 
be« 3^ttalterö jäl^lt, in feinen 2:rägern bergeftalt 
getroffen, in feiner inneren Unwal^rl^eit bergeftalt 
erleud^tet werben, bafe von biefem Slugenblid an 
fein Slnfelien in ben äugen ber SBSelt erfd^üttert 
baftel^t unb einen unwieberbringlid^en moralifd^en 



11 



SBerluft baDonträgt. ©d^riftcn von fold^cr SBirfung 
ftnb polcmifd^e S:^l^aten, toeld^e bic ©ad^c, bie 
fie befäirtpfcn, juglcid^ rid^ten unb über ben SBertl^ 
bcrfclben in bcm Urtl^cilc ber bcnfenben 3Bclt einen 
unroiberruflid^en Umfiä^toung lieroorbringen. SBirfc 
ungen biefer 9lrt l^aben ^ßaöcals ^romnjialbriefe 
gegen bie Sefuiten, Seffingö ©treitfd^rtften toiber 
@oeje unb baö im Sud^ftabenglauben erftarrte 
Sutl^ertl^um feiner Seit gel^abt: baß jefuitifd^e 
©^ftem wirb feit ^aöcate Sriefen ntit anberen 
Singen gefeiten, aU je vovi)ex; baffelbe gilt t)on 
bem ort^obojen Sutl^ertl^um oor unb nad^ bem Sintis 
Ooeje. 

Seffingö ©treitfd^riften waren burd^ (Soejeö 
aingriffe l^erauägeforbert raorben unb entftanben im 
SBege einer notl^gebrungenen SBertl^eibigung. 3lber 
feine planmäßige, in üoffer g^reil^eit biöponirenbe 
Äunft l^ätte bie Drbnung berfelben beffer anlegen, 
rid^tiger bered^nen, effectooller auöfül^ren fönnen, 
ate l^ier ber ersroungene ®ang ber SDinge eö mit 
fid^ brad^te. SBir fennen bie 50lannid^faltigfeit 
ßeffingfd^er ©treitlräfte. aSon jeber 2lrt erfd^einen 



12 



fte auf biefcm Äampfpta^. 2)aö aSorfpiel mad^t 
^,®tnc ^Parabel". 3n bem ©croanbe einer tief= 
burd^bad^tcn, in jebem Buge treffenben unb fpielenb 
erjäl^lten grabet erlennen wir baö ^Programm, xoeU 
d^es fieffingö retigiöfe unb tl^eologifd^e Orunban? 
fd^auung enthält: ben Äern ber ©treitfragen unb 
ben ilern ber Söfung. Site er [ie fpäter mit feiner 
©rflärung befonberö l^erauögeben njollte, bemerfte 
er in bem @ntn)urf ber SBorrebe: „3)iefe 5ßarabel 
ift nid^t ba§ ©d^led^tefte, roa^ id^ gefd^rieben." „3d^ 
l^abe fie beftimmt, bie ganje ©efd^id^te ber d^rift* 
lid^en 3leIigion barunter barjufteHen." 

®ie ©treitfragen betreffen baö Sßerpitnife 
jroifd^en ^Religion unb SBibet; bie Söfung befielet in 
ber rid^tigen Unterfd^eibung beiber, womit jugleid^ 
bie fd^riftgelel^rte bibelgläubige 2;i^eologie unb bie 
fc^riftgelel^rte bibelungläubige Äritil an il^ren Drt 
geftellt werben: jene ift afe fold^e eben fo wenig 
bie Segrünberin unb SBäd^terin ber ^Religion, als 
biefe bie 3^^ftörerin berfelben. . Um im Silbe 
ber 5ßarabel ju reben: bie SReligion ift ber alte 
mol^nlid^e unb bewol^nte Äönigöpalaft mit feinen 
Dielen Oemäd^ern, ein S3au t)on ganj unermefetid^em 
Umfang, t)on ganj befonberer Slrd^iteftur ; bie biblis 



13 



fd^en Uriunben [inb bie ©runbriffc, bie von bcn 
etftcn Saumciflcrn bcö 5ßalaftcö l^crrül^rctt; bie 
fd^ttftgclcl^rten bibclgläubigen S^l^cologen woffcn 
Äenncr t)on Slrd^iteftur fein unb ftrcitcn mit ftcnncrs 
mienc über ben Sau beö ^alafteö, immer bie ©runb^ 
riffe in ber ^anb, bie fie am 'beften ju üerftel^en 
meinen unb auslegen jeber nad^ feinem belieben. 
3)al^er ftreiten fie ol^ne ®nbe. ©obalb aber jene 
alten SRiffe, n)aö l^öd^ft feiten gefd^iel^t, einmal untere 
fud^t ober fritifd^ beleud^tet werben, rufen fie : ,,ber 
^ßalaft brennt!" unb fud^en bie ©teile, mo er brennt, 
nid^t im ^alaft, fonbern auf bem ^Papier, feines^ 
wegö einig, n)0 fie ju finben. ©enau fo gefd^al^ 
ed, als einft um 3Ritternad^t mieber einmal g^euer- 
Idrm entftanb. ' „tteber biefe gefd^äftigen Bänfer 
l^ötte er bann aud^ roirflid^ abbrennen fönnen, ber 
^alaft, wenn er gebrannt l^ätte. Slber bie er^ 
fd^rodfenen SBöd^ter l^atten ein SHorblid^t für eine 
geueröbrunft gel^alten." 

S)ie 5ßarabel ift flar, aud^ il^re Slnwenbung 
auf ben gegebenen ^aQ, obn)o]^l fie nid^t blöd auf 
il^n gemünzt ift. ^as ungefäl^rlid^e 9lorblid&t finb 



14 



bie SBolfenbüttler Fragmente, einer jener „Kenner 
von Slrd^iteltur," bie fid^ raeber auf ben Sau noc^ 
auf ben ©d^ufe beö ^ßalafteß uerftelien, ift ©oeje. 
6r möge mit bem SBerfaffer ber g^ragmente flreiten, 
nid^t mit bem iö^ciuägeber, ber nur bie ?PfKd^t beö 
33üd^erfenner§ erfiflit l^abe, inbem er ein SBerf 
befannt gemad^t, bas burd^ fein Xi)tma, wie burd^ 
feine Sluörüftung mit ben SBaffen ber ©elelirfams 
feit unb be§ ©d^arffinneö bie l^öd^fte Sead^tung 
unb bie grünblid^fte SBibertegung uerbiene. ©ine 
fold^e SBiberlegung fei ©oejeö ©ad^e. 3ft eö il^m 
um bie ©ad^e ju tl^un, fo muffe er bem 3Kanne 
banfbar fein, ber bem defensor fidei eine fo wid^s 
tige 3lufgabe eröffnet. 3)ieö ift von fieffing nid^t 
ironifd^ gemeint, fonbeni in DoHem ©rttft. ®ie ©d^rift, 
bie einem ^aftor l^öd^ft glaubenögefäl^rlid^ erfd^eint, 
muffe ein Sibtiotl^efar für fo bead^tungömürbig 
l^alten bürfen, bafe er fie l^er ausgibt. „6in am 
bereö ift ein ^paftor, ein anberes ein Sibliotfiefar. 
©ie oerl^alten fid^ gegen einanber, wie ber ©d^äfer 
unb ber Äräuterfenner." ©o oerfd^ieben il^re Sn* 
tereffen finb, fönnen fi(^ beibe fefir mol^I »ertragen, 
unb ber ^ßaftor l^at, rool^lerroogen, ni^t ben min* 
beften ©runb, ben SSiblioti^efar ju be!ämpfen. Der 



15 



erftc ©d^ritt, TDomit ficffing ben Singriffen ©ocjcö 
begegnet, ift „95 ie Sitte", bie ber ^arabel folgt 
unb bcm ©egner ben frieblid^ften Stuöroeg öffnet. 
6r möge einfel^en, bafe er [\^ in ber Hnnal^me 
geirrt, Seffing mad^e mit bem Ungenannten njiber 
bie Sibel gemeinfame ©aiä^e unb erad^te bie ©in^ 
würfe beä lefeteren für unwiberleglid^ ; er möge 
biefen Srrtl^um eingeftel^en unb bamit ben ©treit 
enben, bevor er anfängt. „Dl^ne eine fold^e ©r^ 
Märung, efirwürbiger aJlann, mn^ x^ ©ie fd^reiben 
laffen, fo wie id^ ©ie prebigen laffe." 

33a nun ®oeje fortfäl^rt, ben Herausgeber ber 
Fragmente auf gleid^em g^ufe mit bem aSerfaffer ju 
nel^men unb ben festeren nid^t wiberlegenb, fon« 
bem rerHeirternb unb oerläfternb ju bel^anbeln, fo 
erfolgt „35äö Slbfagungsfd^reiben". „9Kann 
gegen 3Rann, ni6)t ©ad^e gegen ©ad^e ju fd^äfeen, 
fo war biefer Ungenannte beö ©ewid^ts, ba§ in 
aUer ärt t)on ©etel^rfamfeit fieben ©oeje nid^t ein 
©iebentlieil t)on il^m aufjunjägen Dermögenb finb." 
„©onad^ meine ritterlid^e 2lbfage nur furj: ©<^reis 
ben ©ie, Herr ^aftor, unb laffen ©ie fd^reiben, 
fo üiel baö ^tUQ l^alten miH: id^ fd^reibe aud^. 
aSenn id^ ^i^nen in bem geringften 2)inge, maft 



16 



mid^ ober meinen Ungenannten angelet, 9le(ä^t laffe, 
TOO ©ie nid^t SRed&t l^aben : bann f ann iö) bie gebet 
nid^t mefir rütiren." • 

Sefet eröffnet Seffing ben Äampf mit einem 
polemifd^en Programm, baö nid^t mel^r bie poetifd^e 
©prad^e ber grabet, fonbern bie ftitifd^e ber Xl^efen 
unb Seroeife rebet unb in einer SRei^e t)on ©ä^en, 
bie er „31 jiom ata" nennt, baö aSerl^ältnijs jroifd^en 
^Religion unb Sibet fefifteHt. ©elbft ben gatt ge= 
fefet, bafe bie ©inmürfe beö Ungenannten roiber bie 
33ibel unb ben Sibelglauben unroiberlegüd^ wären, 
fei baburd^ bie SReligion nid^t gefäfirbet. ^ier liegt 
ber ©d^werpunft ber ©treitfrage. Offenbar entl^dlt 
bie 33ibel mel^r ate jur 9tetigion gel^ört unb ifi in 
bem, roaö fie mel^r entl^ält, nid^t üon tben fo gut . 
tiger, unroiberfpred^tid^er SBa^rl^eit; bal^er finb beibe 
leine§n)egö ibentifd^: „2)er Sud^ftabe ift nid^t ber 
©eift, unb bie 83ibel ift nid^t bie SReligion." „golg* 
lid^ fxnb ©inmürfe gegen ben SBud^ftaben unb gegen 
bie 33ibel nid^t eben aud^ ©inroürfe gegen ben ®eifi 
unb gegen bie SieHgion." S)ie SReligion mar vox 
ber 33ibel, baö ©l^riftentl^um oor bem Sleuen S^efia* 
ment, geraume Sdt t)or ber äufjeid^nung ber 
frül^flen neuteftamentlid^en ©d^rift, lange el^e ber 



17 



ganjc Äanon ju ©tanbe fam. @ö l^at mitl^in eine 
3cit gegeben, tDorin baö ß^riftent^um war unb 
Derbreitet rourbe ol^ne 33ibel, eö mu§ bal)er itiög- 
Ud^ fein, ba§ e§ ju jeber 3ßit ol^ne biefelbe be= 
fielet; fonft wäre baö erfte 6^riftentf)unT feines unb 
baö Rrd^Iid^e, baö fid^ auf bie apoftolifd^e S^rabition 
unb bie ©laubenöregetn grünbet, aud^ feines. S5ie 
Sibel ift weber ber erfte nod^ ber alleinige ©runb be§ 
©laubenö, benn fie ift aud^ ber ®runb beö Un- 
glaubens unb ber S^rlefire: nid^t bloß bie red^t= 
gläubigen ^roteftanten berufen fid^ auf bie ©d^rift, 
fonbern aud^ bie ©ocinianer. „S)ie ^Reformation 
fam weniger baburd^ ju ©tanbe, bafe man bie 
33ibel beffer ju braud^en anfing, alö baburd^, ba§ 
man bie 5Crabition ju braud^en aufl^örte." „©o 
roenigftenö benfe id^, unbefümmert, mie fel^r fid^ 
ber ^err ^aftor barüber rounbert. 3d^ rounbere 
mid^ nid^t einmal, ba§ er fid^ munbert. S)er Fimmel 
erl)a[te uns nur nod^ lange in bem nämlid^en Sßcr? 
l^ältniffe: ba)3 er fid^ rounbert, unb id^ mid^ nid^t." 
2)ie Sibel ift nid^t Orunb unb Duelle bes ®lau= 
benö, t)ielmel^r t)erl^ält fid^ bie ©ad^e umgefcfirt. 
3lid^tS ift einfad^er unb einleud^tenber, als ba§ bie 
©laubenSurfunbe ben ©lauben t)orausfefet, t)on il^m 



18 



alletn abfiammt unb ade 3Bal^r|iett, bie fie bcfifet, 
nur aus il^m gef d^öpft l)at : an^ ber inneren SEßal^rs 
l^eit ber SReligion felbft. „ätuö il^rer inneren SBaJ^r- 
l^eit muffen bie fd^riftlid^en Ueberlieferungen erHdrt 
werben, unb äße fd^riftlid^en Ueberlieferungen fön- 
nen i^r feine innere SBa^rl^eit geben, wenn fie 
feine l^at." 

6ö muß bal^er erlaubt, ja in bem pcä^ften unb 
„objectiüen" ^ntereffe ber ^Religion felbft geboten 
fein, bie SReligionsurfunben ju prüfen, il^re ©laub* 
würbigfeit ju unterfud^en, atfo au($ ju bejweifeln, 
©inwürfe bagegen ju rid^ten, flare, offene, ununis 
wunbene ©intoürfe, o^ne ben ©edmantel ber lateis 
ntfd^en ©pra(^e unb ol^ne aHerl^anb üorfid^tige 
(Slaufetn. SEBenn e§ fid^ um bie religiöfe SBafirlieit 
l^anbelt, gilt feine SRüdfid^t auf fd^road^e Oemütl^er, 
biefe ©laubensfpreu, bie mit bem SBinbe treibt, feine 
auf bie ®mpfinblid^feit ber ^aftoren. Daö SRed^t, 
ba§ fid^ ßutl)er nal^m, unb bie ^Pflid^t, bie er er« 
füllte, als er bie Sibel in§ Deutfd^e übertrug, ent« 
l^alten im ©inne bes ^roteftantiömuö baö "31^^)1 unb 
bie ^Pflid^t ber »ibelforfd^ung unb öibelfritif, baö 



19 



uneingefd^ränfte^ barum öffentUd^ ju braud^enbe 
SRcd^t. SHefc protefianüfd^e ©laubcnöfrcil^eit in 
x\)xem genauen B^f^^iw^^^^^^^Ö ^tt bem proteftans 
tifd^en ©laubenöintereffe b. 1^. bem Sntereffe für 
bie rettgiftfe SBal^rl^eit felbft xoax jefet ju rertl^eibigen 
unb aufrecht ju l^alten, ba ©oeje in ben „^xtu 
miliflen Seiträgen" nid^t ablief, bie Fragmente unb 
beren Verausgabe afe aSerbred^en ju bel^anbeln, 
inöbefonbere bem Herausgeber „mittelbare unb um 
mittelbare feinbfelige Singriffe auf unfere allers 
l^eiligfte ^Religion" Dot^uroerfen. Deöl^alb fd^rieb 
fieffing feine „3?otl^gebrungenen Seiträge", bie er 
mit bem SRamen „Slnti^Soeje" bejeid^nete. 

2)ie biblifd^e 3^rage ifl bebingt burd^ bie reli^ 
giöfe. ®aö SRec^t, ©inwürfe miber bie biblifd^en 
Dffenbarungöurfunben ju madfien ift nod^ nid^t bie 
aWd^tigleit ber gemad^ten ®inn)ürfe. Ueber bie 
religiöfe ©laubroürbigfeit ber ©(^rift fann nur aus 
ber inneren SBalirl^eit ber 9ieligion unb be§ ©l^ri- 
ftentl^umS enbgültig geurtl^eilt werben. SBorin be^ 
ftelit biefe innere SBal^rl^eit? 2Bie unterfd^eibet fid^ 
bie malire ^Religion von ber falfd^en, ber ei^te 
®laube vom uned^ten? 33iö ju biefem entfd^eiben^ 
ben fünfte waren bie Streitfragen gekommen, alö 



20 



bie gortfülirung burd^ bic SJajroifd^cnfunft bcr 
öffcnttid^cn 2lutoritäten gcl^emmt wiirbc. ®ocje 
l;atte nid^t umf onft mit bem 9lcid^§t)ofratl^ gcbrotit ; 
ba$ ßonftftorium in Sraunfd^tDeig n)ünfd^tc bie 
©ad^e untetbrüdt ju feigen, baö SJliniftcrium bc§ 
Sanbeö entjog Seffing bic ßenfurfrcil^cit, fonfiöcirtc 
bie Fragmente unb verbot bie g^ortfefeung ber 
©treitfd^riften (^uni 1778). ©od^ liefe fid^ Seffing 
nid^t einfd^üd^tern, er fd^rieb nad& bem aSerbot nod^ 
feine „9löt^ige Slntroort auf eine fef)t unnötfiige g^rage 
beö ißerrn ^auptpaftorö (Soeje in Hamburg" unb 
beljielt f)ier ba§ tefete 9Bort, benn ber ©egner vet^ 
ftummte, ate „35er nötfiigen 3lntn)ort erfte e?oIge" 
erfd^ienen war. 

Söfitten in biefen Sebrängniffen unb unter bem 
®rud ber fd^roerften puölid^en ©orgen erroa^t in 
il)m, tt)ie eine ©ingebung, ber ©ebanJe an ein 
SBerf, baö er fd^on t)or melen Söl^^^n begonnen. 
3n ber S«ad^t t)om 10. jum 11. 2luguft 1778 fafet 
er ben ©ntfd^lufe, jefet biefe S)id^tung ju tjoßenben. 
2fn ber erften öälfte beö SRoüember mirb ber ©nt^ 
njurf in 5profa ffijjirt, bann beginnt fogleid^ bie 
metrifd^e Sluöfül^rung in fünffüßigen Jamben, im 
3Bärj 1779 ift „SRat^an ber SBeife" in feinet 



21 



gegenwärtigen g^orm üollenbet. 2)er Sibliotl^efar, 
ber öerauögeber ber ^agmente, bcr fritifd^e Genfer 
l^at fid^ nod^ einmal in ben bramattfd^en ^id^ter 
t)etn)anbelt. „Sd^ muß t)erfud^en/' fd^reibt er ben 
6. September 1778 an @tife SReimaruö, „ob man 
mid^ auf meiner alten Äanjel, auf bem 2^l^eater 
wenigfienö, nod^ ungeftört will prebigen laffen." 
3n einem fpäteren Srief an Sacobi nennt er ben 
SRatlian „einen (Sol)n feines eintretenben 2llterß, ben 
bie ^olemi! entbinben l^elfen." SDer ätuöbrudf ift 
treffenb. 2)enn erjeugt l^at biefen ©olin bie ?Pole- 
mif nid^t, unb ade, bie au§ bem gel^amifd^ten 
3lnti5@oeje fd^on ein ftreitluftigeö unb fatprifd^eö 
5Drama l^eroorgel^en fallen, fanben fid^^in ifiren 
Sefürd^tungen ober Hoffnungen glürflid^erroeife ge= 
täufd^t. „3d^ will meinem SBer! ben 3Beg nid^t 
felbft r>exi)amn, enblid^ bod^ einmal aufs S^l^eater 
ju fommen, unb wenn ed aud^ erft naö) liunbert 
Salären märe." ©eine 3)id^tung l^at ben ©ingang 
in baö Xlieater frülier gefunben, unb bie beutfd^e 
aSül^ne, eingeben! ber SBirfungen, bie fie „5Ratl^an 
bem 2Beifen" t)erbanft, l^ätte baö 2fubiläum biefeö 
SQBerte bereits feiern fönnen unb foffen. S8or bem 
eingang unb nad^ bem Sluögange ber ©treitfd^riften 



22 



mber ®oc}e, bie baö ißaiipttreffen bcr tl^eologifd^en 
Äämpfc Seffingö bitben, fielet eine ©id^tung: bort 
„&nt ^ßaraSel", l^ier baö grofee bramatifd^e ©ebid^t, 
beffen Äem aud^ eine 5ßarabel ift. 



IL 

^ie frsie^niig be$ p:etifi9^gefi9Mi^- 

^ Um in bie 2:iefe unferer 2)id^tung einjubringen, 
muffen wir Sefftngö religiöfen ©tanbpunft genau 
fennen. @r f)ält ed leineöwegß mit jener beiftifd^ 
gefinnten Sluf Körung, für roeld^e bie malere ober 
üernunftgemäße unb bie geoffenbarte, pofitioe ^Religion 
unoerföl^nlid^e ®egenfä|e bilben.* SDie 2lufflärung 
unb baö ortl^oboje ©pftem berttl^ren fici^ in einem 
fünfte, um fid^ von I)ier auf baö Sleujserfte abju« 
ftofeen. 33eibe bel^aupten, bafe aSernunft unb Dffem 
barung einanber t)öllig wiberftreiten unb aud ber 
aSejal^ung ber einen bie aSemeinung ber anbern 
unmittelbar folge. SBeil bie Sibel als baß geoffen^ 
barte 2Bort @otted ben aKein n^al^ren @runb bed 
Olaubenä außmad^e, barum fei atte SBemunftreligion 



23 



burd^aus falfd^ unb t)crbamntungön)ürbi9: fo ur= 
tl^cilte ©ocje. 333eil bie SBcrnunftreltgion mit i^rer 
natürlid^cn ©ottcöerfenntnift ben E^araftcr einfad^er, 
jcbcm ©cnfcnbcn cinlcud^tenbcn SBal^rl^ctt l^abe, 
barum fei bie biblifd^c SlcHgion, bie [xä) auf be= 
fonbere Dffenbarungen ©otteö, auf Sffiunber unb 
SBeiffagungen grünbe, voller Srrtl^um unb ^äufd^ung: 
fo urtl^eilte Steimaruö. 

Seffing verneint biefen ©egenfafe, roorin bie 
aSertreter ber Drtl^obojie unb Slufflärung befangen 
finb, unb nimmt gegen beibe ben überlegenen ©tanb= 
punft. SSemunft unb Offenbarung erfd^elnen nid^t 
mel^r in einem unauftöölid^en SBiberftreit, fobalb 
man nur bie enge unb naturwibrige Sßorfteffung 
aufgibt, monad^ beibe einmal für immer au§s 
gemad^te imb fertige 3)inge finb: jene afö natura 
lid^e ®r!enntnij3, biefe ate übernatürliches factum. 
Um il^r roal^res unb naturgemäßes aSerliältnife ju 
entberfen, mujs man feine Slnfd^auung fo meit er^ 
lieben fönnen, baß man auf ber einen ©eite me^r 
als einige Selirfäfee, auf ber anbern melir alö einige 
S:i(iatfad^en erblidt, baß man fie im ©roßen ju 
betrad^teh unb il^re SBege ju tjergleid^en im ©tanbe 
ift, nid^t bloß geroiffe ©tanbpunfte berfelben, bie 



2i 



man für ©nbjiete ^ält, md^rcnb fie nur ©tattonen 
inncrfialb i^rer SBcgc finb. 5Daö ift „bcr ^ügcl", 
auf bcn fid^ Seffing geftettt l^abcn roiff, „um ctroaö 
mcl^r atß ben oorgcfd^ricbcnen SEBeg feines lieuttgen 
2^age§ ju überfelien." „SEBarum wollen toir in 
allen pofittt)en ^Religionen nid^t lieber weiter nid^tö 
alö ben @ang erbliden, in weld^em fid^ ber menfd^s 
Ud^e aSerftanb jebeö Drtö einjig unb allein ent^ 
widfeln fönnen unb nod^ ferner entroidfeln foH, afe 
über eine berfelben enttoeber läd^eln ober jürnen? 
35iefen unfern ^ol^n, biefen unfern Unwillen oer« 
biente in ber beften SBelt nid^t§, unb nur bie 
,9tetigionen foHten i^n oerbienen? ©ott l^ätte feine 
^anb bei allem im ©piele, nur bei unfern 3^:- 
t^ümern nid^t?" 

S)ie SBernunft bebarf ber Offenbarung , benn 
bie SBal^rl^eiten merben nid^t mit bem natürlid^en 
9Renf d^en geboren, bie roiffenfd^aftlid^en fo wenig 
als bie religiöfen, bie ©rfenntnife ber 3)inge fo 
wenig als bie feines perfönlid^en ^eife; fie tnb 
fte^en unb entwidfeln fid^ allmä^Iid^ im Fortgänge 
beö SKters, ber gaffimgsfraft unb ber S5ilbung. 
liefen natürlid^en ©ntwidflungögang rid^tig leiten, 
ptanmäjsig beförbern unb ebzn baburd^ ol^ne jebc 



25 



3)reffur befiä^Icunigen, fici^t bic SDicnfd^en erjiel^en. 
S)er Toeife ©tjiel^er Ic^rt feinem SößKi^'s M^^ 
SfBal^rl^eüen, bie ber ©tufe feiner ©rfal^rung unb 
feines aSerftanbeö entfpred^en, er überliefert il^m 
J^öl^ere in bilbUd^en tjorbereitenben gönnen, er mufe 
i^m mand^eö uerfünben, roaö fid^ bem Sößting erft 
fpäter an^ eigenfter ©rfalirung unb ©infid^t beftfc 
tiflen roirb. gebe ©rjiel^ung ift ©d^ritt für ©d^rttt 
burd^ Dorauöfd^auenbe Slbfid^ten beftimmt, bie ber 
3ögling erfüllen foH, bie if|m erft fünftig einleud^ten 
werben, barum gegenwärtig nod^ nid^t einleud^ten 
fönnen. @r fd^reitet üorwärtö, von liöfierer ^anb 
fi(^er unb rid^tig geleitet: barum ift jebe ©rjiel^ung 
eine fortfd^reitenbe Offenbarung. 

®iefer ©afe gilt u)ie im ©injelnen fo im ©anjen. 
Slud^ bie 9Kenfd^l^eit ift in einer notl^wenbigen ©nt« 
roidflung begriffen, bereu ©tufen bie S^italter unb 
aSölfer finb unb beren gleid^jeitiger SBeltjuftanb 
fid^ in unenblid^ x)ielen Silbungöabftufungen bar:: 
ftettt. 2lud^ biefe ©ntroidflung im ©rofien l^at il^ren 
inneren Qxoed unb ^lan, ben fie erfüttt, unb ben 
nid^t menfd^lid^e SEBeiSl^eit unb Äunft, fonbern eroige 
göttUd^e ©efefee beftimmen. 3)ie entfd^eibenben 
ißauptftufen in bem großen ©rjiel^ungögangc beö 



26 



aRcnfd^cngcfd^led^ts finb bie 9lcIigionen, beten feine 
fttnfttid^ gemad^t n^irb, beten jebe, wenn tl^te 
3eit gefommen, mit einet gef(i^i(j^tli(ä^en unb et* 
l^abenen 5Rotl^n)enbig!eit etfd^eint, bie ifit ben ©l^a* 
taftet göttlid^et Dffenbatung giebt. 3)ie gefd^id^t* 
lid^en SReligionen finb geoffenbatt but<ä^ bie 3tot^^ 
wenbigfeit, mit bet fie entftel^en, roit butd^ bie 
Sltt il^tet aSetfünbigung unb SSetbteitung, benn fte 
gelten hnxS) SBetetbung t)on ©efd^led^t ju ©efd^led^t. 
,,aa3aß bie @tjiel^img bei bem einjelnen aWenfd^en 
ift, ift bie Dffenbatung bei bem ganjen SUfeufd^en^ 
gefd^Ied^t." „®tjiel^ung ift Dffenbatung, bie bem 
einjelnen aWenfd^en gefd^iel^t, unb Dffenbatung ifl 
©rjietiung, bie bem 9Renfd^engefd^Ied^te gefd^el^en ift 
4inb nod^ gefd^iel^t." 3Kit biefen ©öfeen beginnt 
Seffing feine ©d^tift: „35ie ©tjiel^ung beö aRen= 
fd^engefd^led^t«". e§ ift bie entmidflungögefd^id^t* 
Ud^e 3BeItanf d^auung , angemcnbet auf bie 9leU= 
gionen bet SBelt, inöbefonbete auf bie jübifd^e unb 
d^tiftlid^e, bie aus jenet l^etüotgel^t. @t l^atte bie 
etfte fiölfte biefet tieffinnigen ©c^tift im 3a^te 1777 
jugleid^ mit ben g^agmenten tjetöffentlid^t unb gegen 
eines betfelben getid^tet, baö bie Unmöglid^feit bet 
geoffenbatten SReligion im SMten J^eftament be* 



27 



weifen wollte; haö ganje SBerf erfd^ien in feinem 
legten Sebenöjal^r (1780). 3« We 3tt^if<ä^w?^t 
fäSt bie Sludfül^rung bed brantatifd^en @ebi(i^td: 
„yiat^an ber SaScife". 

©inb bie Sieligionen notl^roenbige @rjiel^ung«= 
unb ©ntoidlungöfhifen ber aWenfd^l^eit, fo ift jebe 
in il^rer 2trt bered^tigt unb jeber gegenüber eine 
gel^äffige Unbulbfam{eit im Unred^te. 9(ber aud 
eben bemfelben ®runbe finb nid^t aDe t)on gleid^er 
^Sf)t ber @infid^t unb Läuterung ; ed mug in einer 
®ntroidEtung niebere ünb l^öl^ere ©tufen geben, aud^ 
eine l^ö(|fie als reiffte grud^t unb ©nbjiel. aWit 
einer ©ewtpeit, bie jeben B^^f^I auäfd^lielst, fteßt 
unb beantwortet Seffing am ©d^lufe feiner ©d^rift 
biefe ^rage: „Ober foH ba« menfd^lid^e ©efd^led^t 
auf biefe l^öd^fie ©tufe ber Slufttärung unb 9leinig- 
leit nie fommen? 9lie? 3?ie? Sa§ mid^ biefe 
fiäfierung nid^t benfen, SlUgütiger! 3)ie ©i^iel^ung 
l^at il^r S^d : bei bem ®ef d^led^te nid^t weniger afe 
bei bem ©injelnen. 9Bad ei^ögen wirb, wirb ju 
6twaö erjogen." „3Baö ber Äunft bei bem ßin« 
seinen gelingt, foffte ber SRatur nid^t mit bem 



-28 



©an jcn gelingen? Säfterung! Safterung! SRein.: 
jte n)irb fommen, fle wirb gewiß lontmen, bie 3^ 
ber 3SoIIenbung, fie wirb gewiß fommen, bie S^xt 
eines neuen ewigen @t)angeliumö, bie un§ felbft in 
ben ©tementarbüd^ern be§ neuen 33unbe§ üerfprod^en 
wirb." „®tf) beinen unmerllid^en ©d^ritt, ewige 
aSorfel^ung! 3lur laß mid^ biefer Unmerflid^feit 
wegen an bir nid^t rerjweifeln. Saß mid^ an bir nid^t 
oerjweifeln, wenn felbft beine ©d^ritte mir fd^eincn 
fottten jurüdEjugelien ! @ö ift nid^t wal^r, baß bie 
fiirjefte Sinie immer bie gerabe ift. 35u l^aft auf 
beinenj ewigen 2Bege fo t)iel mitjime^men, fo Diel 
©eitenfd^ritte ju tl)un!" 

3. Sie mttl^xt 9ull»uttg tntli i^r <&t$tnt^t\L 

3luf bas aSerftänbniß ber religiöfen ©ntwidlung 
ber SWenfd&l^eit unb il>rer ©rjiel^ungöftufen grünbet 
fid^ jene 2lnerfennung beö ©laubenö unb feiner 
aSerfd^iebenl^eiten, in ber allein bie wal^re 3)ulbung, 
bie 2^ugenb ber 2;oleranj befielet: fie rul^t mit 
©id^erl^eit nur auf einer fold^en Orunblage religiöfer 
3Wenfd^enlentitniß. SBo bie lefetere fel^lt, jeigen fldj 
alle bie Untugenben, bie ber aJlangel jener ®infid^t, 
ber Unt)erftanb in ber Seurt^eilung beS religiöfen 



29 



Sebcnö ]^en)orbttngt. Raffen rotr bic Duette unb 
ben ßl^arafter biefer Untugenben ettoaö naiver ins 
äuge. ©ntiDeber fel^lt ber ©inn für bie SReügion 
überl^aupt unb bie SRatur i^rer Sebürfniffe, ober e§ 
fcl^It bie ©infid^t in bie 5Rot^n)enbigfeit il^rer ©nfe 
widlung unb bie baburd^ bebingte Sßerfd^iebenlieit 
ber Sieligionen, ober enblid^ eö fel)lt bie rid^tige 
Slnfd^auung t)on ber 3lrt unb ben ®rf orberniffen il^reö 
gortfd^ritts. So l^at ber Steligion gegenüber ber 
Unoerftanb brei gätte: er roeife nid^t, njaö fie ift 
unb im3Kenf(|en entioidelt, ex roti^ mä)t, ba^ fie 
fid^ entwidelt, unb nid^t, wie fie fid^ entroidfelt. 
3m erften ^att er fd^ eint atte Sleligion als 3rrtlium 
unb ^äufd^ung, als ber 3lberglaube ber Unbilbung, 
ben man oerad^ten bürfe, ol^ne fic^ im minbeften 
barum ju fümmern: in biefem 33ibung§bünlel 
beftefit bie falfd^e ^oteranj, bie 35ulbung an^ 
Oleid^gültigfeit, roeld^e bie SBelt täglid^ empfiel^It 
unb bie Seute im SBolilgefütil i^rer 9luf!tärung fi($ 
unb anberen ate 2^ugenb anred^nen. ©ie gel^ört 
roenigftens unter bie S^ugenben nid^t, oor meldte 
bie ©Otter ben ©d^meife gßfefet l^aben, benn fie ift 
baö fieid^tefte unb Sequemfte ber SBBelt : gebanfcnlofe 
©leid^gültigfeit gegen ben ©lauben ber 3Jlenfd^en 



30 



aud Unfenntiü^ unb @emüt^dptattl^eit. ^ petten 
gatt, ol^ne @inft<i^t in ben rcligiöfcn ©rjicl^ungögang 
bet 3Renfd^l^eit unb bie SRonnid^faltigfcit feiner STb* 
ftufungen, f)ält man ben eigenen ©lauben bergeflalt 
für ben affeinbered^tigten, bafe i^m flegenüber ade 
anberen ^Religionen ate l^eillofe Uebel erfd^einen, 
bie ju t)erabf dienen unb ju Demid^ten feien: in 
biefem ©laubenöbttnlel befielet bie falfd^e 3ns 
toleranj, ber Fanatismus ber Unbulbfamfeit. 3n 
bem britten %aü enblid^ wirb jwar bie Sfteligion 
bejal^t, il^re ©ntroidCIung betrieben unb il^r gort? 
f^ritt teibenfd^aftlid^ erftrebt, aber bie aBniäl^Hd^e 
unmerflid^e Statur be§ festeren nid^t geroürbigt: 
jener erjiel^enbe ®ang, „auf bem fo t)iel mitjunel^men 
ift, fo oiel ©eitenf(^ritte ju tl^un finb!" @o 
nrirb ber gortfd^ritt geroattfam befd^leunigt, einer 
nod^ unreifen ©egenroart aufgebrungen unb barum 
oerfe^lt: in biefem Sefferungöbünfel befielet 
bie ©d^roftrmerei, ber ^i^rtl^um beö oorjeitigen 
SReformatorö. „3)er ©d^roärmer tl^ut oft fel^r rid^tige 
Slide in bie Si^'fwnft, aber er tann biefe S^lunft 
nur nid^t erwarten/' ,,3Soju fid^ bie SRatur Sal^r^ 
taufenbe 3^^ nimmt, foll in bem äugenblid feines 
3)afeinö reifen." 



31 



4« fit fttTpotirefe ^tt ^ttltimnv^txnn$* 

%eimarud i)atte es ate ein Jtennjeid^en ber 
Tpal^ren SReligion geforbert, haji fie alten äWenfd^en 
einleud^tenb unb jugängüd^ fein muffe ; er tiatte 
f d^on beöl^alb bie bibKf<j^en SReligionen für unglaub* 
TOÜrbig erHärt, weil fie burci^ bie 2lrt ilirer Offen* 
barung unb ^eurlunbung ben ßl^arafter unit)erfeller 
©eltung auöfd^liefeen. 35erfetbe ®inn)urf trifft aud^ 
Seffingö Seigre von ber ©rjiel^ung bed aRenfd^en= 
gefd^lei^tö, von ber ©ntroidlung ber wai^ren 9le= 
ligion, roeld^e bie l^öd^fte ©tufe il^rer SBottfommens 
^eit, bie 3^it eineö neuen eroigen eüangeliumö erft 
foU erreid^en fönnen, nac^bem bie ©lementarbüd^er 
beö Sllten unb 5Reuen 2^eftament§ ausgelebt pnb. 
S)ann aber wirb bie ootte SBa^rl^eit baö Sooö 
eines auserroäl^tten ©efd^led^ts, baö bie SBeltbül^ne 
betritt, nad&bem bie frül^eren ©enerationen auf nie- 
beren ©tufen jurüdgeblieben unb verloren gegangen 
finb, ol^ne je bas roal^re ^eil {ennen gelernt ju 
l^aben. Offenbar ift eö biefer ©inrourf, bem Seffing 
mit einer ^ppotl^efe ju begegnen fud^t, bie ben 
SBiberftreit jroifd^en bem 6ntn)idflungSgange ber 
^Religion unb bem ber 3nbit)ibuen löfen unb beibe 



32 



in ®inflang fcfecn foll : tüir meinen feine ^ijpotliefe 
ber^alingenefieoberSeelenroanbetunft $Rid^td 
f Ott verloren gelienl „©onberbar, baß biefe ©d^wät:: 
merei attein unter ben ©d^roärmern nid^t mel^r 
3Kobe werben witt !" ,ßben bie SBal^n, auf raeld^er 
baö ©efd^led^t ju feiner aSottfommenl^eit gelangt, 
mufe jeber einjelne SKenfd^ (ber frülier, ber fpäter) 
erft burd^laufen Iiaben." ,,3in einem unb eben 
bemfetben 2eien burcä^Iaufen Iiaben? Äanu er in 
eben bemfelben 2tbtn ein finnlid^er Sfube unb ein 
geiftiger ßlirift geroefen fein? Äann er in tien 
bemfelben Seben beibe überliolt l)aben? S)aö wolil 
nun nid^t! 3lber warum fönnte jeber einzelne 
9Renfd^ aud^ nid^t melir als einmal auf biefer SBett 
t>orIianben gewef en fein ? 3ft bief e ^ppotl^ef e barum 
f läd^erlid^, weil fie bie ältefte ift ?" „SBarum fönnte 
au(^ id^ nid^t liier bereits einmal atte bie ©d^ritte 
ju meiner aSerüottfommnung getl^an Iiaben, meldte 
bloö jeitlid^e ©trafen unb SSelolinungen ben 
9Kenfd^en bringen fönnen? Unb marum nid^t ein 
anbermal äffe bie, meldte ju tl^un nn^ bie Sluö:: 
fid^ten in eroige Selol^nungen fo mäd^tig lielfen? 
Sffiarum foffte id^ nid^t fo oft roieberfommen, ate 
id^ nme Äenntniffe, neue gertigfeiten ju erlangen 



33 



gcfij^idt bin? Sringe id^ auf einmal fo t)iel weg, 
bafe e§ bcr aWül^c roicberjufomntcn ctroa nid^t 
lolinet? 35arum nid^t? Ober weil id^ es uergcffe, 
bafe id^ fd^on ba geioef en ? SBol^I mir, ba^ id^ ba§ 
Dergeffen. 3)ie Erinnerung meiner t)origen 3wftänt>^ 
würbe mir einen fd^Ied^ten ©ebraud^ beö gegen= 
»artigen ju mad^en erlauben." „Ober raeil fo ju 
t)iel 3ßit für mid^ t)erIoren gelten würbe? SBerloren? 
Unb maö l^abe id^ benn ju rerfäumen? 3ft nid^t 
bie ganje (Sioigfeit mein?" 

Saffen wir biefe ^ppotl^efe, bie Seffing bloß ate 
f old^e in einer überraf d^enben unb tieffinnigen Raffung 
einfül^rt unb bie an unferer ©teile wie eine Slrt 
^ilfäconftruction erfd^eint, um ben SBiberftreit 
}n)if(^en ber ©rjiel^ung be§ 3Jlenfd^engefd^led^t§ unb 
bem perfönlid^en ^eile ber ©injelnen aufjulöfen. 
333 enn er biefelbe 3lnnal^me an einem anbem Ort 
fein „Softem" nennt, fo wirb fie baburd^ nod^ nid^t 
JU einem Seffingfd^en 2)ogma. 3n feinem 3lad^la§ 
finbet fid^ unter ber Ueberfd^rift (oon ber ^anb beö 
Öerauögeberö) : „35aj3 melir ate fünf ©inne für 
ben , 3Menfd^en fein lönnen", eine f leine ©Kjje, 
worin bie 3bee ber ©eelenwanberung mit ber 
Seibnijifd^en SBeltanfid^t t)on ber ©tufenleiter ber 



34 



einfad^en SBefcn unb il^rer fortfd^rcitcnben finntid^cn 
Drganifation in Swfötnmcnl^ang gebrad^t rotrb. 
3lu§ bcnfclbcn ©rünbcn, fraft beten Seibnij jene 
aSorfteHung oeriüarf, fud^t ßeffing fie ju bejal^en. 
3lber jebe naivere 2lrt ber Segrünbung f elilt in unferem 
Srud^ftüdE ; es ifi nid^t ju feigen, wie er bie ©eelen^ 
wanberung aus ber fortfd^reitenben 3lus6ilbung 
unb 3unal^me ber ©inne red^tfertigen tooHte. „tiefes 
mein Softem ift geroife bas ältefte aller pl^ilof opl^ifd^en 
©pfteme, benn es ift eigentlid^ nid^ts als baS ©pftem 
t)on ber ©eelenpräepftenj unb SWetempfpd&ofe, roeld^es 
nid^t allein fd^on ^^tfiagoras unb ^lato, fonbern 
t)or ilinen Steg^ptier unb ßlialbäer unb 5ßerfer, 
furj alle SBeifen bes Orients gebadet l^aben. Unb 
fd^on biefes muß ein gutes aSorurtl^eil bafür wirfen. 
®ie erfte unb ältefte SKeinung ift in fpeculatiuen 
Singen immer bie roal^rfd^einlid^fie, meil ber ge- 
funbe 9Kenfd^ent)erftanb fofort barauf verfiel. ®« 
wirb nur biefes ältefte unb, wie id^ glaube, einjig 
njal^rfd^einlid^e ©pftem burd^ jmei 3)inge t)erftellt. 
©inmal — ." ^ier brid^t bie ©fijje ab. SBeber 
bie ®rünbe .nod^ bie ©egengrünbe finb entmidfelt, 
nod^ weniger bie lefeteren roiberlegt. ©ott bie J?orts 
bauer in ber gortentroidflung unb biefe in fort* 



35 



fd^reitcnber Drganifatton befielen, fo mH fid^ bamit 
btc ©celenwanbcrung nid^t tjertragen, benn btefe 
ift SRüdfcl^r in'ö trbifd^c S)afein, irbtfd^e aOBicbcr- 
geburt, unb inncrl^alb beö ©rbenlcbenö l^at bic jinm 
Hd^e Drganifation il^re unübcrfteiglid^e ©renjc. S)ie 
©eelenroanberung, wie jte in jenen älteften Seigren 
unb in ber ©täieliung be§ ^enfd^engefi^Ied^tö ge^ 
meint ift, fül^rt in bie irbifd^e Äötperroelt jurüd; 
eine fortfd^reitenbe finnlid^e Drganifation bagegen 
fül^rt über biefelbe I|^inau§. Dline Steifet fal^ 
Seffing biefe ©c^roierigfeit, bie baö Softem auf ben 
erften SUd „oerftettt", unb er liat unö nid^t gejeigt, 
ob unb wie er biefelbe ju bemeiftem geraupt l^at. 
S)al^er l^üte man fid^, baö ©eroid^t, roetd^eä bie 3bee 
ber ©eelenroanberung bei Seffing l^at, ju übertreiben 
unb etwa gar bie tragenbe Äraft feiner SBeltanfid^t 
barin ju erbtitfen. ®ö bebarf feiner ^alingenefie, 
um in ben ^Religionen bie großen ©rjiel^ungöftufen 
ber 3Wenfd^l^eit ju erfennen unb aus biefer ©infii^t 
jene religiöfe Sebenöanfd^auung ju gewinnen, bie 
fid^ über bie gefeffelten ©laubenöformen erl^ebt unb 
bic 2;ugenb roal^rer 3)ulbung erjeugt, baö ©egem 
tl^eil atter ber Untugenben, bie ber religiöfe Un^ 
tierftanb gebeil^en lä^t, unb bereu jebe fid^ an bem 



36 



©laubcn ber 3Kcnfd^en t)erfünbigt : bic Untußenben 
ber ©leid^gültiöfcit, ttnbulbfamf eit unb ©d^iDärmerci. 
®as SBiberfpicl bcrfclben in einem leud^tenben 
aSorbilbe ju t)erf örpetn, war bie Sluf gäbe, bie Seffing 
jum ^l^ema feine« SRatl^an mad^te, ber fd^on beö^ 
l^alb aus feiner polemifd^en Slbfid^t entftel^en fonnte. 
2)er SSnti-Ooeje gab bie SSeranlaffung jur SBoII= 
enbung bes 3Berfö, bie ®rjiel^ung beä aWenfd^en^ 
gefd^led^tö entl^äft ben ©d^lüffel ju feinem magren 
aSerftänbni^. 

III. 
pie ^Fireimoitirergefiirai^e. • 

©ntroidtung ift fortfd^reitenbe ©ifferenjirung. 
Gö fann nid^t ausbleiben, bag »ermöge il^rer Gnt^ 
widtung bie 3Renfd^l^eit in ^Religionen unb aSöIfer, 
in Staaten unb ©tänbe getrennt unb, je mel^r 
biefe ©d^eibungen fid^ ausprägen, um fo mel^r bas 
grofee gemeinfame gamitiengefül^l, meld^es ben 
3Wenfd&en mit bem aJli^nfd^en oerfnüpft, gefd^roäd^t 
unb erftitft u)irb. ®ieS finb bie Uebel, bie aus ber 
@ntn)id(ung l^ert)orgel^en unb fid^ }u il^r Derl^atten^ 
„wie ber SRaud^ jum g^euer". Slber es ift ein Se« 



I 37 



» 



bürfnife unb eine ißflid^t ber SWenf d^ennatur, bief es 
gamittengefül^l nid^t erfterben ju laffen, fotibetn 
mitten in \men S^rennungen ju erl^alten unb ein 
©ebiet l^erjufteHen, wo fid^ bie 3JJenfd^en als ©lieber 
ber großen g^amilie üerbrübern, unabl^ängig oon 
ben 33efonberl|eiten i^rer Steligion, SRationalität unb 
©tanbeöunterfd^iebe. 3)aö SRittet einer fold^en 33er= 
einiflung müßte fid^ ju ben Uebeln ber gef ettfd^af t- 
lid^en ©ultur t)erl^alten, „wie ber SRaud^fang jum 
3laud^". S)ie rein menfd^Hd^e SBerbrüberung foll 
il^re ©teile ftnben, ol^ne bajs bie not^roenbige ©d^eibe^ 
mauer in bem ^u ber focialen SBeft niebergeriffen 
unb aus ben 9luinen eine d^aotifd^e ©leid^l^eit l^er« 
gefteHt wirb, bie alle ©ntwidflung ju ©d^anben 
mad^t. S)arin fal^ Äeffing bie aufgäbe unb bad 
®el^eimnij3 beö Freimaurer orbenö, in ben er felbfl 
fid^ l^atte aufnel^men laffen. ©r entroidfelte biefe 
3bee in feinen ,,®efpräd^en für ^^reimaurer'^ 
bie unfere Literatur alö bialogifc^e 3Reifterftüde 
jieren. S)ie brei erften erfd^ienen 1778, bie beiben 
legten 1780: bajmifd^en faßt bie SBoHenbung beö 
ätatl^an. ^aß in biefem ©tüd bie feinblid^en 
Sleligionen fid^ julefet in einer unb berfelben e^antilie 
pfammenftnben, ift ein SSorgang, ber ba§ ^ema 



38 



bct g^rcimaurergcfpräd^c fpmboHfd^ auöbrücft. ©benfo 
ifl ed für unfer ©cbid^t bemcr!endn)crtl^, tocnn aud^ 
bte Slnfid^t l^iftorif(J^ folfd^ mar: ba§ Seffing in 
jenen Oefpräd^en ben . greimaurerorben oon ben 
2lempell^erren l^erleiten woßte. 



IV. 
Pie ^axaM wn hm hm %in%en not d^efflng. 

3Benn man in einer Sfteligion ober Sleligiond« 
axt baö alleinige Seil fielet, ift bie ^rage nad^ bem 
wal^ren ©lauben leidet ju entfd^eiben. ^anbelt ed 
pd^ um ben ©treit jroifd^en Reiben, Suben, Äefeern 
unb red^tgläubigen (fatl^oUfd^en) ©l^riften ober um 
ben ©treit jtoifd^en Subentl^um, ßl^riftentl^um unb 
3«lam, fo l^aben bie SRönd^e bed aKittelalterö nid^t 
gejroeifelt, wem bie ^errfd^aft unb baö oäterlid^e 
©rbtl^eil gebül^re; fie waren il^rer ©ad^e eben fo 
fidler aU bie ortl^obojen Sutl^eraner beö fiebjel^nten 
Sal^rl^unbertö , wenn ber ©laubenöftreit bie brei 
d^riftlid^en ©onfeffionen betraf: bie Äatl^otiltn unb 
Gatoiniften würben oerbammt unb ber lutl^erifd^e 
©taube fettig gepriefen. Sßon ben brei©öl^nen „^eter. 



39 



Soi^ann unb aRartin" l^atten bie beiben erflett 
ttnred^t, unb nur 3Kartinuö l^atte SRed^t.. 

3n einem ber älteften gabelbüd^er bed SRittel- 
alters^ bad gegen @nbe ber ^reujjüge aud mönd^i^ 
fd^en Äreifen l^eroorging, in mönd^ifd^em Satein 
gefd^rieben war unb mel gelefen würbe, ben fog. 
,,9lömifd^en ©efd^id^ten (gesta Romanorum)", 
finben fid^ jwei ©rjä^Iungen, bie ben SReligionä- 
l^aber finnbilbUd^ barftetten. 3)ic erfte erjäl^It t)on 
vier Äönigöföl^nen, bie fid^ bie Ärone ftreitig mad^en; 
roer ben beften ©d^u§ tliut, foH fie l^aben, bie 
©d^eibe fott ber ßeid^nam beö SSaterö fein; einer 
ift, ber nad^ biefer ©d^eibe nid^t jieten fann nod^ 
vM: e§ ift ber redete 6rbe, ben bie ®ro§en beß 
SReid^ö jum Äönig ausrufen. 3)iefe mer Äönigö- 
föl^ne repräfentiren bie Reiben, Suben, Äefeer unb 
fatl^oUfd^en ©l^riften. 3n ber jroeiten ©rjäi^lung 
finb eö brei ©ö^ne, bereu Mterlid^eö ©rbt^eil in 
einem foft baren SRinge befte^t; ber SBater läßt 
jroei falfd^e SRinge t)erfertigen, bie bem ed^ten äu^er^ 
lid^ fo ä^nlid^ finb, bafe nad^ feinem S^obe ber 
tool^re @rbe nid^t fogleid^ audfinbig gemad^t merben 
fann ; aber ber ed^te SRing befifet eine rounbertl^ätige 
^eilfraft, unb bie 5probe berfelben jeigt, wen ber 



40 



SSater jur ficrrfc^aft berufen. 35ie brei ©ö^ne veu 
treten bie.brei monotlieiftifd^en Steligionen: Subem 
tl^um, aWol^ammebaniöttmö unb ßl^riftentl^um. 

9luö bem mönd^ölateinifcl^en g^abelbud^ ift bie 
jmeite ©rjäl^lung in t)eränberter gornt in bie 
alte italienif^e ©antmlung bcr l^unbert ?lot)etten 
übergegangen, ^ier erjäfilt ein reid^er S^be bem 
©ultan, ber i^n mit ber grage nad^ bem waliren 
©lauben fangen unb ju einer ®elbjal|lung nötl^igen 
n)itt/bie ©efd^id^te t)on ben brei Slingen; ber ©ultan 
red^net, baß ber 3ube entmeber ben jübifd^en ober 
ben faracenifd^en ©lauben ate ben beften bejeid^ncn 
werbe: im erften %aU liat er an bem ©tauben beö 
©uttan§ gefreüett unb mufe jal^len, im jroeiten Der= 
leugnet er ben eigenen ®iai\bm unb mu§ fid^ be« 
feliren, menn er nid^t jal^len miß. Slber bie Slnt^ 
mort beö Suben ift fd^lauer als bie Sted^nung beö 
©ultanö: bie brei Slinge finb einanber fo äl^nlid^, 
ba^ ber SSater allein ben ed^ten fennt unb jeber bcr 
©ö^ne fi(^ nur einbilbet, ben leftteren ju befi^en. 
„2)ie ©öl^ne finb mir", fagt ber 3ube, unb ber 
©ultan, ber nid^tö ju entgegnen meife, lä^t i^n 
geilen. 

^ieö mar bie Duette, morauö Soccaccio ben 



41 • 

©toff ju bcr britten SloücHe feines 3)ecatnerone 
gefd^öpft i)at ®ö ift nid^t tnclir ein unbeftimmter 
©ultan, fonbern bet friegerifd^c unb l^elbenmütl^ige 
©alabin, ber in feiner ©elbnotli ben rei(^en unb 
TOud^erifd^en Suben SReld^ifebef aus SWejonbrien 
rufen läjgt, um mit ber 35eprfrage, wett^e ber brei 
SReligionen er für bie malere l^atte, eine Slnleii^e 
von xf)m ju erjwingen. S)er S^be befinnt fid^ 
fd^neB unb erjäl^It bem ©ultan wie eine plöfelid^e 
©ingebung bie ©efd^id^te üon ben brei SKngen. 
aSor langen Seiten lebte ein retd^er unb uornel^mer 
3Rann, ber ein foftbares ^ntod befafe, einen munber^ 
baren SRing, ben er unter feinen ©d^äften für ben 
roert^DolIften l^ielt. 3QBer biefen 9Hng von feinem 
SSater empfing, mürbe jebesmal ber ^err unb ®rbe 
bes Kaufes, ©o ging ber 9iing t)on ©efd^led^t ju 
©efd^ted^t unb f am enbtid^ in bie ^anb eines SUiannes, 
ber brei ©öl^ne l^atte : alle brei gleid^ trefflid^, glei<^ 
gel^orfam, gleid^ geliebt; jeber begelirte ben SHng 
unb erbat il^n von feinem 5Bater. Um feinen ju 
betrüben, t)erfpra^ biefer jebem bqs Äleinob unb 
liefe von bem gefd^idfteften Äünftler jmei anbere 
klinge mad^en, bie bem ed^ten bergeftalt gli(^en, 
bafe felbfi ber 3Sater ben le^teren faum mel^r er^ 



42 



fannte. 3la6) feinem ^obe entftanb bcr uitüermelbs 
lid^e ©treit, ben jefet niemanb mel^r ju entf(i^eiben 
permod^te. 2)ie ©treitfrage blieb ungelöft uiib ift 
eö nod^ l^eute. ©atabin bewunbert bie (Seifted« 
gegenwart beö 3uben unb fagt il^m offen, roaö er im 
©inne gel^abt ; aJleld^ifebef bietet bem Qext^ä)ex ein 
freiroifligeö 3) arteigen, baö biefer annimmt unb mit 
ß^ren unb (Sefd^enlen bem Suben jurüderftattet, ben 
er oon jefet an ftetö ate feinen greunb bel^anbelt.*) 
3n ber SQSenbung, bie Soccaccio in ber @r= 
jäl^lung üon ben brei Slingen nimmt, finb bie lefeten 
©puren ber mittelaIterH(J^en Raffung getilgt: man 
wittert fd^on ben 3^8 ^^^ 3ienaiff ance , ber t)om 
3[ltertl^um l^ermel^t. 35er einfädle (Slaube an bie 
Sffial^rl^eit einer ber monotl^eiftifd^en ^Religionen ifi 
erfd^üttert, bie göttlid^e Slbfunft berfelben erfd^eint 
fo unerfennbar, bie brei SHnge einanber fo ä^nlid^, 
bajs felbft ber SSater ben redeten faum ju unter« 
fd^eiben weife. 



*) »öl. Ä. $afc: S)a8 öciftUd^c ©d^oufpicl (1858). 
@. 250 fgb. 3tt bctt .9iömtfd|cn ©efd^id^tcn" flnbet ftd| bie 
tidbd t)on ben dringen in t)etfd^tebenen ausgaben t)etfd^teben 
eta&l^lt, bod^ nur im 9lebenfäd^li(^en ; (Stunbaug unb 9lu|s 
ontoenbung Bleiben biefelben. 



48 



V. 

• 

äu« Soccaccioö SRoocHc fd^öpft Scfftng bie ©c^^ 
fd^id^te von ben btei ^Kngen, bie fein 9latl^an bem 
©uttan ©alabin erjal^It:, eö ift bie ^Parabel, bie 
baö 3Jiotit) unb ben SJiittelpunft feiner ©id^tung 
aMmaä)en f oUte. 2lte er fie ben 11 . Sluguft 1 778 
feinem ©ruber anfünbigte, gob er jugleid^ einen 
aSinf über i|ire ©ntfteliung: „3(^ l^abe oor oielen 
Salären einmal ein ©d^aufpiel entworfen, beffen 
Snl^alt eine Strt t)on 2lnalogie mit meinen gegen« 
wärtigen Streitigfeiten l^at, bie id^ mir ,bamate 
TOol^l nid^t träumen Hefe". „3d^ möd^te jnjar nid^t, 
bafe ber Snl^alt meines ©tüdEö aHjufrül^ belannt 
würbe, aber bbd^, wenn bu ober 3Jiofed il^n roiffen 
tooHt, fo fd^Iagt ba§ 35ecamerone bes SBoccaccio 
auf: Giornata L Melchisedech Giudeo. 2fd^ glaube^ 
eine fel^r intereffante @pifobe baju erfunben ju 
i^aben". 

aSor Dielen Salären, nod^ in ben anfangen feiner 
Uterarifd^en ^l^ätigfeit, bie nn^ in bem gegebenen 
gatt bis in bie mittenberger 3^t jurüdffül^rt, l^atte 



44 



Sefftng einen italienifi^en ^l^ilofopl^en bed fed^jei^nten 
Sal^rl^unbertö, Öißton9mus ©arbanuö, jum 
©egenftanbe einer feiner „^Rettungen" genommen, 
bie im ^af)x 1754 erf d^ienen *). 3n bem erften 
SBerfe jenes 5ßl^iIofop]^en »de subtilitate« (1552) 
fanb fid^ ein ©efprad^, n)orin bie trier aBeltreligionen 
ißeibentl^um, S^bentl^um, ©l^riftentl^um unb 2(Slam 
in t)ier ^ßerfonen bargefteHt werben, beren jebe il^ren 
©tauben rertl^eibigt unb ben ber anberen ju mber^ 
legen fu(ä^t. 3[uf ©runb einer mi^oerftanbenen 
6teIIe, bie nid^t auf ben SBerti^ ber Sfteligionen, 
fonbem auf baö SBaffenglüdf }n)if(^en Gl^riften unb 
2^ärlen ju bejie^en war, l^atte man bem Garbanuö 
t)orgeu)orfen, bafe er eö bem Befall l^abe überlaffen 
rootten, tueld^er ©laube ben ©ieg bat)ontrage; er 
l^abe bamit an ber 3Q3alirl^eit beö ©l^riftentl^umÄ 
einen B^^frf geäußert, ber feinen eigenen Un« 
glauben unb Sltl^eidmud bezeuge. 9lun ift ed nid^t 
genug, ba§ Seffing benßarbanuö gegen baö offene 
bare aRi6t)erftänbnife feiner 9lebe in ©d^uft nimmt 
unb ben roal^ren ©inn ber lefeteren l^erftefft, fonbem 
er beroeift, ba| jener oielmel^r ben entgegengefefeten 



♦) »fll. SBb. I. €tfte %^anhlun^. VÜ. 2. ®. 43. 



45 



3;abel öcrbicnc, mcil er 5ü ©unften beö 6l^riftcn= 
tl^umd ^Partei genommen, biefem gefliffentlld^ bie 
ftärfften, ben ©egnem bie fd^roäci^ften ©rünbe ge^ 
Kellen l^abe: ber 3ube unb ber aWufelman liätten 
jtd^ n)iber bie angeredeten Eingriffe beö ©l^riften 
mcit grünbUcä^er unb beffer oertl^cibigen fönnen, afe 
bem ßarbanuö gefallen. Unb nun füfirt Seffing felbfl 
erft bie ©ad^e beö Sfraeliten, bann bie beö aKaJ^om^ 
mebaners unb jetgt mit feinen SBorten, nrie beibe 
l^ätten reben fönnen unb fotten. ©o bettieiligt er 
fld^ an ber bialogifd^en Sel^anblung beö ^l^emaö, 
bie leidet jur bramatifd^en auöjubilben war, nament= 
lid^ in einer ^anb xou ber feinigen. 6ö ift ju vex^ 
mutigen, bafe er fd^on bamate jeneö ©d^aufpiel 
entwarf, ba§ er „t)or melen Saliren" gemad^t Iiaben 
TOoHte unb beffen Snl^alt eine Slrt von 3lnalogie mit 
feinen tlieotogif d^en kämpfen im Saläre 1778 l^atte. 
©arbanuö* 9teIigionögefprä(^ erinnert burd^ fein 
^l^ema an bie gabel t)on ben brei Siingen , bie 
Seffing gewife fd^on bamate fannte, unb bie il^m ben 
?ßlan feiner bramatifd^en SJid^tung eingab. ®r felbft 
bemerlt ju bem oollenbeten SBerf, ate er eine neue 
aiuögabe beffelben beabfid^tigte : „®ä ift allerbingd 
wal^r, ba§ id^ ben erften ©ebanfen jum SRatl^an im 



1 



46 



©ccamcronc bcö SSoccacdo gefunbcn. Slllcrbinöö ift 
bic brittc 3lor)e\le beö erfien 33ud^§, biefcr fo retd^en 
Duette tl^eatraUfd^et ^ßrobucte, ber Reim, an^ bem 
fi(j^ Slatlian bei mir entroidelt f)at Slber nid^t erfl 
ic^t, nid^t erft na(^ ber ©treitigfeit, in toeld^e man 
einen Saien, wie mid^, nid^t bei ben paaren liätte 
jiel^en follen." 

VI. 

^l^Ttlid^fett unb ^onirafl. 

Soccaccio unb fein aSorgänger l^atten von ber 
gabel ber brei SRinge einen nooelliftifd^en unb im 
Sinblidf auf bie SBal^r^eit ber brei ^Religionen ffepti- 
fd^en ®ebraud^ gemad^t. 3n ilirer ©rjäfilung war 
bie ^rage fo eingeftil^rt unb gerid^tet, baß bie Älug^ 
l^eit be§ Suben burd^ eine gefd^idft auöroeid^enbe 
SCntroort über bie ßift beö ©ultanö triump^iren 
follte. ©ebraud^ unb Sebeutung ber ^Parabel oer* 
änbern fid^ in Seffingö bramatifd^er S)id^tung. ®ie 
grage nad^ ber njal^ren Sieligion rüdft in ben aWittet 
punft unb forbert eine pofitioe, in ber ^auptfad^e 
entfd^eibenbe Söfung, bie freiließ anberö auöfaHen 



47 



mufetc, ate jene ©t^älilung in bem mönd^ifd^en 
g^abclbud^, baö bcn bcibcn italicnifd^en SRoücHcn 
ooranging. 

3)ie ttmbilbung ber t)orgefunbcncn ^Parabel 
u)at bälget bic näd^ftc SKufgabc unfctes 35id^terö. 
®ß ift tool^l ju bead^tcn, bafe oon bicfer SBcbingung 
bie ©jtftcnj feines SBerfeö gerabeju abl^ängt: ol^ne 
bie britte SRotJeHe be§ 33occaccio b. l|. o^ne bie 
barauö entlel^nte gäbet ber brei SRinge wäre ber 
Slatl^an nie gebid^tet roorben ; ol^ne bie Umbilbung 
berfelben eben fo roenig. Sefftng felbft erflärt, 
bo^ jene SRooeHe ber Äeim war, au^ bem fid^ 5Ratl^an 
bei ifim entroidelt l^abe. ®r f)at bie ©efd^id^te von 
ben 9iingen nid^t erfunben, wie bie 5ßarabel wm 
5palaft, fonbern Dorgefunben unb feinem S^ede 
gemä§ t)em)enbet. 2Bir muffen bal^er in unferer 
S)id^tung mit jener alten gabel, mie mit einer feften, 
ausgeprägten , in v geroiffen 3^9^^ unjerfiörbaren 
•aSorauöfefeung red^nen, bie nid^t ate ein freies SBerl 
Seffings angefel^en unb beurt^eilt fein roiH. Dber 
man tjerJennt il^ren ttrfprung. 

3lu($ bemerlen mir mol^l, bafe in ber Umbilbung 
ber ©efd^id^te r>on ben 9iingen unb in il^rer 2ln- 
paffung an bie 3wedfe unferer ©id^tung ©d^mierlg^ 



48 



feiten eigentJ^ttmlid^er unb l^artttädiger Slrt enfc 
l^alten tDaren. 3laä) Sefjingö änfid^t gilt webet 
bie atteinige unb auöfd^tiegenbe Sered^ttgung einer 
einzigen SReligion, wie in bem fjabelbud^ ber 3Wönd^e, 
noä) auä) bie Unerfennbarfeit ber wal^ren, wie in 
ben beiben ilaUenifd^en 9lot)eIIen; er fonnte balier 
bie 3*9^ i>«^ Parabel nid^t in ber 3lbfi(ä^t per- 
roertl^en, in weld^er fie vov il^m erfunben unb ge= 
brandet roorben: melntel^r mufete er fie bergeftalt 
umbid^ten, bafe feine neue 3bee in bem ©eroanbe 
einer alten ©efd^id^te erfd^ien, bie in einem engeren 
unb anbers gerid^teten ©inne gebadet war. 6d 
würbe mid^ beö^alb nid^t befremben, wenn in Siatl^and 
erjftl^lung 3bee unb S5ilb fid^ in mand^en ^ßunften 
nid^t t)olIfommen bedfen unb bie bilblid^e ßinfleibung 
nad^ altem S^fd^^itt l^ier ober ba ber 3bee ju 
wiberftreiten ober biefelbe ju tjerbunfeln fd^einen 
follte. Sergleid^en aJlängel li^jsen fid^ aus ber 
(Sntfiel^ung ber ©ad^e jur ©enüge erllären. SEBirb- 
man etwa fagen, ba§ Seffing bie ©efd^id^te von 
ben SKngen bann fiberl^aupt ptte ungebraud^t 
taffen f ollen, er, ber felbft bie Slufgabe einer gabel 
fo t)ortreffHd^ barjutl^un unb ju erfüllen wn^te^. 
2Ed^ würbe einen fold^en @inn)urf nid^t mad^en. 



A9 



aud^ toenn er begrünbet wäre , benn id^ würbe 
unfere gaf)et mit il^ren erfifitbarcn Slängetn lieber 
in bert Äauf nel^men, afe ben Siatl^n entbehren, 
ba nun einmal biefe gabel ber Äeim ift, tporauß 
unfere S)i(j^tun9 l&eröorgegangen. 

älber id^ ftnbe ben neuerbingi^ erl^obenen ©in- 
rourf, bafe in Slatl^anö ©rjäl^lung oon ben brei 
SHngen bie 3üge ba ober bort ober überl^aupt nid^t 
paffen, in ber ^auptfa(^e unbegrünbet unb oerfel^lt. 
Site Sefling bie alte ^^abel aufnal^m unb feiner 
neuen gbee anpaßte, l^at er nid^t etwa aus ber 
9lotl^ eine ^^ugenb gemad^t. Um bie SBolfereKgionen, 
bie als ber foftbarfte ©d^afe ber SBorfal^ren oon 
©efd^led^t ju ©efd^led^t forterben, bilblid^ barjuftetten, 
lie§ fid^ lein beffereö ©pmbol finben, ate ber SRing 
unb bie SRinge: l^ier wirft bie SSergleii^ung burd^ 
bie Slel^nlid^feit. Um bie mal^rl^aft religiöfe @t^ 
finnung unb beren SSerl^ältnife jum ererbten ©lauben, 
il^re 3lb||ängig{eit baoon unb il^re @rl^abenl^eit barüber 
onfd^aulid^ ju mad^en, fonnte wieberum fein treffen? 
beres ©pmbol gefunben werben, als ber 9Kng unb 
bie 9linge: l^ier wirft bie aSerglei(^ung nid^t bloß 
burd^ bie ätel^nlid^f eit , fonbern l(iauptfäd^lid^ burd^ 
ben 60 n traft. SBor Seffing war bad ©leid^nife 



50 



ber äleligionen unb 9Knge einfad^ gebtaüd^t toorben 
blöd in Sbftd^t ber 9lel^nUd^feit ; Sefftng üertoertl^ete 
eö im boppeltcn ©inn, er entbedfte fogleici^ bie nod^ 
unbenufcte Seite ber Parabel, gleiii^föm bie Äel^r« 
feite berfelben unb ntad^te baraud ein neued ©leid^^ 
tiife- 3^ feinen ^UQen würben bie Söge, bie nid^t 
ju paffen fd^ienen, gerabe bie paffenbften unb Quds 
brudöooffften. S)aö ift ed^t leffingifd^! SBie er ed 
in feinen Slb^anblungen gewollt, in feiner neuen 
g^abelbid^tung geleiftet f)at, fo wirb l^ier baö 2;i^ema 
einer gabel Dariirt unb l^euriftifd^ be^önbelt. 3" 
ber gegebenen gabel entbedft pd^ ©toff unb aWotiü 
ju einer neuen. 2)ie SBorgänger l^aben gejeigt, in 
weld^em ©inn bie SReligionen ben SHngen äl^nlid^ 
ftnb; Seffing jeigt eö aud^, bann aber roenbet er 
baö ®Ieid^ni§ um unb läfet uns erfennen, in xoeU 
(S)tm ©inn bie Sleliglon aufprt einem Äleinob ju 
gleid^en, bad man erbt, bejtfet unb trägt. @r 
brandet baö ®leid^ni§, um eö ju Demid^ten. ®aö 
©pmbol prt auf ju gelten, menn bie ©ad^e felbft 
an feine ©teile tritt, ©obalb bie malere religiöfe 
©efinnung in il^rer Dotten Äraft wirft, finb bie 
SHnge bebeutungöloö geworben: bie ^Periobe ber 
©innbilber ifi abgelaufen, benn bie ©ad^e felbft ifl 



51 



gegentüättig. @d ift bie innerfte^ audgefpro(i^ene 
unb unocrt cnnbotc abfid^t bet Seffingf d^en ©id^hmg : 
bie alte Parabel bergeflalt }u mtwiddn, ba| fte 
eine neue l^öl^ere aud ftd^ J^emorgel^en läjst unb in 
einer %oxm enbet, bie auftört Parabel ju fein. 

®ö finb t)ier roefentUd^e 309^, bie ben ßl^arafter 
ber ©efd^id^te t)on ben brei SUngen auömad^en: fie 
betreffen ben aOäertl^ beö uralten SRingS, bie 3lrt 
unb baö ©efefe feiner 3Sererbung, bie Unterfd^eibung 
bed ed^ten SRingd^ t)on ben uned^ten ober nad^ge- 
mad^ten unb bie Sluflöfung beö ©treitä. ^n dum 
oier fünften änbert fieffing bie überlieferte e^abel, 
in jebem berfelben ift feine Slenberung bebeutfam. 

1* 9ie grirft htfn i^htg^« 

Sn ber ©rjäl^lung 3Weld^ifebete ift ber SRing 
bloö ein f oftbarer ©d^afe, ber* roertl^ooUfte in ben 
Slugen feines Sefifeerö; in ber ©rjäl^Iung 5Ratl^an§ 
ifl er mel^r, weit mel^r afe nur baö, er Iiat nid^t 
bloö einen unfd^öfebaren SBertl^, fonbem eine un- 
tjergleid^Iid^e , l^erjgeroinnenbe Äraft: „3)er ©tein 
war ein Dpal, ber l^unbert fd^öne garben fpielte 
unb l^atte bie gel^eime Äraft, oor ®ott unb 
aRenfd^en angenel^nt ju ntad^en, toer in biefcr 



5S 



ättoctfid^t xf)n trug/' Unb hid^t Mo« ben 
338ert]^ eines unfd^öftbaren ^reifes, einer unDergleiii^s 
Ud^en Jlraft ^at biefed Äleinob, fonbem aud^ einen 
Äffectionflroertl^. SRan wotte biefen 3^9 nid^t über^ 
fe^en: ,,93or grauen Salären lebt' ein SKann'in 
Dflen, ber einen SRing von unfd^äfebarem SBertl^ 
aus lieber fianb befa§/' 

3n ber SRouette Soccaccioö fdll ber iebeömalige 
Sefifeer beö 9Hngeö ber ®rbe unb g^ürft beö Kaufes 
fein. ©0 ift e§ aud^ bei Sefiing. SBer ben SRing 
erbt, l^at alles. Sttber l^ier ift bie SSererbung an 
eine S3ebingung gefnüpft: ber 3Hng ftammt aus 
lieber Jßanb unb nur burd^ bie t)äterlid^e Siebe unb 
beren 3tu§u)a]^I fott er forterben tjon ©efd^led^t auf 
®ef (^led^t : 

dt lte§ ben ?Ring 
!Bon feinen ^üf)ntn bem ®eliebteften 
Unb fe^ie feft, bag btefer toiebetum 
^en fRing t)on feinen ©öl^nen bem texntad^e, 
2)er il^m bet liebfte fei; unb ftetS ber Siebfie 
D\)rC 3lnfel&n bex (SJcbutt, in Ätaft aEein 
S)eS SRtngS baS ^on^i, bet gfüvft bed ^aufed toetbe. 



$3 



S)a trifft c^ pd^ im Saufe ber 3^/ t^cife cinejm 
äSater breier ©öi^ne bie 9ludn)al[|l unmöglid^ fällt: 
fie flnb alle brei feiner Siebe gleid^ würbig unb 
gteid^ von il^m geliebt, ©r l^itft fid^ burti^ ben 
Äünftler, ber bem Urringe jioei anbere nad^bilbet 
unb t)oQIommen äl^nlid^ mad^t, 'Sladj bem ^obe 
bed SSaterd gilt e^, bie 9Unge ju unterfd^eiben^ ben 
eä)tm ju erfennen, ben QtoVit ber ©ruber ju 
fd^Ii^ten. 3n ber Se^anblung biefeö ^unlteö jeigt 
jebe ber angefül^rten gabeln il^r eigentl^ümlid^ed 
Gepräge, unb eö ift im prüften ÜRafee bead^tungö= 
jpürbig, toie Seffing bie ©ad^e gefaxt l^at. ^ie 
i^rlennbarfeit bed ed^ten 9iinged ober^ n)ad baffelbe 
f)e\^t, bie Unterfd^eibbarfeit ber Sftinge, nimmt nad^ 
beic Qtiifiol%t in ber 9lei!^e unferer ©rjäl^lungen 
immer mel^r ab : in bem mittelalterlid^en gabelbud^ 
ift ber ed&te Sttng nod^ DoUfommen aller SBelt 
erlennbar^ benn er befit^t eine munbertl^ätige, burd^ 
ben (Jrfolg beweisbare unb erprobte ^eilfraft; in 
ber iiltefien italienifd^en StoDelle ift ber ed^te dting 
nur bem SSater allein no$ erlennbar, nid^t at|d^ 
b«en ©dienen, gefd^meige ber SBelt; in Boccaccio« 



54 



3)ecQmcronc ifi er bcm SBater laum nod& erfcnm 
bar, um fo weniger ben ©öl^nen unb ber SBeft; 
bei fieffing enblid^ ift er felbfi bem SSater uner- 
fett n bar geioorbeti: 

i&x fenbet im (Bel^etm au einetit itttnfiUr, 
$et bem et ttad^ bem ^ufier fetned 9littgd 
Stoti anbete befieHt unb toebet Sofien] 
9lQd6 Tiikf^t f^aten l^et|t, fie Jenem gtetd^, 
fß9VCtommtn gleid^ ju mad^en. DaS gelingt 
S)em l^ünfilet. 2)a et i^m bie Stinge btingt, 
ilann felbft bet Skatet feinen ^ufletting 
^Itd^t untetfd^eiben. 

6d bebarf feitter aSerfid^erung, ba§ Seffing biefett 
fo bebeutungdT)oIlett 3ug gefliffetitlid^ itt bie ^orabel 
eingeffll^rt bat uttb ttid^t utnfottfl getoäl^tt l^aben 
tooßte. Äattn felbft ber 83ater feittett SRufterrittg 
ttid^t uttterfd^eibett, fo ift Mar, bafe biefer 3Hng felti 
bidl^eriged 9lttfel^ett, feitte aSeittige Geltung oer« 
loren : er f^at ni^t tnefyc bett uttf d^&|barert äBertl^, 
betitt bie beibett attbereti fiitb il^tn gleiii^, t)otttotntttett* 
gleid^; fein 93efi|er ifi nid^t mel^r ber (Snoäl^tte 
ber Däterlid^n Siebe, barum attd^ m#t mel^ ber 
(Srbe unb l^arft bed ^aufed. ©o l^at ed ber Sater 
gewollt. 3^m ijl ed nid^t peinUd^, fonbem lieb. 



55 



bal felbfl er ben 9hiftemng nid^t )u unterfd^eiben^ 
nid^t ntel^ }u erlennen oermag: 

gftol^ unb fteubig ruft 
(St feilte ®d]^ne, ieben ittSBefonbre, 
®tebt iebem ittSbefonbre feinen ©egen 
Unb feinen Sting unb fiivbt 

3d^ fel^e nid^t^ ba^ l^ier^ n)ie man gemeint f)at, 
unfere gabel in einen SBtberflreit mit fid^ felbfl 
geratl^e. S)enn bie 9Knge^ fo menbet man ein, 
feien unb bleiben unterf d^eibbar ; mögen fie einanber 
nod^ fo ooSfommen gteid^en, einer oon il^nen l^abe 
unb bel^alte eine gel^eime ßraft, bie {ein ftilnfUer 
ber SBelt fabriciren unb nad^mad^en tonne, ^arin be^ 
ftel^e bad unoertilgbare unb unnad^ol^mlid^e Jtriterium 
beö ed^ten Stingeö. ,,@r l^atte bie gel^eime Äraft, 
por ©Ott unb äRenfd^en angenel^m )u mad^en, n)er 
in biefer 3ux)erfid^t il^n trug." 3u biefer S^oer- 
fid^t! 9Kan bead^te ed mol^I, biefed bebeutfam ein- 
fd^räntenbe SBort! 93on bem }ut)erftd^tlid^en ®(auben 
bed Sefi^erd, bag feinem 9linge jene SBunberlraft 
inmol^ne, ift bie äBirtfamteit ber legteren abl^ängig; 
fie Derfd^n^inbet, fobalb biefer @laube mantt ober 
erfd^üttert mirb. S)er Sefi^er mufe gewi^ fein, ben 
ed^ten 9Ung ju l^aben, um in ber 3ut)er{td^t il^n 



56 



ttageit ju föiinen, bte fdne SBitffamfeit entWnid. 
3)ie Jtraft ifi tobt in bemfelben ^n^enbliä, wo bie 
3ut)crfid^t, bafe fie por^fanben ift, aufl^ört; biefe 
3uperftd^t grönbet fid^ auf bte Seroifedeit bcö Sc^ 
fifecö, biefe öuf bie Srfennbarfcit beö SHngeö. S)ie 
einleud^tenbe ©d^tl^eit bes Slingeö ift bie erfte, ber 
33eflfe bejfelben bie jtoeite, ber ®Iaube an feine 
Ätaft bie britte SSebingung, o^ne meldte biefe 
Ätaft nitj^t wirfen unb bie ©d^tlieit be« Äleinobö 
bewölkten lann. SRim ift bet 3Hng ni^t mel^r et* 
fennbat, ber Sefifeer nid^t mel^r gewiß, ber ©taube 
nid^t mel^r ©orlianben, bie Äraft bal^er nid^t mel^t 
lebenbig: ber Wng l^atte bie gel^eime Äraft, t>ox 
©Ott unb ?Wenfd^en angenehm ju mad^en, er l^at 
fie t)on jefet an nid^t me^r. 

3luä bicfen in unfercr 6rjäl(|lung entl^altenen 
©rünben wiberlegt fid^ bet fd^örffinnige unb be= 
ad^tungöroürbige ©inmurf 3. ®. ©rbmannö, baß 
Seffingö ^arabel aufl^Öre ©leid^nife ju fein unb 
jum JRätl^fel werbe. Sei Soccaccio feien bie brei 
JRinge einanber gleid^, belSeffing nld^t, benn einet 
baoon l^abe jene gel^einte Ätaft, bte ben beiben 
anbeten feilte unb feilten muffe; nun bleibe bie 
aßitfung öud, roafi fid^ naci^ Sefftngfi eigenen 



57 



IBeifungen ^ memt m<m ed^ ntit feiner %ctiel genau 
nel^me, nur fo etllären taffc, „ba§ bie Sebingung 
b. f). bie 3«t)etfid^t, (nur) e r l^abe biefe Äraft, bem 
Sefifter beö SWngeö abl^onben gefommen roor*'^). 
©e^r riii&tig! «ber fein SRät^el} ®ie 3ut)erft^t 
ifl ja ab^anben gekommen unb ntug e§ fein nad^ 
aürni, roa% und 3lat1)an erjäl^lt. Heiner ber ®'if)nt 
roei^, ob er ben Sfting mit ber Äraft l^at; feiner 
fonn e«. wiffen, ba e« ber SSatet felbft nid^t n)ei|, 
ba ,JeIbfl ber aßater feinen 3Wufiterring nid^t unter* 
fd^eiben fann." SBo ift baß Mtm ? ©s ift fd^on 
gcldft, beoor in unferer ®T^äl^I«ng jene SBenbung 
eintritt, worin ed liegen foll. fieffingß gabel ftreitet 
feineöroegö mit il^rer eigenen e?affung unb anläge, 
fie l)at bie Stoffe, bie fie bem erblid^en ^eiligtl^um 
ber gamilie jufd^reibt, nid^t oergeffen, wenn im 
gortgang ber ®inge ba§ Äleinob feinen urfprüngs 
lid^en S^^^^^t oerliert unb bie 9Rad^t einbfifet, bie 
e« in ber fiattb be« gläubigen Sefifterö auöfibte, 
nur in biefer ioanb. „SBer ed glaubt, bem ifl 
bad $eirge nal^!'" 9Rit bem ®Iauben gel^t bie 



*) Si' ^^* dhhmam: ®runbtt| bex (Befd^id^te bex ^l^ito« 
^op^t. 3. «nff. 8b. n. 6. 295 ffl. 



1 



58 



äRagie Derlorqt ; mit ber ©emigl^eit bed 9eft|e0 ift 
bet ©taube gefd^nmnben; mit ber Unertennbatfeit 
bed ed^ten ätinged ift bie @emi^l^eit^ il^n ju l^aben, 
erfd^üttert unb mug ed fein. 3)ieft aUed fagt unfere 
&t^luni {tnnbilblid^, me fie ed aSein fagen barf. 
^ag ber Urring^ bad erblid^e ^eiligtl^um ber ^amilie^ 
unertennbar geworben unb bamit aufgel^ört l^at, 
ald ber ed^te ju gelten unb ju toirlen, mrb in ber 
Siebe bed ^^abelbid^terd mit ben äBorten audgebrüdt: 
„ha er il^m bie SKnge bringt^ (ann felbß ber SSater 
feinen 5Wufterring nidjit unterfd^eiben". SDiefe SBen:= 
bung entl^ält einen jener d^arafterifüfd^en ©runb« 
jüge^ burd^ n)e(d^e Sefftng ber ^abet t)on ben 9tingen 
fein Gepräge gegeben. 

Unfere ©rjäl^lung ifi lein ätötl^fel^ fonbem ein 
@leid^nig. iQätte ber S)id^ter und ein Stätl^fel auf:: 
geben wollen, fo mürbe er feinen SKd^ter^ ber ben 
@treit ber ©öi^ne entfd^eiben foU^ nid^t l^aben fagen 
laffen: ,,S)entt i^r, bag id^ 9iati)\d }u löfen ba 
Mn?'' 2)a)u ift er nid^t ba. 2)edl^alb barf aud^ 
bie @ad^e^ bie üor fein ^orum gebrad^t mirb^ lern 
fotd^ed dtätl^fel entl^alten. äBir berül^ren ben legten 



59 



jener ^auptpunlte^ loorin Sefftng bie überlieferte 
%abtl feinem 3^^<'^ gentaj^ umbilben mu^te. (H 
l^anbelt fid^ um bie Suflöfung bed @treited^ ber 
imoermeibtid^ eintritt^ fobalb fktt eitted 9tinged 
brei J^eroortreten. ^n ber mönd^ifd^en ^abel ift 
bie Sntfd^eibung pofttit) unb erfolgt 'ol^ne 9ti<i^ter: 
l^ier öffnet ber reci^te 9Hng feinen SRunb, inbem er 
bie i^m allein oerliel^ene ^eiltraft öujsert. ^n ben 
italienif(i^en 9lot)eIIen ift bie Sntfd^eibung negotii) 
unb folgt o^ne 9iid^terfprud^ aM ber Sage ber 
@ad^e: l^ier ift ber redete 9Hng für menfd^lid^e @in< 
ftd^t nid^t mel^r. erlennbar. ^er ©treit bleibt um 
entfd^ieben^ bie ^^rage nad^ ber xooi)xen äteligion 
ungelöft unb^ n)ie ed fd^eint^ unlösbar. SoS in 
ber ^abel Don ben 9tingen ein SRätl^fel entl^alten 
fein, fo fud^e man e« nid^t bei Seffing, fonbem bei 
Soccaccio. §ier ift ber redete 9ting oorl^anben, 
nid^td ift Don feinem uralten äBertl^, t)on feiner 
5loftbarIeit unb @d^tl^eit oerloren gegangen, einer 
ber S3rüber l^at biefen 9Ung unb mu^ il^n l^aben. 
92un ratl^e man mer? SHe @ad^e liegt fo, bajs 
fein ^enfd^ ben 8eftfeer, obtooi^ er ba ift, erfemrt: 
unr l^aben ein 9iätl^fel oor und, unb }toar ein 
unlödbared! 



60 



@ftn^ anbets fteSt fid^ bie (S^afj|tan^ bei Seffutg. 
iQi^r giebt es eine px)fiUf e @ntfd^eibung unb einen 
9tid^tet^ ber fie fäDt^ }toctr nid^t burd^ einen 
@prud^^ mf)l ober butd^ einen 'Stoß), auö beffen 
Befolgung biejenige Sage ber SHnge J^etDorgel^t^ 
welche bie fiöfung ber ^rage in fid^ trägt. 3« ber 
9lrt^ tt)ie unfer ^id^ter bie Sad^e außgel^en läjjt, 
pereinigt er auf feine SBeife bie öltefie gabel mit 
ber italienifd^en SWooeBe. . 3)ie ©ntfd^eibung ijl 
VO^xtiv, aber nic^t audfd^Iie^enb ; fie ftü^t fid^ aud^ 
auf eine firaft bed Stinged;, nur bag biefelbe feine 
öujsere n)unbertl^ätige^ fonbern eine geiftige unb 
fittlid^e ^eillraft ift^ bie als fold^e nid^t ol^ne wei? 
tered einem Stein inmol^nt. ^ie @ntfd^eibung ift 
negatit)^ o|ine fleptifd^ ya fein. @o meit bie ^elu 
gionen SHngen gleid^en, bie man ererbt^ befifet unb 
trögt, fo weit ber ®Iaube einen fold^en äußeren, 
Don ber (Sefinnung unb bem inneren 3^*^"« wn» 
abl^ängigen ä3efi^ auSmad^t, ift lein Glaube, ber 
toal^re unb tein 9Hn^ ber ed^te, gteid^mel ob er alt 
ift ober nm. iQier enbet bad @Ieid^niJ3 unb ftatt 
ber 3leIinHd^{eit ergebt fld^ ber Sontraft. @ilt nur 
bie Xel^nlid^ieit jmifd^en Sleligion unb Sting^ fo ift 
bie Sd^tl^eit bed 9Knged nid^t blöd fraglid^ unb 



61 



uncrfennbar, fonbern feine Uned^tl^eit oottfommen 
fiii^er unb einleuiJ^tenb : ,,®iire Sliniae finb alle 
btei niö)t cd^t. 3)er redete 3ling vnmntf)^ 
lid^ ging üetloren." 

auf ben ©ontraft jtoif (^en SRettgibn linb 9Wng 
(©ad^e unb S^d^m) grünbet fid^ ber rid^terlid^e 
Sluöfprüd^, ber f o, toie er ift, nur unter jraei 3Sor= 
duöfefeungcn erfolgen !ann, oon benen bie frül^eren 
@rjäl^lungen nid^tö n)iff en : fie wiffen nid^tä t)on ber 
gel^eimen Äraft bes 9Hngeö, „vöt (Sott unb SDlenfd^en 
angenel^m ju mad^en, wer in biefer 3wt)crfid^t il^n 
trägt," mä)U oon bem uralten ^auögefe^, ba§ 
„ftetö ber Siebfte, ol^n* Slnfel^n ber ©eburt, in 
Äraft allein beö 9Kng§ baö ^aupt, ber ^ürft beß 
fiaufeö TOerbe". 9ttd^t unt)erbient ift einer ber ©öl^ne 
ber ©eliebtefte: er erroirbt bie x)äterlid^e Siebe burd^ 
feinen Oel^orfam unb btxo&S)xt fid^ als ber SEBür^ 
bigfte, ben 3ling ju erben, ©o will e§ unfere g^abel, 
bie t)on ben brei ©öl^nen auöbrüdElid^ berid^tet, ba§ 
fie gleid^ geliebt würben, roeil fie bem SBater gleid^ 
gel^orfam waren. ®er fittlid^e aSertl^, bie gute unb 
ge^orfame Sefinnung ift nid^t von bem Sefifte beö 
SRinges abl^ängig, fonbern umgefel^rt. Dl^ne ben 
9Hng, burd^ eigene ^üd^tigfeit l^at fid^ ber 9Bär= 



62 



bigfie bet Söl^ite bte größte Siebe bed Saterd er- 
Tootben; er foH mit ^ilfe befi SHingd, im juüer^ 
iid^tUd^en ©tauben an beffen Äraft, bie Siebe @otteft 
unb ber aJienfd^en geroinnen: biefer jut)erft(i^tli(i^e 
@(aube i{i nid^t t)on ber firaft bed SKnged abl^ängig^ 
fonbem «mgefel^rt; er toirb von innen l^erauö bem 
Sepfee beö SRingeö l^injugefügt, er rotdt bie Äraft 
unb bebingt beren SBirffamfeit, er erfd^eint afe bie 
g^ortroirfung jenes finblid^en Oel^orfam«, ber bem 
99efi| unb ber @rbfd^aft bed ^metd üorauöging. 
©0 n)itt es unfere tieffinnige ^abel. ©el^orfam 
unb ©laube finb nid^t bie SKitgift beß Slingeö, 
fonbem bie 2^ugenben ^ingebenber ©efinnung, bie 
man betl^ätigen mu§, um ben SRing erben unb 
feine Äraft nüiim ju fönnen. 

5Diefe Sebingungen fennt ber SKd^ter. ®r roitt 
ben Streit um ben SSeftfc beß ed^ten SKngeö fd^lid^ten 
burd^ bie ^robe feiner Äraft: 

3^ l^öre ja, ber redete 9ltng 
fßt^i^t bie äBunberfraft, Beliebt ^u mad^en, 
9}o¥ (Sott unb ^enfd^en angenel^tit. 2)aS mni 
Sntfd^eiben. S^enn bie falfd^en 9itTtge tDtxbm^ 
^oäi hai nid^t fötmeit! — ftan, toen lieben ätoei 
fßon tn€i om meiften? — SRad^t, fagt an! ^l^t fd^toeigt? 
2)te 9linge toixttn nuT juvüdf? unb nid^t 



63 



9lad6 au|en? 3ebet liebt fid^ felbev nur 
Am meifleh? — O fo feib il^t oKe brei 
Setto^ene i^BetTÜget! ^ute IRinge 
6ittb aSe brei nid^t ed^t. 

$ter ifl bie negattt)e @ntfd^eibung^ n)ie fie nid^t 
anberö audfaDen fann. 3)te Siebe ber Söl^tte }tt 
il^rem SBater tji in grimmigen Sruberjnrift entartet, 
bie S^ugenben beö finblid^en ©el^orfamfi unb Olan* 
bend finb andgelöfd^t, unb ol^ne biefe ^ugenben ifl 
fein SRing i)er ed^te. SKan fönnte einwenben, bofe 
gerabe ber SReci^töftreit ber 35rüber nriber unfere 
Sluffaffung jeuge: jeber ber brei ©öl^ne fül^re feine 
©ad^e in ber feften Ueberjeugung , ben redeten 
3ling geerbt ju l^aben, einer f)at il^n, in biefem 
einen fomme ju bem factifd^en Sefife jene 3wt)er5 
jid^t, meldte bie Äraft bes ©teinö wirffam unb ba^ 
burd^ ben 9Kng erlennbar mad^e; tro^bem bleibe 
er unerfennbar im SBiberftreit mit ben ©runb^ 
porauöfeftungen unferer gabel, bie alfo, abfid&tlid^ 
ober unabftd^tttd^, bod^ in einem SWätl^fel enbe. 3)er 
6inn)urf ift falfd^, meil er bie SSorbebingungen, bie 
jur aSirffamleit beö 9Hngeö erferberlid^ finb, nid^t 
'wol^I erwogen ffat. Siid^t ber factifd^e »efift mad^t 
ben erben, fonbem ber red&tlid&e, bebingt burd^ 



64 



bie Siebe bed SBaterö, bie ben beften unb wütbigften 
bar ©öl^ne erioftl^lt unb jum ßrben cinfcftt. S)iefe 
Sebingung ift bei feinem üorl^anben, ber SSater 
felbft \)at fie auögelöfd^t, feine brei ©öl^ne waren 
gleid^ gel^orfam, gleid^ roürbig, gleid^ geliebt; leiner 
ift ber liebfte, feiner ber bet)orjugte @rbe. 3hm 
mad^t anä) ber 39efi|, gleid^oiel ob factifd^ ober 
re<i^tlid^, nod^ nid^t ben ® lau ben an bie Äraft 
beö 9Hngeß. Dl^ne bie ©ewifel^eit be« »efifee« ifl 
biefer ©laube nii^t niöglid^, aber mit bem' Seftfe 
ifl er no<i^ feinesmegö gegeben. Unfere ©rjül^? 
lurtg forbert bie SuDerRd^t in bie Äraft bed Sttngeö 
auöbrüdtid^ als eine 33ebingung, bie ber ©rbfd^aft 
l^injugefügt werben mu§. 3n bem gegebenen g^aH 
ifl biefe Sebingung t>erni(^tet, fie ift auägelöfd^t 
burd^ ben öruberjmift; rodl^renb man bie eigenen 
SSrüber grimmig verfolgt unb Jeber bem anberen 
als SSerrätl^er gilt, ate S^^^^^^^ "^^ 3^^"^* wnb 
ber Slad^gier : unter f old^en Äain« jeid^en fann man 
unmöglid^ mit S^^oerfid^t glauben, im 83efi| einer 
Äraft ju fein, bie oor ®ott unb ÜRenfd^en ange= 
nei^m mad^t. 3111^ Sebingungen finb jerftört, bie 
gemöfe unferer gabel bie Äraft bed ©teind in* 
fegendreid^e SBirffamfeit bringen; ber S^P^^b ifl. 



65 



n)ie \\)n bcr SKd^ter lennje^nct: ,,bie SHnge wirfen 
nur jutü(f unb nid^t nad^ aufeen!" 

SRur ®ineö bleibt bem 9K(3^ter übrig. 2)ie 
fd^led^ten 93rüber, bie fid^ gegenfeitig anfeinben unb 
t)erf lagen, waten gute ©öl^ne. Sl^re Sftinge finb 
bie unjweifell^aften B^wgniff^ gleid^er t)ätetlid^er 
Siebe, bie Selol^nungen gleid^en ünblid^en ®e]^or= 
fames. ©iefer ©el^orfam roedtte bie 3woerfid^t unb 
bas SBertrauen auf bie Äraft beö Däterlid^en SWingeö. 
SSermag ber Olaube bie Äraft ju entbinben, .fo 
fann er il^r aud^ ju ^ilfe tommen unb t)on fid) 
aus burd^ fanftmütl^ige unb f riebfertige , burd^ 
menfd^enfreunblid^e unb gottergebene ©efinnung bie 
Siebe ©otteö unb ber aWenfd^en erwerben: bas ift 
bie pofitiüe ©ntfd^eibung, bie ber Siid^ter nid^t alö 
©entenj, fonbern afe SRatl^ au§fpri(^t: 

!17letn S^atl^ ift aber ber: il^t nel^mt 
^ie @a(^e t)öttiQ, tote fie liegt, ^at t>on 
@ud§ iebet feinen SRing t)on feinem fBaitx, 
@o glaube iebet fit^ev feinen 9ling 
2)en ed^ten. — Tlbgßä), hai bet SSater nun 
2)ie 2;^tannei beS (Sinen 9linQ8 nid^t länget 
3n feinem $aufe bulben tootten! — Unb Qetot§, 
^0% et eud^ aUe btei gelieBt unb glei<$ 
beliebt; inbem et jtoet nid§t btüdfen mdgen, 

ftuno Sflfii^eT, ®. 6. Sefjlng. IL 5 



66 



Um einen ju beßünftigen. — SEBol^lan! 

@d elfte ieber feinet unBefiod^nen, 

HBon S}otuttl^etlen fteien Siebe nad^! 

(is ftteBe t)on eud^ iebet um bie SBette, 

2)te Ataft bed ©tetnS in feinem 9ling an !£ag 

3u legen ! ^omme bief et Stxa^i mit @anftmutl^, 

3Rit l&etjlid^et SBetttoglid^fcit, mit aöo^Itl^un, 

9Wit inntgftet (Stgebcnl^eit in ®ott 

3u ©ülf! 

5Daö aScr^ältmfe fc^rt fid^ um. 6« ift uid^t 
me^r ber ©tein, ber bie Äraft vox ®ott unb 
^enf(^en angenel^m ju mad^en befi^t unb ju @unften 
bcä gläubigen 33efifeerö audübt, fonbern ber ©laube 
ift e§, ber biefe Äraft erjeugt unb bem ©teine mit* 
tl^eilt. D\)m biefen ©lauben verliert ber ed&te SRing 
feine Äraft unb ift nur nod^ alt ; burd^ il^n n)erben 
bie uned^ten Sttuge in ed^te üertpanbelt unb mit ber 
Äraft auögerüftet, bie Siebe ©otteö unb ber 3Kenfd^en 
}U geroinnen. ®ie g^rüd^te biefeö ©laubenö reifen 
langfam, benn fie road^fen am Sebenöbaume ber 
3Benfd^l^eit. 316er ber B^^ftönb ber Steife n)irb 
fommen, unb an ben g^rüd^ten, bie fie tragen, mirb 
man ben SBertf) ber ^Religionen unb bie SBirffamfeit 
il^rer Äräfte erf ennen, benn bie S)inge muffen offenbar 
werben, um gerid^tet ju .werben. 



6T 



Unb toenti fid& bann ber ©tcinc Ätdftc 
Söel cuern Älttbe8=Äinbc§ftnbctn dujctn: 
©0 lab iä) ü6ct taufenb taufctib S^^i^ß 
©i« totcbetum t)ot biefen ©tul^X. 2)a toitb 
^in tocifxer 9Kotm oitf bicfcm ©tii^Ic fi^cn 
%U i4, ttttb f|)tcd6cn. ®c^t! — ©o faßte bcr 
SBcfd^ctbttc 9Hd^tcx. 

5* f er Irefitrttiijene «tiib l^tt müftxt iJlliljUr* 

2lu(| biefc SBorte fönntcn rättifelfiaft fii^eitten. 
3Benn bie ©ac^c entf(i)icben tücrben fann, ijl fein 
©ttcit tnel^r ; romn bie SSBelt jenen S^ft^nb rettgiöf er 
Sieife unb ©efittung erreid^t l^aben wirb, ben unfer 
9Wd^ter t)erfünbct, bann l^aben bie ^Parteien von felbft 
aufgel^ört, fid^ ju befämpfen. @ö gibt feine Äläger 
ntcl^r. SBaö fott nod^ ber SRid^ter unb fein gorum? 
Unb roorin fott jener fünftige Sftii^ter, ber im ©runbe 
feiner me^r ift, roeifer fein afe ber gegenwärtige, 
ber feiner fein nntt unb nur feinen SRatl^ ftatt feinet 
©prud^ö gibt? ^ei^t, mitten im ©treit ber Sieli^ 
gionen, ift eine rid^terlii^e ©ntfd^eibung nxi)i mögli(^ ; 
nad^ 3<^^^<iwfenben religiöfer gortbilbung wirb fie 
nid^t mel^r notl^roenbig fein. S)er Slid^ter, ben unfere 
gabel reben Idjst, fennt bas Urtl^eil beö reiferen 
3»anneö, ber erfd^einen wirb, wenn bie 3^tten er= 
füttt finb, aber er n)itt bem Sluöfprud^e beffelben 



68 



ttid^t Dorgretfcn, ha bic 3^^ nod^ nid^t, nod^ lange 
nid^t erfüllt ift. 3)arum nennt il^n Seffing ^,ben 
befd^eibenen SHid^ter". SBad wirb ber »eifere 
fagen? ®r wirb baö ©rgebnijs auöfpred^en, ben 
3uftanb Derfünben, ben Sal^rtaufenbe einer fegen«^ 
reid^eri SQBirffamfeit ber ^Religionen gejeitigt l^aben. 
3)iefe fegenöreid^e SBirffamfeit, bem SRatl^e beö he- 
fd^eibenen 9Hd^terd gemäjs^ n)ar bie @r;iel^ung bed 
SRenfd^engefd^led^tö, il^r 3Rittel ber ererbte 
©laube, bie geoffenbarten,' pofttit)en, nad^ bem ®ange 
beö SBölf erlebend t)erf d^iebenen SReligionen, üergleid^bar 
bem 3Wng unb ben SKngen. ®ie reife grud^t ift 
bie ©infid^t, ba§ bie l^eilbringenbe Äraft nid^t bem 
SHng ober bem ©tein inrool^nt, meber bem SKufler* 
ring nod^ feinen 9lad^bilbern , fonbern ber ©elbfl- 
Verleugnung unb junel^menben ßäuterung beä menfd^:: 
lid^en §erjenö ; ba§ ni(^t ber SRing ober ber ©tein, 
fonbern nur bie SReinl^eit beö SBiffenö unb bie auf« 
opferungdfreubige 2ll^at bie Siebe ©ottes unb ber 
3)lenfd^en oerbient unb ermirbt. ®ie pofitioen Sles 
Ugionen finb bie ber SSerl^eifeungen, fie forbem, 
jebe in il^rer Slrt unb gemäJB ii^rer ©rjiel^ungöftufe, 
ein geringeres ober l^öl^ered 3Sla^ menfd^lid^er 
Säuterung unb ©elbftübenoinbung: fie oerfpred^en 



6» 



bafür ben Sd^aft, bcn jeitUd^cn ober ewigen Sol^n, 
bie göttlid^e Prämie. S)ad geläuterte fierj, bie 
g^id^t ber ftttl^en Slrbeit unb 3BtIlen$umn)anblung, 
trägt feinen Sol^n in fid^ felbft unb bebarf leinet 
anberen, benn ber le|te Slefl eigennüfeiger ©elbft? 
liebe ift getilgt, ©ö perl^ält fi(^ mit ben religiöfen 
SSerl^eifeungen, bie in unferer g^abel jtnnbilblic^ burd^ 
bie SRinge x)erbärgt werben, wie in einer anberen 
gabel mit bem ©d^a| im SBeinberge, ben ber SBater 
ben ©öl^nen t)erfpra(§, mmn fie fleißig fud^en unb 
nad^graben würben; fie erfüllen biefe Sebingung 
unb finben ben perfprod^enen ©(^afe, nid^t ba ober 
bort, fonbern in ber guten 6rnte, ber %x\xä)t il^rer 
Slrbeit. Se^t oerftel^en fie, road ber SBater unter 
bem ©d^afee gemeint l^at: er wollte au§ feinen 
©Alanen nid^t ©d^afegräber mad^en, fonbern tüchtige 
9lrbeiter. 

2)er meifere 3W(^ter fagt, waö ber befd^eibene 
benft, aber nid^t ausfprid&t, weil il^n bie ftreitenben 
SBrüber nid^t oerftel^en würben; fie f ollen nur be= 
l^erjigen , was er il^nen rätl^ : oertraut euren 
SRingen aus ber ^anb beö 58aterä! ©eib gute 
©ruber, wie il^r gute ©öl^ne wäret! aWit ben 
SRingen juglcid^ möge ber oätertid^e ®eift unb mit 



70 



il^m bie toctl^rl^aft birtibetl^e ®eflitnung förterM 
t)on ®t^^Uä)t ju ©efd^led^t. ^Igt bem SJojtbttbe 
beö äSatetd! „^vi^lanl ed eifre jleber feinet: um 
beftod^enen, von aSoruttl^eilen freien Siebe na/Sfl 
@ö ftrebe t)on eud^ jeber um bie SBette, bie Äraft 
beö ©teinö in feinem 9Wng an XaQ ju legen!" 
35ann fommt ber 2^ag, ber entl^llen wirb, xoai 
bie 3Knge bebeuten! 

3)er roeifere SWc^ter entl^üttt eä unb löfl ba« 
©el^eimniß, er mad^t ben 3wftanb offenfunbig, worin 
bie friebf ertigen unb guten 33rüber f d^on längft leben, 
unb ber ft<§ non ©efd^led^t ju ©efd^led^t immer 
tiefer, umfaffenber, fester entroicfelt l^at. Um il^n 
ju erlialten, bebarf e§ jjefet feiner SRinge 
mel^r, fie finb entbel^rlid^ geworben. S)ie 
x)öllige Slufflärung ift mit „berjenigen Sleinl^eit bed 
ißerjens gegeben, bie un§ bie 2^ugenb um i^rer 
felbft mitten ju lieben fällig mad^t". „2)ie ©rjiel^ung 
l^at il^r 3ißl"- //2ßaö erjogen wirb, mirb ju ©twa« 
erlogen". 3)er befd^eibene SRid^ter Tebet ate ®t^ 
jiel^er im aSorblid auf bie reifenben grüd^te; ber 
meifere barf baö ©rgebnife au«fpred^en im ©Inblidf 
auf bie gereiften, benn er fielet ben geläuterten 
aBeltjuftanb oor fid^. 



71 



VII. 

9luß bcr etngel^cnbcn Sctrad^tung bcö Urfprungö 
unb ber Umbitbung unfcrcr Parabel crl^cfft beten 
©inn oi^nc alle fünfiltd^e Deutelei, unb ber ©d^ein 
eines Slät^fete Derfci^TOtnbet. 3^91^^ ^^^'^ bamit 
geroiffe ©inroürfe wiberlegt, bie in iüngfter 3^it 
mit ntefir Äed tieit als ©d^arffinn ftd^ gettenb gemad^t 
unb SeffingS grabet ni(^t bloä für rätl^fell^aft, fon= 
bern für finnloö unb ungereimt erflärt l^aben, für 
ein oerroorreneö ®emif(^ aus ©lauben unb S^^^f^l/ 
Drt^obojie unb 3^reigeifterei, bargefteHt in Silbern, 
bie tl^eilö fd^ief unb l^inlenb, tfieilö leer unb ol^ne 
reale Sebeutung feien*). 9Benn man ben SHng 
mit ber Äraft, bie burd^ ben ©lauben wirft, für 
ein ©pmbol ber lutlierifd^en SRed^tfertigungölel^re, 
ben 9Kd^ter für ben Siepräfentanten ber ffeptifd^en 
äufflärung, ben SBater für ben lieben @ott l^ält 
unb über bie SRealität beö ®olbf(^miebö fid^ ben 
Äopf umfonft jerbrii^t, mufe einem bie ^Parabel 



*) mä^axh 3Jla^t: SBcitrdQC aut SBcurtl^cilunö ®. (5. Scf-- 
finfiS. (gSßtcn 1880). ®. 4-36. 



72 



confuö erfd^cinen. SRur Hegt bie ©<j^uCb nid^t im 
3)i<i^tcr, fonbern im 6rf tätet, ttnb bet ®tunb= 
itttl^um bed leiteten befielet batin, bafe et ftd^ eim 
bittet, bet Sling mit bet Ätaft ^abe in unfetet 
gäbet einen character indelebilis , was mit bem 
Sinn unb ben 3Botten bed ®i(|tetö ftteitet. 

9Wan i)ai Seffing ben SBotmutf gemad^t, ba§ 
feine Uttl^eile übet bie pofitiDen ^Religionen fid^ 
wibetfpted^en, bajs et je^it in bet SBütbigung bet:= 
felben ald ein ©egnet bet Slufflätung, jefet in bet 
3Setn)etfung aU ein güfitet beö Ungtaubenö etfd^eine. 
6t ttjat feines t)on beiben, et roat, wie ißetbet 
tteffenb gefagt, fein gi^eibenfet nad^ bem ©efd^made 
beö 3^tottetö, fonbetn ein SRed^tbenfet, bet ben 
©tanbpunft be§. befd^eibenen 3lid^tetö fel^t n)ol^t mit 
bem beö meifeten ju oeteinigen mußte, ^anbett 
es <i(^ um ben @ang bet 3Renfd^enetjie^ung , fo 
etfennt Seffing ben 33Bettl^ unb bie Sebeutung bet 
pofitiDen Sietigionen im ooHften aRajge ; btidft et auf 
ben SBeg, ben baö 3Kenfd^engefd^ted^t nod^ vor fid^ 
l^at, fo etfennt et bie Siotl^menbigfeit i^tet gott* 
bauet unb ben tetigiöfen 3Q3eltmäd^ten gegenübet 
bie Dl^nmad^t einet menfd^enunfunbigen Slufftätetei ; 
aM bem ©efid^töpunft beö l^öd^ften 3^^^^ etfd^einen 



73 



fte il^tn ate aufgelebte g^ormen unb ungättig ge^ 
roorbene äSertl^e. Site Srsiel^ungdmittel finb fte 
notl^toenbig unb bered^tigt^ ate gefd^id^tlid^e 93olId:s 
religionen „gleid^ toal^r unb gle^ falf(^", afe 6nfc 
nndlungdftufen von nieberem unb l^öl^etem SBal^rl^eitös 
gel^alt, ate blöd äugerlid^e ©laubendf ormen n)ertl^lod. 
2>iefe älnfd^auungen l^ängen genau juf ammen unb btl^ 
ben nur t)etf d^iebene ©citen einer unb berf elben SBal^irs 
l^eit. Um il^re l^armonifd^e SSereinigung in einem &)a^ 
rafter bai^ufteUen^ bid^tete Seffing ^iatl^an ben äBeifen. 
2)iefeö ©ebid^t fottte feine ©d^ufefd^tift für bie Der* 
nünftigen ^erel^rer @otteö fein. ,,3Benn man fagen 
wirb, biefeö ©tüdE leiere, ba§ eö nid^t erfi x>on 
geftem l^er unter aSerlei SSolf Seute gegeben^ bie 
fid^ über ade geoffenbarte 3leligion l^inweggefefet 
l^ätten unb hoä) gute Seute gen)efen n)ären; xomn 
man l^in^ufügen mirb^ bag gan} fid^tbar meine 9tb^ 
fid^t gen)efen fei^ bergleid^en fieute in einem meniger 
abfd^eulid^en Sid^te Dor^uflellen^ ald in n)eld^em ber 
d^riftlid^e 5ßöbel fie gemeiniglid^ erblidEt, fo werbe 
ic^ nid^t oiel bagegen ein^uioenben l^aben/^ @r 
vM bie ©egner ber geoffenbarten SReligion unter 
ben ©d^u| feiner S)id&tung nel^men, ol^ne fetbft ein 
fold^er ®egner }u fein, „^mn beibed fann aud^ 



74 



«in aWenfd^ Id^tsen unb jur atbfid^t l^aben wollen, 
ber nid^t lebe geoffenbarte SReligion, ni(i^t jebe Qarxi 
Derroirft". Offenbar badete ßefftng an Sielmaru«, 
ijon beffen ©tanbpunft gänjHi^er SSermerfung er 
-ben feinigen oud^ an blefer ©teile unterfd^ieben 
n)iffen rooffte. ©eineSBejal^ung ber pofitioen Sieligion 
ift in il^rer Slrt ebenf o aufrid^tig unb ungel^eud^ett, 
afe bie Slrt feiner SSerneinung offen unb furd^tloö. 
>,3)lid^ aCö einen fold^en" (ber bie geoffenbarten 
9leligionen nid^t oerroirft) ,,ju [teilen, bin id^ nid^t 
oerfd^lagen genug, bod^ breift genug, ntid^ ate einen 
fold^en nid^t ju DerfteHen". 5Diefe fel^r d^arafteriftifd^e 
unb mit epigrammatifd^er ©d^ärfe gefaxte ©rllärung 
finbet fid^ in bem ©ntwurf einer nai^gelaffenen 
aSorrebe jum SWatl^an, bie mit ben SBorten fd^liefet: 
„9iod^ Unne iä) feinen Ort in ©eutfd^lanb, wo biefed 
©tüdf fd^on jefet aufgefül^rt joerben fönnte. Slber 
igeil unb ®türf bem, wo e§ juerft aufgefül^rt wirb/' 



gÄttMung ttni> €ffütükUtt. 



I. 

äßad in ber ^atabet^ bie mr lentten gelernt 
l^aben, in fetnfter S^lunft erfd^eint: bie SBieber* 
Bereinigung ber SRenfd^l^eit ald e^ruci^t il^rer reli:: 
giSfen (Srjiel^ung unb Steife^ niiE und bie S)i<$tung 
in bem Umfange einer Familie oergegenwärttgen, 
n)orin ft(| gel&uterte Gl^araltere ber brei einanber 
feinb(i($en 9ieligionen nad^ langer Trennung ju^ 
fammenfinben. a)al^er mufete eine ®efd^i(|te er* 
funben werben, bie eine fold^e 35ereinigung t)on 
gilbe, e^rifi unb a»ufelmann l^erbeifül^rt. ®iefe 
@efd^i(i^te ifi nad^ Sefftngd @r!lftrung „bie inter^^ 
effante ®pifobe", bie er ju ber gabel oon ben brei 
SRingen erfonnen. @o entl^ält bie lefttere nid^t 



78 



bloö bic Sbee ber gcfammten ©id^tung, fonbem 
aud^ ben Äeim ju ben SBcgebcnl^eiten , roeld^e bie 
grabet bed ©tüdä im iDciteren ©inn auötnad^en. 

S)te ©röjse ber moralifd^cn Äraft mifet fid^ burd^ 
bic ®röße beö SBibcrftanbeö , ben fie finbet unb 
befiegt. 3n einer 3^it, n)o bie SBelt vim ©laubenö^ 
l^ajs lebt unb äSölIertriege filiert um bed ©laubenö 
willen, fann bie ed^te ©ulbung, bie lautere, auf 
©elbftoerleugung gegrünbete 3Renfd^enliebe am el^e^ 
ften, weil am fd^werften, erprobt werben, unb fte 
wirb gerabe in fold^en 3^^^" M ^^ einzelnen 
feltenen Sl^aralteren erzeugen. @d trifft fid^ barum 
gut, baj3 ben ©d^auplaft unferer ©efd^id^te bie 
Äreujjüge bilben, unb jwar in einem für ben 
Swedf ber Di(^tung boppelt günftigcn 3^tpwnft. 
SQSenn bie ©laubendleibenfd^aften mit ungewöl^nlid^er 
^eftigfeit angefpannt werben, fo ift eö eine nattir« 
lid^ unb nie audbleibenbe i^olge, bag fie erfd^laffen 
unb an bie ©teile ber erregteftcn Unbulbfamfeit 
aUmäl^lid^ jene bequeme ^ulbung tritt, weld^e bie 
©laubenöoerfd^iebenl^eiten anfängt ju neutralifireft. 
9lud^ biefer gegenüber l^at fid^ bie ed^te S)ulbung 
}u erproben. Um bie 3^^ ^^^ oierten ^reujjugd 
gibt eö fd&on einige bebeutfame S^ä^en, bafe mit ben 



n 



®taubcnö(eibenfd^often auä) bie <8iauben«intcreffett 
abncl^men unb bie ttnterfci&iebe ber Sleligionen in 
einigen gäHen faum mel^r ein entfd^eibcnbeä ©ewid^t 
^aben. (Sin Stemplet gel^t ju ©alabin über, ein 
d^riftlid^er Äönig fiä^lägt einen aßnfelmann, ber ein 
SSetter beö ©nltanö ift, jum SKtter, fclbft eine 
äJerfd&roägerung ift im SBetfe jwifd^en ©dabin unb 
SKd^arb Söroenl^erj. ©ö ift bie Qdt, in toel^tx auf 
ber mol^ammebanifd^en unb jübifd^en ©eite bie Sit 
bung fo ^oä) fielet, bafe ii^re 5p||iIofopl^en bie Seigrer 
ber d^riftliij^cn ^l^eotogen in SWdfid^t beä Slrifioteleö 
werben fönnen unb bie d^riftlic^e Silbung fel^r balb 
biefem ©influffe nai^gibt unb gel^ori^t. 

Ueber^aupt bilben unb erzeugen bie Äreujjüge 
eine grofee Ärifis in ber ®lauben§t)erfaffung ber 
d^riftlid^en SBeft. ©ie roirfen auf bie religiöfen 
Seibenfd^aften entjünbenb, abftumpfenb, reinigenb. 
Sl^re ööuptwirfung fielet mit il^rem ^auptmotit) 
in einem fe^r bemerkbaren SlBiberftreit. Sluö finns 
lid^er Olaubenöf-el^nfud^t finb fie fieroorgegangen, 
unb nad^bem fie biefe ©el^nfud^t geftittt, mujsten 
fie in einer jener großen unb frud^tbaren (&nU 
täufd^ungen enben, bie man nie ju tl^euer erlauft, 
weil fie un« innerlid^ bereid^ern. S)er ©egenfafe 



80 



felbft jtoifd^en ber ©cl^nfud^t jene« S^ttalterd unb 
il^rer erfüHung lä§t [x^ mit einem ein^a^en SBorte 
erteud^ten: toad bie Jtreusfal^tet gefud^t l^aben^ um 
eö }u erobern^ mar baö ®rab @l^rifti^ unb mad 
fie gefunben, erobert unb mieber verloren l^aben, 
mar — ein @rab! ©ie l^aben bie ©ntbedfung 
gemad^t^ ba§ bad @rab leer ift^ unb fo mugte {td^ 
burd^ bie ©rfal^rung biefer 3^^^« ^on neuem in 
ber d^riftüd^en SBelt baö SBort vom Samariter^ 
brunnen erfüllen: ,,®ott ift ein ©eift unb bie il^n 
anbeten, muffen il^n im ®eifi unb in ber SBal^rl^eit 
anbeten." 9Ran fann t)on biefer groj^en Xragöbie 
fagen, ba§ fie bie ©laubensleibenfd^aften burd^ bie 
l^öd^fte Erregung jugleid^ gereinigt l^abe unb in 
biefem ©inn, um einen SluöbrudE bed SIriftoteleö ju 
braud^en, eine mirWid^e ftatl^arflö erzeugte. 

35urd^ feine Duette felbft fanb fid^ ßeffing l^in^ 
gemiefen auf bie ^dt unb 5ßerfon ©alabinö, ber 
gegen bad @nbe bed jmölften S^^^tl^unbertd, in ben 
Salären 1187—1193, fierr t)on Serufalem mar. 
Uebrigend ift baö ©tütf in Setreff ber Beitüerl^ält^ 
niffe !einedmegd l^ifiorifd^ unb mitt ed nid^t fein; 
bie d^ronologifd^en äBiberfpräd^e, bie barin Dor- 
tommen unb bie Seffing px t)ermeiben gar nid^t bie 



81 



Stbfid^t l^atte, erlauben nid^t, baö ^af)v ber ^anb? 
lung genau ju beftimmen*). 

35te gamitiengefd^id^te, bie Seffing ju ber grabet 
von ben brei SKngen erflnbet, fpielt in bem ^aufe 
©alabins felbft. ©in jüngerer Sruber beö ©ultanö, 
mit Flamen 2lffab, l^at t)or Salären feine gamilie 
unb feinen ©tauben uerlaffen; aus Siebe ju einer 
6f)riftin ift er felbft tieimlid^ 6I)rift getoorben unb 
l^at in 3)eutf(^lanb , bem aSaterlanbe feiner g^rau, 
unter bem 5Ramen 3BoIf t)on g^ilned einige Saläre 
gelebt. S)aö raul^e Älima t)ertreibt il^n unb beibe 
feieren in baß SKorgenlanb jurüd; Slffab nimmt 



♦) S)a8 ©türf fcfet öotauS, ha^ hn aßoffcnftiaftanb 
gtotfd^en @atabtn unb 9lt(^axb iBötoen^etj \>ox Stnx^tm ab» 
gelaufen ift, bann toiitbe bie ^anblung gegen @nbe beS 
3a^Te8 1192 ftattftnben; aBet au biefct Seit toat W^^P 
3luguft tjon Ofxanlteid^ ntd^t mel^t in 5Palöftina antocfenb, 
.toa8 nad^ bem ^Briefe beS Patriarchen ber gfaH fein mü^te. 
Diefeä 3)atum ^a^t nur auf bo§ tJor^crgel^enbc 3al^r. ^ud^ 
mu6 2)aia offenbar t)tel längere 3cit im ©aufe ^atl^anS 
gelebt l^aben, aU ftd^ nad^ ben S^^^^H^^^^ be8 @tüdf8 
berechnen lä^t; nad^ btefcn toürbe fie erft 1189 na6) ^Jalöfttna 
unb tool^l erft nad^ bem %obt t^reS ^anneS, ber mit ^aifer 
8frtcbrt(| crtrtnit, alfo nm bie 3Jlittc be8 3al^re8 1190, in 
baS ^au8 ^atl^anS ge!ommen fein. 

«uno gflfd^er, ®. (5. Sefflng. n. 6 



82 



an ben kämpfen ber d^riftlid^cn SRitter S^l^cil, vev^ 
tl^cibigt mit il^ncn ®aja unb fällt bei Slöcalon. 
6r f)at in 3)eutfd^lanb einen ©ol^n jurüdgetaffen, 
ben fein müttetlid^er Dl^eim ©onrab t)on ©taufen, 
ein 2^empell^err, erjiel^t, unb in ^paldftina eine 
^od^ter, bie er nad^ bem 2^obe feiner g^rau einem 
feiner Dertrauteften JJreunbe tibergibt, thm bamate, 
ate er fid^ nad^ ®aja werfen mu^te, unb bie nad^ 
bem J^obe ifires SSaterö biefem greunbe als ^Pflege- 
finb jurüdEbleibt. 35iefer greunb Slffabs, biefer 
^Pflegeoater SRed^aö ifi ber S^^be SRatl^an in Seru^ 
falem. ©o toad^fen bie ©efd^roifter fem von dn^ 
anber auf, ber 33ruber in S)eutfd^lanb bei einem 
S^empell^erm, bie ©d^roefter in S^nifalem bei einem 
3uben. Seibe wiffen ni(^tö t)on einanber, nid^ts 
t)on il^rer Slbfunft. 3i^ ber ^perfon aiffabö treujen 
fid^ fd^on bie brei SReligionen: er ijl SKufelmann 
t)on ©eburt unb ©l^rift burd^ SBefel^rung, ber Sruber 
©alabinö, ber aWann einer Gl^riftin, ber g^reunb 
eines Swben. 2)ie ©efd^roifter jufammenjufül^ren 
unb mit ©alabin unb 9latlian ju einer gamilic 
ju t)ereinigen, ift baß ^xd, worauf Seffing bie von 
il^m erfunbene ®efd^i(^te anlegt. 6r lä^t ben 
33ruber ate STempell^erm nad^ ^paläftina fommen. 



83 



gegen ©atabin !ämpfen, gefangen unb in bem 3lugen= 
hliä vor feiner ^inrid^tung von bem ©ultan be? 
gnabigt werben, weit biefen in ben @efid^t§jügen 
beö S^empel^errn eine plöfelid^ entbecfte 3lel^nlid^feit 
mit bem Dertorenen Sruber ergreift unb rü^rt.. 
@in Befall fül^rt ben ^Tempelfierrn t)orbei, als 
Siatl^anö ^auö in J^ener fielet unb 9ted^a fd^on in 
ber au^erften ©efal^r ju t)erbrennen fd^roebt. ©er 
2^empell^err rettet baö Söläbd^en, aber allen Sitten, 
il^ren ^ant fid^ gefallen ju laffen, bleibt er vet^ 
fd^Iöjfen unb l^art weift er jebeö Slnfinnen biefer 
Slrt jurüd. ©eine 3ubent)erad^tung ift ebenfo eut^ 
fd^ieben afe feine SCobeöoerad^tung. S)od^ wie er 
enblid^, von ^JJatl^an gewonnen, baö SOtäbd^en fielet, 
baö er gerettet, fo entjünbet ber erfte 3lnbIidE in 
feinem iQerjen eine unroiberftel^lid^e ßeibenfd^aft für 
Sled^a. ©inen 3lugenbttdE fönnte man fürd^ten, ba§ 
fid^ jefet ber 2^empler unb bie Sübin in ©cene 
fegen. 216er 3latl^an l^at fd^on biefelbe Slel^nlid^feit 
entbedft, wetd^e ben ©ultan betroffen gemad^t l^at; 
er al^nt ben 3wfötnmenl^ang, Dorfid^tig lel^nt er bie 
ungeftüme ^Bewerbung beö 2^empell^errn ab, forg= 
fältig forfd^t er feiner 9lbfunft nad^, unb es gelingt 
feiner Sefonnenl^eit, ben Änoten glüdflid^ ju löfen. 



84 



®ieö ift in furjeit SH^^ ^i^ ®cf d^itä^tc , bic 
Seffing für feinen S^^^äE erbad^t i)at, unb bie fid^ 
nid^t ol^ne SDtängel in bie gorm einer bramatifd^en 
^anbtung bringen lie^. SBeld^er Unterfd^ieb in 
biefer SRüdffid^t jroifd^en ber ©milia Oalotti unb 
9Jatl)an bem SBeifen! SGBie ftraff ift bort ber bra- 
matifd^e graben gefpannt, wie fidler unb unauf- 
l^altfam »erläuft ber natürlid^e glu^ ber Segebem 
^leiten, wie ift jeber S^Q watirl^aft bramatifd^ wo- 
tiüirt! 35agegen l^ier, n)ie lofe unb fünftlid^ finb 
bie einzelnen gäben uerfnüpft, bie fi(§ in bad 
©eroebe ber ^anb(ung oerfd^lingen ! 2)ie Segeben= 
l^eiten l^ängen mit ben ß^arafteren nid^t immer 
genau unb unter einanber oft nur epifobifd^ iu^ 
fammen. 

®ß gibt für ben bramatifd^en S)id^ter !aum 
etwas, ba§ weniger d^arafteriftifd^ ift, afe bie Sielen:? 
lid^feit jweier Oefid^ter, bie burd^ feine Slrt ber 
^anblung, burd^ fein poetifd^eö 3Jlittel einleud^tenb 
gemad^t werben fann. 35ieö wu^te ber SBerfaffer 
beö Saofoon fel^r wol^I. Unb bod^ benufet er biefeö 
3Kotit) in feinem 5Rat^an jmeimal, nic^t als ein 
beiläufiges, fonbern afe ein mirffame« unb ent:: 
fd^eibenbeö aJioment. ©in ®Iüdf, bafe ber SCempet 



85 



l^err feinem aSater fo ölinUd^ fielet! 6in ®lü(f, 
ba§ ber ©ultan no^ im testen 2lugenblirf biefe 
SKel^nlid^leit ertennt, fonft war ber S^empell^err vex^ 
loren unb 9ted^a wäre t)er6rannt! 6in ®lüd, ba§ 
SRatl^an bei Bitten biefetbe Slel^ntid&feit entbecft, 
fonft l^ätte nid^t blo§ ber S^empler bie Sübin, fon= 
bern ber Sruber bie ©d^roefler frifd^tüeg jum SBeibe 
genommen! ®o l^ängt an ben ©efid^töjügen be§ 
^empelfierrn julefet bie ^an^e ©efd^id^te; fo ober* 
fläd^Ud^ im bud^ftäblid^en ©inne beö SBorteö bürfen 
bramatifd^e SKotioe nid^t fein. 35iefer Bufö^wien^ 
l^ang jroifd^en ber ©efid^töbilbung beö Tempelherrn, 
ber SBegnabigung ©alabinö, ber SRettung 9?ed^aö 
ift getoi^ fel^r geeignet, um l^ier eine Steige natür* 
Ud^er Segebenl^eiten imSid^te einer wunberbaren 
gügung erfd&einen ju taffen unb barin bie SBege 
ber göttlid^en aSorfe^ung ju betounbern ; nur fd^abe, 
ba§ bie Äunft beö bramatifd^en 3)id^terö in ber 
SSerfettung ber Segebenl^eiten, bie fie bilbet, nid^t 
benfelben @ianbtn beanfprud^en barf, ate bie aSor- 
feliung Ootteö. 

SBäre SeffingS SRatl^an nid^tö alö ein gamilien= 
brama, n)äre biefe gamiliengefd^id^te bie ^auptfad^e 
ber 25id^tung, fo märe bie ©ompofition an mef)v 



86 



als einer ©tette cerfel^lt. aber bie Oefd^id^te ift 
l^ier nur SRittel, n)eld^e§ Seffing im 2)ienfte feiner 
3bee brandet unb. biefer gemäg bel^anbelt, auf bie 
Oefal^r l^in, ba§ felbft wiberfpred^enbe SH^ i^wi 
Sßorfd^ein fommen. 3d^ will mid^ an einem Sei= 
fpiele beuttid^ mad^en. gür bie 3!bee be§ ©tttdd 
unb bie ©ntraidflung ber S^araftere, namentlid^ für 
bie bes ^auptd^arafterä finb unter anbem Böfl^n 
jwei burd^auö erforberlid^ : ber ©ngelglaube SRed^ö 
unb bie ©d^roffl^eit, womit ber Sempell^err bie 
Sübin jurüdfweift. Slber wie foH id^ biefe beiben 
3üge mit einanber vereinigen? 3d^ laffe mir 
ben ©ngelglauben Sled^aö gefallen, wenn ber Xem^ 
:pell^err, ber fie rettet, plöfeli(^ erfd^eint unb plöfe= 
lid^ üerfd^winbet. Slber er fommt roieber; SWed^a 
fielet il^n eine S^it^^ng täglid^ unter ben 5ßalmen 
beö ©rabeö, fie erfäl^rt, mit fd^nöbe er il^re SBotin 
mel^r ate einmal bel^anbelt, unb nun möd^te eö 
fd^roer unb mel^r al§ ©d^roärmerei fein, nad^ fold^en 
SBeroeifen ber 3Jienfd^lid^feit ben weisen SWantel nod^ 
für einen g^ittic^ ju l^alten! ®iefe beiben 3üge 
fließen nid^t von felbft an§t ber ©efd^id^te, fonbern 
werben in bie le^tere eingefül^rt, weil bie Sibee fie 
forbert. Slatl^an foH SRed^aS SBunberglauben be- 



87 



tid^tigcn unb läutern; baö religiös erjiel^enbe ©e- 
fpräd^, baö biefen 3^^^* erreid^t, ift für bie 35ars 
ftellung beiber 6^ara!tere burc^auö bebeutfam unb 
für bie 3bee ber Sichtung burd^auö unentbel^rlid^. 
Unb eben fo unentbel^rlid^ finb barin jene belel^renben 
unb ergreif enben SBorte Sßatl^anö, bie SRed^a auf 
il^re eigene fo njunberbar gefügte Slettung l^in? 
toeif en : 

eine ßitttc, 

@ttt S5ug, ein SCßittfcl, eine gfalt*, ein 9Jlal, 
@itt Stid^tS, auf cine§ totlbcn ^nxop&tx^ 
(Scftd^t: — unb bu entfommft bcm 3fcu*r, in' Elften! 
S)a§ toöt* fein Söunbet, tounbetfüd^t'geS S5oIf? 

S)arum mu§te ber 3^^f<i«i^^^^<^^9 ^^^ Segeben^ 
iieiten, aus bem Sfted^as Sftettung lieroorgel^t, lotfer 
genug gefügt fein, bamit bie göttlid^e SSorfel^ung 
burd^fc^eine. Seffing brandete ein fold^eö SBunber 
für ben religiöfen ^roed feiner 25id^tung, um es 
in jenem ©efpräd^ fo mirffam ju Derroertl^en ; aber 
id^ glaube fi^werlid^, ba^ er es in feiner ©rama^ 
turgie empfol^len l^aben würbe. 

©oUte id& bie ß^araftere bes ©tüdfs lebiglid^ 
nad^ il^ren ^anblungen beurtl^eilen , fo würbe id^ 
fragen: wo war 5Ratl^ans SRenfd^enfenntnife unb 



88 



päbagogifd^e Sffieiöl^ett, als er bie ©aja ju 9ied^a§ 
©efeHfd^aftetin mad^te? Unb roie fonntc ber roelfc 
Ilugc ^ßatriard^ ben cl^rlid^en Sonafibeö ju feinem 
©piott braud^en? 

3li^t bie ißanblung, fonbern bie 3bee ift im 
SKatl^an bie ^auptfad^e; nid^t auö jener, fonbern 
auö biefer wollen bie ©l^araftere beö ©tüdfö erftärt 
fein, greilid^ foH im eigentlid^en 3)rama bie ^anb* 
lung ober, wie 3lriftoteleö gefagt l^atte, ber 3K^tl^uö 
bie ^auptfad^e ausmad^en. 3lud^ war, wie wir 
roiffen, Seffing barin ganj einoerftanben mit 3lri= 
ftoteleö ; er !annte bie 9JJängeI feiner SJid^tung fel^r 
gut unb bezeichnete beöl^alb ben SRatl^an nid&t alä 
eigentlid^eö 5Drama ober ©d^aufpiel, fonbern ate 
„ein bramatifd^eö ©ebid^t" unb bie Segebenl^eit ate 
„ßpifobe". 

II. 
|>ie xeti^xife ^otmirnng hex ^^axaUett. 

®ö ift leidet ju feigen, bafe ber ©runbgebanfe 
bes ©tüdfö ben S)i(^ter aud^ in ber SBal^l unb 
SRid^tung feiner ßl^araftere beftimmt l^at, ba§ bie 
lefeteren auö bem Oefid^töpunfte jener 3bee, bie in 



89 



ber ^Parabel t)on ben Slingen auögefprod^en toar, 
betrad^tet unb geroürbigt fein wollen. S^beffen ift 
eö nid^t eben fo leidet, bie ©ad^e rtd^tig ju feigen 

r 

unb tiefer ju f äffen, alö fie geroöl^nttd^ DorgefteHt 
wirb. SHamentlid^ in jraei 5ßunften l^at man bie 
SBeroeggrünbe, weld^e ben ©id^ter in ber ©eftaltung 
ber ©l^araftere geleitet l^aben, burd^ eine ju ober- 
fläd&Iid^e unb enge Stnfid^t t)erunftaltet unb baburd^ 
falfd^e aWeinungen über baö ©tücf t)erbreitet. 

6ö ift feineöroegö jutreffenb, bafe in ben ßl^arafe 
teren unferer 3)id^tung bie brei ^Religionen perfoni- 
ficirt finb ober fein wollen: im SRatl^an baö 
Subentl^um, im 5ßatriard&en , ber ©qa, bem 
S^empell^errn unb bem Älofterbruber baö ©J^riften^ 
tl^ um, in ©alabin, ©ittal^ unb Slt^afi ber Sota m. 
©d^on wegen il^rer UntJoUftänbigfeit ftimmt bie 
aied^nung nid^t. SBo bleibt SRed^a? Unb Stt^afi 
mit feiner SBorliebe für bie 5ßarfen, mit feiner 
©el^nfud^t nad^ ben Seigrem am ®ange§ ift fd^wer^: 
lid^ ein bem 3slam gemäßer 2;tipuö. S)aju fom- 
men eine SReil^e anberer innerer ©rünbe, bie id^ 
fpäter erleud^ten werbe, um ju jeigen, wie wenig 
Seffing baran gebadet l^at, in feinem Slat^an nn^ 
©jemplare ber brei 3leligionen üorjufül^ren. 3)as 



90 



mit fäHt von felbft eine jroeite lanbläufige 3lnfi($t^ 
bie man gegen ben ©id^ter gefeiert unb mit ber 
^artnädigfeit eines gepflegten SBorurtl^eite raieber^ 
l^ott l^at, fie ift jener 3lnfd^ulbigung äl^nlid^, gegen 
raeld^e ßeffing einft ben 6arbanu§ l^atte retten 
wollen: eö l^eifet, er l^abe ba§ 6l^riftentlium augen:= 
fd^einlid^ ^erabgeroürbigt , ba ber befte ©l^arafter 
feined ©tüdeö ben jübifd^en, ber fd^led^tefte ben 
(^riftlid^en ©lauben vertrete. 

Die e^araftere im SRatl^an finb religiös motimrt, 
aber nid^t fo, ba§ fie nad^ jener feid^ten, Derfel^lten 
unb üöHig unpoetifd^en äuffaffung bie brei formen 
beö monotl^eiftifd^en®lanbend unb berenSd^attirungen 
in einer bem ©l^riftent^um' feinblid^en 2lbfid^t ejem^ 
pliftciren, fonbern fo, bajs fie baö SBefen ber SReligion, 
bie menfd^lid^e 3latur berfelben in il^rem toal^ren 
SluSbrudf, n)ie in ben SH^^f ^i^ P^ entfteHen unb 
trüben, tjerlörpern f ollen. 3Bie bie platonifd^en 
Urbilber in ber ©innentoelt, fo wirb baö SEBefen 
ber Sieligion in ber gefd^id&tlid^en 3Jicnfd^enn)elt, 
in ber ©rfd^einung ber äJolfereligionen , in bem 
bunten ©toff menf d^li(^er SBilbungö:^ unb ©rjiel^ungfi- 
juftänbe in mannid^faltigfter SBeife getrübt, ja ber« 
geftalt oerbunfelt, bafe oft nur bie äußeren 3^^^^ 



91 



übrig bleiben: ber Sttng am ginger afe S^aliöman 
iinb ©d^auftüd, über beffen ©eltung man flreitet. 
@s l^anbelt fid^ um ben Unterfd^ieb sn)ifd^en ed^tem 
unb uned^tem ©tauben, SBefen unb ©d^etn, Sieligion 
unb 3Wng: baö 5Cl^ema ber 5ßarabel ift aud^ baö 
5t|iema ber ß^araftere im SRatl^an, ber ©d^Iüjfel ju 
i|irem aSerftänbnife. . ' 

S)aS Äennjeid^en be§ ed^ten Olaubenö ift bie 
Säuterung, bie ©elbftoerleugnung, bie Ueberrainbung 
ber ©elbftfud^t, bie Befreiung von ben S3egierben 
unb ber SEBeft, bie fie näl^rt. ®a§ Äennjeid^en beß 
uned^ten ©laubenö ift baö ®6gentl|eil ober ber 
aHangel biefer ßäuterung: bie üöttige, baare ober 
bie nur jum SC^eil überrounbene , jum SE^eit nod^ 
ungetilgte ©elbftfud^t. Säuterung ift Umbitbung, 
2lrbeit, fittlid^e SBiebergeburt. SEBeit baä S^d er^ 
ftrebt, erarbeitet, errungen fein roiff, feigen wir bie 
3Kenf(^en nur auf bem SBege bal^in, bie einen bem 
Siele naiver, bie anberen ferner, je nad^bem bie 
3Wad^t ber nod^ ungeläuterten unb wiberftrebenben 
©lemente il^rer SRatur fie fejfelt unb iurüdE^ält. 
S)al^er bie mannid^fa(|en S^rübungen unb ®nU 
fteHungen, bie baö SBefen ber Sieligion in ber 
aKenfd^enraelt notl^wenbig erfäl^rt. 35er ed^te unb 



92 



uncd^tc (Staube, jener in feiner l^öd^ften Gntroidlung, 
biefer in feiner niebrigften Oeftatt, bitb^n ben öufeer« 
ften ®egenfa|, il^re ©l^araftere finb am roeiteften 
von einanber entfernt; bajroifd^en liegen bie aMifd^^: 
ungen beiber, bie fid^ nad^ bem ©rjiel^ungögange 
ber ^Religionen unb aSölfer, nad^ ber $Ratur unb 
©emütl^öart ber Snbimbuen in einer 9leil^e von 
ß^arafteren abftufen. ®§ gibt einen ©tufengang 
religiöfer ©efittung unb ßl^arafterlauterung in ben 
©injelnen, roie eö einen ©tufengang ber Sieligionen 
in ber ©rjiel^ung beö 3Kenfd^engefd^led^tö gibt, unb 
es ift fel^r rool^l möglid^, ba^ ber ©injelne burd^ 
fein eigenftes ©treben unb feine perfönlid^en ©d^idf- 
fale über bie ©d^ranfen feiner SSolfereligion empor:s 
fteigt unb ate SRenfd^ l^öl^er ftelit, benn als ©enoffe 
feines SSolfs. Dl^ne fold^e SÄusnal^men, fold^e Dont 
Oängelbanb ber ©efammterjiel^ung unabl^ängige 
g^ortfd^ritte ©injelner wäre bie ©ntroidftung bcs 
©anjen nid^t möglid^. ßeffing liatte biefen ^punft 
aud^ in feiner ©rjiel^ung bes 3Kenfd^engefd^led^tS 
n)ol^l ins 2luge gefajst. fiier jeigte er uns bie 
Sieligion im ©tufengange ber aWenfd^l^eit, in feinem 
Slatl^an jeigt er fie in einer ©tufenleiter oon 
6liara!teren , bie oon ben geoffenbarten ^Religionen 



93 



^rjogcn finb, ben ©laubenöfricg um bie SlBcltl^crrs 
f($aft t)or fi(^. feigen unb in ifircr eigenen ®emütl^§= 
(xrt, in bem, waö fie finb ober nid^t finb, ben ©tufen^ 
^auQ ber ©laubenöläuterung barftellen. 

III. 

3n biefem bramatifd^en ©emälbe rettgiöfer 
^^axattexe barf aud^ ba§ oöHige ©cgentl^eil ber 
tä^tm 9leIigion nid^t feilten, fie tritt inxä) if)xen 
ßontraft in baö beutlid^fte 2iä)t, bie Sffial^rl^eit er- 
l^ettt auö ilirem ©egentl^eil, benn fie ift „index 
sui et falsi". Unfere 35i(3^tung brandet einen 
©l^arafter, ber oline jjebe ©pur ber ©taubenöinnigs 
feit nur bie äußeren Olaubenöformen jur ©d^au 
trägt, ^ier l^errfd^t ftatt ber ©elbftt)erleugnung bie 
©elbftfud^t mit aßen il^ren meltlid^en ©elüfien, ber 
<Slaube bient ifir alö aSBerfjeug xinh gutter, ftatt 
fie ju üerjel^ren, muß er melmel^r ben ©toff l^er= 
^eben^ ber fie füHt unb aufblälit, auf baö Ueppigfte 
gebeil^en unb raud^ern täßt: mir feigen ben ©lau ben §= 
egoiömuö üor unö in feinem 3)ün!el imb Qoä)- 
mnü). @g gibt eine SCrt fd^nöbefter ©elbftfud^t. 



94 



bic bcn äußeren ©d^cln bcr ^Religion annimmt mit 
bcm oottcn SBcroufetfein bcr aJlaöfc: id^ meine bie 
religiöfe öeu(^elei, bie fid^ im ^artüff e perfötpert* 
3)er 5Cartüffe fennt fi(j^ felbft, er mei^, bafe er 
l^eud^elt, er tl^ut e§ mit SRefleEion, mit mol^lübers^ 
legter, rafftnirter 2lbfi(^t, er trägt bie ^Religion afe 
Sart)e, bie er bisweilen abnimmt, um freier ju 
atl^men: barum fann er entlarvt werben. 3ft bie 
freiwillige ©d^Ied^tigfeit beffer als bie unfreimittige, 
fo gibt eö eine ©orte ^eud^elei, bie nod^ unter 
bem ^artüffe ift: wenn fi(^ ber ©goift in allem 
@rnft für einen 3Wann ©otteö l^ätt unb feine ^voede 
für bie gottmotilgef ättigen , xomn ber ©laube nid^t 
3Kaöfe, fonbern gleid^fam bie ^panjerl^aut ifi, 
worin ber ®goiömu§ wie in einer ^eftung wolint, 
fidler; bel^agli(^, fugelfeft, felbft ber ®ntlart)ung 
unerreid^bar, t)or weld^er ber bewujste igeui^Ier 
immer auf ber ^ut unb in ber 2lngft ift. ißier 
entfielet bie ©d^einreligion wie ein natürlichem ©es 
wäd^s, eine Slrt geborener, naioer ^eud^elei, ein 
©laubenöjuftanb, ber bie ©elbfterfenntni^ üöllig 
t)erbunfelt unb bie fi^Iimmfte 2lrt ber ©elbfttäufd^ung 
auämai^t. Seute fol(^er SBerfaffung reben nid^t 
bloö unwal^r, fie finb eö x>on ber SBurjel aM unb 



95 



befinben fid^ im 3#<^«^ ^^ (3^ronifd^cn Süge. ©in 
Xypn^ biefer Slrt ©laubenßfalfd^l^cit unb ^eud^clei 
ijl bcr 5patriar(^ in unfcrer ©id^tung, beffcn 
aSorbilb, wenn überl^aupt uon einem fold&en gerebet 
werben barf, nid^t ©oeje in Hamburg, fonbetn eine 
l^iftorifd^e ^erfon m^ ber S^xt ber Äreujjüge mar, 
ber 5ßatriard^ ^era!liuö üon "^exn^aUm, berüd^tigt 
burd^ eine g^ütte von Saftern. 

. Unfer 5ßatriar(^ ift ißeud^ler burd^ SRatur unb 
3ü(^tung. 6r ift im Snnerften J^ergloö bis jur 
Unmenfd^lid^feit unb gegen alle ®mpfinbungen ber 
3Benfd^enliebe unb ^ro^mutl^ in einem ©rabe vex^ 
l^ärtet, ba§ er DoHfommen unfäl^ig ift, fie ju t)er= 
ftel&en ober gar von il^nen ergriffen ju merben. @r 
lebt unter bem grofemütI)igen ©(^ufee ©alabinö unb 
l^at bem ©uttan gegenüber bie 3Riene ber Unters 
mürfigfeit, aber l^eimli(| finnt er il^m Sßerratl^ unb 
3Weud^eImorb ; er mei§, bafe ©alabin bem gefangenen 
2^empell^errn 2thm unb g^reil^eit gefd^enft, aber 
nad^ beö ^ßatriard^en 2l6fi(^t foff ber 2^empeC^err 
eben biefe g^reil^eit benufeen, um an ©alabin jum 
©pion unb aWörber ju werben. S)enn ?3ubenftüdt 
vox aWenfd^en ift nid^t aud^ Subenftüdf vot @ott. 
6r l^ört von einem ß^riftenünbe, ba§ ein 3ube auf? 



96 



gejogctt, afe ob eö fein Äinb tDärc ; baö Äinb toax 
eine Sffiaife, bcr ^u\>e ift il^m bcr liebcooHfte SBatcr 
getDorbcn ; aber in biefer tü^renbcn Segcbenl^ett fielet 
ber 5patriard^ nid^tö afe einen ©eelenraub, eine 
aSerfül^rung jur SCpoftafie, eine ^Rettung jum ewigen 
aSerbetben; eö wäre in feinen äugen beffer geroefen, 
ber 2^be l^ätte baö Äinb im ®lenb umfommen 
laffen. 2^aub gegen jeben rül^renben S^g ^^^ 
aWenfc^enttebe unb Sarmlierjigfeit, bleibt et b^i 
feinem ©prud^: „S^l^ut nid^tö, ber Sube wirb vex^ 
brannt!" 

®abei regt ftd^ in feiner ©eele a\x^ nid^t von 
fern ein leifeö ©efül^l ber 3Äenfd^lid^feit, baö er 
etwa notl^gebrungen bem ftrengen ©efeft feiner Äird^e 
opfern mü^te. @ö wäre barin bod^ eine SÄrt ©elbft= 
Verleugnung. SRein, er fül^lt nur feine Süiad^t, feine 
3Bürbe, bie il^m njol^I tl^ut, unb ebenfo rool^l tl^ut 
eö il^m, ju verbammen. @r fagt unb wieberl^olt 
feinen aSerbammungöfprui^ ungerül^rt, wie ein Stuto? 
mat, ben nur baö S^riebroerf ber Äird^e in ^t^ 
wegung fefet, unb afe foI(^er möd^te pr erfd^einen, 
afe f oI(^er erfd^eint er fid^ f elbft : „SKid^ treibt ber 
®ifer ©otteö lebiglid^. 2Baö id^ ju mel t^u^ t^u' 
id^ il^m!" 



97 



SEBäte er in ber St^at biefeö bUnbe SBertjeug, 
fo tnö(^te bie blinbe Unterwerfung nod^ ein 3<^i<^^» 
jener ©elbftoerleugnung fein, roeld^e bie ßiri^e grofe 
gemad^t ^at aSon biefer ©elbftoerleugnung ift ni(^tö 
in i^m, weber von i^rer 3)emutl) nod^ t)on il^rem 
©tolj. ©eine perfönüd^en Sntereffen finb if)m bie 
Öauptfad^e, für biefe ift er fortroäl^renb beforgt unb 
im ©tiHen auf ber Sauer mit jener unl^eimlid^en, 
fpionirenben 5Reugierbe, bie ein conftanter 3^*9 
pfäffifd^er ^errfd^fud^t ift unb fid^ überl^aupt bei 
fold^en G^arafteren einfinbet, meldte bie ©ud^t l^aben, 
}u profitiren. 2Ber t)or attem feinen Sinken bebenft, 
fpä^enb, ob nid^t irgenbroo irgenbmaö für il^n ab= 
fällt, ber fümmert fid^ um atteö, fud^t feinen Profit 
bei jeber ©etegenlieit unb ©erlegt fid^ barum notJ^- 
wenbig auf baö 3lu§fpüren ber ®inge, bamit er ja 
nid^ts üerfäume. ©d^on bieö aHein mad^t im roiber^ 
lid^en ©inne beä SBortä neugierig. ^ ber guten 
©tabt Serufalem gefd^iel^t ni(^tö, baö biefem ^ßatri- 
ard^en lange tjerborgen bleibt ; er l^at fogar bie gelb- 
jugöpläne beä ©ultanö auöfpionirt unb fd^on bad 
Sriefd^en bereit, baö fie bem 5lönige t)on granfreid^ 
t)erratlien foll. ^alb uerrounbert, l^alb ironifd^ fagt 
ber Älofterbruber : 



98 



^ä) i^a'b* mtd^ oft getDunbett, 
2Bic bod§ ein ^eUtQCx, bct fonft fo ganj 
3m ^imtncl lebt, suglcid^ fo untctrid^tet 
a3on 3)tnQen biefct 2BcU ju fein l^etab 
@id^ laffen fann. (5§ mufe il^m fauet toetbcn. 

©0 l)at er, wie ftd^ ber Ätofterbruber fcfir bejeid^* 
nenb auöbrüdft, bic Sßcfte „auögegattert", wo ber 
SBater ©alabins bie ©d^ä^e ^tet; fo möcä^te er um 
jeben 5prei§ toiffen, toarum ber ©ultan ben "XemiftU 
l^errn begnabigt; unb bie ©efd^id^te oom ©Triften- 
finbe im ^aufe beö ^ubeti ift il^m ein ^ßroblem, 
bem er tiefer auf bie ©pur ju fommen fud^en mufe, 
@r l)a§t ben ©ultan, beffen ißerrfd^aft ifim 
natürlid^ fo angenel^m nid^t ift, ate bie eines d^rift^ 
Ii(^en ÄönigS, unb er fud^t burd^ SBerratl^ unb 
9Keud^eImorb feine ^errfd^aft toö ju werben. 35ied 
aber l^inbert il)n nid^t, bei bem ©ultan ©d^ufe ju 
fud^en gegen ben Suben, ber ein ß^rtftenfinb in 
feinem, meHeid^t in feinem Olauben erjogen. ®r 
wirb bem ©ultan leidet begreif lid^ mad^en, wie nül- 
lid^ ba§ @lanhen für ben ©taat, unb mie gefäl^r= 
lid^ baö ©egentl^eil ift. ©o gilt ilim ber ®la\xhe 
ate ein unterroürfigeö aWittet ber 9Kad^t, ein ge- 
fügigeö SBerfjeug ber ißerrf d^fud^t , unb er felbft 



99 



ift jule^t nid^td ate ein fotd^er loiQiger S)iener^ ber 
fU^ ber 3Slaä)t beugt, gletd^mel toeld^er, bie il^tn 
gefdl^rlid^ TOerben tonnte, fid^ il^r beugt, wenn fie 
i^m aud^ nod^ fo »erfaßt ift. Äaum l^at er ge- 
l^drt, baj5 ber S^empel^err ju ©alabin gerufen ift, 
fo änbert er ben 2^on. Unb überauß d^arafteriftifd^ 
ift, was Seffing il^ fögen läjst: 

Of oJ — 3dfe toci6, ber ^crt l^at ©nabe funbcn 
fßox ©alabin! — 3d^ Bitte meinet nut 
Sita beflen bei i1)m ein^^eben! ^u fein. 

3Man fielet, er roilrbe fried^en, wenn ber Sutton 
t)or xf)m ftanbe. 

35iefer ^atriard^ l^at nid^t bie minbefte SÄntege 
}u einem SRärt^rer. ®r wirb fid^ voof)i lauten, fi^ 
jemate preiäjugeben. "änä) feine Unbulbfamfeit unb 
fein ganatiömuö reid^en nur fo weit ate feine ©elbft- 
fud^t. er fü^lt fid^ ^öd^ft e^noürbig unb ^öd^fi 
bel^aglid^ in feinem ^omp, mie er bal^erfommt oon 
einer £ranf encommunion ; man foHte il^n erft fehlen 
nad^ §ofe fid^ erl^eben. Unb wie er felbft grunb^ 
jufrieben ift mit feinem 3)afein, fo ift biefer 3wg 
ber ©elbftjufriebenl^eit in feinem ©efid^te ftel^en ge^ 
blieben als freunbUd^es ©rinfen. 6r f)at fi^ ben 



100 



©tauben toofil bcfomtncn laffen, unb wir braud^cn 
ju feinet ©fiarafteriftif eigentUd^ nur bie paar SEBorte: 
„®er bide, rotl^e, freunblid^e ^rälat!" 

Slber man fud^e fold^e ß^aralterc, wie ber ^a= 
triard^ einer ift, nid^t bloö bei ben 5ßrälaten, wo 
bie Sluälefe niä)t Hein fein mag, fonbern überatt 
ba, wo attgemeine 3^^*^/ ^^ H^" religiöfe ober 
potitifd^e, e§ feien ^xoeäe be§ ©anjen ober einer 
Partei, von einzelnen ju il^rem aSortfieil ausge- 
beutet werben, ^m ift bie 2lugn)al)I am größten, 
unb ber STppuä ift in ben oerfc^iebenften formen 
immer berfetbe. 'SStnn fie bie SKad^t l^aben biefe 
Seute, fo fann man fidler fein, ber Sube toirb 
oerbrannt; unb fo lange bie 9Ra(^t beim ©alabin 
ift, ben fie l^eimlid^ Söffen, fann man fidler fein, 
baJ3 fie mit il^rer ©rgebenl^eit gleid^ bei ber öanb 
finb: „^ä) bitte meiner nur im Seften bei il^m 
eingeben! ju fein!" 

IV. 

3n bem ^ßatriard^en ift ber ©taubenöbünfel unb 
@laubendegoidmu$ bloi^ ^ünfel unb @goi$muö. 



101 



baax jcbcr Slrt ber grömmigfcit unb ©elbftüerleug:: 
niing. 35od^ wäre eö menfd^enutifunbtg ju meinen, 
baj5 ber ®Iauben§bünfeC, fo befd^ränft unb imed^t 
et ift, jeber beffern g^orm unb SRegung üottfommen 
unfäi^ig fei. . 33ie 3Kenfd^en mad^en fi(^ il^ren ®lau= 
ben nid^t, fie empfangen i^n mit linblic^em ©e- 
mütl^, unter bem ©inbrud be§ Seften unb ®bel= 
ften, ba§ ifinen ju ^f)ei( werben fann: bie Ueber- 
jeugung, ben beften ©lauben ju tiaben, ift barum 
eine unwittfürlid^e SKitgift ber religiöfen ©rjiel^ung. 
2luf biefem SBege entfielet leidet eine ©laubenöein^ 
bilbung, bie in befangenen unb unerfatirenen SRaturen 
biö }um ^od^mutl^ unb 5Dün!el fteigt unb fi($ Sin- 
berögläubigen gegenüber gern in bie 35ruft wirft. 
3)ie 3letigion wirb raie ein Sefife angefelien, auf 
ben man fid^ etroaö einbitbet, mit bem man ©taat 
mad^t, mie mit einem f oftbaren SRinge. S)a§ ift 
o^ne Bweifel eine fef)r niebrige 2lrt religiöfer SJit 
bung, aber fie ift, menn man bie menfd^Hd^e 5Ratur 
bebenft, nid^t burd^aus falfd^, fie ift nur ftel^en ge* 
blieben in ben erften, unmünbigen 2lnfängen retis 
giöfer ©ntmidftung, mo bem ©tauben ber aSerftanb 
unb bie ©infld^t felilt: e§ ift bie finbifd^e, unmüns 
bige,- orbinäre gorm ber grömmigfeit, in i^rer 



102 



älrt gart} waf)t unb aufrid^tig^ fie n)ei^ ed iDirfUd^ 
nid^t beffer unb l^anbelt, fo gut fic c« üerftcl^t. 
SBaö l^icr bem ©crjen fcl^lt, ift töentger bet gute 
aSiffe ate jene ©infid^t, ol^nc toeld&c aud^ bcr befle 
aSiffe unrid^tig unb »crblenbet l^anbeft. ®d tft 
bic nid^t ber SBeidl^eit, fonbcrn bem SBal^n con= 
forme Siebe. 

6in 2^9puö btefer fel^r geroöl^nlid^en unb barum 
fel^r üerbreiteten g^orm beö ©laubenö ift in unferer 
SJid^tung bie ©ajja. S^ü 2^riebfebern finb eö, bie 
fle beftimmen : il^re Siebe ju SRed^a, für bie Re ade« 
ju tl^un bereit ift, fie würbe bereu ^ob nid^t über:: 
lebt l^aben unb l^ängt an bem il^^ anvertrauten Äinbe 
mit aller Sreue unb ißingebung; jugleid^ f)ält fie 
feft an bem ©lauben, ben fie meniger erlebt als 
gelernt l^at: bafe nur in il^rer SReligion bie SReufd^en 
feiig werben fönnen. ©o mirb i^re Siebe für SRed^a 
jur Slngft um beren ©eelenl^eil. ®aö ©^riftenfinb 
ift als 3ubenfinb gro§ geworben, unb xomn ©aja 
fie nid^t bei Sitten rettet, fo ift fie ewig oerloren. 
3)iefer ©ebanle läßt il^r feine Siul^e unb befümmert 
bie gute 5ßerfon ganj ernftlid^. ^i)x 9Rann war 
ein Äreujfal^rer, ber mit Sarbaroffa in baö gelobte 
Sanb fam unb mit bem Äaifer jugleid^ fein Seben 



103 



t)erlor. 3e|t ift fic 5Dicnerin im ißaufc beä 3Suben, 
fte cmpfinbct bicfen i^ren gegenwärtigen ©tanb 
wie ein aWifetjerJ^ältniB, in bem fie lebt, unb gefdUt 
fid^ in biefer @mpfxnbung: 

„Titini S^X cttoa (bmnU ^t bem 3:enH)el^etrn), 

3d^ fül^Ie meitictt SBcttl^ aU a:^tiftm nx^fi 
^u(^ mit toaxh*^ bot bet ä&iege nid^t gefungen, 
2)a6 id^ nut batum meinem ^l^gema'^l 
9lad^ !Pal&ftina folgen toütb', um ba 
@tn Subenmäbd^cn gu et^iel^en/' 

Sener alleinfeligmad^enbe ©taube, beffen fie fid^ 
rül^mt, ift il^r angelernt unb anerjogen mit ben 
©itten ber fßeimatl^ ; eä ift ber ©laube, in bem fie 
fid^ l^eimifd^ fül^It, weniger aus innerem Sebürfnife 
ate auö überfommener ©ewol^nfieit, unb ed ift von 
bem ©id^ter mol^t angebrad^t, bafe er bie gute eJrau 
ißeimmel^ (laben läj^t. ©ie ift ber Äinberfd^ule nie 
entwad^fen, unb bie Ärone il^rer fpäteren 2ebmki 
erfal^rungen reid^t nid^t l^öl^er afe: 

(&9 toax 
Tltin liebet ^l^gema'^l ein eblet l^ned^t 
3n Ädfet gfttebtid^S ^eet. 

Snnere ©riebniffe, weld^e ben &lavibm auf bie 5ßrobe 
ftetten, il^n beftätigen ober läutern, l^at fte feine 



104 



(je^cfbt, axiä) nid^t bie gätiißfeit ju fold^eii ®rleb^ 
uiffen ; SBelt- imb aJicnfd^enerfal^rung \)aben fic ni(i^t 
uerebelt, ber ©tun für baß ßd^te im SWcnfd^cn ift 
i(;r nid^t aufgegangen, ©o ift i^r ©laube o^ne alle 
aWenfd&enfenntnijg geblieben, ©ie fielet nid^t, tpel^ 
ein ©efd^öpf biefe Sled^a in ber ^aub biefeö S^ben 
geworben, fie fiefit nur baö ßljriftenfinb in ber ^anb 
eines Swi>^tt. 

3n einem fold)en ©emütf) fommt bie ©elbftoer^ 
leugnung nid^t über bie ©darauf en l^inauö, roeld^e 
Unt)erftanb unb ®itelfeit if^r fe|en. 9lu§ Siebe roitt 
fie 3ted^a retten unb fül^lt nid^t, ba^ biefer bie 
SJrennung t)on 3laÜ)an baö ^erj brid^t. 2lud^ ift 
e§ für eine fo gläubige 6f)riftin etroaö oerbäd^tig, 
ba^ fie SRed^a oor bem Suben bema^vm mxU burd^ 
bie ®fie mit bem 2^empen)errn! 6ö gibt alfo 
einen g^all, in bem ber ©laube biefer ^a\a fo tole- 
rant wirb, ba^ er fid^ über d^riftlid^e Drbenöge- 
lübbe {)inn)egfefet :• wenn eö gilt, ein ^ärd^en ju 
mad^en ! 

Unb id^ i)aU fie roirflid^ im SSerbad^t, ba^ i^re 
©elbftliebe nod^ immer ebenfo gro§ ift al§ ifire felbft^ 
»erleugnenbe Siebe ju Sled^a, ba§ il^re Weinen 3^^' 
teref[en aud^ babei ilire 5Red^nung finben. 2Bad fiat 



105 



|te benn in bem ^aufe be§ ^uben fo lange gel^aUen 
unb il^r ängftlid^es ®en)iffcn immer wieber bt\^mä)^ 
tigt unb ftumm gemad^t? Statl^an fennt bie SJaja 
beffer afe fie i^n. SBie fie x>on i^rem ©etoij^en rebet, 
fpriij^t er t)on ©efd^enfen: 

^aia, log 
23 or aEen 2)iT!gcn bit erjdl^Ien — 

toaS in ^oBl^Ion 
fjüt einen fd^önen ©toff iä) bix gcfauft. 
©0 rcid^, unb mit ©cfd^morf fo teid^! 3d^ btinge 
gut S^ied^a felbft faum, einen fd^önetn mit. 

Unb wie fie \f)x ©eroiffen nid^t länger betäuben lann, 
fäl^rt 3lati)an fort: 

Unb toie bie Spangen, toie bie Dl^rgel^enfe; 
SCßie 9ling unb Äette bir gefallen toexbcn, 
^ie in ^ama§!u3 id^ bit auSgefud^t, 
S^etlanget mid§ su feigen. 

^ bin überjeugt, fie werben i^r fel^r gefallen, unb 
baß fd^öne Äteib wirb i^rer ®iteßeit eben fo wol^I 
t^un, afe ba§ ifir lieber ß^gemal^l ein ebler fined^t 
in Äaifer griebrid^ä ^eex gewefen. 

2il|r wärmfter SBunfd^ ift, SRed^a in il^ren ©lau« 
ben unb itir SSaterlanb nad^ ©uropa jurüdjufftl^rem 
aber aud^ babei ift i^r eigenes ^ntereffe nid^t »er- 



106 



geffen. 3)ad lc|tc SBort, baö fic bem ^empell^crrn 
juruft, nad^bem fie biefem baö gamiltengcl^citmri^ 
dteä)a^ vexxati)en, cntl^üfft il^rc Sffiünfd^c: ,,3Bcnn 
3l^r aber bann fic nad^ ©uropa fül^rt, fo tafet 3l^r 
mid^ bod^ nid^t jurüdf?" 

©0 ift il^r ©taube wie if)u Siebe jur Hälfte 
©elbftliebe, unb wenn wir fie milb beurtl^eilcn, fo 
nel^men wir fie, wie Sied^a fie ber ©ittal^ fd^ilbert : 

SJletne gute Böfe S)aj[a !ann 
2)o8 tooEen, — toitt ba8 fönneit. — 3^^ bu fennft 
äBol^l biefe gute bb.fe 2)aia ntd^t? 
%un, (Sott bctgeB' eS il^r! — bclol^n' eS il^t! 
®te l^at mit fo t)iel @ute3, — fo t)tel 8öfe3 
(Sttoiefen ! 

y. 

S)ct ©laubenßbünfel n&l^rt ben egoiöntud, weil 
et il^m TOol^ltl^ut, unb unter biefer SBebingung fann 
bie ©elbftoerleugnung nid^t grofe werben, ö^en 
wir biefe ©d^ranfe auf, weld^e bafi lautere ©treben 
bräd(t unb Dertümmert, bamit bad uneigennü^ige 
gerj fid^ in feiner üoCten ©tärfe entfalte, ©eften 



107 



mir iunix^'jt an bic ©tette ber ©laubenöcitclfeit il^r 
©cgentl^ctl: einen ©l^atafter, ber fid^ innerlid^ bo^ 
Don befreit l^at, bem ber ©laubenöbünfet l^öd^ft im^: 
gereimt, l^öd^ft üerwerfUd^ erfd^eint, ber bie ganje 
Äraft eines uneigennüfeigen unb gro^benfenben öer- 
jenS unb jugleid^ bie Ieibenf(^aftlid^fie SSerad^tung 
baroiber erl^ebt. 3" ii^^^t leibenfd^aftüd^en aSer* 
ttd^tnng liegt bie ©efal^r. -SDen ©laubenöroalin vex^ 
aä)Un, ift ber ©tolj, il^n nid^t ju l^abeh. S5iefer 
©tolj ift aud^ eitel, aud^ unreif unb menfd^ens 
unfunbig. ®ö ift ber ©tolj beö g^reigeiftes, ber fid^ 
empört über bie Unbulbf amfeit unb ben g^anatiömus 
ber aJienfd^en, unb ber in biefer' Empörung fid^ 
felbft bis }ur Unbulbfamfeit unb jum g^anatismuö 
t)erfteigt. ©er SBiberfpru(^ biefer fel^r t)erbreiteten 
©eiftesart liegt am 2^age. Seffing fannte il^n mol^l 
unb war felbft bauon ganj frei, er war lein grei^ 
benfer, fonbern ein Sied^tbenfer. 35er l^ifeige grei= 
geift bünft fid^ unenblid^ beffer, als bie im ©laubenS- 
bünfel befangenen, bie er Derad^tet unb befonbers 
barum ©erad^tet, weil jeber t)on il^nen fi(^ unenblid^ 
beffer bünft, als ber änbersgläubige. Wi biefem 
®egenfa| finb mir offenbar menig gebeffert. Unb 
mo bie greigeifterei, aus einem reinen 2^riebe ent^ 



108 



ftanben, blefc SBenbung nimmt, ba ift bie ©d^ranfe, 
an ber bie Äraft bcr ©clbftperleugnung ju ©d^anbcn 
wirb wnb \iä) in ein falfd^eö ©clbftgefülil t)erfel^rt 

®in rool^lgetroffener unb bramatifd^ belebter 
Xppuß biefer ®eifte§art ift ber ^empel^err. ©ein 
©tanb l^at i^m bie ??effeln angelegt, bie er mit 
SBiberftreben trägt unb juleftt innerU(ä^ abwirft ; bie 
©laubenöfriege , in ben^n er lebt, l)aben if)n ben 
©lanbenöftafe erf al^ren laffen ; ber ®eift, ber fid^ in 
feinem Drben ju verbreiten anfängt, begünftigt bie 
©laubenöinbifferenj, bie er innerlid^ annimmt nnb 
leibenfd^aftlid^ auöbred^en läfet, mo er ben ©laubenß? 
roaf)n trifft ober oorauöfefet. SBo fönnte biefer 
ftärfer fein, alö bei bem SSolf, baö in feiner ©lau^ 
benäeinbilbung fid^ baö auöermä^lte ber 6rbe }u 
fein bünft? 3)a]^er feine leibenf($aftlid^e 3uben= 
©erad^tung. 3)aö SBort, baß er xmgere^ter unb 
unfunbiger SBeife auf Siat^an gemünjt l^at, pafet 
genau auf i^n f eiber: „@6 finb nid^t atte frei, bie 
il^rer Letten fpotten". 

S)od^ finb biefe 3üge in ber 3»^bimbualität bei^ 
Tempelherrn fo mol^l angelegt unb gered^tfertigt, ba§ 
man fie nid^t anber« erwartet, laum münfd^t. ©eine 
©rlebniffe l^aben i^n nur mit ben ©d^attenfeiten 



109 



ber SWeligioncn befannt gcmad^t, fie l^abcn i^n nur 
biö ju bicfer tcibenfd^aftlid^en Slbneigung gegen bie 
rcttgiöfe „3Wenfd^enmäIeIei" !ommen, fie l^aben xi)n 
niä)t tiefer bttden laffen; er ift noä) jung unb naä) 
3lrt ber ^tgenb fd^nell entfd^toffen , ganj ju tjer^ 
werfen, waö il^m afe ungered^t ober ungereimt von 
einer ©eite l^er einteud^tet. ©in unoerborbenes, 
leibenfd^aftlid^eö ^erj, eben fo fd^netl unb entfd^ieben 
in feiner Siebe wie in feinem ^afe ! 3Bie f önnte e§ 
anberö fein? @r ift, wie 3?atl^on fagt: 

@in Süngling; tote ein Tlann. 3^ mag ii)n )a)0% 
2)cn guten, txo^'gen SBIitf! bm bxaUtn @ang! 
2)ic ©d^ale lann nur bitter fein: ber Äern 
3ft*8 fidler nid&t. 

3)er 5ßatriard^ unb ©aja finb orbinäre S^^pen, 
bie man ju S)u|enben finbet; ber S^empell^err ift 
eine feltene 5Ratur. ®r ^at einen 3ug, ben er mit 
feinem 5Di(j^ter tl^eilt, unb ber, fo einfaiä^ er ift, 
bem 3Renfd^enfenner ]^ö($ft feiten unter SUlenfd^en 
begegnet: er ift ganj wal^r, er will nur fd^einen, 
roa^ er innertid^ ift, unb fetbft feine Sienbungen 
finb fo offen unb aufrid^tig in il^rer 2lrt, ba§ fie 
balb ber beffern ©infld^t weid^en. Unb wenn wir 
ben ®laubenö}wang bei ©eite laffen, ber übrigen« 



110 



bic Stemplet wenig beengt l^at, fo pafet au(ä^ ber 
weijse aRantel mit bem rotl^en Äreuj üortrefflid^ ju 
feiner SRatur. 2)ie großen menfd^Ud^en 3ö8^/ tt)eld^e 
ben Drben gewaltig gemad^t l^aben, entfpreij^en ganj 
feinen perfönlid^en Steigungen : ber öelbenntutl^, bie 
2^obeöt)erad^tung, bie aBeltentfagung ! ®r ift in 
biefem Sinn ein ed^ter 2^empell^err. ©leüj^ feinen 
erften 3Borten im ©efpräd^ mit bem Älofterbruber 
ift biefer ©liarafter, bem bie ©ntbei^rung leicht wirb, 
ber fid^ in ber 3BeItentfagung frifc^ fül^lt, fo eigen= 
t^ümlid^ aufgeprägt, ba§, fo oft ic^ mir ben Stempel- 
l^errn oorfteHe, biefe 2Borte mir einfallen: 

3a, guter SBtubcr, toer nur fclbft toaS l^dttc! 
f8ti ©Ott ! bei ®ott ! i^ ^dbt nid^tS. - 

Unb mie er ba§ 5pilgermal^l ablel^nt, baö ber Slofters 
bruber il)m anträgt: 

3d^ %dhz Slcifd^ atoot longe nid^t gcgcffcn; 
SCHein toaö t^ut'§? 2)ie S)attcln finb ja reif. 

Sie frü^e SBeltentfagung mad^t il^n ernft, ab- 
gefd^loffen, unjugänglid^. ©in Jüngling, für ben 
bie Söelt feine Sleije, feine ©ilter l^at ! 6ine f old^e 
aSeltentfrembung bei einem fo leibenfd^aftUd^en ®m:= 



111 



pftnbcn! SBBic tann eö ha anbcrö fein, ate bafe er 
Icibenfd^aftlid^ bic SBelt üon fid^ ftöjst, fid^ gern 
ber ©infamfeit Eingibt, bie aRcnfd^cn meibct, rcij^ 
bar ift gegen jebe jubringlid^e ®erül|rung, mitten 
im aSoHgefül^t ber 3ugenb von einem Sebenöüber^ 
bru§ unb einer Steigung jur ©d^wermutl^ befc^Iii^en 
roirb? Sin einigen ©teilen wirb burd^ ein l^inge- 
njorfeneö SBort biefe Stimmung erfennbar. 3Bie il^n 
ber filofterbruber t)or ben 3)atteln roarnt, bie me^ 
land&olifd^eö ©eblüt machen, weift er i^n mit ber 
Semerfung jurüdE: „SBenn id^ nun meland^olifd^ 
gern mid^ fül^lte?" — Unb wie er 3latf)am ^anU 
barfeit loöwerben roill, fud^t er feine S^l^at mertl^^ 
lo§ ju mad^en mit einer SBenbung, bie id^ jwar 
feineöTOegö für baö aJlotit) feiner ^anblung, aber 
aud^ nid^t für eine blofee ©rfinbung l^alte. @r fagt : 

3Rein Seben toax mit o^nebem 
3n btefent SlugenbUcfe läfttg. ^extt; 
^if)x gevn ergtiff id^ bie (&tUqtn%ta, 
(SS für tin anbxti Seben in bie ©dftanie 
3u fd^lagcn: füt ein anbteg — toenn'8 oud^ nur 
S)ad Seben einer S^übin toäte. 

©0 toürbe ber ^^empell^err nid^t fpred^en, wenn er 
nod^ nie bad &tien aU £aft empfunben l)ätte. @§ 



112 



ifi in biefcm Sünglingc ein fiarfer fiang jur 
9Wcnf d^ent)cra(ä^tung , ju bcr 9Wcnfd&cnt)crad^tung, 
beten innerfter ®runb jurücfgebrängte SieBe ifi, 
bie fid& üor bem Unmertl^e ber 3Wenf(ä^en vtt- 
fd^liefet. 

SCuö biefer ©l^arafterftimmung beß 2^empell^erm 
erftären fid^ feine ißanblungen. ®S ift begteiflid^, 
ba§ er bie SJaja, bie roitflid^ jubringlid^ ift, fd^nöbe 
bcl^anbelt ; bafe er SRatl^an, ber eö niä)i ifl, für ju= 
bringlid^ l^ält unb feine SubenDerad^tung an il^m 
auöIäJBt; baj3 er gegen bas Slnfinnen beö ^atri= 
ard^en, ber if)m ein feigeö Subenftürf jumutl^et, in 
©mpörung aufbrauft; bafe il^n bie ©eelengröfee 
SRatl^anö, wie er fie ernennt, ganj überwältigt ; ba§ 
bei bem Slnblirfe SRed^aö biefeö glül^enbe unb ge^ 
roaltfam t)erfd&Ioffene $erj pIöfeU($ ergriffen wirb 
unb in ber feurigften Seibenfd^aft auflobert. 

S)ie grunbfäfelid^e 3Renfd^ent)erad^tung ift nie 
geredet, unb ed gibt ein fld^ereö S^^^^f ^^^ ^^ 
falfd^ ift; benn fie ift atlemal mit einem über^ 
triebenen ©elbflgefül^l tjerbunben, entraeber ate il^rer 
Urfad^e ober als il^rer SBirfung. ©ie tl^ut bem 
©elbftgefül^l wol^I, unb ber in ber 3Kenfd^ent)erad^5 
tung unn)ill!ürlid^ empfunbene Stx%d gel^ört }um 



113 



(Sefd^led^te be§ ©goiömuä. ©ine fotd^e jugcnbl^ 
entfd^Iojfene SKenfd^enüerad^tung, me bie beö ^entpet 
l^errn, rcrfel^lt ba§ rid^tige 9Wal3 in jn)ei fünften: 
fie l^at ju t)iel ©elbftgefül^l unb ju wenig SJlenft^en^ 
fenntni§. ®r benft: fie finb alle ©goift'en, fie finb 
eö felbft ba, wo fie e§ am roenigften fein fottten, 
in il^rer ^Religion, gerabe tjier finb fie eö am 
meiften, unb bie fiä^nöbeften von allen finb bie 3uben, 
bie Don il^rer Sieligion fetbft oerpflid^tet werben, 
(Sgoiften ju fein, fie finb eö, roeld^e bie 3Jienf(ä^ens 
mä!elei juerft getrieben, jnerft ba§ auöerroäl^lte 
SSolf fi(| nannten, juerft ben ©laubenäbünM l^atten, 
nur il^r @ott fei ber redete ®ott. ®amit ift ba§ 
Subentl^um ate foI(^eö von bem S^empell^errn oer^ 
n)orf en unb juglei(^ äße, bie biefen Flamen f ül^ren ; 
er urtlieilt, wie bie ©(^otaftil feines Qeiiaiiex^: bie 
©attungen finb bie ®inge. 

S)a§ 5Ratl^an, ber if)n anrebet, ein 3ube ift, 
rei(^t l^in, um i^m mit ber betonteften SEBegmerfung ju 
begegnen. Unb wie nun ber S^empelJierr in bem 
®efprä(^e mit SRatl^an enttäufd^t mirb, mie il^n bief e 
®nttäufd^ung innerlich trifft unb il^m ba§ ^erj 
öffnet, ift für beibe gleid^ auöbrudöooH unb d^araf^ 
teriftif(^. 2)iefe 3Benbung ift einer ber ergreifenbften 

Äuno 3fl|<^er, ®. 6. Sejfing. II. ' 8 



114 



3Romcnte ber 2)id^tun0. ©as SBenel^men bcö XexnpeU 
l^crm ift auf ben glaubcnöeiteln , gctolnnfüd^tigcn, 
mit einem SEBorte gemeinen Suben gemünjt, ben 
er im ©inn l^at. 2)enn in feinem ©inn ift einer 
n)ie alle. ®r lä^t i^n unbarml^erjig eine SReil^c von 
SJemütl^ißungen empfinben biä jum x)eräd^tlid^ften 
^o^n. Slatl^an lommt^ um il)m ju banfen. ^a 
er ben Sanf beö ^\x\>tn perfd^mä^t, fo bittet biefer 
ben S^empell^errn, roenigftenö feine ©ienfte ju braud^en, 
er fei ein reid^er 9Kann. 2lber ber reici^e Sube ift 
im ©inn beö ^^empell^errn ol^ne meitered aud^ ber 
l^abfüd^tige unb niebrig geijige. Unb biefe blofee 
aSorfteHung , bie er fi($ mai^t, ift il^m genug, um 
ben Sfuben, ber vox ü^m fielet, mit ber SSerad^tung 
}u bel^anbeln, bie bem ©eijl^alfe gebül^rt. SSietteid^t 
merbe er il^n beim SBort nel^men, fi(§ einen neuen 
aJlantet von iiim — ni($t fd^enfen laffen, fonbern 
borgen; bod^ braud^e Jlatl^an nid^t ju erfd^redfen, 
es fei nod^ lange nid^t fo toeit, nod^ fei il^m ber 
neue SDkntel nid^t nötl^ig, ber alte l^abe nur eine 
fd^abl^afte ©teüe, ben Sranbfledf, ben er befommen, 
alö ber SCempeÜ^err bie ^o(^ter beö Suben burd^ 
baö geuer trug, S)aö ift eine unt)erbiente , fafi 
boöl^aft ausgefud^te ©rniebrigung, unb wenn 9latl(ian 



115 



fie l^innimtnt, fo foHtcn roir meinen, er fei mit bem 
2^empetf)errn quitt. 

3iatl^an erwibert nid^tä auf bie Ätänfung. 3lnt 
von ber Slbfid^t erfüllt, il^m ju banfen, bemütl^igt 
er fid^ felbft tief t)or bem S^empell^errn.- ®r banft 
bem SranbflecE, auf benerfid^ l^erabneigt, um il^ 
ju füffen; er bittet um ^Serjeil^ung, ba§ er mit 
einer S^l^räne ben 9Jiantel iemiit l^abe, er bittet xim 
bie (Sunft, feiner ^^od^ter ben SKantel ju fd^idfen, 
bamit aud^ fie bem Sranbfledf banfen fönne. 

2luf bie ^emütl^igung, bie SRotl^an vom 2^empet 
l^errn erfäl^rt, antwortet er mit einer nod^ gröBern 
freiwilligen ©emütl^igung. Qn feiner aSorfiellung 
fielet ber 5Cempel{)err ben eigennüfeigen 3uben, ber 
fd^on über bie entfernte 3luöfi($t erfd^ridft, S^H i« 
einem 3fiantet borgen ju f ollen; — vox fid^ fielet 
er ein Sitb ber gröjsten ©elbftüerleugnung. 35iefer 
©inbrucE, ber feine SSorfteffung freujt unb t)ern)irrt, 
bringt il^n au§er S^affung ; er erf äl^rt eine ®nU 
täuf(^ung, bie il^n befd^ämt unb entwaffnet. (Sin 
gemeiner 3ube ift SRatl^an ni(^t, bo($ immer einer 
auö bem SSolf, baö fid^ für auöermäl^tt fiäft. 35iefc 
©d^eibewanb fielet ber SRitter nod^ jwifd^en fid^ unb 
bem Suben. 



116 



SRatl^anö SÄuge burc^fd^aut ben STempell^crrn, er 
crfennt in il^m ben ©bclmutfi, bcr bis jur ©clbfts 
ocrleugnung gcl^t, t)crbunfclt burd^ ben ©tolj, ber 
fid^ leidet bis jur ©elbftüberl^ebung fteigert. Sn 
biefe 3üge (äfet er ben S^empel^errn btidfen. 6r 
befennt, ba^ er il^m bie ebelften Seweggrünbe ju^ 
traut, unb juglei(^ gibt er il^m ju üerftel^en, wie 
tprid^t bie ©elbftüberl^ebung : 

3Jlittelgut, toie toix, 
gfinb't ftd^ l^ingcgcn überall in SJlenQc; 
9lttt mu§ bet eine ntd^t htn anbexn mä!e{n, 
3flut mu6 bet Änoxt ben Stnubhtn l^übfd^ bettragen, 
5'lur mu6 ein ®it)feld^en jid^ nid^t tjermeffen, 
2)ag eg aUetn bet @tbe nid^t entfd^offen. 

3)iefe aSBorte finb ni(^t ol^ne perfönlid^e Sejiel^ung. 
®ie 3Kenf(^enmäfelei, bie SRatl^an rügt, bie fiin^ 
roeifung auf ben unbere(^tigten SJugenbftoIj, bcr 
leife barin anflingenbe SBortourf bringt ben ^tmptU 
l^erm auf fein S^l^ema. ®r antwortet mit bem 
offenen SSorrourf beö ©laubenßftoljeö, beffeh 
gröjste ©d^ulb bie Suben tragen ; fie finb ben SBöU 
lern bamit oorangegangen , fie f)aben biefen ©tolj 
auf Gl^riften unb aRufelmänner rererbt, bie unfelige 
©aat ift aufgegangen in ben Äreujjügen, beren 



117 



fromme Siafcrei bcr 2^empcll^err rerabfd^cut. Sein 
ganjeö ^erj ergiejst fi(^ in bie SBorte: 

2)a6 i(3^, ein (Sl^ttft, zin XtxtCpti^txt, fo xcbc? 
SBann l^at nnb too bie ftommc Stofcrei, 
3)cn bc?fetn ©ott ju l^aBcn, bicfcn Bcffcrn 
^eT gansen äBeli alä Beften aufjubTtttgen, 
3n i^xct fd6n)äx3cftcn ©eftalt ftd^ me^t 
©eaetcjt alg l^iet, als j[e^i? äBem ^tet, loem ie^ 
2)te ©(^u:t):pen nti^t t^om ^uge fallen . . . ^o^ 
©ei Blinb, toct.totll! — Söetgcjt, toaS iä) ö^fagt, 
Unb la^t mid^! 

Stuf biefe§ SEBort läßt 5Ratl^an bie ©d^eiberoanb faCen, 
unb beibe finben fid^ in berfetben Oefinnung reiner, 
t)om ©laubenöegoiömuö freier ajlenf($enliebe t)er= 
einigt. 

S5ie Säuterung ift im S^empell^erm no^ lange 
ni(ä^t üoHenbet; fie fämpft mit ben SBaHungen ber 
Seibenfd^aft, bie il^n jefet t)erfd^toffen bis jur ^ärte, 
je^t t)ertrauli(^ bis jnr Eingebung, balb tüieber 
mißtrauifd^ bi§ jum Slrgmol^n unb argn)öl^nif d^ gegen 
ben 3^reunb bis jur 3Serfolgung mad^en. 2lber feine 
eble Jiatur bri(^t burd^, fie erfennt bie SSerirrung, 
womit bie ßeibenfd^aft fie t)erblenbet Iiat, unb finbet 
n)ieber ben SEBeg ju fid^ felbft. ®r wirb nod^ oft 



118 



irren, aber bcr 2frrtl^um wirb il^n beffern. ©elbft 
über ben (Slaubenöbünfel wirb er menfd^enfunbiger 
unb milber urtl^eiten lernen. 9lm ®nbe tft eö toeniger 
ber ©laube, ber egoiftifd^ mad^t, ate ber ©goiömuö, 
ber ben ©tauben anfielt unb barum antS) ben 
©laubenöbünfel überlebt. SBenigfienö eine ®r= 
fal^rung biefer 3lrt Iiat ber J^empell^err an fi(^ felbft 
mad^en fönnen. S)er menfd^lid^e ®goi§muö näl^rt 
fid^ t)on allen Seibenfd^aften, unb roer il^n nur in 
ber ©eftalt beö ®Iauben§ befiegt l^at, ber ift nid^t 
einmal fidler, il^n aud^ nur in biefer ©eftalt befiegt 
ju l^aben. 

VI. 

S5ie ©elbftt)erleugnung beö 3;empell^erm ift be= 
fangen in ben ©(^ranfen einer leibenfi^aftüd^en 
SBelts unb aRenfd^ent)era(§tung ; er n)irft fid^ innere 
lid^ bem felbftfüd^tigen ©laubenöftolj entgegen, ben 
er in ben ^Religionen ber SBelt l^errf (^en fielet : l^ier 
entfielet feine 3Kenfd^ent)erad^tung, bie feinen ©tolj 
erzeugt, auö bem bie ©etbftüberl^ebung entfpringt, 
bie i^n unmafürlid^ befättt unb mit feiner ®elbft= 
Verleugnung ftreitet. 



119 



SRcl^mcn wir ber ©clbftocrleugnung bicf e ©(3^ranf e, 
bic fic brürft unb t)erbunf ett ; f efeen wir an bic ©tcHc 
ber ©clbftüberl^cbung beten äu^erfteö ©egentl^eil, 
bie ©elbftDerfleinerung, bie am liebfien ganj 
in baä ttnfd^einbare fid^ t)erlieren möd^te: einen 
©l^arafter ber bemütl^igften Slrt, einen ber (Seringen, 
bie fid^ felbft nid^t ftein, nid^t gering genug fein 
fönnen, bie am liebften fem von ben 3Kenfd^en in 
ber Derborgenften ©infamleit Uhm, bie unter ben 
SKenfd^en am liebften nur bienenb unb gel^ord^enb 
fein TOoHen. SBir l^aben in unferer S)i(^tung ben 
unentbel^rlid^en unb roolilgetroffenen S^gpuö biefer 
Slrt im Ätofterbruber. 

®r l^at aud^ in ben Äreujjügen gebient, ni($t 
ate SHtter, fonbem afe SReitfned^t, unb t)or ad^t* 
jel^n Salären baö flinb Slffabä, feines ^errn, als 
biefer Oaja t)ertl^eibigen mufete, bem 3uben SRatl^an 
überbrad^t. 3« f^^ft für ben ©laubenöl^afe unb 
ju friebliebenb für baö wilbe Äriegstreiben, ift ber 
SReillned^t ein ©remit geworben, er l^at in einem 
einfamen* ©ottesl^äuöd^en bei 3eri(^o gelebt, bis 
il^n arabifd^e Stäuber von bem ftiHen ^läfei^en t)er5 
trieben. 3e|t ift er Saienbruber im Älofter üon 
Serufalem unb wartet, bis eine ©infiebelei auf 



120 



Xabox frei toirb, bic il^m bcr ^patriard^ tjerfprod^en. 
Untcrbeffen mu^ er ti)nn, was ber ^atrtard^ ü^nt 
befiel^It. „^^ verlange be§ S^agö rool^l l^unbett= 
mal auf S^abor, benn ber 5ßatriard^ brau(|t tnid^ 
ju allerlei, ioot)or i^ großen ©fei liabe!" SBaö 
auä) foH er biefem ^ßatriard^en nid^t atteä tl^un: 
ben Si^etnpell^erm außl^ord^en, ben Suben mit bem 
6l^riftenlinbe auöfpä^en, aHerl^anb Äunbf(^afteret 
treiben, bie ber 5patriar(^ für feine ^voeät brandet! 
®r mirb ein SBerfjeug ber fd^Iimmften 3leugierbe, 
ein ©pion merben, menn er fid^ bxanä)en läfet. 
Oel^orfam unb bienftraiHig ift unfer SSonafibed ge= 
n)i^, aber nid^t fo blinb unb einfältig, afe ber 
^patriard^ il^n roälint. ®r ift menfd^enfunbig genug, 
um ben ^ßatriard^en üoHfommen ju burd^fd^auen, 
ju lauter, um ben fd^led^ten Sieden beffelben ju 
bienen, ju fein, um fo fein unb fo flug ju fein, 
alö jener il^n l^aben möd^te. 6ö gelingt il^m nid^tö, 
maö ber geiftli(^e ^err il^m aufträgt, weil er fi(§ 
nid^tö baoon gelingen laffen n)itt: 

3a, ia! et l^ot fd^on 9lcd^t, htx $Pottiat(^! 
@g ^at mit ftetltd^ nod^ t)on aUe bem 
9ltd^t t)iel gelingen tooUen, toa§ et mit 
©0 aufgettagen. — SEßatum ttägt et mit 



121 

Slud^ lautet fold^c ©ocj^cn auf? — S^ ma^ 
^id^t fein fein, mag nid^t überteben, maq 
^tin ^dSd^en nid§t in ^Ue§ ftedten, mag 
Tltin ^änhä^tn nid^t in Slttem falben. — S3in 
3^9 baxum an^ bet SBelt gefd^ieben, id^ 
gfüt mid^, um mid^ für 5lnbtc mit bet 2QßeU 
9iod^ crft rcd^t ju bcttoidfcln? 

®cr Äloflerbrubcr f)at bie SEBcIt gcrabe genug Unmn 
gelernt, um ju wiffen, was pfäffifd^e ißerrfd^fud^t 
l^eifet. aSenn er t)om ^ßatriard^en fagt: „®ä mu§ 
il^m fauer werben, in Singen biefer 3Bett fo untere 
rid^tet ju fein," fo trifft er mit biefem feinen SBorte 
beibeö, ben fetbftfüd^tig tüeltlic^en ©inn beö ^prä« 
laten unb beffen frommes ©etl^ue. ®r fennt bie 
pfäffifci^e fierrfd^fuc^t weit beffer, ate ber 2^empet 
l^err, ber fid^ fo l^eftig bagegen ereifert, ©iefen 
l^inbert bie leibenf(^aftUd^fte SKbneigung nic^t, ben 
5ßatriar(ä^en aufjufud^en, um fi(§ gegen SWatl^an t)on 
il^m beratl^en ju laffen. „3^r ben ^Patriarchen ?" 
fagt ber Älofterbruber , „ein Flitter einen ^Pfaf^ 
fen?" Unb raie ber 2^empell^err gleid&fam ent= 
fc^utbigenb antwortet: „3a — bie ©ad^' ift jiem= 
lid^ pfäffifd^," fo gibt il^m ber Älofterbruber einen 
esemplarifd^en SBinf , ber jeigt, .wie tief er in baö 
^Pfaffentl^um geblidt l^at: 



122 

(SUiättooyi fragt bei $faffe 
2)en ^itttx nie, bte @ad^e fei aud^ nod^ 
@o vittetlid^. 

»ei bem Äloftcrbrubcr ift bic ßtöfete e^rBd^fcit 
juglei(3^ bic größte Ätugl^eit. 6r toill nid^t, bafe 
ilim bie Slufträgc beö ^patriard^en gelingen, unb 
baö befte SRittel, fie ju freujen, ift, ba§ er fie auf 
baö ®l^rli(^fte auörid^tet. S5er ^patriard^ trägt il^tn 
auf, ben 2^empell^errn auöjul^ord^en, il^m auf ben 
3al^n ju fttl^len. S)er Ätofterbruber fagt e§ bem 
2^empelf)errn gerabe l^erauö, mit ber unfd^ulbigften 
9Wiene, unter bem ©d^eine ber ®infaft. 6r toill 
ben 2^empell^erm ftu^ig ma<ä^en, unb baju ift biefe 
Dffenl^eit baö unfe^arfte aWittel. „3d^ fott mid^ 
bloö nad^ @u(^ erfunben, auf ben ^a^n @ud^ 
füllten." ©eutlid^er fann er il^m nid^t fagen, ba§ 
er mit einem bebenfUd^en 3luftrage fommt. Unb 
wie er ben lefeteren auörid^tet, fo l^ört man aM 
jebem SBorte l^erauö, mie wenig fein ©inn ju feinen 
SGBorten pajst. 2)amit er ja nid^t als baö gleid^« 
gefinnte, melmel^r ate baö roiberroiffige SBeri^eug 
beö 5ßatriar(^en erfd^eine, fann er nid^t oft genug 
mitten in feinem 2luftrage wieberl^olen : „fagt ber 
5patriard^." 6r legt atteö barauf an, ben SCempefc 



423 



l^errn bem ?ßlane, für ben er tJ^n gemnnen fott, 
abtoenbig ju mad^en. Unb wie biefer felbft baö 
Slnfinnen mit ©mpörung tjertoirft, nimmt ber Älofter^ 
bruber mit erteid^tertem ^erjen Slbfd^ieb. „Sd^ gel^' 
unb gel^* rergnügter, ate i($ fam." 

©leid^ in bcn erftcn 3Borten, bie er mit bem 
S^empetl^errn tt)e(^felt, erfennen wir ben SJlann, ber 
bie ^anblungen ber 3Kenfd^en nad^ il^rer ©efinnung 
fd^ä|t. S)er S^empell^err glaubt> ber ßlofterbruber 
gel^e il^m nai^ um eineä 3ttmofen§ mitten, unb mie 
er bebauert, il^m nid^tö geben ju fönnen, meil er 
felbft ni(^t§ l^abe, antwortet biefer: 

Unb bo^ 

9lc^t toatmen 2)att!! ®ott ^tb* @ud6 taufcnbfad^ 
2öa8 3^t gern geben toolltetl 2)cnn bcx SöiÜe 
Xlnb nid^t bie ÖJaBe mad^t ben ®eBet. 

2Sl^m gilt in ber Sieligion Eingebung, 3Ritteib, 
Sarml^erjigfeit, Siebe afe ^auptfai^e: in biefem 
©inn ift ber Älofterbruber ein ed^ter ßl^rift. ^n 
ber Unterrebung mit 3iatl^an, ben er t»or bem 
fpionirenben 5patriar(^en mamt, offenbart fid^ fein 
innerfte§ ©emütl^. ©er ^ube i)ättt fid^ beä ©l^riftens 
finbeö erbarmt, bie SBaife ßebeoott aufgewogen, unb 
fottte bafür bem unbarml^erjigen @lauben§ri(^ter 



124 



ocrf allen? 3)aö mH bem einfad^ menfd^lid^en unb 
tüal^rl^aft frommen Sinne beö Ätofterbruberö nid^t 
einleud^ten, ber meife, bafe in ber (Sefinnung allein 
©laube unb ßl^riftentl^um leben. 

35er ^atriard^ unb ber Älofterbruber, 
einer ber l^öd^ften unter ben SBürbenträgern ber 
Äir(|e unb einer ber niebrigften unter ben Saien! 
®§ l^anbelt fid^ um ba§ ©d^iäf al eines Äinbeö : tuie 
urtl^eilen fie beibe entgegengefe^t! S)er ^Prälat will 
baö Äinb lieber im @lenb umfommen als von einem 
Suben gerettet feigen, dagegen ber Saienbruber 
mit feinem rül^renben Sluöfprud^: „Äinber braud^en 
Siebe." SBeibe fül^ren ben SRamen beö ßl^riftentl^umö. 
2Ber von beiben l^at ba§ ©leid^ni^ t)om barml^erjigen 
©amariter unb bie SBorte: „Saffet bie Äinber ju 
mir fommen!" n)irflid^ bel^erjigt? S)aö aSorbilb 
beö 5patriard^en in bem d^riftlid^en (Sleid^ni^ ift 
nid^t ber ©amariter, fonbern ber Set)it. 

©er Älofterbruber unb ber 5Eempell^err: 
beibe bem ®lauben§fanati§mu§ innerlid^ fremb unb 
abgeneigt, ber (Sine ein S3ilb ber bemütl^igen, ber 
2lnbere ein 33ilb ber ftoljen SBeltentfagung ! Um mie 
üiel erkud^teter aber ift ber Älofterbruber burd^ 
feine einfädle unb reine g^römmigfeit, al§ ber 



125 



Xtmpd^ext burd^ feine leibenfd^aftlid^e ^unb ftolje 
greigeiftetei! S)iefer üerad^tet ben jübifd^en ®laubenö= 
ftolj unb fomtttt babei bem d^riftUd^en 3ubenl^a§ 
fo nal^e, baj3 er beim 5patriat(^en 9latJ) fud^t loiber 
Sftatl^an. 3)er S^empell^err fielet in bem 3^^^^ ^^^ 
baö Subentl^um, ben SleligionöTOal^n, ben er 
t)erabf d^eut ; ber Älofterbruber fie^t in bem d^riftlid^en 
3ubenl)afe nur ben ^afe im äufeerften SEBiberftreit 
mit bem SBorbilbe unb ber ö^rtunft beö ^eilanbeö : 

Unb tft benn tttd^t baS gattje G^l^tifient^unt 
^ufS Subentl^um gebaut? @8 ^at mtd^ oft 
©cätflctt, ^at mir St^töncn gnug gc!oftct, 
SBcnn ©Triften gat fo fcl^t bergcffcn lonntcn, 
2)a6 unfet §crr ja fclbft ein 3ubc toat. 

3)er Älofterbruber unb SRatl^an, ber 6{)rift 
unb ber Sube: beibe barin einig, bafe ©eI6ftt)er= 
leugnung unb Siebe be§ ©laubenö unb ber f^röm^ 
migfeit innerfter Äern finb! SBie SRatl^an ifim 
erjäl^It, in roeld^em äugenblid er ba§ Gl^riftenftnb 
empfangen, wie eben bamalö fein SBeib unb feine 
fieben ©öl^ne von ben ßl^riften erfd^lagen waren, raie 
er baö Äinb genommen, gefüjgt, ©ott'bafür gebanft 
Iiabe: „Sluf fieben bod^ nun fd^on eineö lieber !" 
ba ruft ber Älofterbruber: 



126 



5i^x fcib ein ß^tiffc! - »ei (Sott, 3^x fcib ein ßl^tifll 
ein bcfftci Gl^tift toat nie! 

Unb SRatl^an erroiebert: 

WidtH und! 2)enn toaS 
^id^ @U(^ sunt (^tiften ma^i, ha^ ntad^i @ud^ mir 
3um Suben! 

Snbeffcn, fo rein unb tä)t bic grömmigfeit be§ 
Äloftcrbrubers tfi, bod^ l^at jie ctroad ©ebrüdftcs. 
@r tft auf bcr gluckt t)or ber SQBelt, er fürd^tet 
il^rc Scrül^rung. ©eine ©el^nfud^t gcl^t nad^ ber 
®tnfieblerl^üttc auf bcm S^abor, too er beut tnenfd^= 
lid^en 2^reiben entrüdt tft unb (Sott in Ginfam- 
feit bi§ an fein feiig ßnbe bienen fann. „^^ 
»erlange be§ 2^agö tool^l l^unbertmal auf 2labor!'' 
Sl^m ift nur rool^l, roenn er mit f einerlei ©ingen 
unb Oefd^äften ber SBBelt ju tl^un l^at. Sorgfältig 
gel^t er attent auö bem SBege, womit bie SBelt il^n 
beunrul^igen fönnte. 6r l^ätte fo leidet oerl^inbern 
fönnen, ba§ ber 2^empell^err ben 5ßatriard^en um 
9latl^ ftagt; ber ^^empell^err will il^m felbft bie 
©ad^e anoerträuen, er ift fd^on im 33egriff, fein 
^erj bem Älofterbruber au§juf d^ütten, ba fällt il^m 
biefer ängftlid^ in bie SRebe: 



127 



^lid^t toetter, ^ett, nid^t toeitex! 
äBoju? — 3)et ^ctt bctfennt miä). — 2Bcr t)iel toci6, 
^at t)tel ai^ fotgen; unb id^ l^abe ia 
SDtici^ einet ©oxgc nur gelobt. 

3)ic SBelt ift il^m unl^eimlid^, baö ^anbdn 
ängftct il^n, er fül^It fid^ unfid^er in bcm ©etrtebc 
bcr SWcnfd^entoelt, bie fclbft bie befte 2^l^at fo leidet 
in fd^Iimme g^olgcn t)er!el^rt. S)aö ®utc ift l^ier 
mit bem Söfcn fo fein unb bid^t in einanber gewebt, 
ba§ fid^ beibe faunt fd^eiben laffen unb, um baö 
S3öfe ni(^t ju tl^un, man felbft t)or bem ®uten fid^ 
in Sld^t nel^men muffe: 

2)enn fel^t, id^ ben!e fo: toemt an baS &ntt, 

2)a9 i(^ jn tl^un texnteine, gar ju na^ 

SBaS gat au @d§Iimme3 gten^t: fo tl§n id^ liebet 

2)aS @nte nid^t; toeil toit hai @d^Umme atoat 

@o aisntUd^ aii^^^^äff^d tennen, abet 

S3ei toeitent nid^t ha^ @ute. 

®0(^ n)o n)äte in ber SBelt ein ©uteö ol^ne biefe 
gefäl^rlid^e SRad^barf d^aft ? 2)a wirb freilid^ ber 
Älofterbruber am beften tl^un, ftd^ mit ber SBelt 
gar nid^t einjulaffen, baö praftifd^e Seben ju jliel^en 
unb befd^aulid^ auf bem 2^abor in menfd^enlofer 
@infamfeit ju leben. S)aö ifl bie SBeltentfagung, 



128 



it)el(3^e bie SBcIt nxä)t übertoinbet! , Unb l^ier ifl 
ber 3Rangel, an bem -ber cl^rüd^e SBonafibcö leibet. 

VII. 
Per peirttiifi^. 

©0 fd^roer tft eö, in ber SSBeltentfagung baö 
aiii^tige ju treffen! 3n bem 2^empell^erm ftößt fie 
fid^ an bem ©tolj, ber it^r ju ©runbe liegt, an 
ber Seibenfd^aft, womit fie ergriffen wirb; in bem 
Älofterbruber an ber S)emutl^, auö ber fie Iieroor- 
gel^t, unb bie in ifirer gtu(^t t)or ber SBelt jnm 
Äteinmutl^ {)erabfinft. 5Den 5CempeIl^errn mad^t bie 
SBeltentfagung fi^wermütl^ig, ben Älofterbruber ma(§t 
fie fraftloö: fo erfc^eint fie in beiben gebunben 
unb unfrei. 

®ö gibt eine SBeltentfagung, bie nid^t von foI= 
d^en ©(^ran!en gebrüdft ift, eine t)oIHommen uner:: 
!ünftelte, unerjwungene, naiüe, in ber bie ©eele 
il^r ooUeö Äraftgefülil unb baö SEBol^lfein ber 3^rei= 
l^eit empfinbet. ^n biefer ^orm wirb fie nur im 
Orient geboren; il^r glüdflid^er S^ppuß in unferet 
©id^tung ift ber ©ertoifd^ %UQa^x. 

S)a ift nichts in ber SBelt, ba§ biefen ®ern)ifd^ 



129 



feffeft, feine Setbcnfd^aft, bie il^n beftridft, fein @ut, 
baö U)n lodt, fein fierr, von bem er abl^ängt. 6r 
befifet unb begel^rt ntd^tö, er f)at bie Slmtutl^ eines 
Settlerö unb bie Unabl^ängigfeit eineö Äönigö. @in 
freies, von feinem Otaubenöbünfel beengtes ^erj, 
ein freier, t)on feiner ©itelfeit ber SSelt t)erblen= 
beter ©inn! SBaö l^at biefen ©erroifd^ oermod^t, fein 
befd^auH($eS Seben ju perlaffen unb ein 3Rann bei 
^ofe JU werben, ©efterbar beö ©ultanS: — er, 
ber Settier, ©alabins ©d^aftnteifter? ©troa bie Qab= 
fud^t, bie babei gerainnen möd^te? S5iefe unterfte 
ßeibenfd^aft ift bem Derroifd^ fremb, wie bem 
Älofterbruber unb bem S^empell^erm, fte bleibe in 
unferer SJid^tung bem ^ßatriard^en unb in ber 
3Belt jenen niebem ©eelen, beren ^ä^l ßegio ift, 
bie ber l^od^benfenbe 5piato auf bie lefete ©tufe feiner 
SRenfd^enorbnung. geftefft l^at: ben Gl^rematifüf em ! 
S)a giebt es mele, bie fid^ ju unferem ^ßatriard^en 
Derl^alten, wie bief er ju bem 3uben mit bem ßl^riften- 
finbe: „9Wid^ fd^aubert!'' — unb bie unter bem 
©d^eine entgegengefefeter S^ugenben innerlid^ eben fo 
fd^led^t finb. Ober f)at ber ©ultan in bem ©emjifd^ 
melleid^t einen verborgenen ginanjminifter entbedft, 
wie er il^n braud^en fönnte, ber fid^ auf bie Äunft 

ftuno Sfif^er, 9. 9. Sefflng. II. 9 



130 



bcö Sparend Derftcl^t? 3lexnl ©r l^at im ©crwifd^ 
nur bcn S)crn)ifd^ gcroottt, ber bie S^ugenb bcfi^t, 
nid^tö l^aben ju n)oSen unb nid^tö ju bel^alten; er 
l^at ben Settier gewollt, ber für bie Slrmutl^ am 
beften werbe ju forgen wiffen, ber feiner föniglid&en 
grelgebigfeit bie motten ©egel gönnt: 

(5tn aScttIcx totflc nur, tote SBctttctn 

3u SJlutl^c fei; ein S5ctt(ct l^dbt nur 

(Seictnt, mit öutcr SQßcifc Söcttletn QcBcti. 

^3)cin S5orfal^t/ \pxaä) ex, „toat mit biet ju lolt, 

3u taul^. @x toat fo unl^olb, toenn et qab; 

(Stfunbigte fo ungeftüm fid^ etft 

^aä^ bem (Sm^föitget ; nie auftiebcn, bofe 

(gt nnt htn SWangel Icnnc, toottt' et aud^ 

2)eS ^angelg Utfad^ loiffen, um bie Q^dbt 

9la(^ biefet Utfad^ filzig aBjutoägen. 

S)a8 toitb m«$afi nid&t ! @o unmilb milb 

^itb ©alabin im ^aft nid^t etfd^einen! 

^I'^afi gleid^t k}etfto|)ften dio^ten nid^t, 

S)ic il^te Hat unb ftitt entpfangnen SBoffet 

©0 untein unb fo fptubelnb toiebetgebcn. 

Sl^^aft bcnft, m--$afi fül^Xt toie id^ !' 



I« 



Defonomifd^e unb potttifd^c Seweggrünbe maren ed 
nid^t, auö benen ©alabin ben 3)ertt)ifd^ jum ©(^afe* 
meifter gemad^t l^at, eö waren rein menfd^Ud^e; unb 
gerabe beöl^alb l^at fid^ ber 35ern)ifd^ jum ©d^afe- 



131 



meifter bicfeö ©ultans mad^en laffen. ©in fold^^^ 
©ultan unb ein fotiä^cr SJcfterbar! 2Bcnn in bicfcm 
33unbe nid&t bic 3!bcc ber SBoliltl^ätigfcit t)crförpcrt 
wirb, ganj unb unt)crlümmcrt, fo mrb flc bie SBelt 
nie in il^ter SBoHfommenl^eit felien. 

Sttfiaft gel^t ben 33unb mit ©alabin ein, bas 
3beal ber SBBol^ltl^ätigfeit in feiner ©eele: ber un^ 
eigennüfeigfte ©ertDifd^ mit bem freigebigften ^err^ 
fd^er! SKber SltiQafi ift ein ju fd^arfblidenber unb 
unoerblenbeter ®eift, um fid^ burd^ ein Sbeal täu^ 
fd^en ju laffen. @r mad^t fel^r balb bie ©rfal^rung, 
ba^, um einen ©taatsfd^afe ju vetvoaltm, fid; an- 
bere Sebingungen vereinigen muffen, alö bloö bie 
greigebigfeit beß ßönigö unb bie 3Kenfd^enliebe be§ 
©d^aftmeifterö, bafe bie beften ©igenfd^aften beö fier- 
jenö fel^r fd^Ied^te gactoren finb, wenn eß fid^ um 
baö @efammtmol^l l^anbelt, ba^ fid^ bad menfd^en- 
freunblid^e 3beal in X^ox})e\t unb SBiberfinn Der« 
feiert, romn man mit ©eben unb aBol^ltI)un ben 
©taatsfd^ag vergeubet. 2Bad man aQen abplagt, 
wirb an einjelne tjerfd^wenbet: man mu§ alle be« 
brüden, um einjelnen mol^tjut^un; man mufe au^-^ 
fangen, um fid^ wieber audfaugen ju laffen. ©o wirb 
ber rool^tt^ätige unb freigebige Äönig, bei Sid^t be= 



132 



trad^tet, eine ^lagc ber SDlcnfd^en, um julefet eine 
Seilte ißabgieriger ju toerben. „®ö taugt nun frei=: 
lid^ nid^tö, wenn gürften ®eier unter Slefem finb, 
bod^ finb fie 3lefer unter ©eiern, taugt'd nod^ jel^n* 
mal weniger!" ®er ©enoifd^ fielet ben aßiberfprud^ 
flar ein, bie J^l^orl^eit, ju ber il^n ©alabin Der« 
fü^rt ^at: 

(&i toa^l — c§ toät' ntd&t ©edctci, 
^ei ^unberttaufenben bit ^enfd^en btücfen, 
9[uSindtgeln, ))lünbeTTt, mattetn, tDütgen, uttb 
(Sin SRenfii^enfreunb au @tnjeln' fd§etnen tooEen? 
(&i tüäx* ni^i (Sedfetei, bed ^öd^ften milbt, 
2;ie fonbex llugtoa^I übet S3ö{' unb (S(ute, 
Unb gfluY unb SBüftenet in ©onnenfd^ein 
Unb fRcgen fld^ tJcxBtcitct, — nad^audffen, 
Unb nid^i bed ^dd^ften tmmet t>oUt ^anb 
3tt l^abent 

S)iefe ©infid^t mad^t il^n unwirfd^ unb unjufrieben 
mtt fid^ felbft. ,,^ä) ®edf, id^ eine« ©eden ®ecf !" ®r 
muj5 bie ^l^orl^eit Derbammen, ber ©ad^e ben redeten 
SRamen geben, feine ©elbfttäufd^ung gut mad^en 
burd^ baö offenfte Sefenntnife; er ift ju wal^rl^eitds 
liebenb, um fid^ blenben ju laffen, um bie erfannte 
Slenbung ju fc^onen. Unb bod^ ift in ©alabin« 
greigebigfeit ein grofeeö fierj, bem fid^ 2H=$afi 



133 



vevroanht fül^lt; er fann nid^t anberö afe an ber 
©edcrei, mt er e« nennt, bie gute ©eite bennod^ 
auöf puren, unb bag er eö tl^ut, ba^ er bie '^ox^ 
l^eit, bie er Derroerfen muB, im ©tiHen nad^ liebt, 
Derbriefet il^n t)on neuem: 

2a%i mein et (Setferei 
Ttiä^ bod^ nu¥ aud^ ertoä'^tten! — SBaS? e@ todte 
9li(^t (Secfevei, an fold^en (^etfeteien 
2)te gute @eite bennod^ an^n]p&xtn, 
Um Slntl^eil bicfet guten ©cite toegen 
. $[n btefet @e(f etet p nel^men ! 

©0 finb in unferem ©erroifd^ Äopf unb ^erj 
je^t in offenem 3K>iefpaIt; fie waren, el^e er SDefter- 
bar würbe, in üoHem ©inflang. @r fel^nt fid^ nad^ 
bem 3)erTt)ifd^ jurüdf, ber nid&tö alö S)ern)ifd^ mar. 
35alb l^ängt baö ®l^ren!teib, baö ©alabin il^m gab, 
in Serufalem am 5ftagel — 

Unb 
3^d^ bin am @ange§, too td^ leidet unb batful, 
S)en ^ü%tn @anb mit meinen 'Sel^rexn trete. 

®r pafet nid^t an ben ^of. ©elbft baö einjige 
aSergnügen, baö er leibenfd^aftlid^ liebt, ba§ ©d^ad^- 
fpiel, wirb il^m perleibet, ©atabin verliert an ©it^ 
tal^ ungel^eure ©ummen: baö möd^te nod^ ge^en^ 



134 



benn ©ittal^ fpart fie, unb bie Derlorncn ©(j^ad^- 
Partien be« ©ultand finb an biefem §ofe bie einjige 
l^eimlid^ getriebene ?Jinanjn)irt^f(i^aft, bie no(i^ auö= 
^ilft. aber atteö l^eimlid^e Streiben ift nid^t nad^ 
ber Slrt beö 2)ern)ifd^, unb er ftnbet ftd^ nur notl^= 
gebrungcn in bie Sift unb baö SBcr^cimlid^en ber 
guten ©ad^e. Slber ©ittal^ gewinnt nid^t bloß baö 
®elb jum ©d^ein, fonbern aud^ bie Partie auf beut 
©d^ad^brett. S)er S)ertt)ifd^ ftnbet fie beim ©piel, 
©alabin l^at bie Partie nod^ nid^t verloren ^ er 
brandet ben Äönig nur an ben Sauer ju rüden, fo 
befommt ber 2^l^urm ^^b, unb bie ^Partie tmrb ge- 
wonnen; er jeigt eö bent ©ultan, unb biefer toirft 
gleid^gültig baö ©piel über ben Raufen. Sltioöfi 
foll (Selb fd^aff cn, er foff bei Slatl^an, feinem 
greunbe, borgen, b. 1^. er fott, me er bie ©ad^e 
fielet, ben greunb auöplünbern l^elfen. 

SlUeö ©d^ein! g^reigebigfeit unb SEBol^ltl^un unb 
©d^ad^fpiel ! ©ittal^ gewinnt, ©alabin oerliert jum 
©d^ein. 3)aö foII ein anberer ertragen, als ber 
©enoifd^, ber ben ©d^einwertl^en ber SBelt fo grünb= 
1x6) geinb ift. SBerftimmt unb ärgerlid^ ift er fd^on, 
er ift fid^ fd^on entfrembet, er wirb nod^ ein SWem 
^d^enfeinb werben, wenn er nid^t bei Seiten in fein 



135 



freie« eiement jurütffel^rt. Unb mit einö ift er 
auf unb baüon. 9lur von $Ratl^an nimmt er 31U 
f(j^eb, am liebflen näl^me er ii)n mit [x^ in bie 
pl^ilofopl^ifd^e ®infamleit. 

6« gibt SBorte, bie ben 9Wenfd^en auöfpred^en, 
fo mal^r unb eigentl^ümlid^ Jommen fie auö bem 
Snnerflen ber ©eele. Unb voenn x^ mit einem 
feiner SBorte biefen S)ern)ifd^ bejeid^nen foffte, mit 
einem SBorte, baö ^ani er felbft ift unb bad il^n 
mir fo lebenbig t)or{lettt, afe ob x^ x^xx l^örte, fo 
ift ed ber Sluöbrurf feiner ©el^nfud^t, wie er t)on 
Slatl^an SCbfd^ieb nimmt: „31 m ©angeö, am 
®anQtii nur gibts aJienfd^en!" 

Sa, Slatl^an l^at Siedet, menn er il^m nad^ruft: 

Sßilbet, guter, cbler — 
3Bic nenn' ici^ i^n? — 3)cr toal^te »cttlet ift 
2)o(^ einaig unb allein bet loal^te ^önig! 

S5od^ l^at oud^ in bem S)em)ifd^ bie SBeltent^ 
fagung nod^ etn^ad, bad fie läl^mt unb bei aQem 
ftrafts unb fjreil^eitögefäl^l unpraftifd^ mad^t. 3n 
einer gemiffen 9lü<fjtd^t muffen mir aud^ biefen XyipM 
ber 2BeItentfagung nod^ neben ben Älofterbruber 
unb ben ^empell^erm fteHen. 



136 



^ie ^robe echter Selbftoerleugnung ift bie ^tlU 
überminbung^ nid^t bie äBeltentfrembung. @i^ ber 
aSelt cntfrembcn l^eifet im ®runbe bie ©elbftoer- 
leugnung fid^ leidet mad^en, unb bas ift jule^t ein 
aWangel an ©elbftoerleugnung. Unb barin, f o vex^ 
fd^ieben fie finb, gleid^en fid^ biefe brei ß^araftere, 
ber Xempell^err, ber Älofterbruber unb ber SJer^^ 
mifd^: ba^ fie bie $robe ed^ter äBeltentfagung nid^t 
befleißen, ba§ i^re ©elbftoerleugnung in ber SBelt^ 
entfrembung befangen bleibt, bafe fie bie bem 
3Wenfd^enIeben abgeroenbete ©nfamfeit begierig auf* 
fud^en. S)er ^empell^err Uebt bie einfamen SBBege: 
„9Wac^' mir bie ^almen nid^t oerl^afet, worunter id^ 
fo gern fonft toanble!" ©er fllofterbruber oerlangt 
be« 2^agö rool^I l^unbertmal auf 2^abor. Unb ber 
©erioifd^ ruft ooHer ©el^nfud^t: „9lm ©angoß, am 
©angeö nur gibtö SRenfd^en!" 

fiier ift bie SEBeltentfagung nod^ auf ber g^lud^t 
oor ber SBelt. Unb in biefer 3iid^ung oerl^ält fid^ 
bie 9KenfdöenUebe gerabe umgefel^rt, ate in ber 
ftörperroelt bie Slnjiel^ung, bie mit ber Entfernung 
abnimmt: biefe SReufd^enliebe mäd^öt mit ber (&nU 
fernung, fie wirb erfi frei in ber SBüfte; mitten 
unter SWenfd^en, loo bod^ il^r eigentlid^es f?etb fein 



137 



foHte, wirb fie oerfiimmt, fo cerjümmt, ba§ jtc 
lei^t in il^r ©egentl^eit umfd^lagen lönnte. ^ad 
ifi, toaö bet menfd^enhinbige SRatl^an bei feinem 
^eunbe fütd^tet: 

91'^aft, mad^e, ha% bu (aU> 
3n bcinc SBüftc toicbct lömmfl. 3d§ fütd^tc, 
@¥qV unter SJlenfd^en mdij^teft bu ein ^Dlenfd^ 
3u fein Dexletnen. 

VIII. 

SBir woKen bie ©elbftocrteugnüng nnb bie SOBelt- 
entfagung nid^t in einem SBinfel ber SEBelt, nid^t 
in menf(^enfd^euer gluckt, fei eö nad^ bem S^abor 
ober nad^ bem ®anges, fonbern auf ber $öl^e ber 
SEBeft fe^en, untet il^r ba$ menfd^Ud^e Streiten. S)ann 
erft fönnen n)ir bem äludfprud^e 9latl^and ganj bei^ 
fttmmen: „S)er realere Settier ift bod^ einjig unb 
allein ber wa^re Äönig!" S)iefe KnigUd^e gorm ber 
©elbftoerleugnung l^at il^ren S^^puö in bem l^err« 
lid^en ©alabin. 

Sßod^ bet)or bie SJid^tung il^n felbft oor unfere 
äugen fül^rt, lä^t fie nm beö ©ultanö ärt burd^ 



138 



einige 3üge etlennen, bie fie il^m et^&l^tenb Doroud:: 
f^idt. @r f^at bem XemptVftttn bad fieben ge^ 
fd^enft^ n)ei( il^n bie ä[el^nli(i^Ieit mit bem (ängfl 
t)erlorenen Sruber gerül^rt l^at: fo lebenbig ift in 
feiner ©eele baö S3ilb beö Sruberd geblieben, fo 
treu f)at er bad Slnbenfen an feinen 3lffab beroal^rt ! 
Die brüberlid^e ©mpfinbung ©alabinfi ift mäd^tiger, 
ate ber öa§ gegen feine ärgfien fjeinbe. ©r ifl 
järtlid^ unb l^ingebenb für bie ©einigen, aufopfemb 
nnb mol^Itl^ätig für äffe, „©ein $auö ift gro§," 
fagt 5Ratl^an ; ber ©erroifd^ l^at eö erfal^ren : „Unb 
größer ate 3l^r glaubt, benn jeber Settier ift von 
feinem ^aufe." 

SBel(i^ed anmutl^ige Mb gemöl^rt nM biefet 
©ultan, wie er mit feiner ©(j^roefter ©d^ad^ fpielt, 
in trauKd^em ©epiouber, mit bem ©piele faum be^ 
fd^äftigt, il^r jeben SSortl^eil laffenb, l^alb an^ 3^* 
ftreuung, l^alb aM ©efatten, t)on il^r beflegt }u 
tüerben, aus bem SEBunfd^, an fie ju vexUexm. 
©old^e SSertufte flnb il^m roittfommen. SWit Dotten 
^änben geben, ift feine Suft. ©d^äfte bebarf er 
nur, meil feine g^eigebigfeit fie brandet. 6rft wenn 
bie &>he eintritt, fommt bie ©orge, bie il^n wenig 
brüdtt. 



139 

9Ba§ fonft, aU toa% id§ laum 3U nennen toütbige? 
SBaS, tocnn id§'g l^aBc, mir fo üBerpfjtg, 
Ättb l^oB' i(^'8 nid^t, fo uncntbel^tltd^ fcftcint. 

SRur eine ©orge quält il^n crnftli($, nur fic allein 
bringt il^n aus bcr ^Jaffung, nid^t bie (Sbbe im 
©d^afe, nid^t ber Ärieg t)or bcn Xf)oxen: 

äBaS t)on je 
!0lid§ immer au3 ber gfaffung l^at geBrad^t: 
3d§ toar auf Libanon Bei unferm 9}ater; 
@r unterliegt hm ©org^n nod§. 

©icfeö bcn järtlid^en Steigungen fo offene fierj 
mag im ©tillen aud^ feine ©d^idfale unb SBerlufte 
erbulbet l^aben^ e3 l^at fld^ männtid^ gefajst unb 
fd^nett wieber aufgerid^tet. @$ waren nur feine 
SSertufte. 9Jlit einem leidsten SBort ftreift er barüber 
l^in. SBie ©ittal^ il^m bie Äönigin laffen miff, bie 
fie nefimen fann, fagt ©alabin : „SRein, nein, nimm 
nur bie Äönigin, id^ mar mit biefem ©teine nie 
red^t glüdflid^. — gort bamit! — S)aö tl^ut mir 
nid^ts!" 

3n ©alabin erfd^eint bie ©elbftt)erleugnung in 
il^rer ©röfee, burd^ feine ©d^ranlen beengt unb ge^ 
brüdft. 9luf ber fiö^e ber 3»ad^t ift er bebürfni^^ 



140 



lo« unb cinfad^. ©eine ©elbftocrleugnung ift qe^ 
wältig, bic ganj ungclünjieftc unb ungejroungcne 
©elbftbel^crrfiä^ung, in ber fi(§ feine ©eele 
mäd^tig unb frei fül^lt. JBon l^ier fommt i^m bie 
Ätaft, aWenfd^en ju bel^errfd^en. %üx ieben 3^9 
in ©alabin l^at Seffing ein SBort gefunben, baö 
il^n ganj unb unnad^al^mlid^ auöfprid^t. 3)ie SBorte, 
bie feiner unabl^ängigen, t)on ben ©ütern ber SBelt 
ungefeffelten ©eele ben erl^abenften SCuöbrud leil^en, 
fotten n)irfli(^ fein SEBal^lfprud^ geraeferi fein: 

(Sin ÄIcib, (&in ©d^toctt, (Sin '^Jfctb — unb einen (Sott! 
SBag braud^* td^ mcl^r? SGßcnn !onn'8 an htm mit fcl^Icn? 

Sn biefer großen SRatur ifl ni(|ts Kein, ni(i^tft 
eng unb ^^xo&ä)lx^. 3n iebem S^Qt at^met ein 
freieß ©emütl^, baö befreienb wol^ltl^ut unb hnx^ 
feinen ©(Ratten bünfell^after ©elbftfu(ä^t getrübt 
wirb, ©ein ©inn ift offen unb empfängli(]^ für 
aßeö menf(^li(ä^ ©rofee; baö 6b(e, u)o eö fi(i^ regt, 
wirb üon i^m willig unb freubig wittfommen ge* 
l^eifeen ate etwaö if)m aSerroanbteö : im 3)ern)if(§ 
bie e^U Uneigennüfeigf eit, in 5Rat^an bie tief blidenbe 
aßeis^eit, in 3ii^axh Sörocn^ierj bie ritterli(j^e gelbem 
grö^e. ®a ift feine ©(j^eibewanb ju)if(i&en bem 



141 



Äönig unb bcm Scttter, jroifd^en bem aRufcImann 
unb bem Suben, jmfd^en bem ritterlid^en Sultan 
unb bem ritterlichen ©l^rijientönige. ^^SDBenn bu 
beinen SKd^arb nur loben lannft!" fagt Sittal^, 
Unb ©alabin: 

^tnn un{etm Grübet Allele! 
3)ann ültd^arbS Sd^toefier toäx' au ^etl getootben: 
Qa\ toeld^ ein ^au3 pfammen! ^a, bei eTfien, 
S)ct bcftcn ^äufcx in bet SBelt baä befiel -- 
^u l^dtfl, id6 bin, mtd§ felbfi au loben, aud^ 
9lid^t faul. 3^d6 bünf miäi metner gfxeunbe )oettl§. 
5DaS l^ätte ^enfd^en geben foEen! baS! 

Unb berfelbe SRann, ber fo warm für ben d^rifi^ 
li(|en Äönig empftnbet, fann jum S)erroifd^ fagen: 
„at§afi benft, SKtfiaft fü^lt, mie id^!" 

©n fold^er, für baö ed^t SWenfd^lid^e, n)0 es fid^ 
jeigt, tief empfänglid^er ©inn erl^ebt fid^ leicht über 
bie SSorurtl^eile unb a3efan9enl^eiten ber 3Wenfd^en, 
©old^e ©d^ranlen finb nid^t für il^n. ®r burd^^ 
fd^aut bie aWenfd^en, barum brandet er fie nid^t ju 
fürd^ten nod^ ju meiben; er gönnt jebem feine 
SBeife; leben«t)ott, wie er felbfi x% vM er Seben 
um fid^ t)erbreiten unb neueren. S)ie^ülle beöSebend^ 
bie 3Ranni($faltigleit feiner ^Jormen ift ii^m nid^t 



142 



brüdenb, fonbern erqutdUd^. @r l^at bad Talent 
cd^tcr/ neiblofer ©utbung. 2)aß @ute in äffen 
f^ormcn pflegen unb entioideln, ift il^m SSebürfni^ 
nnb Seruf. ®in wal^rl^aft fürftlid^eö SBort, bad 
er bem S^empell^errn fagt, ein SQBort, in bem id^ 
mir am liebfien biefen ©ultan üergegento artige: 

^liebft bu tool^I Bei mit? 
Um mid^? m^ ^^tift; aU ^ufelmann: aletd§t)tel! 
3m tocigcn 9Rantcl, ober 3ömetIonf; 
3m Znlhan ober beinem gfÜje: tote 
5Du totUft! &itxä^t)itl\ 3^^ ^<iBe nie t)et langt, 
f)ag allen S&umen etne.9linbe toad^fe. , 

Unb treffenb ift, was ber 2^empelf)err i^m entgegnet : 

@onft tofttft bu and^ tool^I fd^toetUd^, ber bu Btfi: 
^er $elb, ber IteBer (^otieg (S^drtner toare. 

2)en S^itet, ben il^m feine §errf(ä^ern)ürbe gibt, 
mod^te er nid^t blo§ jum ©d^ein fixieren ; er möd^te 
fein, roaö er l^eifet : „aSerbefferer ber SBett unb beö 
©efe^eö." 

Um biefen ©uttan ganj ju oerftel^en, muffen 
wir il^n belaufd^en in feinem ©efprdd^ mit SRatl^an, 
wie biefer il^m bie ®efd^i(^te t)on ben brei 9Hngen 
erjäl^lt. Slud^ ben poetif(^en 3ug in bem morgen= 



143 



länbifii^en f^rftcn möd^te id^ nid^t überfeinen, ber 
ftiä^ fo nato auöfprid^: „3^^ bin ftetö ein g^eunb 
gewefen von Oef d^id^ten , gut erjäl^lt." 6ö ift in 
unferem ©alabin etoaö t>on ^arün SlfcSlafd^b. 
Sluß eigenem antriebe würbe ber groftbenfenbe 
©alabin, ber unter ben mannid^f altigen Sebenö= 
formen aud^ bie ®Iauben§formen gern geraäl^ren 
läjst, fd&roerlid^ auf ben ©infall gefommen fein, an 
Jiatl^an bie etroaä peinlid^e g^rage ju rid^ten, weld^er 
©laube il^m ber befte fd^eine? ©ine foli^e JJrage 
Hegt nid^t in feiner ärt, am wenigften, ba§ er fie 
voie ein 3te| auswirft, um ben 3wben ju fangen, 
baj5 er fie ate 5!Rittel ju einer BroangSanleil^e brandet. 
@§ ift fe^r fein von ßeffing angelegt, bajj er nid^t 
©alabin, fonbem ©ittal^ biefeö ©piel auäbenfen 
läjBt. ©ie möd^te bem Sruber auö ber ©elbnotl^. 
l^lfen. 2)a fättt ii^r Slatl^an ein, ber e?^eunb 
SlU^afis, ber 3ube, beffen Sieid^tl^um fie fennt, 
beffen 2^ugenb unb SBeisl^eit man il^r gerüi^mt Iiat; 
Slt^afi mad^t fie irre, er möi^te fie Überreben, bafe 
Siatl^an fo geijig als reid^ fei, unb für biefen gaH 
l^at ©ittal^ bie t)erfänglidne grage erbad^t. ©alas 
binö brüberlid^e Siebe la§t fid^ bie SRoIle gefatten, 
bie feine 5Ratur mit SEBiberftreben annimmt. ®r 



144 



tl^ut ed Sittal^ ju Siebe. 9l(d eine %aUe mxh er 
bie %xaQe nid^t braud^en, erntimmt fie von il^rer 
ungetoöl^nlid^en ^ tnenfd^ßd^ bebeutenben Seite ald 
einen großen ©egenftanb, ber il^n intereffirt. 3n 
ben Äriegen, bie er fül^rt, gilt bie SReßgion ate 
eine grage ber aJlad^t; in bem ®efpr&d^e mit 
SRatl^an, in ber ^rage, bie er il^m oorlegt, roxtl er 
fie gelten kffen nur t)on ©eiten il^reö SEßertl^«. 
©ine fold^e auf bie ©atj^e felbft gerid^tete ^rage 
f(i^eint il^m eines ^errfd^erö ni(ä^t unroürbig. 

@r ifi gefpannt, wie 3lati)an fte löfen wirb. 
3n biefer Spannung l^ört er bie ©rjäl^lung t)on 
ben 9Wngen. ®er 9Hng t)on unfd^ä^barem 2öertl^ 
bebeutet bie SReligion. SRur eine fann bie roal^re 
fein. ©0 fd^eint eö bem ©ultan. Sl^m ift attes 
einleud^tenb, fo lange bie ®efd^i(ä&te nur von einem 
9Knge mei^. 2lber bie brei SKnge in ber ^anb 
ber brei ©öl^ne, bie ber 38ater gleid^ geliebt, biefe 
brei 3linge, bie nid^t ju unterfd^eiben feien, biefe 
SBenbung auf bie brei ^Religionen mad^t il^n be^ 
troffen. 3)er ed^te 9ling fei nid^t mel^r ermeiölid^, 
f aft f unermeiölid^ afe nn^ jefet ber redete ©laube : 
biefe Söfung miU il^m nid^t^ gefallen, fte ift fo gut 
als feine. 



145 . 

5Dem ©ultan in ber italienifd^en SIodcIIc war 
es nid^t um bic ©ad^e, bloö um bie SBcEirfragc ju 
tl^un, bie bcn Subcn in bie %aUe bringen fott; er 
ift begierig, wie fid^ ber 3ube aus ber ©d&linge 
jiel^en wirb, barum genügt biefem Sultan bie ge^ 
fd^idfte unb fein erba($te SBenbung. 3lx^t fo ber 
©alabin unferer 3)id&tung, bem es auf bie ©ad^e 
anfommt, ber auf bie ßöfung brennt, auf bie ®nt= 
fd^eibung ber großen menfd^lid^en ^rage. S)a§ 
©leid^niß löst i^m bie grage nid^t. ®r fielet ben 
^unft, n)o ©inn unb SBilb einanber wiberftreiten : 
bie SRinge feien ni(^t ju unterfd^eiben, bie SReligionen 
finb es, fie finb t)erfd^ieben bis auf bie Äleibung, 
bis auf ©peif unb 2^ranf! S)od^ in einem 
^unft finb fie gleid^: jebe ^Religion glaubt fid^ bie 
ed^te, biefer ©laube rul^t in ber SRatur bes menfd^s 
lid^en ©emütl^s auf felir tiefen ©runblagen. 9Rit 
einem einjigen SBorte jeigt SRatl^an bem ©ultan 
biefe natürlid^e ©laubensqueHe, weld^e in allen 
^Religionen biefelbe ifl: „SBie fann id^ meinen 
SSätern weniger als bu ben beinen glauben?" 
®ie ©laubenstreue pngt auf bas Snnigfte ju* 
fammen mit ber gamilienliebe, ber Slltar mit bem 
iQeerb. S)iefes SBort greift in bie ©eele ©alabins, 

Auno Sfifd^et, ®. ®. Sefflng. II. 10 



146 



bcr fclbft fo järtUd^ bic ©einigen liebt ; fein ©laube 
ift ber Olaube feiner SBätet. ,,33ei bent Sebenbigen!" 
fagt er ju fxd^ fclbft, ^,ber aWann l^at red^t, id^ 
mug üerftutttmen !" 

3)ie ©laubenötreue, J^artnödig unb auöf(|He§enb 
auf jeber ©eite, bringt bie 3leIigionen in ©treit, 
bringt bie ©öl^ne mit il^ren SRingen in S^kttaä)t 
unb julefet vox ben SRid^ter. 35as ift bie ßage ber 
SBelt, in ber ©alabin lebt, felbft ein Äämpfer für 
ben ©tauben ber ©einigen, ^ier ift ber $unft, 
wo er SRatl^an mit feiner ©rjäl^lung erwartet. Sefet 
l^anbelt es fid^ um bie mir! lid^e Söfung ; ungebulbig, 
in ber gefpannteften ®m)artung, fäHt er il^m in 
bie SRebe: 

Unb nun bcr 9lid§tct? 3Jltd6 tjctlongt gu l^öten, 
2Bag bu ben iRid^ter f agen I&ffeft. @^ttd^ ! 

®r l^ört, Toaö feine erweiterte @emütl^«art fd^neff 
unb freubig begreift. ®er ©treit ber Sieligionen 
entbinbet äße bie Seibenfd^aften, roeld^e baö SBefen 
ber aieligion t)ottfommen üerbunfeln. ©o lange bie 
©öl^ne il^ren ©lauben üon gegenfeitigem ^a§ näl^ren, 
finb il^re SRinge alle brei nid^t ed^t. „3)er ed^te 
SRing uermutl^lid^ ging t)erloren." — „öerrlid^! 
fierrli(^!" ruft ©alabin. 



147 



Unb wie nun bcr bcfd^eibenc SRid^ter ftatt feines 
©prud^eö feinen diaif) giebt : jeber möge feinen SRing 
ben ed^ten glauben, möge bie £raft beö ©teinö in 
feinem SRing beroeifen, burc^ feine Siebe bie Siebe 
ber anbern erroeden, bann werbe ber 2^ag ber 
SBerföl^nung fommen ,unb mit il^m ber meif ere 
SRid^ter, ber nid^t mel^r nötl^ig l^at, ein SRid^ter 
ju fein, — fo mirb es bem ©ultan ßid^t unb e§ 
bringt in feine ©eele wie bie ©timme ©ottes. ®r 
lann nur ausrufen: „®ott! ®ott!" 

3n biefem SBorte fül^lt ftd^ SRatl^an ganj ©er* 
flanben. 3c|t toenbet er fid^ unmittelbar an ben 
©ultan : 

Salabin ! 
Söcnn bn hici^ fü^Itcft, bicfcr tocifctc 
S5ctf))tod§nc ÜJlQtin au fein — 

Unb liier jeigt fid^ bie reine SBirfung feiner 6r= 
jöl^lung in ©alabins ©eele. @r ift nid^t beraufd^t 
von biefer 3lusfid^t auf bas grofee S^el ber S^it^^r 
von ber 3lufgabe, bie il^n l^erausforbert ; er ift 
übermältigt, ergriffen, ba§ il^m baS SBSort t)erfagt, 
er fielet nur, wie weit er unb feine 3^^ von bem 
3iele entfernt finb, er fül^lt biefem S^ek gegenüber 
nur feine SRid^tigf eit : 



148 



3äi @tauB? 3(36 «Rid^tS? 

O (^ott! ^Ratl^an, UeBct «Rat^an! 

2)tc taufenb taufcnb Saläre bcineg Ifttd^tctS 

©inb nod^ nid^t um. — ©ein 9lid^tetftul^I tfl nid^t 

3)cr meine. ®e](| ! ®el^ ! 3lBct fei mein gfteunb. 

S)icfc ©cenc iwifd^en ©alabin unb 3tati)an tfl 
ein Sßorbilb geworben, ba§ bramatifd^e ©id^ter jur 
SRad^al^mung gereijt Iiat : biefeö SRotit), weld^eö ben 
SBettbel^errfiä^er unb ben 9Beltn)eifen einanber un- 
mittelbar gegenüberftedt. S)ie gröjste Slad^bilbung • 
biefer 2lrt ift bie berül^mte ©cene jroifd^en ^pi^ilipp 
nnb ^ßofa in ©d^ifferö S)on ßarloö, jwifd^en bem 
SBeltbefpoten unb bem SBeltbürger. 3d^ gebe ber 
©cene im 5Ratl^an ben aSorjug. 3e weiter bie 
beiben ©^araftere il^rer 5Ratur na^ auöeinanber 
liegen, um fo gemad^ter unb imaginärer wirb il^re 
S3erül^rung. Seffing errei(^t mit ben einfad^ften 
SKitteln ftufenweife bie größte SBirfung, unb xomn 
fid^ iulefet bie ©eifteßuenoanbtfd^aft pifc^en 9iatl^an 
unb ©alabin entl^üfft unb afe g^reunbfd^aft befeftigt, 
fo fommt bod^ nur jum aSorfd^ein, was in ber 
©runbftimmung . beiber ©l^araltere angelegt ift. 
2)arum ift bie SBirfung bes ©anjen unwiberftel^lid^. 
SBie oortrefflid^, wie meifter^aft l^at fieffing biefeä 



149 



©efpräd^ eingeleitet! ®er ©ultan, ber juerft bie 
girage tüie auö betn ©tegreif l^inwirft, mit ber Saune 
bes öerrfd&erö, mit einem ftirftlid^en S)itettantiömu§, 
ber biefe fd^roerfte unb umfaffenbfte aller fragen 
nid^t bloß ol^ne weiteres beantwortet l^aben wiff, 
fonbern aud^ in aller flürje, fo fd^neU ate möglid^ : 

@o xebe bod§! 
Bpxiäil — obn totttft bn einen ^n^txibliä, 
S)td§ 3U Bebenlen ? (S^ut, td^ geb' il^n bir. — ^en! nad^ l 
(Sefd^totnb benl naä^l 

Seber 3ug — ein ©ultan ! Unb nun von ber 
SBebeutung ber ^rage ergriffen, wirb er immer tiefer 
in bie ©ad^e l^ineingejogen , je weiter 5Ratl^an in 
feiner ©rjäl^Iung f ortf d^reitet , bis il^m julefet ber 
©ultan ganj t)erfd^winbet unb er ausruft: „3d^ 
©taub! id& S«ic^t§!" 

®iefe ©cene ^at eine feltfame 5ßrobe beftanben. 
SKte ben 26. aWärj 1842 Seffingö SRat^an in einer 
grie(^ifd^en Ueberfefeung ju ßönftantinopel Dor 
©ried^en unb 2^ürfen aufgefül^rt würbe, wunberten 
fid^ juerft bie 2^ürfen, ba§ ber 3ube mit bem 
©ultan fo freimütl^ig umgel^e, unb julefet brad^en 
fie in ^hd aus über bie ®rjäl^lung von ben brci 
klingen. 



150 



9iod^ ein SBort über ©tttal^, bie neben ©a^ 
tabin, für ben fie lebt, in i^ter roeiblid^en 3lrt fo 
eigentl^ümUi^ l^eroortritt unb t)on bem 2)i(3^ter fo 
fpred^enbe SH^ empfangen l^at, ba& lüir biefen 
Gl^arafter gern etoaö nä^er beleu<j^ten. 3n ©a^ 
labin ift aUeö großartig ; ©ittal^ liebt il^n, wie nur 
eine ©d^roefter einen fold^en SBruber lieben fann; 
fie l^at il^re ©eele na^ biefem SBorbübe gerietet, 
unb ber oerwanbte ©eifteSjug ift in ber ©d^roefter 
unt)erfennbar. 5Dod^ l^at i^n bie SRatur nad^ n)eib= 
lid^em 9Jlafee etroaö ,t)erMeinert, unb gerabe baburd^ 
wirb, ©itta^ eine anmutl^ige ®rgänjung ©alabinö. 
3n feiner grojgen SBeife ju benfen unb ju empfinben 
überfielet ©alabin (ei(^t baö Äleine, ba§ xi)m in 
ben SBeg tritt unb ju geringfügig fd^eint, um bc= 
ad^tet ju werben, ©erabe l^ier, n)o eö fid^ um eine 
rid^tige ©d^äfeung ber S)inge unb SSerl^ciltniffe 
i^anbelt, ift ©ittal^ fd^arfbltdfenber, menfd^enfunbiger, 
flüger. S)ie SCäufd^ungen unb aSerlegenl^eiten bleiben 
für ©alabin nid^t au^; ©ittal^ läjst fid^ weniger 
täufd^en, ilire Sßorforge, ilirUrtl)eil unb SWatl^ fommen 
bem SBruber l|ilfrei(^ entgegen unb juüor. ©o fül^rt 
fie im Äleinen eine 3lrt ^errfd^aft über ©alabin, 
meldte biefer fo gern erträgt unb einräumt, ©ie 



151 



taufi^en beibc tl^re ©(ä^roäd^en aus, unb baö gtebt 
bem gefd^roiftcrUd^en SBerfel^r, ber nid^t inniger fein 
fann, ben tiebenöwürbigen, l^etjUd^ l^umoriftifd^en 
Xon. 3)ie aSerbrüberung mit 3Wd^arb Söroenl^erj 
n>at ein Sieblingsgebanfe ©alabinä; ©ittal^ l^at 
bed fd^önen Xxaurm^ gleid^ getad^t, fie fennt bie 
©Stiften beffer unb il^ren ©laubenöftolj, fie fielet 
bie S)inge fd^ätfet ate ©alabin, iugleid^ empfinbet 
fie Meiner, fie ift über ben ßl^riftenftblj erbittert, 
wad ©dabin nid^t ift, ber biefe 2lrt beö SDünfefe 
unter bie oieten „Slrmfeligfeiten" red^net, bie er 
überfielet. 

3Kit ©alabind g^reigebigleit fd^Iiefet ©ittal^ö 
©porfam!eit einen l^eimlid&en, bem Säruber felbft 
verborgenen S3unb. 355 ie fie if)re Defonomien mad^t, 
ift d^arafteriftifd^ genug, ©ie legt jurüdE, roaö 
fie bem 33ruber im ©piele abnimmt, unb baö weib« 
lid^e Talent ju fparen gel^t bei i^r ^anb in $anb 
mit ber meibtid^en Steigung ju gewinnen. 9Jlit bem 
©piele felbft nimmt fie eä eben nid^t fel^r genau, 
bie 3^^ti^^^tlieit ©alabinö fommt il^r ju ftatten, 
unb am ®nbe lä|t fie fid^ gern gefallen, ba§ ber 
S3ruber feine Partie vox ber ^dt für verloren l^ält; 
fo gewinnt fie mit einem Meinen Setruge, in ber 



152 



beften älbfid^t ber mit, bamit ®elb in bie @par^ 
faffe Piefee. 

©ittal^d ©l^ataftcr ift bei weitem fo einfod^ nid^t^ 
afe ber ©alabinö. @ine SKenge toeiblid^er Söfi^^ 
bie fid& faum bemerfbar mad^en, fpielen in il^re 
3Slotm l^inein; fie l^anbelt fo, ba§ fie unter einem 
Sauptintereffe ber ebelften Slrt einige Heine Sieben^ 
intereffen mitbefriebigt. 3n biefer Älugl^eit befielet 
il^re Sift. Unb ed gel^ört ju il^rer Sefriebigung, 
mit einiger Sift ju l^anbeln. SBir l^aben fd^on eine 
5ßrobe bapon fennen gelernt. 35er ©elboerlegen^ 
l^eit ©alabinö muß abgel^olfen werben. 3)ieö ift 
im äugenblid il^r ^auptjroerf, ber fid^ am Ieid^= 
tefien burd^ eine Slnleil^e bei Siatl^an erreid^en liefee. 
3«gteid^ intereffirt eö ©ittal^, bei biefer Oelegem 
l^eit ben 3Kann fennen ju lernen, von bem fie fo 
t)iel gel^ört l^at; fie loeife bereits, bafe er fo eben 
t>on weiten Steifen jurüdf gelehrt ift; id^ glaube, bei^ 
läufig gefagt, fie ift etwas neugierig. — Slber wie 
Slt^afi i^n barftettt, fd^eint ber 3ube in ©elbfad^en 
fd^wierig ju fein, ©ittal^ mad^t fd^nell il^ren 5pian, 
ber auf beibe ©eiten pafet, auf ben weifen 5Ratl^an 
ebenf gut als auf ben geijigen : fie erfinnt jene 
grage, bie ©alabin ü^m 'vorlegen fo'H, als eine 



153 



gatte für bcn gcijigcn, afe eine SKufgabe für ben 
tDeifen Suben. Unb toie nun Slatl^on felbft erfd^eint, 
mä^U fie am liebften im SRebenjimmer l^ord^en. 
SGBo ü^r Sntereffe erregt ifl, erwad^t il^re Sßeugierbe. 
Sei bem Oefpräd^ jn)if(|en ©alabin unb.bem 
S^entpell^erm bleibt pe jugegen, unter il^rem ©d^leier 
verborgen, ©ie witt felbft bie 3üge beö Stempels 
l^erm mit bem Silbe Slffabö pergleid^en. ©o er:^ 
fäl^rt fie, wad ber Slempeli^err bem ©ultan an^ 
vertraut, bie ©efd^id^te SRed^as unb bie Seibenfd^aft, 
TDeli^e ben SRitter perjel^rt. 3)iefer l^at Sffiol^lgefatten 
in il^ren äugen gefunben, fie wirb feine Seiben^: 
fd^aft begünfügen, unb bamit SWatl^an nid^t ein SRed^t 
geltenb mad^e, baö er nid^t l^at, roiU fie SRed^a felbft 
in il^ren ©d^u^ nel^men« ©alabin foQ bad SR&bd^en 
Idolen laffen, bamit fie bem unred^tmäfeigen SBater 
entjogen werbe. SBloö beöl^alb? ©itta^ l^at babei 
nod^ ein anbereö Sntereffe, ein ed^t toeiblid^eö, baö 
gan} ju il^r pa^t: fie möd^te bad SRäbd^en feigen, 
baß ber SJempell^err liebt, fie geftel^t es aud^ offen : 

^te liebe 9leuBegtet 
I^teibt midi t^I^citt btt biefett dtaif) au geben, 
S)entt t)on geteiffen SJl&nnetn tnag td§ gor 
3u gern, fo balb tote tnöglid^, tot{fen, toaS 
Bit für ein ^fRdbd^en lieben !5nnen. 



154 



Unb ©alabin fann feiner ©ittal^ nid^tä abfd^lagen. 
„9tun, fo fd^idf' unb laff* fie Idolen!" 3ln biefem 
3uge erfenne id^ ©ittaf). SBäre fie jünger, fo fönntc 
ber S^empel^err i^r gefäl^rlid^ werben, benn er ge:: 
l^ört. ju ben „geroiffen aWännern". 3efet roiff fie 
nur baö SRäbd^en fennen lernen, baö er liebt, um 
fie il^m ju geben, bamit er nid^t vor Siebe ftirbt. 
Unb l^ier entbedt fi(^ in unferer ©ittal^ nod^ ein 
liebenöroürbigeö XaUnt, baö bern S^empell^erm ju 
gute fommen möge: fie mirb eine rortrefflid^e 
Spante fein! 

Unter bem ©inbrudfe ©alabinö, ber uns bie 
©eele erweitert, l^aben wir faum bemerft, ba^ biefe 
großartige SJiatur aud^ il^re 3JlängeI l^at, id^ meine 
nid^t jene allgemeinen SKängel, weld^e bie menfd^« 
lid^en ©darauf en überf)aupt mit fid^ bringen, fon« 
bern fold^e, bie in biefer eigentl^ümlid^en ßj^arafter^ 
art liegen, bie eine 3Witgift biefer ©röjse finb, 
einen natürlid^en 33eftanbtl^eil berfelben bilben, unb 
oline meldte ©alabinö ^erfönttd^feit nid^t ben 3ciuber 
l^ätte, ber unö erquidft. 3nbef[en rooHen mir unö 
aud^ von ©alabin nid^t blenben laffen. 

®r ^at fid^ bie ^errfd^ergröße errungen, bie für 
fein JlatureH paßt, ©d^idfal unb 3ln(age finb l^ier 



155 



in üoHern ©inflang, er barf feinen SReigungen freien 
Sauf laffert unb folgt il^nen, ol^ne t)iel ju grübeln, 
©eine natürlid^e ©rl^abenl^eit nimmt t)on felbft bie 
Siid^tung inö ®ro§c. S)ic SEBurjel feines ©l^araf* 
terö ift julefet. biefer natürlid^e Slbel feiner ©es 
finnung. aSon l^ier gel^t feine ©elbftrerleugnung 
aixQ; tiefer entfpringt fie nid^t. 2Baö feinen natüt* 
lid^en Steigungen njiberftreitet, baju würbe fid^ biefer 
©alabin f aum entfd^liefeen fönnen ; an biefer äRad^t 
enbet, toie mir fd^eint, feine ©elbftperleugnung. S)ie 
greigebigfeit ift feine SReigung, feine Seibenfd^aft. 
SDiefe Seibenfd^aft ju liemmen, würbe er fid^ über^ 
winben muffen; bie ©parfamfeit, id^ meine bie 
weife, würbe l^ier eine 5ßrobe ernftlid&er ©elbft^ 
Verleugnung fein: id^ glaube nid^t, baß er biefe 
5probe befielet. 

®ie menfd^lid^en Seibenfd^aften finb mafeloß, 
aud^ bie ebelften. 6ö ift baä rid^tige 3Jia§, baö 
wir bei ©alabin Dermiffen: aus SReigung ift er 
freigebig inö 3JlaBlofe, am Steigung ift er bulb- 
fam; er ift eö, weil er nid^t anberö fann, weil eö 
in beiben '^äüen feiner SRatur wiberftreiten würbe, 
baö ©egentl^eil ju fein. 

3n feiner gteigebigfeit l^at er feine ©rünbe unb 



156 



roiB feine l^aben; im ©egentl^eU, er toitt einen 
©d^aftmeiftet, ber giebt, ol^ne nad^ bet Urfad^e bed 
aWongefe ju frogen. 3la6) biefet Urfad^e bie ®abe 
obrodgen, nennt ©alabin „filjig". 

3n feiner S)ulbfamfeit ift er fid^ ber ©rünbe 
nid^t bewußt. 6ö ift rool^l jum erftenmal in feinem 
©efpräd^e mit SRatl^an, bafe er bie grage auf wirft 
nad^ bem inneren SQäertl^ ber 9leligionen. 3&tnn er 
ju 3latf)an fagt: „Safe mid^ bie ©rttnbe wiffen, bie 
beine SBal^l gelenft, bamit id^ fie ju meinen mad^e/' 
— fo ift er im ©rnft biefer ©rünbe bebürftig, nnb 
}uglei(^ jeigt biefe %xaqe^ bafe er von ben Orunb^ 
lagen unb ber 9latur beä menfd^Iid^en ©laubeniJ 
bie unreiffle SBorftettung l^at. Slfe ob ber ®la«be 
ein 2)ing wäre, baö man erft begutad&ten, bann 
wälzten fönnte! Unb wenn SRatl^an in feiner ©r^ 
}äl^Iung bie ed^te S)ulbung aus ber DneSe ber 
Sieligion red^tfertigt, fo würbe biefe grofee SBal^r:: 
l^eit ben ©ultan faum fo tief« erfd^üttem, wenn fie 
il^m nid^t ganj neu wäre. 

SBaö bief em ©alabin f el^It unb nad^ feinem ganjen 
Sl^araftert^puö fel^Ien mufe, ift bie ^iefe ber 6im 
fid^t, bie Sefonnenfieit, weld^e bie Steigungen be^ 
meiftert, bie ©opl^rofpne, wie fie bie 3l(ten nannten: 



157 



bic aBeiöl^cit, bereu SRangel anä) in ber ebelften 
SRatur eine Unreife ift, an ber bie grüd^te leiben. 



®ine 5ftatur, bie auf SßeigUnflen berul^t, fie feien 
no(ä& fo großartig, ift nie fo fi(3^er, ba§ fie nid^t in 
2lugenbliden fid^ felbft entfrembet werben fönnte, 
unb wenn id^ l^örte, ba^ biefer ©ultan anä) feine 
beöpotifd^en 3lnn)anblnngen l^at, feine geroalttl^ätigen 
Sluöbrüd^e, voo xi)n bie Seibenfd^aft bemältigt unb 
bis jur Ungered^tigfeit fortreifet, fo würbe id^ auf 
®runb biefeä ßl^arafterö, wie id^ il^n l^ier f ernten 
gelernt, nid^t wiberfpred^en. ^at bod§ ben ge- 
fangenen J^empell^errn vox ber SRad^e ©alabinä 
nid^tö gefd^üfet, als bie Slel^nlid^feit mit ©alabins 
SBruber. Unb er felbft fagt von fid^: 

ßcibex Bin 
?lud^ iä) ein 2)mg bon bieten ©eiten, bic 
€ft nidftt fo rcdftt au ^)offcn fd^cinen mögen. 

IX. 

®iefe eine Sebingung fel)lt nod^, um bie ©elbfts 
Verleugnung unb aWenfd^enliebe auf fidlerem ©runbe 
ju feigen: fie foll nid^t auf bewegtid^en Steigungen, 



158 



fonbern auf eä)tex 3Q3ciöl)eit unb 9Renfd^cnfenntni§ 
berul^cn, bie [x^ felbft ni(3^t untreu roerbcn fann. 
S)ann erft ift bie ©elbftoerleugnung eine rotrHid^e 
X^ugenb, burd^ il^re 3Kenfd^cn!enntmfe gefd^üfet gegen 
bie SBBeltentfrembung , burd^ il^re 3Bei§l^eit gegen 
jebe aSerblenbung ber ßeibenfd^aft, gegen jebeö Un- 
ttials ber SReigung, gegen jebe ©ntartung in ^ox^ 
l^eit. SBir erl^eben unö bamit auf bie ^öl^e ber 
S)id^tung. S)er ß^arafter fielet vor uns, auf ben 
bie anbern me in einer Stufenleiter l^inroeifen. 
3Baö in ber 3lufopferung§fä^igIeit beß SCentpell^erm 
unb in feiner ^reil^eit t)om ©laubenäbünf et , roaß 
in ber 2)emut]^ beö Älofterbruberö, in ber Uneigen- 
nüfeigfeit unb SQBeltentfagung beö ©erroifd^, in ber 
g^reigebigfeit unb ©ro^eit ©alabinö ödstes ent- 
l^alten ift: alle biefe 3üge vereinigen fid^ in Siatl^an 
unter ber ^errfd^aft ber ©infid^t unb SQSeiäl^eit. 

9lur mit einem ©l^arafter unferer S)id^tung l^at 
SRatl^an nid^tö gemein, mit bem ^atriard^en, ©elbft 
bie glaubenöeitle ^a\a, bie auf ben "^nien ]^erab= 
fielet, mu^ il^n berounbern : „SBer jweifelt, 5rtatl^an, 
bafe 3Iir nid^t bie ®l^rltd^!eit, bie ©rofemutl^ felber 
feib?" S)ie anbern alle werben unmiberftel^lid^ 
von il^m angezogen unb fül^len fid^ jeber in feiner 



159 



Sffieife il^m t)ent)anbt. „SBBir tnüffen g^rcunbe fein," 
fagt ber 2^cmpcl|icrr. „©et mein ^reunb!" bittet 
ber ©ultan. „3t)r feib ein ßl^rift, bei ®ott! 
3^r feib ein ß^rift!" ruft ber ^ofterbruber. 3I)n 
allein möd^te SlUfiafi mit an ben ©angeä nel^men ; 
feine g^reunbfd^aft fftr 3lati)an ift fo gro^, baß ber 
grunbel^rliiJ^e ©erwifd^, um il^n vot ber Stnleil^e ju 
fd^üfeen, fogar biefe g^reunbfd^aft cor ©alabin unb 
©ittal^ verleugnet, 3lu§flü(3^te mad^t unb jroeibeutig 
von 3laif)an rebet. Sod^ lägt er aus ber SWaöfe 
b'eö ®eije§, momit er ilin fd^üfeen miß, ben reinen 
3Renfd&enfreunb l^ert)orbIi(fen, ben er gar nid^t tjer- 
l^el^Ien fann, fo erfüllt ift er t)on biefem eblen 
»ilbc: 

2)a fe^t nun glctd^ ben Suben totcber, 
5^m ötma gemeinen 3uben ! Glaubt nth'§ bod§! 
@x ift auf§ (Sieben eud^ fo eifetfüd^tig, 
©0 netbifd)! 3^cbe8 ßol^n öon @ott; baS in 
2)et Söelt gefogt totrb, jög* et liebet ganj 
SlKein. 9lut batum eben leil^t et feinem, 
£)amit et ftet§ au geben l^abe. Söeil 
2)ic SWtXb* il^m im (Scfe^ geboten, btc 
@ef dUigfeit i^ abet nid^t geboten ; mod^t 
S)te 9JliIb* il^n ju bem ungefölligften 
©efeEen auf bet Söelt. 3toat bin id^ feit 
©etaumet 3cit ein toenig übet*n 5^*6 



160 

Sßit t]§m ()eft>anni; bo(^ benit nut nid^t, bag td^ 
3^m batum nid^t (Sered^tigfeti etaeige. 
(Sr tft §u aUem gut: bloS bagu nid^t; 
iBlo9 baju )oa^tXid§ nid^t. 

®ief et Slotl^an befifet bie Äraft besed^tcnSiingeö: 
bie ö^tjcn ju gctoinnen. 6r fennt bie 3Rcnf(ä^en, 
er tüei§ fie auäjuftnben, er burd^fd^aut il^re S3e? 
fangenl^elten, il^rc 3Sorurtl^eUe unb ©d^ranfen; unb 
weil er fie Derftel^t, barum fann er fte bulben. Sebe 
SBefangenl^eit ift ein SMangel an Säutening, biefer 
aWangel toedft baö Sebürfni^, geläutert ju toerben; 
ein fold^eö Sebürfniß ift eine gäpgfeit, unb biefe 
gäl^igfeit barf man lieben. 2)ie aKenf($en läutern 
l^eifet fie erjiel^en. 2Bie wäre eine fol($e (Srjiel^ung 
ntögttd^, wenn fie nid^t jeben in feiner SBeife ju 
nel^men, feinen 3Jiangel in Sebürfni^ unb e?äl^ig- 
!eit ju üerwanbeln wüfete? 2Baö wäre ©rjiel^ung 
ol^ne S)ulbung unb Siebe ? 2Bir wiffen, ba§ Seffing 
in ber ^Religion bie ©rjiel^ung ber 9Kenfd^l^eit er^ 
blidfte. ®in ßl^araftert^puö ber Sleligion in bief em 
©inn ift SRatl^an. 3^ il^nt «erförpert fid^ bie ers 
jiel^enbe ©infid^t, bie mit ber ©ulbung unb Siebe 
notl^wenbig §anb in iganb gel^t; in il&m ift bie 
2)ulbung .nid^t bloö @a(^e ber SReigung unb beö 



161 



©cfattcnß, fonbcrn innerfter 'aBitte, ©l^otoftcr, l^ol^c 
fittUd^e Silbung. 6ine fold^e Silbung ift bic ^ud^t 
einer Dottenbeten unb tei(ä^en SBelt^ • «nb Sebend= 
erfal^rung , fie ift beten reiffte gt«<^t. 3n jebem 
aSort unb jeber ©eberbe SRatl^ans fott mir biefer 
SÄuSbrud üöttfommenfter SReife, njoburd^ baö el^r- 
TOürbige 3llter jugteid^ unbefd^reibli(j^ liebenäwürbig 
wirb, entgegentreten, ©eine Urtl^eile finb au« 
ber gütte bcr ©rfal^rung gefd^öpft, feine ©entenjen 
finb erlebte SBal^rl^eiten, bie aus bent ^erjen f omnten, 
einfad^, natürlid^, fidler. SBenn eö eine SOäeiäl^eit 
gibt, bie l^erjlid^er 2lrt ifi, fo ift eö bie SBeiöl^eit 
5Ratl^an§. 2)iefen ©runbton ber ^erjlid^f eit , ber 
gar nid^tö von ber ©mpftnbfamleit l^at, roiff id^ in 
jebem feiner SBorte l^ören. Slm beften befd^reibe id^ 
ben 2^on, ben id^ i^erjlid^ nenne, burd^ bie SBirfung, 
bie er ntad^t: eö ift ber S^on, bent man Qianit, 
ber in unferem Oemütl^ unroittfürlid^ feinen SBiebersI 
ttang pnbet. 

Sleufeere SBelterfal^rungen fönnen unö migigen 
unb ftug mad^en, fie attein fönnen mit allem Sieid^* 
t^um eine fold^e fittlid^e SBeiöl^eit nid^t erjiel^en: fie 
ift baö aßerl ber ©elbftläuterung, unfer eigenfteö 
innerftes SBerf, an bem baö ©lud feinen 2:i^eil l^at. 

Äuno 8flf<|er, ®. (g. Sefjlng. IL 11 



162 



Öicr berül^te iö) in Sßati^an bie SBurjel feine« Q^^a^ 
ralterd. 3« bem, was er ift, l^at er fid^ fel6fl et- 
jogen ; er l^ot ben ^ampf ber @eI6ftt)erleugnung be» 
ftanben unb il^re fd&merften ^proben liegen l^inter il^m.' 
®r ift a\i^ ben Prüfungen beö Sebenö geläutert l^er- 
tjorgegangen, unb nad| bem, was er in fid^ erfal^rcn 
unb erbutbet l^at, barf man über biefen ©^arafter 
fid&er fein : il^m fann bie SBelt nid^tö mel^r anl^aben. 
3)ie ßl^rifien l^aben il^m fein Sfißeib unb feine fieben 
l^offnungsrotten ©öl^ne getöbtet; feine Städte war, 
bafe er fid^ eines ß^riftenftnbed erbarmte. 6r l^at 
nie von biefer "^at gefprod^en, nur bem Älofter- 
bruber vertraut er fie an: 

• 

@ttd§ Qttettt ctjdl^r id§ jtc. S)et frommen @infolt 
Slllcin tt^ä^V xä) ftc. SQBcil bie allcih 
Söetftcl^t, toaS fid^ bcr gottergebne 9Jlenfd^ 
gür Saaten aBgctoinnen fonn. — 
3^x traft mid§ mit htm Äinbe ^u 2)arnn. 
S^x toifet tool^l aber nid§t, ba^ toenig S^age 
3ut)or in Q^aO^ bie Sl^riften aUe Stuben 
ÜJlit äöeib unb ^tnb ermorbet l^atten; toigt 
äßol^C nid^t, bajs unter biefen meine gfrau 
ÜJlit fieben l^offnungSOoQen ©öl^nen fid§ 
SBefunben, bie in meines 3Bruber8 ^aufe, 
3u bem id^ fie geflüd^tct, inSgefammt 
ä^erbrennen muffen. — 1118 



163 



2iiix tarnt, ^iV i^ hxü Zaq; nnh mä^V in ^W 

Unb @iauB bot (^ott gelegen unb getoetnt. 

^etocint? f8tii)tx mit (Sott aud§ tool^l geted^tet, 

^cjürnt, getobt, mid^ unb bte SÖBelt bcxtoönfd^t; 

2)et ^l^tftenl^ett ben unbetföl^ttltd^ften 

^afi augefc^tooten — 

^od^ nun !am bte Vernunft aUmöl^lid^ toiebex. 

©ie fptad^ mit fanftet ©timm*: „unb bo(^ ift (Sott! 

^od^ toax ottd^ (Sottet [Rat^fd^Iu^ ha^ ! SBoi^lan ! 

Itomm! übe toag bu I&ngft begriffen l^afl; 

SOßag ftd^exlid^ 3U üben fd^toexet nid^t 

SIIS ju begreifen ift, toenn hu nur toittft. 

©tel^ auf!" - 3d^ ftanb! unb rief au (Sott: id^ toifl! 

SBiUft bu nur, boft id^ toiH! — 3ttbem fHcgt i^r 

Sont $ferb unb überreid^tet mir hoS Stinb, 

3n euren SJlantel eingepKt. — äBad il^r 

^ir bamal§ fogtet; toaS it!^ eud^: l^ab' id^ 

S3ergeffen. ©o bicl toeife id^ nur: id§ na^m 

®a3 l^inb; trug'g auf mein Sager, fügt* e9, toarf 

^id^ auf bie Stnit unb fd^lud^ate: @ott! auf ©ieben 

Dod^ nun fd^on (SineS toieber! 

^ter fönncn wir bicfen &)axattex bur(ä^f^auen. 
©eine ©clbftDcrlcugnung ift fein SBitte, bcr in bcr 
f(5n)erftcn SJcrfucä^ung ni(i^t unterlegen l^at. 3la(ä^ 
biefer aSerfud^ung gibt eö feine jroeite. tiefer SBiße 
fällt ni^t in glü(flid^ent ®inllange mit ber SRcigung 
jufammen, er ift nid^t natürlici^e ©rl^aben^eit, wie 
bie ^elbftDerleugnung ©alabinö, fonbern moxolVi^e. 



164 



i Sn 9latl^an ^at bie ©elbftoerteugnung aUed Uned^te 
' abgcfireift; ftc flraud^clt locbcr übet ben ©tolj nod^ 
über bie eJurd^t, fie t)erirrt fid& toeber in bie SBelfc 
t)erad&tun0 nod^ in bie aBeltentfrembung. SBem ber 
©laubenö^a^ fo nal^e gelegt war, wer il^n fo bid^t 
an feinem ^erjen entpfunben, ber wirb felbfl ben 
@taubendl^Qg in anbern nid^t l^od^mütl^ig vexhammm, 
f onbern milb beurtl^eilen : fte l^aben bie SBerfud^ung 
nid^t ober nod^ nid^t befianben. SBer fo mit fid^ 
unb feinen Seibenfd^aften gerungen l^at, bem jinb 
bie menfd^Hd^en Seibenfd^aften oerftänblid^^ um fo 
üerftänblid^er, je weniger fie i|n nod^ befangen, 
©ine fold^e ©elbftt)erleugnung ift barum bie lau- 
terfte DueHe ber 3Kenf d^enfenntnife unb 3Renfd^enliebe 
in bem großen ©inn unb Umfang ber d^riftUd^en 
5Cugenb. auf bie »efenntniffe 9latl^and burfte ber 
Älofterbriiber fagen : „SRatlian, 3l^r feib ein ©l^rift, 
bd ©Ott, 3^r feib ein ß^rift! ein bejfrer ß^rift 
war nie!" 

SEBarum l^at il^n Seffing bennod^ jum 
3uben gemad^t? 

®aä ift bie grage^ bie man immer wieber auf« 
geworfen unb fel^r l^äufig bem SDid^ter ate J^obel 
oorgerüdft l^at. ®er ^atriard^ — ein 6^rift, unb 



165 



Station — ein Sube! ©o fel^r l^obe ficfftng ouf 
Soften bed Gl^tiflentl^itmö bad ^ubentl^um l^en)or^ 
lieben, fo tief \ene& butd^ bicfeö cmiebrigen unb 
befd^ämen »otten. 3m 5ßatriard^en l^abc er feinem 
iQa§ roiber baö ©l^riftentl^um , im Slatl^an feiner 
äSorliebe für bad ^ubentl^um @enüge getl^an; bei bem 
^ßatriariä^en l^abe er offenbar an feinen geinb, ben 
^aftor ©oeje, — bei Slatl^an an feinen g^reunb, 
ben jübifd^en ^pi^ilofopl^en aWofeö aRenbefefol^n, ge^ 
baij^t. Unb fo erfläre fid^ juleftt bie SBal^l biefer 
Sl^araftere aud perfönlid^en Stimmungen unb Seiben:: 
fd^aften bed S)id^terd^ ber nad^ aSe bem gegen bad 
ßl^riflentl^um äl^nlid^ geflnnt war, afe in feiner 
^id^tung ber ^empell^err gegen bad S^bentl^um. 
©0 fd^ief muffen bie Urtl^eite ausfallen, wenn man 
oon einer fo fd^iefen Sbee auögel^t, bafe in biefem 
©ebid^t bie brei ^Religionen perfonificirt finb. 3Jlan 
bringe bod^ biefen SRatl^an oor eine red^tgläubige 
©pnagoge unb laffe fid^ fögen, ob ber ein SReprä« 
fentant beö Subentl^umö ift? Unb bod^ ein 3ube! 
3d^ mürbe ed fieffing ju einem großen poetifd^en 
gel^Ier anred^nen, wenn er leiner wäre. 

SBarum ift SRatl^an ein Sube? 2)iefe ^rage 
rid^tig ju beantworten, brandet man meber Sefjtng« 



166 



^cunbfci^aft mit aRcnbcfefol^n nod^ bie jjubenfteunb- 
iiä)t SHii^tung, bie mit ber äufflärung jener 3^* 
oerbunben roax; man braud^t btod ben QX^axattev 
ju oetfiel^en, ben und bie 2)id^tung oorfül^rt: einen 
(Si)atattex in roeld^em bie ©ulbung aus ber ©elbft:^ 
oerleugnung l^eroorgel^t, in bem fie eigenfle, innerfte 
2;i^at, im toirflid^en ©inne bed SBortd 2:ugenb 
ift. ©ie tritt ate fold^e um fo beutUd^er l^eroor, 
je weniger fie j)on Statur unb ©d^idfal unb allen 
ben äußeren SWäd^ten, oon benen ber SReufd^ ai- 
l^ängt, begünftiflt worben. 6ö ift leidet tolerant 
fein, wenn id^ nie einen ©runb intn ©egentl^eil 

• 

l^abe! 3)ie S^ugenb ift nid^t leidet, fie roitt er« 
fämpft unb errungen fein, fie ift um fo ed^ter, je 
fd^merer ber Äampf ift. ©oII fid^ bie ©ulbung im 
t)oIlften ©inne beö SHBortö al§ 2^ugenb jeigen, fo 
miff id^ fie auö biefem fd^werften Äampfe l^eroor- 
gelten fehlen, au§ bem ftampfe mit 3Wäd^ten, bie il^r 
ben größten SEBiberftanb leifien ; id^ n)ill feigen, ba§ 
fie bie ^robe befielet. 

Unb nun nel^me id^ eine Sieligion, bie t)on 
Statur unbulbf am unb ftolj ift , ber ©totj ift nie 
l^artnädRger, ate wenn er unterbrüdEt wirb ; id^ nej^me 
oon allen 3letigionen ber SBelt biejenige, meldte ju- 



167 



gleid^ bie ftöljeftc unb bie unterbrüdtefte ift, unb 
je|t jtpcifle id^, ob aus biefen SBebtngungcn nod^ 
©ulbung l^erDorgcl^en fann? 3<^ bcnfc mit einen 
SWenfd^en, bem feine SReligion erlaubt, fid^ für aud^ 
ermäl^lt t)on ®ott ju fjalten, — ben bie SBelt üer^ 
bammt, fid^ t)on ben 3Renf<^en üerworfen unb wer- 
ad^tet ju feigen : wenn feine ©eele biefem jtoief ad^en 
2)rude erliegt, fo mufe fie fid^ nad^ bem natürlid^en 
Sauf ber menfd^lid^en ßeibenfd^aften ganj in ißaft 
unb Slad^e Derjel^ren ; eö n)irb fid^ l^ier ein SRad^e* 
burft entjünben, ber bämonifd^ unb in niebrigen 
Naturen fo beftialifd^ roütl^et, bafe er baö e^^eifd^ 
DOm ^erjen beö g^einbed loj^reijsen möd^te, fei eö 
aud^ nur, um „fjifd^e mit ju föbern". auf biefem 
SBege fommt eö ju einem ©I|t|lod. Unb menn 
eine grofee ©eele biefe Seibenfd^aften, bie in il^rer 
niebrigften unb p^lid^ften ttngeftalt einen ©l^plodE 
bilben, überwältigt; wenn fie ilirem ©lauben, ber 
jugleid^ ber ftoljefle unb ber unterbrüdftefte ift, bie 
S)ulbung abringt, fo fommt eö ju einem SRatl^an. 
®iefe S)ulbung l^at ben fd^merften Äampf beftanben. 
Unb mas märe aud^ bie 3)ulbung, menn fie nid^t 
gebulbet unb gelitten l^ötte? fiier fel^e id^, .maß 
fid^ ber gottergebene 9Kenfd^ für ^l^aten abgewinnen 



168 



fann. 9Wit bicfer S^ulbung tüirb er fteilid^ m<i^t mt^x 
biefett (Stauben repräfentiren, aber bie 3)ulbun9 
wäre tetd^t, fie wäre nid^t roa% fie ift, wenn er 
biefen ©tauben gering fd^äfete, wenn er innerttd^ 
nid^tö mit i^m gemein . Iiätte. 6r fül^It il^n immer 
no(^ afe ben feinigen, ate ben Olauben feines SBoIte 
unb feiner SSäter, mit bem er burd^ taufenb un= 
ladbare 33anbe t)erfnüpft ift: er repräfentirt bas 
3ubentl^um nid^t, aber er ift ein 3«be unb bleibt 
einer. Stid^t meil baö ^ubentl^um bie Sie* 
ligion ber 35ulbung, fonbern meil es baß 
©egentl^eil ift: barum ift Slatl^an ein Swbe. 
2Ber möd^te biefen Slatl^an, menn er i^n rid^tig 
üerftel^t, nod^ anberö wollen? ^i)n bejeid^net ber 
berounbernbe Sludruf be§ 2^empell^erm: 

mtW ein 3ube — 
Unb ber fo gan^ nur ^ube fd^etnen toiUl 

2)ie ©elbftt)erleugnung miß id^ vox mir feigen 
unter Sebingungen, bie fie auf bas Sleufeerfle er= 
fd^roeren unb barum erproben, bie ©elbfifud^t ba* 
gegen unter Sebingungen, bie fie begünftigen. ©ott 
ein ©l^arafter bargeftellt merben, in meld^em ber 
(Staube blo§ als SBertjeug ber ©elbftfud^t erfd^eint. 



169 



fo VH jebe Sletigion ate fold^e px gut^ um burd^ 
einen SRenfd^en biefer 9(rt bargefieKt ju toerben. 
6r repräfenttrt nid^t eine 2lrt ber Sieligion, fonbem 
eine 9(rt bed (Sgoidmud, ber ftd^ leintet ben ©tauben 
oerfd^anst. @oId^e S^araltere l^alten es nur mit 
bem, xoa& l^errfd^t; ber @tau6e, bei meld^em bie 
äußere äßad^t i^, biefer ®laube ift ber übrige. Unb 
fo nrirb fid^ ber %r)pM einer fold^en @elbftfud^t am 
el^eflen in einer Steligion ftnben, meldte bad größte 
Xnfel^en l^at, belteibet ift mit ber impofanteften 
Sßad^t, felbfl eine @laffe jur iQerrfd^aft ;)rit)ilegirt 
unb l^ier bie 93ebingungen audbilbet, meldte leidet 
ben felbftfüd^tigen @inn anlodfen unb begünftigen. 
3n einer Sleligion, meldte l^crrfd^t, in roeld^er bie 
^riefier l^errfd^en, unter biefen felbft ftnben fid^ 
leidet bie Sebingungen, lüetd^e bie ©elbftfud^t nid^t 
etma erzeugen, fonbem roeld^e biefe ergreift unb fid& 
bienftbar mad^t. SBir werben beßl^alb nid^t meinen, 
baJ5 eine fold^e 3leligion bloö 5ßriefterl^errfd^aft, bafe 
eine fold^e ^riefterl^errfd^aft nid^td fei als @goidmud. 
aSir wiffen ju gut, bafe bie ^ertfd^aft in ber SBelt 
ein fel^r bemegUd^ed ^ing ijl, ba^ bie ©elbftfud^t 
biefem 3«g^ folgt, je^t in biefer SHd^tung, jefet in 
ber entgegengef e^ten , ba^ berfelbe @goidmud in 



170 



benfelben SRenfd^en fid^ l^eute l^ieratii^fd^ geberbet 
unb morgen fd^on ehm fo breift unter bem Seifött 
ber l(ierrfd^enben J^ageönteinung bte SioIIe bes 
äugerften ©egentl^eite annimmt. 993ir erleben genug 
fold^er Scifpiele ber d^aralterlofeflen Slrt unb finb 
weit baoon entfernt, für biefe ©orte pon ^ßatri- 
or^en, bie fid^ nid^t bloö bei einer 5ßartei finben, 
irgenb eine ©laubendform oerantn)ort(id^ ;u mad^en. 

®ß ift mir barum fel^r flar, marum Seffing ben 
l^erjlofen ©laubenäegoiften jum ^ßatriard^en unb 
9{atlian }um 2^ben gemad^t l^at. @o forberten ed 
bie ei^aroftere, bie er barfteßen wollte. ®aJ5 er 
babei mond^e il^rer 3üge nad^ bem Seben jeid^nen, 
namentlid^ in ber SBerfefeerungöfud^t beö ?ßatriard^en 
aud^ an ben iQamburger ^auptpaftor beulen fonnte, 
biefe eigenen ©rfal^rungen f amen bem bramatifd^en 
©id^ter ju gute, ol^ne fein SBerf polemifd^ ju uer* 
unftalten. 

S)od^ feieren mir ju 9{atl^an jurüdC. 993ad er 
begriffen xmb geübt l^at, mirb er in bem Äinbe er^ 
jiel^en, baö il^m bie fieben i^offnungäoollen ©öl^ne 
erfefeen fott. S)ie g^rud^t biefer ©rjiel^ung ift Sfted^a. 
@ie ift, tt)oö Slatl^an aus il^r gebitbet, moju il^e 
empfänglid^e unb reine ©eele fid^ unter feiner fianb 



171 



enttoidett 1^. ^e weife tinb rid^ttge @t^iel^ttng 
mad^t unfre jipeite Statur auö ber Slnlage ber erften^ 
fie roid nid^t abrld^ten, fonbern enttuidfeln, fie will 
bad @d^te in ber menfd^Ud^en ©ee(e t)on adem ttn^: 
eci^tett, loomit eö t)erinif(|t ift, befreien unb vex^ 
ebelt }um |ßorf($ein bringen. So l^at SRatl^an biefe 
SRed^a erjogen. 3n il^r erfd^eint bie ©elbft- 
tjerleugnung, bie in ber Siebe aufgellt, als 
il^re jTOeite, unjerftörbare 3iatur: als eine 
3latur, nid^t afe eine im fd^roeren Äantpf errungene 
^ugenb. SBqö SRatl^an auö ben ungünftigften Se- 
bingungen in fid^ felbft J^eroorbringt, baö entwidfelt 
fid^ unter ben günftigften 33ebingungen in ber ©eele 
SRed^aS. SWatl^anö SCugenb entfpringt auö ber größten 
©elbftüberwinbung, auö beut ©iege über bie glaubend^ 
ftolje unb unterbrtidtte Si^ligion, bie il^n erlogen, 
über ben natürlid^en Slad^eburft, ben leibenöDolIe 
©d^idffale in il^nt entflammt l^aben. SRed^aö S^ugenb 
folgt t)on Slnbcginn ber ©timme beö jftrtlid^ften 
unb liebreid^ften 5ßaterö, ber affeö tl^ut, um mit 
toeifer unb forgfamer ^anb biefe 33lütl^e ju pflegen. 

• 

©ie roirb nid^t als Söi^in, fonbern als bie ^od^ter 
Slatl^anö erjogen. ©ie fennt 5Wat^an nur ate il^ren 
aSater, fie fennt bie Sffielt nur in il^m. Sl^m ift fie 



172 



gati) ergeben^ in feiner ^anb fül^lt fi$ ü^re @eele 
gon) l^eimifd^ unb aKen 93brfleEungen fremb^ bie fte 
x>on SRatl^att abjiel^en, für einen anbem ©lauben, für 
eine anbete ^eimatl^ getoinnen möd^ten. Sebem 9Borte 
3latf)an^ öffnet fid^ Sled^aö ^erj unn^illlfirHd^ ; ^inwiE^ 
lilrlid^ oerfd^Iiejst ed fid^ ben SSorfteEungen ^ajjad: 

SBenn mein fßaitx btdg fo l^ötte! 
9Bad il^ot et hix, mit immet ttut mein (Slütf 
@o toeit t)on tl^m aU möglid^ botauf^iegeln ? 
äBaS t^at et bit, ben ©amen bet ^etnunft, 
2)en et fo tein in meine ©eele ftteuie, 
^it beined SanbeS tlnftaut obet SSIumcn 
©0 fietn ju mifd^en?. — Siebe, liebe 2)aia. 
(St toUi nun beine bunten ^tumen nid^t 
^uf meinem $oben! *— Xlnb id^ mu§ btt fagen, 
3ä^ felbet fül^Ie meinen )@oben, toenn 
@ie no(^ fo fd^ön i^n Heiben, fo entit&ftet, 
€o auSgejel^tt butdg beine 99lumen ; füllte 
3n il^tem 2)ufte, fauetfügem 2)ufte 
^id^ fo betäubt, fo fd^toinbelnb ! 

3tat\)am DäterHd^e Siebe für dted^a lägt ftd^ 
ernennen aus ber ©egcnttebe, bie fie erzeugt, auö 
9led^aö Knblid^er Siebe ju i^m: fie lebt in il^tem 
Sater, in i^m l^at fie il^re 3GBelt, il^ten ©tauben, 
il^re ^eintatl^; fie empftnbet il^n wie il^ren ©eniuö. 
aJKt il^m vereinigt, fül^It fie pd^ l^eintifd^, geborgen. 



173 



glfidUd^; oon il^m getrennt, ift fte iDod^enb unb 
träumenb mit il^m bef<i^äftigt, il^re @inbilbungd{raft 
folgt bem entfernten auf feinen SReifen, il^re ©eele 
gittert bei ben ©efal^ren, bie il^nt breiten, ber ©e- 
banfe etn SRatl^an ^fteigert il^r ©ntpflnbungöoermögen, 
fie Ql^nt feine 3tiü)e, fle fül^lt feine äiüdSel^r fci^on 
Doraud unb il^re Seele eilt, gleid^fam ben Jtörper 
jurüdflaffenb, il^m entgegen. 

liefen Tlox%tn lag 
Sie tange mit t>etfd^lof{enem ^ug' unb toax 
äBie tobt. ®d§neE ful^r fie auf unb tief: .r^otd^l ^oxd^l 
Sa lotnmen bie Itameele meines fßaitx^l 
$ord§! feine fonfte Stimme felbjl!* 

3n ber SBieberoereinigung mit il^m l^at 3ie^a 
nur einen SQBunfd^: „aä), mein SSater! lafet, laßt 
eure 9led^a bod^ nie roieberum allein!" 

SBir fönnen fd^on l^er bie ®emüt^öt)erfaffung 
unb ©runbftimmung 9ied^a§ beutüd^ erfennen. 35er 
3ug ber Eingebung unb ©elbfioerleugnung ifi jin 
il^r fo natucmad^tig , bafe er bis jum aSerlufte beö 
©elbftgefül^te fortgel^t, ba§ fie. fid^ ganj in il^re 
©el^nfud^t verliert, in i^re ©mpfinbungen mit bem 
innerften ©elbft aufgellt, mit allen Äräften einer 
jugenblid^ aufblül^enben ^l^antafie an bem ©egen« 



174 



ftÄitbe il^er ©el^nfud^t i^ängt, nur für biefcn ©egem 
ftanb lebt, ber in il^rer (odgebunbenen (Sinbilbungd^ 
fraft ftd^ über aSed anbere erl^ebt. @ine fold^e Bid 
jum SBerfufte beö ©elbftgefül^te gefteigerte ißingebung 
ift fd^on e^centrifd^; in einer fotci^en @emütl^i^er^ 
faffung f)&tt bad nfiii^teme S3eurtl^eilen ber ^inge 
auf unb roeiij^t jenem gefteigerten ^pi^antafiren, weU 
d^eö bie SRid^tung ber ©d^wärnterei nimmt. 

Unb nun benfe man fid^ biefe 9led^a plö|Hd^ 
bebrol^t von ber ©efal^r beö ^euertobeö, au§ biefer 
©efal^r plöfeUd^ gerettet burd^ einen ^rembling, in 
einem SKugenblidf, wo alle menfd^lid^e ißilfe umfonft 
fd^eint: fie gel^t auf in bie ®mpfinbung einer un^ 
begrenzten 2)an!bar!eit, biefeö ©efül^I bemäd^tigt fld^ 
ilirer frommen, jur ©d^roärmerei geneigten 6inbit 
bungsfraft, il^re ßebenörettung erfd^eint il^r ate ein 
SBunber, ba§ ®ott an il^r getl^an, nid^t burd^ 
aWenfd^enlianb, fonbern auf wunberbare SBeife, burd^ 
einen Sngel, ben er ju il^rem ©d^ufee gefenbet. ©o 
fteigert fid^ in i^rer ^liantafie ber S^empell^err ju 
einer ®ngel§erfd^einung, in ber ®ott fid^ il^r gnäbig 
beroiefen; unb il^r l^eifeefter SBunfd^ ift, biefe ®rs 
fd^einung möd^te ilir nod^ einmal mieberfel^ren, um 
iliren S5anf ju erl^ören. 



175 



SDlan mu§ fid^ in bic ©eele Sied^s J^ineinbenfen 
lönnen^ um an biefer ©teile listen @ngelglauben 
rüstig }u beuten, ©old^en reinen ^Ratuten tl^ut e« 
rool^I, banlbar ju feilt, mit einer bem ©efül^Ie nad^s 
giebigen ^l^antafie il^e SJanfbarfeit inö Unbegrenzte 
JU fteigern, bie empfangene SBoi^Itl^at über bie ge- 
TOdl^nlid^en SJebingungen, unter benen SBol^ltl^aten 
gegeben unb empfangen werben, l^od^ ju ertieben. 
®ö liegt irt ber 9latur ed^ter 3)anfbarfeit, ba§ fie fid^ 
ben aOSol^lt^äter t)erebelt; fie empfinbet eine ©enug- 
tl^uung barin, bafe fie il^ren ©egenflanb erl^öl^t, in 
ber reinften unb l^öd^ften g^orm üorfteHt, bie SQSol^t 
tl^at aus ben ebelften unb feltenften Duellen l^er^ 
leitet. ®iefe 5Borfteffung felbft ift eine SEBirfung 
unb ein Seroeiö ber banibaren ©efinnung unb 
barum bem banf baren (Semütl^e fo mol^ltliuenb. 
aus biefer Duelle ftammt fd^on in ben Äinbern ber 
©laube an baö ©firiftünb. S)ie Äritif ber ^o^^ 
t^ai wirb leidet baö SBormort beö Unbanfö. Äeiner 
unter ben menfd^lid^en @mpfinbungen fielet eö fo 
rool^l, unfrittfd^ ju fein, alö ber 3)anfbarfeit. 

Sled^aö ®ngetglaube, rein menfd^lid^ beurtl^eilt, 
ift bie ©(^TOärmerei il^rer 3)anfbar!eit. 9Kit 
biefem 2:riebe mifd^t fid^ in il^rer ©eele fein anberer. 



176 



äBenn fie biefen S)tQng befriebigt^ fo toitb il^re 
©eclc rul^lg Toerben. 3n biefer ©cele, fittblid^ xou 
fte empfinbet, ift ed bantm unmögH(|, bag ftd^ avA 
betn (glauben an ben @ngel eine Seibenfd^aft für 
ben Xempell^erm entnridett. SBäre bied ntöglid^^ fo 
n)ärbe in jenem ©lauben fd^tm ein 3ug biefer Seiben- 
fd^aft verborgen fein, unb bie ^antbarleit n)äre 
nid^t mel^r bie einzige OueQe: bann xo&xt \fyc 
@ngelgtau6e lomifd^, eine @d^n)ärmerei, . bie mit 
ber i^eiratl^ aufl^ört; je^t ift er rül^renb. S)(qa, 
meldte 9ied^a nid^t oerftel^t, fielet in il^rem Snget- 
glauben eine Seibenfd^aft für ben S^empel^errn auf= 
feimen unb möd^te jene ©d^märmerei gern in biefe 
Stid^tung lenfen, mit ber il^re eigenen SBünfd^e ^^ 
fammenftimmen, aber fie oerred^net fid^ ganj in 
ber Statur SRed^aö. S)iefe felbft fül^lt voraus, ba| 
il^re ©el^nfud^t geftittt fein mirb, wenn fie il^rem 
Sebenöretter gebanft l^t. ®ie ©anfbarfeit wirb 
bleiben, bie leibenfd^aftlid^e ©el^nfud^t wirb aufpren; 
fie fül^lt eö voraus, unb in ber 2^l^at, fo ift es. 

Unb toettn er nun 
@efommen biefer ^ugenblicE; nienn benn 
9lun meiner äßünfd^e toärmfter inntgfter 
(Srfüttet ift: toaä bonn? — toad bonn? 



177 

äBog tottb barm 
3tt meiner SStuft an beffen ©teKe treten, 
2)ie fd^on berletnt, ol^n' einen ^ettfd^enben 
aSßunfd^ aKer aDöünf(3^e pd^ au be^nen? — Sflid^tS? 
%äi, iäi ctfd^rede! 

Unb TDic fic xf)n gefeiten, 9efpro(]^en, ift fic fclbft 
bcfrembct, „tüte auf einen fold^en ©türm in il^rem 
fierjen fo eine ©tiffe pIöfeHd^ folgen fönnen." 

(Sr toitb 
^ir etoig toett^, mit etoig toextl^et, aU 
^ein SeBen bleiben, toenn aud^ fd^on mein $nl3 
^flid^t me^r hn feinem blo§en Sflamen toed^felt, 
S'lid^t me^r mtin ©crj, fo oft id^ an i^n benfe, 
©efd^toinbex, ftdtfer fd^lägt. - 
9tun toerb* id^ aud^ bie !ßalmen toiebet fel^n: 
5^id6t i'^n bloS nnter'n ^Palmen. 

3ie(|aö ©(^roämterei ift ber aufrid^ttge Sluöbrud 
il^rer ©elbftoerleugnung unb igingebung unb bo(ä^ 
jugletc^ ein ^pi^antafiegenu^, ber bie ©elbft 
Verleugnung entfräftet, weil er il^r bie 5probe er^ 
fpart. 3in ü^rem ®ngelglauben ift bie 35anfbarfeit 
baö innerfte 9Jlotit) ; aber gerabe in biefem ©lauben 
wirb bie 35anfbarfeit, was fic am roenigften fein 
möd^te, n)irIung§lo§ unb ol^nmäd^tig. 33en)ä^ren 
unb erproben fann fi(^ bie ©elbftoerleugnung, me 

«uno gflfd^er, ®. 6. Sejllng. II. 12 



178 



bic S)anfbarleit, nur in bcr 2Renf(^enüebc. ^ier 
liegt bie Ocfal^r naf)e, bafe [id^ ber ©ttgclgtaube auf 
Äoftcn ber 9Wenfd^enttebe geltenb mad^t; bie Dpfer 
ier ^pi^antafieanbad^t, tocld^e ber ©ngelglaube forbert, 
finb leidet; bie Dpfer beö SBol^Iti^unö, weld^e i^bie 
aJJenfd^enliebe forbert, finb fd^wer. ®ö liegt bic 
©efal^r nal)e, ba§ man fid^ mit einem leidsten 
Dpfer, roeld^eö fo gut ift afe feines, bie fd^weren, 
roeld^e allein bie wirKid^en Dpfer finb, erläßt; es 
liegt bie ©efa^r nal^e, ba§ julefet biefer ©ngelglaube 
bem eitlen 3Renfd^enfinn unbewußt fd^meid^elt, bem 
bie älettung burd^ einen @ngel oornel^mer fd^eint, 
als bie burd^ einen 3Wenfd^en gemöl^nlid^er 3lrt. 

©tola ! unb nid&t§ al§ @tol8 ! bct Zopf 
SBott (Stfcn totH bon einet filBetn 3ö«9C 
®ettt au^ bet ®(utl^ ge'^oBen fein, um felBft . 
(5ttt %opf öon ©übet ftd6 ^n bünfcrt. 

6in fold^er ©laube entroertl^et bie ©elbfit)erleugs 
nung. 

©iefer SBiberftreit il^rer ©efül^le ift ber ©eele 
SRed^as perborgen unb mufe es fein, ©ie verliert 
fid^ in il^re ©mpfinbungen unb ijergifet fid^ felbft; 
gerabe barum fe|lt i^r bie ©elbftprüfung, bie 
jene aBiberfprü(|e entbedft unb einfielet. $ier be^ 



179 



barf fie SRatl^anS güfirung unb feinen erjtel^enben 
®tnflufe, bem fid^ il^r ©emütl^ billig öffnet. 

Unb wie fidler uerftel^t eö 3lai^an, ben ©ngel^ 
glauben SRed^aö von ber ©d^roännerei ju l^etlen, in 
feinem ed^ten Äern ju ergreifen unb in bie rid^tige 
SBal^n JU lenfen. SBie menfd^enfambig, wie f(^onenb 
unb liebeDoH gelit er juerft auf bie SBorfteHungen 
SRed^aö ein, um fie julefet mit atter Strenge ju 
rid^ten. 9Kit einer üäterlid^en ©d^meid^elei, bie feine 
ganje 3örtlid^feit für SWed^a auöbrüdft, nimmt er 
juerft bie ©ngelöerfd^einung auf: 

Unb tovLxh* an il^m nid^id ©d^ön'red f^^en, al3 er 
3ln i^x ! 

®r läfet i^x gern ben ®ngel unb lä^t il^r gern 
ba§ SBunber, bod^ fönnte biefer ©ngel aud^ ein 
3Wenfd^ unb biefeö SEBunber aud^ eine Segebenl^eit 
im natürlid^en 3wfammenl)ang ber S)inge gewefen 
fein: 

2)cx aOßnnbct l^öd&ftcS ift, 
®ag und bie tua'^ten, ed^ten äßunbet fo 
Mi&gltd^ toetben fönnen, tDtxhtn foQen. 

Unb toar biefer ®ngel ein roirfttd^er 2^empell^err, 
ben ©alabin um einer 2lel^nlid^feit toiUen begnabigt 



180 



l^atte, fo ift bie SBcgcbcnl^eit, fo natürl^ fie [xä) 
ertlärt, bod^ eine aufeerorbentUd^e g^ügung — 

(Sin äBunber, htm nuT mögltd^, ber bie flxengflen 
<Sntf(^lüffe, bie unbftnbtgflen Snttoütfe 
Set Äöniöe, fein ^pid — tomn nid^t fein @^)ott — 
<S(etn an htn fd^toäd^ften gfäben lenft. 

Um einer SCel^nlid^feit willen fd^enft ©alabin 
bem Siempeli^errn ■ baö Seben, unb babtird^ wirb 
Sled^aö Seben gerettet: 

@ie]^! eine Stirn, fo obet fo getoölbt; 

%n Sauden einet 9tafe, fo titelmel^t 

%U fo gefül^ret; Augenbrauen, bie 

Auf einem fd^arfen ober ftumpfen itnod^en 

So ober fo fid^ fd^längeln; eine 2init, 

<&in S5uQ, ein SBinfel, eine gfalt', tin 3Ral, 

<Sin 9lid^tS, auf eineS Silben @uro^&erS 

€Jefid^t: — unb bu entfömmft htm 8feu*t in Afien! 

Sag toär' fein SlBunber, tounberfüd6t'öe8 3}oH? 

iSBarunt bemü'^t i^r benn nod^ einen (Sngel? 

9led^a t)erftummt. aSor il^ren Augen felbjl jeigt 
ftd^ baö aOBunber um fo größer, je weniger eö burd^ 
einen 6ngel gefd^el^en. Sl^r felbft mufe jefet bie 
aiettung burd^ ben 2^empell^errn tounberbarer er= 
fd^einen als bie burd^ ben ©ngel. Unb nad^bem 
auf biefe SBeife SRatl^an il^ren ©ngelglauben juerft 



181 



burd^ ben SBunbcrglaubcn tDibcrIcgt l^at, lüibcriegt 
er il^n jefet burd^ baö natürlid^c SKoüd in SRed^aS 
©cele, burd^ il^re 3)anf barfeit, bie ben SRcttcr jur 
©ngelderfd^einung gefteigert. SBad lann bie ed^te 
S)anfbarfeit anberes barbringen motten, afe Dpfer, 
wirHid^e Dpfer? -25iefe Dpfer ftnb il^re ^Proben. 
S)iefe groben erfpart il^r ber ©ngelglaube. ©ie 
felbft erfpart fie fid^ mit bem ©ngel, bem pe bie 
SRettung fd^ulbig fein witt, benn il^m ift fle nid^tö 
fd^ulbig, roaä toirflid^e Dpfer fofiet. „allein ein 
aWenfd^!" ®ö liegt etwa« fo ©rgreif enbeö , fo 
unmiberftel^lid^ Ueberjeugenbeö, für 9ted^a fo nieber^^ 
fd^Iagenb unb befd^ämenb ©rl^ebenbeö in biefem. 
einfad^en SKorte SRat^anö : „allein ein.aWenfd^!'^ 
SiKit iebem SJBorte greift SRatl^an in il^re ©eele, unb» 
er felbft l|at baö ©efül^l, ba§ er aus il^rer ©eele 
rebet : 

9ltd^t löal^r, bem SBefen, bag 
3)id^ tcttcte, — ed fei ein @ngcl ober 
(Sin 9Kenfd§, — hem möchtet il^t, unb bu BefonbetS 
®etn totebet t)ielc große 2)ienftc tl^un? — . 
^flid^t toa^t? — S'lun, einem @nöel, toog für 3)ienfte, 
gfüt groge ^ienfte !önnt i^x htm too^I tl^un? 
Sif)x tbnni* i^m banfen, au il^m feuf^en, beten, 
StbnnV in (Sntaüdhtng übet il^n aerfd^melaen. 



182 



StbimV an bem %a^t feinet gciet faftcn, 

^tmofen f^enben — otteS nid^tS! — benn mi^ 

3)&U(^t immer, ba% ii^x fetbft unb euer ^t&d^fter 

Riebet tocit mel^r getoinnt aU er. @r toirb 

9lid§t fett burd^ euer gfaften, toirb nid^t reid^ 

^urd^ eure Bptnhtn, toirb nid^t l^errlid^er 

2)urd^ eu^r Snt^üdfen, toirb nid^t mfld^tiger 

2)urd^ eu^r Sßertrou'n. 9lid^t toal^r? 5ä Hein ein «Dlenfd^! 

SBeld^eö weit rcid^cre gelb opfcrfreubigcr X^ätxQ^ 
feit eröffnet fid^ jefet bem bonfbaren SBiUen, roenn 
ftatt beö ©ngete il^m ein SRenfd^ gegeben ift, ein 
l^ilfdbebütftigeö, leibenbeö SBefen, bem gegenüber 
bie ajanfbarfeit fid^ afe aWitleib, fiilfe, SBo^It^un, 
3lufopferung bet^ätigen !ann! Sefet erft fommt bie 
3)anfbarfeit ju il^rem wal^ren ©elbftgefül^l. 3efet 
erlennt Sfted^a ben 9irrtl^um il^rer ©d^roärmerei : 
«)äl)renb fie t)om ®ngel träumt unb in biefer SBor^ 
fteHung fi(§ n)oI)(tl^ut, lä^t fie melleic^t benaWem 
fd^en t)erberben! ©ie erfd^ricft vor fid^ felbft. Unb 
iefet jeigt il^r SRatl^an ben 3Beg, ben eine banfbare 
^ßl^antafie nimmt. Se mel^r fie fd^wärmt, je pl^er 
über alle menfd^lid^e 33ebingungen l^inauö fie fid^ 
ien SBol^ltl^äter träumt, je weniger l^itföbebürftig 
er il^r erfd^eint, um fo fraftlofer wirb bie ^anh 
barfeit felbft. ©ie wirb um fo inniger unb ftärfer. 



183 



je beutlid^er unb tl^cilnel^menbcr fic fid^ im SBol^U 
tl^ätcr juglcic^ bte Ictbcnbe 3Wcnfd^cnnatur t)or^ 
ftcllt. S)aö ift bic 5ßl^antafic einer toal^rl^aft banfe 
baren ©eele, bie alle ©eifter beß 3Witfeib« unb ber 
©^mpatl^ie in unö aufruft, ©in wirflid^er XetwpeU 
l^err I|at SRed^a gerettet; einigemal no(^ naü^ ber 
5Cl^at l^at fie il^n unter ben 5ßalmen beö ©rabeö 
gefeiten, bann ift er cerfd^rounben, t)iellei(ä^t erfranft: 

(£t ifl 

@in gfranfe, biefeS Altma'g ungetool^nt; 

3ft iung, bex l^axten Arbeit feineS @tanbeS, 

i)e§ ^ungerng; SQßad^enS ungetool^nt. 

9lun liegt er ba! l^at toebet gfreunb no^ (Selb, 

©id6 gfteuttbc ju befolbctt — 

Siegt of^m SBaxtung, ol^ne 0latl^ unb 3itfl>^<^4f 

@in ?RouB bex ©d^mcx^cn unb be8 jlobeg ba! 

— dx, bex füx eine, bic ex nie 

öefannt, gefcl^n — öß«"Öf ^^ ^ax ctn SRenfd^ — 

3n8 gfcu'x fid^ fttixate - 

S)ex, toaS ex xettete, nid^t ndl^ex lennen, 

^^lid^t toeitcx feigen mod^t', um i^m hen S)an! 

Sn fpaxen : toeitex 

$lud^ nid^t au fe'^n bexlangt*, e8 toöxe benn, 
2)a§ ex jum stoeitenmal e8 xetten foHte — 
S)enn fl'nug, e8 ift ein 9Jlenfd^ — 
2)ex, bex l^at flexbenb fid^ a" l(ib^n, nid^tS 
Sll§ bo8 SBetoußtfcin biefex Stl^ot! 



184 



Unb tote vor bief ent 93Ube Sled^a ttiit il^rer ^n^eU 
f(i^it)(ttmerei vemiäfUt {ufattitttettflttlt^ fo ri($tet fte 
Slatl^att ntit bctt SBortcn auf: „SRed^a! SRed^a! (Sd 
ift ärjnei, itid^t ®ift, toad id^ bir reiiä^e!" 

6r l^at fie geläutert uttb betrt rid^tigcit ©efOi^t 
bie rid^ttge fßaffn gebrod^ett: 

(Scl^I — Scgtctfft bu aBet, 
9ßte btel anbä(^ttg fd^toätmen leidster, ald 
®ut l^anbeln ift? tote getn bec fdftlafffte ^enf($ 
^nbäd^ttfl fdftlödtmt, um nur, — ift et ju Sitten 
@id^ fd^ott bet SLbfid^t beutlid^ nid^t betou^t — 
Um nut gut l^anbeltt ttid^t au bütfen? 

®iefe Unterrebutig SRatl^anö tttit Sled^a ift ein 
erjlel^enb belel^renbeö ©efpräd^, eitt Seifpiel, tDie 
er fie erjiel^t, toie er fie läutert. SBie toeit l^at itn 
Saufe biefeö ©efpräd^ö fid^ 9led^a von il^rer erfiett 
aSorftettuttg entferttt ! 3lfe SRatl^an feine SRal^nuttg 
beginnt : 

2)od^ l^dtf aud^ ttut 
6itt SWetifd^ — ein 50lcttfd^, toie bit ^latut fie tdglidj 
(&ztDSf)xt, bit biefen 2)ien{t erzeigt: er mügte 
Sfüt bid^ ün ©ngct fein. @t mtifet' unb totitbe — 

roiberfirebt SRed^a ntit allem @ifer, il^reö ©laubena 
Knblid^ gen)i^: 



185 

9lid6t fo ein Sngel; ntin; ein toitüid^et 
@S toat getoig ein toitflid^ex! 

Unb bagcgcn i^x Icfcteö SBort. Sc^t wünfd^t fie 
fclbft, t& mH(S)U ein 2Renfd^ fein; jefet bittet fie 
um ben aWenfd^en, ebenfo finblid^, als fie voxf)ex 
beö ©ngete gewiß roax: 

%äi mein iBater! lagt ente ^t^a bod^ 

5lie toiebetnm allein! — 9lid^t toal^t, et !ann 

^ud^ \Do^l tetteigt nur fein? 

» 

3luö biefem (Sefptäd^ erfennen toir flar, in 
meldtet ©taubendübei^eugung Statl^an lebt, ^r 
i^n gibt ed nur eine fidlere ^robe beö redeten 
©laubenö: bie ©elbftDerleugnung, bie aufrichtig 
gewottte, bie roirtlid^ beroöi^rte. gür biefe ©elbft:: 
Derleugnung gibt ed nur eine fidlere ^ßrobe: bie 
Aufopferung in ber Siebe, bie freubige nnbvoUfi 
fommen uneigennü|ige, was SRatl^an „gut l^anbeln" 
nennt. 3^ bief er ©efinnung foHen fid^ äffe ©emütl^ö' 
fräfte vereinigen unb ftreben, bie fierjenölauterleit 
ju erjeugen. ©o löjst fid^ ber redete ©laube unb 
n)ie weit er im SWenfd^en gebiel^en ift, nur beweifen 
burd^ bie ^erjendtäuterung unb nur erfennen 
burd^ bie ^erjendlünbigung. @d gibt lein anberes 



186 



Äennjcid^en. 2)cr 9Rcnfd^ fann bcn redeten ©tauben, 
bie rcligiöfc SBal^rl^eit nid^t l^abcn, roic einen äußeren 
S3efife, TOte einen Stein ober dtiriQ ; mit bem SHng 
am ginger fann er unlauter bleiben ; er fann, maö 
bie SBal^rlieit ber ^Religion auömad^t, nur fein im J 

Äem feines SBefend. ^ier gilt baö SBort: an 
il^ren grüd^ten fottt il^r fie erfennen! aJlit biefer 
©infid^t in-bie menfd^lid^e SRatur, in beren Säuterung 
allein ber ©laube feine ^Jrüd^te reift, ift SRatl^an 
ber eJrage fern geblieben : roaö gelten bie ©laubenö- 
formen an fid^, abgefel^en Don ben 3Renfd^en, in 
benen fle leben? 2)aö l^iege in feinem ©inn, bie 
@lauben§formen rid^ten motten, abgefel^en oon bem 
einjigen Äennjeid^en, baö il^ren Sffiertl^ erfennbar 
mad^t. ©ine fold^e %vaQt fann man nur aufroerfen, 
wenn man nid^t Äenner ift ; eine f old^e g^rage fann 
man nur entfd^eiben, wenn man baö Uned^te für 
cd^t nimmt, ©o falfd^ mirb bie ©ntfd^eibung fein: 
eine blofee ©laubenömäf etei, bie ber S)enf art Slatl^anö 
fremb ift unb grunbfäfeUd^ roiberftreitet. Unb eben 
biefe e?^age, bie er felbft fld^ nie oorgelegt l^at, 
fommt il)m plöfelid^, in einem 3lugenbli(f, too er fie 
am roenigften erwartet, aus bem gebieterifc^en SWunbe 
©alabinä : 



187 

@age mix bod^ einmal, 
SBag für ein ^lauBe, toad für ein (Befe^ 
$at bit am meiften eingeleud^tet ? 

gür 3laü)an ift bie g^ragc übcrrafd^enb. 3n 
feiner Setrad^tunööroeife liegt fie nid^t unb fann in 
tl^r nid^t liegen; fie lann eine gaHe fein, bie bem 
Suben gelegt ift, fie fann aufrid^tig gemeint unb 
aus einem ed^ten 3Bal^rl^eitöbebürfnife beö. ©ultand 
]^en)orgegangen fein. ®ä l^ilft nid^td, ba^ SRatl^an 
juerft- mit bem SBorte jurüdtritt: „©ultan, id^ Bin 
ein 3ub*." ©alabin bringt auf eine entfd^eibenbe 
Slntmort. SRatl^an wirb bel^utfam gelten, er wirb 
:bie gaUe üermeiben unb bem ©ultan bie SBal^rl^eit 
fagen. 3)aö ©elbftgef präd^ , in bem fid& 5Watl)an 
auf bie 2lntn)ort vorbereitet, ift ein 3Jlufter feiner 
Slrt: ein fold^eö ©elbftgefpräd^ fonnte nur Seffing 
f d^reiben ! 

SBeld^er ©ontraft jwifi^en bem, waö SRatl^an 
von ©alabin erwartet, unb bem, roaö er empfängt : 
jroifd^en ber 2lnleil^e unb bief er ^rage ! ®r ift auf 
@elb gefaxt, unb ©alabin roiH Sffial^rl^eit. Unb 
bod^ ift ber ©ontraft fo grojj nid^t, ate er fd^eint. 
6r will bie SBal^rl^eit, als ob fie Oelb wäre ; ber 3ug 
ber alten ©rjäl^lung ift l^ier jum ®leid^ni§ oerebelt : 



188 

* 

Unb toiE pe fo, — fo baax, fo Blan!, — aU ob 
2)ie äBal^tl^eit ^ünae to&Te ! — ^a, toenn no(^ 
Uralte 3)lünae, bie gebogen toatbl 
2)a3 gtn((e nod^! ^LUein fo neue ^ünae, 
2)ie nut bet @teint>el mod^t, bie man aufS 8tett 
9lttt a&^lsn batf, bad ift fte bod^ nun nid^t! 
äOte (Belb in 6atf, fo fttid^e man in Aopf 
^U(^ äBal^t^eit ein? 

6ier fielet 5Ratl^an bcn ©ultan mit feiner %xaQt 
unter fid^. ©o x)erl^ält fid^ jur SBal^rl^eit nid^t bie 
ßiebe, fonbem bie ^abfud^t, bie bloß jugreifen unb 
on jid^ reiben möd^te. 3Wit einer feinen aSenbiing 
f agt SRatl^an ju fid^ felbji : „SBer ift benn §ier ber 
Sube? id^ ober er?" 

SBie wirb er antworten ? ®r barf ben ©lauben 
feines SBolfö nid^t verleugnen unb jugleid^ bie anbem 
Steligionen nid^t verwerfen. 6d wäre unllug bem 
©ultan gegenüber unb jugleid^ in Siatl^anö eigenem 
©inne falfd^. 

®o flana 
©todfiubc fein ju tooHcn, ge^t fd^on ntd^t. 
Unb gana unb got nid^t 3ube, gel^t nod^ minber. 
3)enn, tocnn fein ^ubt, bürft* ex midi nut fragen, 
SQßarum fein 3Kufelmann? — 



189 



^iet l^ält er innc unb naä) einer furjen ^ßaufe 
fäl^rt er fo fort: 

^aS toat'd! bog lann 
3Jlid§ retten. — 5Zid^t bic Äinber blj)3 f^cift man 
9J1U SRäl^td^cn aB. — (5t fömmt. (5t fommc tiut! 

SBaö ift Tüäl^renb biefer 5ßaufe im Snnem Jlas 
tl^anö vorgegangen? 3)er ©ebanfenftrici^, ben Seffing 
an biefer ©teile matä^t, t)erbirgt eine ganje JReil^e 
t)on ©ebanfen, bie nur in il^rem legten 6rgebni§ 
jum aSorf(^ein f ommen : „® aö war'ö ! baö f ann vxiä) 
retten!" — (Sr l^at alfo bie äntroort gefunben auf 
Jene grage, bie er fid^ felbft im Sinne beö ©ultanö 
einwirft: „^mn, roenn fein 3ube, bürft* er m\^ 
nur fragen, warum lein 3Kufelmann?" 

Sefpngö 3nterpunctionen finb fo berebt, fo ge= 
banlenooll, fo bebeutfam; jebe« Äomma, jebeö ©es 
mifolon rebet bei il^m mit. ®ö gibt ©(ä^riftfteller, 
bie ©ebanlenftrid^e mad^en, wenn il^nen bie ©e^ 
banfen auägel^en, barum gibt eö in il^ren ©d^riften 
fo oiel f olci^er ©trid^e ; bei Seffing lommen bie @e= 
banfenfWd^e, menn ju oiel ©ebanfen in einen SWos 
ment jufammenftrömen, bei itim bejeid^nen fie baö 
berebtefte ©d^roeigen. 



190 



©todfjube ift Slatl^an nid^t unb toiH cö nid^t fein. 
Unb bod^ ift unb bleibt er ein 3ube. SBarum ift 
er einer ? aSielleid^t erl^ebt fid^ bief e ^rage in bief er 
©infad^l^eit jefet jum erftenmal t)or feiner ©eete. 
Unb bie Antwort ift Mar, bie einjig roal^re: eö ift 
ber (Staube feineö SBolfeö unb feiner SBater, il^m 
eingeboren burd^ feine ißerfunft, mit feiner Qanien 
Sebenögefd^id^te auf baö Snnigfte t)em)ebt, ein ^eit 
von xi)m felbft. @r l^at biefen ©lauben nid^t ge= 
wäiß, fonbern ererbt, er l^at bief es ©rbtl^eil 
empfangen unter ben erften unb tiefften ©inbrüdfen; 
alle ßiebe unb 2:reue für bie ©einigen ift mit 
biefem ®rbtf)eit untrennbar üerbunben. ©ollte er 
biefen ©tauben, biefe ©laubenöfitten aufgeben r 
il^m mürbe ju 3Jlutl^ fein, als fottte er feinen SSater 
abfd^mören. ©o ift eö mit jeber eingelebten ©lau^ 
ben§f orm : 

« 

jDenn grünbcn attc pt^ ntd^t auf (Scfd^td^tc? 
©cfd&ticbcn obct übcxlicfett! — Unb 
(^efd^id^te mug bot^ tool^l aEetn auf %xtu 
Unb (Glauben angenomnun toetben? 9lt(i6t1 
9lun toeffen %xm unb (Stauben aiel^t man benn 
Slm tDcnigflcn in Stoeifcl? bo(% bct ©einen? 
^oä) beten f8lui toix ftnb? bod^ beten, bie 
S3on ilinbl^eit an und $toben tl^tet Siebe 



191 

(BegeBett? bte unS nie gei&ufd^t, aU too 
(Set&ufd^t ju toctben un§ l^eilfamcr toat? 
2Bic fann id^ meinen 35ätetn toeniget, 
^Ig bu ben beinen glauben? 

3lIIe biefc ©ebanfen taud^en in feiner ©eele fd^on 
auf in jenem Slugenblid beö SWonoIogö, n)o er bei 
ber ^rage einl^ält : ,,35enn, roenn fein 3ube, bürft' 
er mid^ nur fragen, warum fein aRufelmann?" 

Unb mit bem ©ebanfen fommt il^m n)ie eine 
Eingebung baö rool^lbefannte 33ilb. S)er jübifd^e 
©laube, in bem er fid^ l^eimifd^ fül^It, ift il^m ein 
wertl^üolleö tl^eures (grbtJ^eiU @ö ift ber SRing, ben 
er von feinem SBater l^at. 6r gönnt jebem ben 
feinigen. ®ie ©laubenäformen ber SBöIfer finb voie 
bie SRinge ber g^abel. 3l^re Äraft liegt in ber Säu^ 
terung beö menfd^Iid^en ^erjenö, bie fie burd^ il^re 
SBerl^eifeungen berairfen; wenn il^re g^rüd^te gereift 
finb, bann finb bie aSerl^eij^ungen erfüllt unb ent- 
bel^rlid^ geworben. 3)ie ©innbilber l^aben il^re 
©rjiel^ung üoHenbet. S)ie grüd^te fiefit, ben B^ft^nb 
ber Sauterfeit erfennt ber meifere SRid^ter am S^eU 
ber Bitten. 5Ratl^an wirb bem ©ultan bie Slntroort 
beö befd^eibenen SRid^terö geben, ber fid^ ber 
Söfung bewußt ift, aber fie nid^t ooriDegnimmt, nur 



192 



ben SBcg jetgt, ber jenem 3^^^^ jufül^tt. ©in 
Slugenblid ernfter ©elbftbefinnung l^at btefen (Se- 
banfen In SRatl^an jur SReife gebrad^t. 3n jenem 
9Äoment beö ©elbftgefpräd^ö, ben Sefpng mit bem 
ftummen ©ebanfenfirid^ auöbrüdft, bietet [x^ il^m 
afe ber glüdlid^jie SBeg ber Slntwort bie g^abel von 
ben brei SWingen. Sefet, feiner ©ad^e jxd^er, trattenbct 
3latf)an fein ©elbfigefpräd^ mit bem fiegedgewiffen 
Sluöruf : 

' ^id^ tetien! ^lidftt bie mnbtx Blog f^eift man 
Ttxi 9Rä]^r(%cn ab. — (5r lömmt. 6t !ommc nur! 

Unb auf baö aSort beö ©ultanö: „®ö prt 
unö leine ©eele!" emnbert er: ,,9J?öd^t' bod^ ciu(§ 
bie ganje 3Belt unö pren!" 

®ie SBett l^at il^n gel^ört. ^at fie il^n bel^erjigt? 
Site Seffing bie ©rjiel^ung beö 50ienf(ä^engefd^led^tö 
l^erauögab, fd^rieb man baö ^aS)x 1780. 3)ie SBelt 
ift ein gal^rl^unbert älter geworben. 3laä) unferen 
2;agen ju urtl^eilen, fd^eint jie roAUx als je von bem 
3iele entfernt, baö ßeffing il^r jeigte. S5ie firc^- 
Ud^en Äämpfe, ber ©laubenöfireit, felbfi ber ^e^ 
ligionälrieg , ber fid^ afe Äreujjug geberbet, ber 
SSölfer- unb SRaceni^a^, bie wilbe Smpörung, bie 



193 






Im 



in ben ©d^id^ten ber ©efeUfd^aft tüütl^ct, erfd^üttern 
ben ©rbtl^eil unb finb uns gefäl^rl^er afe je, ba 
wir jur (Srl^altung beö beutfd^en SReid^ö beö inneren 
•griebens unb beö 3wfammenl|altö aller Elemente 
unfereö aSoIfö bebürftiger finb afe je. ®od^ foll 
un§ bie ©egenraart nid^t irre mad^en. SBaö ift 
ein Sal^rl^unbert im Seben ber 3Jienfd^l^eit? Uns 
gelte Seffingö erl^abener Slusfprud^ in ber ®rjiel^ung 
beö SKenfd^engefd^ted^tä : „®ef)^ beinen unmerflid^en 
©d^ritt, ewige SBorfel^ung! SRur Ia§ mid^ biefer 
Uniner!li(^feit wegen an bir nii^t Derjioeifeln. Sajs 
mid^ an bir nid^t t)er jtoeif ein , rotnn felbft beine 

j ©d^ritte mir fd^einen foHten jurüdfjugel^n. @ö 

ift nid^t wal^r, ba^ bie fürjefie Sinie immer bie 

i gerabe ift." 



fi 



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ftutto 8rif(^er, (». (S. Sefflng. 11. 13 



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